Dauerregen und dichter Nebel am Vogelsangberg (516m), Wienerwald
Im Kontext der ausgeprägten Dürre in Mitteleuropa ist immer wieder vom sogenannten Landregen die Rede, der benötigt wird, um das Grundwasser wieder aufzufüllen. Es wird dann ausgeführt, dass der Regen tagelang andauern müsste. Mit ein paar Stunden starkem Regen sei es nicht getan, denn das Wasser fließe überwiegend oberflächlich ab und kommt gar nicht erst im Grundwasser an. Doch wie entsteht Landregen überhaupt? Welche Wetterlagen sind im Alpenraum dafür notwendig und wie realistisch ist dieser in der nächsten Zeit?
Reinhard Steurer ist Professor für Klimapolitik an der Universität für Bodenkultur (BOKU) und engagiert sich seit Jahrzehnten für den Umwelt- und Klimaschutz. Er schrieb vor kurzem im STANDARD einen Kommentar zur „Klima-Heuchelei“ der Medien und Mehrheitsgesellschaft. Darin kritisiert er vor allem einschlägige Medien wie ServusTV oder Krone, die seit jeher Desinformation betreiben und rechte Parteien durch tendenziöse Berichterstattung fördern, und nun in Zeiten anhaltender Hitzewellen und Dürre die Versäumnisse der Regierung in der Klimapolitik anprangern. Ihre Forderungen sind jedoch allenfalls symbolisch gemeint, aber sollen niemals in der Bevölkerung so spürbar sein, dass es wehtut. In Umfragen sei die Mehrheitsgesellschaft zwar für mehr Klimaschutz, aber gibt den rechten Parteien (ÖVP und FPÖ) seit Jahrzehnten immer eine absolute Mehrheit, wohlwissend, dass diese nicht an Klimaschutz interessiert sind. Das bezeichnet Steurer völlig zu Recht als Heuchelei.
Feldbrand am 27. Juni 2026 südlich vom Flughafen Schwechat, ein Tag vor dem neuen Extremwert
Einleitende Worte.
Ältere Semester unter Euch mögen sich noch an den Sommer 1976 erinnern. Das war vor meiner Zeit. Ich wurde in den heißen Sommer 1983 geboren. Damals stellten Roth in Mittelfranken mit 40,2 und Dellach im Drautal (Kärnten) mit 39,7 jeweils am 27. Juli einen neuen Extremwert auf.
Der nächste einschneidende Sommer war 2003. In Mitteleuropa gab es damals tausende Hitzetote. Schon der Mai verlief recht warm mit den ersten 30ern, im Juni gab es sie ständig, dazwischen aber auch markante Kaltlfrontdurchgänge mit deutlicher Abkühlung. Im Juli war zunächst Frankreich betroffen, ab Monatsmitte weitete sich die Hitze auf Benelux, Deutschland, Schweiz und Österreich aus. Auch hier auffallend immer wieder ein paar Tage am Stück mit unter 30 Grad. In der ersten Augusthälfte 2003 wurde der Höhepunkt erreicht mit knapp 40°C im Südwesten von Deutschland. Ich war zu diesem Zeitpunkt am Feldberg (1494m) im Schwarzwald, wo die örtliche Wetterstation knapp 25°C gemessen hatte – das entspricht etwa der 850hPa Temperatur. Davor übernachtete ich ein paar Tage in der Dachgeschosswohnung eines Freundes in Stuttgart. Es hatte 30°C Innentemperatur und ich schlief nur mit einem Handtuch bedeckt am Boden. In der kühlen Kellerwohnung meines Bruders war es hingegen auszuhalten. Ende August war die Hitzewelle dann endgültig ausgestanden.
Extremwerte in Mitteleuropa gab es am 27. Juli 1983, am 08. August 2003, am 08. August 2013 und am 08. August 2015, ebenso am 25. Juli 2019 – nicht zufällig fällt die größte Hitze in die „Hundstage“ (23. Juli bis 23. August). Die neuen Hitzeextremwerte vom Sommer 2026 von Ende Juni stellen damit eine Zäsur dar. 40 Grad schon im Juni schienen lange undenkbar. But here we are …
Für eine strukturierte Analyse fehlt mir die Zeit, dennoch möchte ich meine Gedanken hier niederschreiben, soweit ich mir bisher Notizen gemacht habe. Dieses Ereignis ist zu groß, um einfach darüber weggehen zu können.
Hitze und Trockenheit dominieren bisher im Jahr 2026 (Symbolbild aus dem Sommer 2022 in Gumpoldskirchen)
Wie man bei Höchstwerten von 35 bis 40 Grad C und Nachttemperaturen um 25 Grad (vor allem in den Städten) richtig lüftet, da scheiden sich die Geister. Der Hausverstand sagt, tagsüber Fenster geschlossen und Hitze draußen halten – zumindest, wenn man sich in der Wohnung aufhält. Der Blick auf das CO2-Messgerät (z.B. ein Aranet4) und das Feuchtemessgerät sagen, dass die Luft schnell stickig wird und Kreislaufprobleme, Konzentrationschwächen drohen, wenn man buchstäblich im eigenen Saft schmort – gerade für ältere Menschen, die ohne dazu neigen, zu wenig zu trinken, riskant.
„An heißen Tagen besteht ein Interessenskonflikt zwischen Hitzeschutz und Innenraumlufthygiene „, sagt Kerstin Effers, Referentin für Umwelt und Gesundheitsschutz bei der Verbraucherzentrale NRW, dem WDR. Wird ein Raum von mehreren Menschen genutzt, „muss unbedingt zwischendurch gelüftet werden“. Ansonsten könne die Kohlendioxid-Konzentration zu stark ansteigen. Differenzierter WDR-Bericht vom 11. Juni 2025
Vom Land rede hier jetzt nicht, denn da kühlt es erstens stärker ab als in der Stadt und zweitens sind fest verbaute Klimaanlagen oder Split-Klimaanlagen in Einfamilienhäusern die Regel bzw. gesetzlich erlaubt. In Mietwohnungen in Österreich sind Split-Klimageräte mit einem mobilen Außengerät genehmigungspflichtig – der Vermieter muss schriftlich informiert werden und Wohnungseigentümer brauchen das Einverständnis aller Miteigentümer. In Wien braucht man zudem die Baubewilligung der MA19 – bezüglich Zulässigkeit einer Montage und Lautstärke-Grenzwerten.
„Die Montage von Split-Klimageräten ist zulässig, wenn sie nicht aus dem öffentlichen Raum (z. B. hinter einer Balkonbrüstung) eingesehen werden können.“
Bei mobilen Klimaanlagen bringt es wenig, den Abluftschlauch einfach aus dem gekippten Fenster zu hängen. Durch den erzeugten Unterdruck zieht es die Außenwärme zurück in die Wohnung und die Effizienz der Klimaanlage nimmt ab. Speziell, wenn die verwendete Fensterfront noch sonnenbeschienen ist. Außerdem sind die Geräte meist zu laut, um daneben zu schlafen oder sich zu erholen. Viele Wohnungen in Wien haben zudem noch eine Gastherme und mit dem Unterdruck durch die Klimaanlage erhöht sich die Gefahr, eine Kohlenmonoxidvergiftung zu erleiden.
Skizze für einen stabilen Keil (links) und einem instabilen Keil mit eingelagerter Trogachse (rechts)
Der Frühsommer nimmt in der zweiten Junihälfte Anlauf mit der ersten markanten Hitzewelle im Alpenraum. Naturgemäß geht das bei uns nicht ganz friktionsfrei ab, denn die Luftmasse wird vor allem über dem Berg- und Hügelland (für Nichtösterreicher: Alpen und Böhmische Masse) rasch hochlabil. Bald wird man in den Vorhersagetexten für die Allgemeinheit bzw. im Radio/Fernsehen die Formulierung „Es kann örtlich zu einzelnen Wärmegewittern kommen.“ oder ähnliches lesen. Was assoziiert der Leser damit? Voraussetzung für Gewitter sei die Hitze. Wo die Gewitter dann auftreten, sei dem Zufall überlassen, so wie man bei kochendem Wasser im Kochtopf nicht wisse, wo die Blasen aufsteigen werden.
Glücklicherweise gelingt es uns in der Gegenwart meistens, Gewitter wesentlich besser räumlich einzugrenzen, sodass das Kochtopfbeispiel inzwischen ein wenig überzeichnet scheint. Überraschungen gibt es immer, lassen sich aber synoptisch- und mesoskalig rückblickend logisch nachvollziehen.
Manchmal werden Wärmegewitter auch „Luftmassengewitter“ genannt, um anzudeuten, dass kein Luftmassenwechsel mit den Gewittern verbunden ist – sie entstünden aus einer heiß-labilen Luftmasse heraus, auch hier scheinbar zufällig mit gewisser Unberechenbarkeit. Das Pendant zu den Wärmegewitter wären die Frontgewitter, die mit einem Luftmassenwechsel verbunden sind. Auch mit der Darstellung der Frontgewitter bin ich nicht einverstanden, da oft behauptet wird, die schwere Kaltluft würde sich unter die leichte Warmluft schieben und diese jäh nach oben reißen. Tatsächlich entstehen die meisten Gewitter in der Regel vor der Kaltfront in Form einer bodennahen Konvergenzlinie.
Meine Überzeugung hingegen ist aus langjähriger Vorhersageerfahrung, dass Gewitter niemals zufällig entstehen, sondern immer in Zusammenhang mit übergeordnetem Hebungsantrieb stehen, das kann eine Kaltfront sein, aber auch eine Dryline, ein Kurzwellentrog, eine kleinräumige Böenfront eines vorangegangenen Gewitterclusters oder die Fernwirkung eines vorbeistreifenden Troges, die sich bis ins Hochdruckgebiet bemerkbar macht.
In Teil 1 kommt eine Fallstudie zu einer „Wärmegewitterlage“, in Teil 2 gehe ich auf Frontgewitter ein.