Archiv für den Monat August 2018

Hervorragend: Die Lehren eines heißen Sommers

Nach langer Zeit wieder ein vorbildlicher Artikel über Wetter & Klima, aber hier merkt man die langjährige Erfahrung und Expertise des Journalisten, der u.a. Physuk studiert hat. Der Artikel beginnt mit dem Waldbrand in Brandenburg, der sich als Folge der langen Trockenheit und hohen Temperaturen in diesem Sommer rasant ausbreiten konnte. Er leitet über zur dramatischen Eisschmelze im Norden Grönlands, dessen Meereis lange Zeit als unverwüstlich galt und nun schon zwei Mal dieses Jahr geschmolzen ist. Er weist auf den selbstverstärkenden Effekt der Eisschmelze, weil die freiwerdenden dunklen Meeresoberflächen mehr Wärme absorbieren als die Eisflächen. Weiter geht es mit den sich verringernden Temperaturgegensätzen zwischen Arktis und gemäßigten Breiten, welche den Jetstream antreiben, der sich dadurch abschwächt und zunehmend ortsfeste Wetterlagen bewirkt, heuer die viele beständige Hochdrucklagen über Mitteleuropa. [Anm.: in den vergangenen Sommern wochenlang Tiefdruckeinfluss mit den großflächigen Überschwemmungen 2013 und 2016 (Simbach am Inn, Dortmund), aber auch die letzten von beständigem Tiefdruckeinfluss geprägten Winter, infolge nächtlicher Bewölkung kaum strenge Fröste.] Der Artikel beschließt mit der Mahnung, den menschlichen Beitrag zum Kohlendioxid nicht zu leugnen und nicht zu ignorieren und verkündet eine weitere Hiobsbotschaft, nämlich, dass die Freisetzung von Methangas aus auftauenden Permafrostböden weit stärker ist als bisher bekannt war. Methan ist ein viel effektiveres Treibhausgas als Kohlendioxid. Ein weiterer selbstverstärkender Effekt der Klimaerwärmung.

Inhaltlich gibt es von mir nichts zu beanstanden, die Jetstream-Erklärung ist korrekt und wissenschaftlich untermauert. Keine Panikmache, aber angebrachter Alarmismus. Bitte weiter so, Herr Illinger.

Quelle: Süddeutsche Zeitung, Wochenendausgabe vom 25. und 26. August 2018 (Nr. 195), Titelseite.

 

Studie: Bestimmung von kleinräumigen Starkniederschlägen – eine Einordnung

Im ORF Steiermark (abgerufen am 25.08.2018, übrigens Jahrestag des F2-T4-Tornados in Ellmau, Tirol, vor 6 Jahren) erschien vor kurzem das Ergebnis einer Studie zu kleinräumigen Unwetterereignissen, hier speziell Extremniederschläge.

In einer im Fachjournal „Geophysical Research Letters“ erschienenen Arbeit zeigten sie auf, dass kurzzeitige kleinräumige Extremniederschläge von den üblichen Wetterdienst-Messnetzen, deren Stationen rund zehn Kilometer oder mehr voneinander entfernt sind, nur mangelhaft erfasst werden. […]

Um ein wenig Wind aus den Segeln dieser Neuigkeit zu nehmen: Jeder Meteorologe im operationellen Dienst (sprich, in der Wettervorhersage) weiß, dass kleinräumige Extremniederschläge im Zusammenhang mit Schauern oder Gewittern (Voraussetzung für Starkregen) von der gegenwärtigen Messnetzdichte unzureichend erfasst werden. Dazu drei konkrete Beispiele: Weiterlesen →

Keine markanten Kaltlufteinbrüche mehr?

In der letzten Ausgabe der Salzburger Provinzzeitung „Fenster“, Ausgabe vom Dienstag, 21. August 2018, steht auf S.25 von der ZAMG geschrieben:

„Und wann erwischt uns der Herbst voll? Mit großer Wahrscheinlichkeit nicht so schnell. Die Wucht der ersten markanten Kaltluftvorstöße ist durch den Klimawandel nicht mehr so groß wie in früheren Jahrzehnten – damals war es gar nicht so ungewöhnlich, dass Urlauber am Ferienende auf der Heimfahrt von der Adria auf der Tauernautobahn den ersten Kontakt mit Schnee hatten.“

Das kann man natürlich vielseitig interpretieren. Bedeutet Wucht die Intensität oder Dauer der Abkühlung? Gerade im vergangenen Jahr fiel die Abkühlung recht nachhaltig aus, pünktlich zum Monatswechsel 31.8. auf 1.9.2017 kam eine markante Kaltfront, der September verlief kühl und feucht. Schnee fiel anfangs bis auf 2000m herab. Vom 26. auf den 27. August 2011 gab es österreichweit einen markanten Kaltfrontdurchgang, am Arlberg fiel Neuschnee bis auf Passhöhe (1793m). Am 30. August 2010 schneite es in Vorarlberg und Nordtirol bis auf 1500m herab. 2007 schneite es am 5. und 6. September im Inntal sogar bis 900m herab, am Brenner (1370m) war es mit 10cm Schneehöhe an einem 5. September sogar die höchste Schneedecke seit 100 Jahren.

Und dieses Jahr? Schon zum Zeitpunkt der Wetterkolumne stand der markante Kaltlufteinbruch am kommenden Wochenende fest. Nach den aktuellen Modellläufen sinkt die Schneefallgrenze Sonntag früh im Nordstau gegen 1500m ab, z.b. im Pongau, nach dem deutschen Modell sogar gegen 1200m. Hierbei entscheidet alleine die Niederschlagsintensität durch das Aufgleiten des Italientiefs über das Absinken der Schneefallgrenze:

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Europa HD, Temperatur in ca. 1500m Höhe für Sonntag, 26.08.2018, 08:00 MESZ

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EZMWF, Temperatur in ca. 1500m Höhe für Sonntag, 26.08.2018, 08:00 MESZ

Quelle beider Karten: Kachelmannwetter

In beiden Fällen sinken die Temperaturen in rund 1500m Höhe gegen +1°C. Die Schneefallgrenze liegt dann bei 1300 bis 1600m. Bei starkem Niederschlag darunter. Es ist also durchaus möglich, dass die Adriaurlauber Sonntag früh auf der Tauernautobahn die ersten Schneeflocken sehen.

Schon ab Montag wird es schnell wieder warm mit stark steigender Schneefallgrenze. Der Wintergruß bleibt also eine Eintagsfliege. Die Wucht ist auch durch den Klimawandel nicht geringer geworden, bleibt jedoch mein Résumée.

PS: Was wir leider am Wochenende wieder vermehrt lesen werden, sind Berichte vom überraschenden Wetterumschwung, die Outdoorsportler in Lebensgefahr gebracht haben. Irrtum: Der Wettersturz ist bereits seit mindestens einer Woche in den Wettermodellen abgebildet und sollte auch in den „Wetter-Apps“ angedeutet worden sein. Seit Wochenmitte ist außerdem klar, dass er markant ausfallen wird und Neuschnee bis in Lagen unter 2000m bringen kann.

Update, Verifikation: Sonntag, 26.08., 05:00 MESZ

  • Rauris (933m) im Pongau meldet +0,8°C.
  • Saalfelden (790m) +1,5°C
  • Bad Gastein (1092m) +0,6°C
  • Obertauern (1771m) -0,5°C
  • Katschberg (1635m) +1,4°C
  • St. Veit/Defereggen (1495m) +1,4°C (und sichtlich Neuschnee um 05:30)
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Bad Gastein, 1092m, 06:35 MESZ – Quelle: PANOMAX Bad Gastein

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Bad Hofgastein, 900m, 06:35 MESZ – Quelle: PANOMAX Bad Hofgastein

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Rauris, 940m, 06:40 MESZ – Quelle: FERATEL

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Großarltal, 890m, 06:55 MESZ – Quelle: PANOMAX Großarltal

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ASFINAG Webcam am Rastplatz Tauern, 1170m, 07:08 MESZ

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Kleinarltal, 850m, 07:16 MESZ – Quelle: Bergfex

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Obertauern, 1740m, 07:10 MESZ (Bergfex)

Update, 27.08.2011: Rekorde

Prognosendebakel 17.-19.August 2018

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Blick vom Gernkogel nach Norden, links Hochkönig, rechts Tennengebirge (Quelle) – Sonntag, 19.08.2018, 08:00 MESZ

Hintergrund:

Dieses Wochenende hatte ich mir seit Wochen freigehalten, um auf den Hochkönig zu gehen, mit Übernachtung auf der Ostpreußenhütte (Aufstieg von Pfarrwerfen) und auf dem Matrashaus, Abstieg am Normalweg zum Arthurhaus. Der Übergang von der Ostpreußenhütte über den ehemaligen Gletscher („Übergossene Alm“) zieht sich ein wenig, bei schlechter Sicht kann es mit der Orientierung schwierig sein und bei Gewittern ist man dort oben exponiert und schutzlos. Selbst bei nebeligen und trocken Bedingungen hätte ich eher von dieser Tour abgesehen, weil meine Begleitung aus Wien angereist wäre und gerne etwas von der Landschaft gesehen hätte. Mich eingeschlossen. Dem Hüttenwirt vom Matrashaus zuliebe wäre ich trotzdem aufgestiegen, dann aber eher alleine. Sonst ist es ja gerade die imposante Umgebung, die den Reiz ausmacht, da muss ich nicht bei Nebel hochgehen.

Mit diesen Vorbedingungen waren also drei stabile Tage gesucht, mit maximal lockerer Quellbewölkung und höchstens zeitweiliger Sichteinschränkung am Hochplateau bzw. Gipfel. Die Gewitter- bzw. Niederschlagsneigung hätte höchstens an den Nachmittagen erhöht sein dürfen, am Anreisetag bestenfalls erst am späten Nachmittag. Weiterlesen →

Wetterphänomen im Lungau: nur was?

Inzwischen ist der Text stark gekürzt worden und stimmt nun besser. Ich lasse den alten Text aber mal stehen, inklusive der Erklärungen. Grundlage für die kritisierte Version war der Text vom 14.08.2018.  

Teil 1: Eigene Recherche

Vorab: Ich kenne den exakten Zeitpunkt des Videos nicht und aus dem Video ist nicht klar ersichtlich, wie die Wolken unmittelbar über dem Wirbel beschaffen waren.

Was wir wissen: Montagnachmittag ist von Westen her eine Kaltfront mit vorlaufenden Schauern und Gewittern durchgezogen. Davor heizte sich die Luft nochmal auf 27°C in Mariapfarr auf.

fanningbergstation-130818-1400

Webcambild Bergstation 14.00

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Webcambild Bergstation Fanningberg, 15.15

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Webcambild Talstation, 15.00

fanningbergtalstation-130818-1600

Webcambild Talstation, 16.00

Von den Webcambildern her fand das Ereignis eher zwischen 14.00 und 15.00 als zwischen 15.00 und 16.00 statt. Im Webcambild der Talstation sieht man um 15.00 am linken Bildrand (Richtung Nordosten) eine abziehende Cumulonimbuswolke (helle fasrige Eiswolke), um 16.00 ist die Bewölkung bereits deutlich aufgelockerter, mit größeren Wolkenlücken nach Westen hin. Zudem weht bereits böiger Nordwestwind. Im besagten Zeitraum zogen ca. 8 bis 10km nördlich und östlich Schauerzellen durch.  Die Wetterstation Tamsweg meldete um 14.00 (föhnigen) Südostwind mit 13kt, zwischen 15.00 und 15.30 drehte der Wind auf Ost bis Nordost mit bis zu 17kt. Am Katschberg und in St. Michael/Lungau wehte weiterhin föhniger Südwind.

Was man nicht sieht: Weder die Radarbilder noch die Video- und Webcamaufnahmen deuten auf langlebige rotierende Gewitterwolken hin (= Superzellen). Einen Superzellentornado kann man ausschließen.

Spekulation:

Staubteufel (Kleintrombe)

Was spricht für einen Staubteufel? Die kräftige Tageserwärmung, immerhin knapp 27°C in Mariapfarr auf über 1100m. Der Umstand, dass vorher Windstille geherrscht haben soll, auch wenn das während dem Video so aussieht, als würde auch in der Umgebung schon der Wind gehen. Die aufgelockerten Wolken im Hintergrund, die eine kräftige konvektive Wolke vermissen lassen und damit eine Großtrombe.

Was spricht dagegen? Die Entstehung über dem See, sofern er nicht vorher schon existierte. Bei einer Umgebungstemperatur von 27°C müsste der See wohl über 40°C haben, damit sich eine rasche Temperaturabnahme mit der Höhe über der Wasseroberfläche einstellt. Das ist eher unwahrscheinlich. Laut Windmessdaten wehte in der Umgebung beständiger Südost- bis Südwind (Taleinwinde und Föhn). Das würde Heißluftblasen am Boden eher wegdrücken oder zerreißen. Außerdem war es während dem Video stark bewölkt, während Staubteufel meist bei Sonnenschein auftreten, sonst reicht es für Überhitzung nicht aus.

2. Gustnado (Böenfrontwirbel)

Gegen einen Böenfrontwirbel spricht, dass keine Schauerzelle den Ort direkt getroffen hat, sondern nördlicher bzw. östlicher vorbeigezogen sind, und zwar in beträchtlicher Entfernung. Wenn, müsste die Böenfront so kleinräumig gewesen sein, dass nicht einmal die ca. 2km entfernte Station in Mariapfarr etwas davon bemerkt hat (dort blieben die Winde auf Ost und die Temperatur ging kaum merkbar zurück). Überdies entstehen Böenfrontwirbel eher in Zusammenhang mit ausgeprägteren Gewitterlinien, hier gab es aber verstreute Einzelzellen. Für einen Böenfrontwirbel spricht am ehesten, dass kein Kontakt zu einer übergeordneten konvektiven Wolke erkennbar ist.

3. Ein nichtsuperzelliger Tornado („Typ-II-Tornado, Großtrombe“)

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Entstehung von Typ-II-Tornados (Skizze von Wakimoto & Wilson 1989)

Diese Tornadoart bildet sich dann, wenn kräftige Aufwinde nichtrotierender Gewitterwolken über bodennah bereits bestehende Wirbel ziehen. Der Aufwind streckt den Wirbel vom Boden bis zur Wolkenuntergrenze – fertig ist der Tornado.

fanning-skizze

Lage der Webcam-Stationen, Wetterstation und Wirbelereignis, Windverhältnisse (Quelle: Open Street Map)

Die Karte zeigt Ostwinde (Taleinwinde) östlich vom Ereignisort sowie Südwinde (Föhn) deutlich westlich. Die Schauerzellen nördlich verursachten wahrscheinlich Nordwinde (vlg. Fahnen an der Talstation). Das kann eine lokale, bodennahe Konvergenzzone beim Outdoorpark erzeugt haben. Winde, die also zusammenströmen und einen Wirbel um eine vertikale Achse bilden. In dem Fall gebildet durch das Ausströmen aus nördlicher Richtung (Weißpriachtal), welches auf den Südwind/wärmere Luft bei Fanning trifft.

Für einen klassischen Tornado müsste sich der Aufwindbereich der Schauerwolke über dem Wirbel befunden haben. Das ist aus dem Video leider nicht ersichtlich. Man erkennt zwar im Hintergrund Niederschlag, die räumliche Nähe am trockenen Standort kann daher gepasst haben, aber das würde den Augenzeugenbeobachtungen widersprechen („aus heiterem Himmel“). Allerdings reichte der Wirbel relativ weit hinauf (man beachte, wie weit das Strandglumpat in die Höhe gezogen wurde).

Zusammenfassung:

Aus dem Video und den wenigen Beobachtungsdaten in der Umgebung kann nicht zweifelsfrei geklärt werden, was hier tatsächlich vorliegt. Ein Superzellentornado ist ausgeschlossen, ein klassischer Böenfrontwirbel wars nicht, ein kräftiger Staubteufel (Kleintrombe) erscheint am wahrscheinlichsten, evtl. zusätzlich gestützt durch die konvergenten Windverhältnisse. Für den Fall, dass sich doch ein Aufwindbereich über dem Wirbel befand, wäre ein nichtsuperzelliger Tornado ebenfalls denkbar.

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