Archiv für den Monat April 2014

Sensationsjäger beim ZDF

Eine mehr als peinliche Dokumentation hat der ZDF mit „Wetterjäger in Deutschland“ abgeliefert.

Gewitter, Orkane, Starkhagel (00:27)

Starkhagel gibt es nicht. Hagel(schlag) kann dicht sein (kleine Hagelkörner, aber massenweise) oder groß (vom Durchmesser).

Sogar Tornados sind in unseren Breiten keine Seltenheit mehr. (00:36)

Tornados hat es schon immer in Mitteleuropa gegeben.

„Doch wo und wann genau wird das Unwetter zuschlagen?“ (01:23)

Reißerischer geht es nicht mehr. Bei keiner noch so schweren Unwetterlage rennen die Meteorologen mit angsterfülltem Blick wie aufgescheuchte Hühner durch das Büro. Das wäre auch ziemlich unprofessionell, nicht?

„Aber des sieht wirklich harmlos aus auf de Wetterkarten“ (02:15)

radarbild

Auf dem Bildschirm ist ein aktuelles (!) Radarbild (!) zu sehen und keine Vorhersage (02:08), die eingekreisten Bereiche zeigen an, wo sich bereits überall Schauer und Gewitter entwickelt haben. Im Bereich der Schwäbischen Alb sieht man eine kräftigere Gewitterzelle.

Daraus abzuleiten, es sehe harmlos aus und wie sich die Entwicklung überhaupt weiter gestaltet, ist schon sehr gewagt.

Eine Größe von 5 cm ist mittlerweile auch in Deutschland keine Seltenheit mehr (4:01)

Der nächste Unsinn. Beim Hagelunwetter in München am 12.Juli 1984 gab es sogar 10-14 cm große Geschosse. 5 cm werden bei fast jeder größeren Schwergewitterlage im Sommer erreicht.

06:18: Dass die Schadenssumme steigt, liegt am steigenden Wert der versicherten Güter, aber auch daran, dass etwa Wintergärten und Gewächshäuser sehr beliebt sind. Davon bereinigt auf eine Zunahme an Hagelereignissen zu schließen, ist schwierig.

07:20: Die Schwäbische Alb zählt  statistisch gesehen zu den Regionen, wo am häufigsten Hagel und Großhagel auftreten. Hier strömt feuchtwarme Mittelmeerluft von Südwesten heran, die einen sehr hohen Flüssigwassergehalt aufweist. Dieser ist für extrem großen Hagel Voraussetzung. Da die Albfläche höher gelegen ist als etwa das Norddeutsche Tiefland, schmilzt der Hagel auf dem Weg von der Gewitterwolke zum Erdboden nicht so stark ab und erreicht mit größerem Durchmesser als in tiefergelegenen Regionen die Oberfläche.  Je nördlicher, desto absolut trockener ist im Durchschnitt die Luftmasse, das gilt auch für das Hochgebirge. Ausschließen kann man großen Hagel aber nirgends.

Auch in Deutschland sind Tornados längst keine Seltenheit mehr (9:02)

s.o. , die Europäische Unwetterdatenbank (ESWD) belegt, dass Tornados seit dem frühen Mittelalter beobachtet wurden.

12:45 Andreas Friedrich, Tornadobeauftragter des DWD, stellt endlich klar, dass „Deutschland auch ein Tornadoland“ sei.

Ob der (Wind) sich zu einem Tornado verstärkt, können sie noch nicht abschätzen (13:53)

Ein kalter Ausfluss aus einem Gewitter wird nicht einfach so zum Tornado, der Tornado ist ein abgegrenztes Gebilde innerhalb eines Gewitters. Zwar in unterschiedlichen Formen, aber eben nicht so einfach wie hier gesagt.

14:27 So, jetzt wird mal eben suggeriert, dass Hurrikans Tornados sind.

Mit einem solchen Wirbelsturm rechnen Marco und Benjamin heute zwar nicht (15:44)

Und erneut werden Hurrikane und Tornados in einen Topf geworfen.

19:30 Das Klischée der Fachidioten (seufz). Auch Meteorologen setzen nicht blindlings auf „Super-Computer“, Intuition ist immer mit dabei. Synoptisch gewürztes Bauchgefühl, wie man auch sagt.

Ein riesiges Tiefdruckgebiet entsteht vor Schottland. Kalte Polarluft zieht nach Europa und trifft auf warme Meeresströmungen aus dem Golf von Mexiko (21:10)

Öhmmm … nein:

tief

Quelle: maps-for-free.com

Der Landwirt sagt für die erste Testwoche milde Temperaturen […] (21:26)

Bezugsort? Das ist zudem keine Langfristprognose. Es kann nicht einmal nachvollzogen werden, welche Wetterlage geherrscht hat. Der Zuseher wird im Unklaren gelassen.

25:11 Alles klar, seine Fehlprognose liegt am Klimawandel. Böse Zwetschgen.

Doch dieses Mal waren die Bienchen wohl etwas vorschnell (26:17)

Weil phänologische Beobachtungen nur den Ist-Zustand zeigen, keine Prognose?

Wer hätte etwa angesichts des Wintereinbruchs Ende November geglaubt, dass dies die letzte schneereiche Phase im gesamten Winter 13/14 bleiben würde?

28:22 Ja eh, Bauernregeln schlagen Super-Computer bei einer Prognose ohne Bezugsort.

Ich habe mir die Sendung die vollen 28 Minuten geben, aber schon nach 36 Sekunden war klar, dass dies keine seriöse Dokumentation werden würde. Vom Niveau her eher bei Boulevardsendungen angesiedelt. Mehr als beschämend, wenn deutsche Bürger dafür eine Haushaltsabgabe abdrücken müssen.

Nullaussagen zum Klimawandel

Wie es um das Verständnis von Wetter und Klima im deutschsprachigen Raum bestellt ist, sieht man unlängst wieder an diesem APA-Artikel, der etwa hier im Wirtschaftsblatt erschienen ist.

Schon der Teaser fasst die Nullaussagekraft des gesamten Artikels sehr schön zusammen:

Der Klimawandel macht auch vor Österreich nicht Halt. Künftig muss alle drei Jahre mit extremen Wetterereignissen gerechnet werden.

  1. Warum sollte der Klimawandel gerade Österreich ausschließen?
  2. Wie sind „extreme Wettereignisse“ definiert?

Das ist gleichzeitig die Krux des Artikels, denn hier geht es ausschließlich um versicherte Schäden.  Naturgemäß leben heute mehr Menschen in Österreich als vor 100 Jahren, es sind wesentlich mehr Flächen besiedelt, gleichzeitig ist sowohl die Zahl der versicherten Objekte als auch deren Wert deutlich gestiegen. Ein Wetterereignis wird heute also wesentlich höhere Schäden verursachen als vor 100 Jahren, beispielsweise großer Hagel an Wintergärten oder Gewächshäusern mit Glasüberdachung. Dafür muss nicht notwendigerweise die Zahl der Großhagelereignisse zunehmen.

Großflächige Sturmsysteme treten zwar seltener, dann aber extrem intensiv auf, zu sehen war das etwa beim Sturmtief Emma 2008.

Wo ist da ein Beleg für eine Zunahme? Dass ein Orkantief für Orkanböen sorgt, ist keine Folge des Klimawandels.

Von Schneedruck besonders betroffen sind die Nordalpen, der Böhmerwald im nördlichen Teil Oberösterreichs und Oberkärnten. Auch hier spielt die globale Erwärmung eine Rolle: in höher gelegenen Gebieten bleibt der Schnee liegen. Kommt dann eine Warmfront, entstehen die großen, schweren Schneelasten. Die Hochrisikozonen werden sich von Lagen in 600 bis 800 Meter Höhe auf Lagen über 800 Meter verschieben.

Das ist eben die große Unbekannte, denn in Oberkärnten sind extreme Schneefälle wie diesen Winter keine Seltenheit, sie kommen alle 50-75 Jahre vor. Meterhohe Schneemassen durchaus häufiger in etwas geringerer Intensität. Für die Nordalpen ist jedoch in den vergangenen Jahren der umgekehrte Trend festzustellen. Nordwestlagen werden deutlich seltener, insgesamt treten häufiger sogenannte Low-Index-Wetterlagen (d.h. keine straffe Westwetterlage, sondern blockierende Hochdrucklagen oder schwache Tiefdrucklagen) auf, im vergangenen Winter gab es beispielsweise keine einzige Nordwestlage! Entsprechend können sich dann auch keine großen Schneelasten aufbauen, wenn der Niederschlag ausbleibt und der Föhn den Schnee wegfrisst.  Ein Prototyp für erhöhtes Schneelastrisiko war der Nordwestlagenwinter 2005/2006, als im Spätwinter im Bayerwald Dächer unter den Schneemassen einstürzten. Seitdem ist dieses Szenario nicht mehr eingetreten.

Ein allgegenwärtiges Risiko stellt Hochwasser dar. Jahresniederschläge werden steigen, damit auch die Häufigkeit extremer Hochwässer. So kam es nach dem „Jahrhunderthochwasser“ 2002 bereits 2013 erneut zu drastischen Überschwemmungen, wenngleich Schutzverbauungen entlang der Donau sowie der mobile Hochwasserschutz eine spürbare Wirkung gezeigt hätten. Zunehmend entstehen auch Schäden fernab jeden Gewässers, etwa bei Murenabgängen.

Jahrhunderthochwasser heißt nicht, dass Hochwässer nur alle 100 Jahre auftreten. Wenn man sich die vergangenen Jahrzehnte bzw. das Jahrhundert anschaut, kommt es im Schnitt alle 3-5 Jahre zu Hochwasser mit weiträumigen Überflutungen an größeren Flüssen (Donau: 2002, 2005, 2010, 2011, 2014). Völlig vernachlässigt wird hier auch die Rolle des Menschen, der durch Flächenversiegelung, Begradigungen und Schutzmaßnahmen Hochwasser begünstigt bzw. flussabwärts von Schutzverbauungen verschärft.

Schäden, die bei Murenabgängen entstehen, kann man kaum dem Klimawandel anlasten. Sie sind vor allem eine Folge des Terrains, denn stark geneigtes Gelände, verbunden mit Kanalisierung und Versiegelung, begünstigt starke, oberflächennahe Abflüsse.

Was der im Artikel eingeschobene Absatz über Erdbeben mit dem Klimawandel zu tun haben soll, erschließt sich mir erst recht nicht.

In Summe ein wenig aussagekräftiger Artikel, der allgemein bekannte Gefahren auflistet. Natürlich bedeutet eine steigende Globaltemperatur auch eine Zunahme absoluter Feuchte, womit tendenziell die Intensität von Starkniederschlagsereignissen heftiger wird. Die große Unbekannte in der Gleichung ist jedoch die Häufigkeit dieser Ereignisse, und diesbezüglich lässt sich gerade bei kleinräumigen und kurzlebigen Wettereignissen (Gewitter) kein Trend ausmachen.

Saharastaub-Schlammregen: ein Oxymoron

Etwas reißerisch wurden in den Salzburger Nachrichten die Auswirkungen der Saharastaub-Wolke dargestelllt.

Ein Schlammregen hat am Donnerstag den Nordosten Spaniens mit einer Schmutzschicht überzogen. Wie das Wetteramt mitteilte, hatte sich eine riesige Sandwolke aus der Sahara mit Regenwolken vermischt. Von dem Schlammregen waren vor allem die Region Katalonien und die Mittelmeer-Insel Mallorca betroffen.

Nach Schätzungen des Wetteramts gingen auf Katalonien mit dem Regen etwa 50.000 Tonnen Sahara-Staub nieder. In der Gegend von Barcelona dürften pro Quadratmeter etwa zwei bis vier Gramm Sand auf die Erde gefallen sein, teilte die Behörde der Online-Zeitung „lavanguardia.com“ mit.

Zunächst ist man sich nicht wirklich einig, ob es sich hier um eine Staubwolke, um eine Sandwolke, um Schlamm oder um eine Schmutzschicht handelt.  Im Titel wird Saharastaub zusammengeschrieben, im Text auseinander.

Meteorologen sprechen bei diesem Wetterphänomen von Saharastaub, nicht von Saharasand, denn der Transport von Nordafrika über das Mittelmeer auf den europäischen Kontinent erfolgt über mehrere hundert bis tausend Kilometer. Sandkörner lassen sich aufgrund ihres Gewichts nur oberflächennah verfrachten (in der Wüste führt das zum Sandsturm, gelegentlich derzeit auch am trockenen Alpenostrand beobachtet). Es handelt sich also um eine Staubwolke, die dank der großflächigen Aufwärtsbewegungen durch die Warmluftzufuhr verbreitet hohe und mittelhohe Wolken bildet (Cirrostratus und Altostratus).

Nun wirds mathematisch:

Katalonien umfasst eine Fläche von 32 100 km², bei 50 000 Tonnen entspricht das einer Menge von 15 g/m² (ein Esslöffel Reis). In Barcelona mit 2-4 g/m² also noch deutlich weniger. Hier von Schlammregen zu sprechen, ist schon eine starke Übertreibung, speziell wenn man die verheerenden Unwetter der Vergangenheit betrachtet.

Wie es aussieht, ist der Begriff barro  im Spanischen vieldeutig

lluvia de barro

Ein Regenschauer (lluvia) aus

  • Ton
  • Lehm
  • Schlamm

Das Online-Übersetzungstool LEO schlägt diese drei Begriffe für el barro vor, wobei feinkörniger Ton wohl noch am besten als Umschreibung von Saharastaub zutrifft.

PS:  Und nein, das, was die deutsche BILDzeitung schreibt, ist ganz falsch:

Am Freitag sorgte der Saharastaub noch für reichlich Schauer in Deutschland. Grund: An den Staubpartikeln lagert sich Feuchtigkeit an, daraus entstehen Wolken und Schauer.

Wolken entstehen vornehmlich in den höheren Luftschichten, die jedoch die Sonneneinstrahlung stark behindern.  So wurden heute in den sonnigen Regionen ohne Staubbeeinträchtigung Höchstwerte von 20 bis 24 Grad gemessen, in den trüben Regionen hingegen unter 20 Grad.

gewitterdeutschland

Das Satellitenbild von Sat24/Eumetsat, 17.00 MESZ, zeigt die von der Staubwolke verursachte bzw. verstärkte Schleierwolkenbildung über der Benelux und der Nordsee sowie Norddeutschland. Eine schmale Schliere zieht sich auch vom Schwarzwald über den Norden Österreichs bis in die Slowakei. Dazwischen über Baden, Nordbayern und Tschechien schien hingegen öfter die Sonne (> 20 Grad) und es bildeten sich einzelne Schauer und Gewitter.

1. Staub führt zu verstärkter Wolkenbildung und Abschattung der Sonne, was die Atmosphäre stabilisiert.

2.  Mit dem Staubtransport ist oftmals eine sehr trockene mittlere Luftschicht verbunden, die die Freisetzung von latenter Wärme erschwert – und damit die Schauer/Gewitterbildung (Quelle: http://geotest.tamu.edu/userfiles/216/wong05.pdf )

3. Die massive Staubzufuhr erhöht die Anzahl der Wolkentröpfchen, verringert aber gleichzeitig deren Durchmesser.  Das Zusammenfließen der Wolkentröpfchen führt zwar zum Ausfällen der Tröpfchen, sorgt aber nur für wenig Niederschlag. Fällt dieser in die sehr trockene Luft darunter, verdunstet er und entzieht der Umgebung Wärme, was die Luftschicht weiter abkühlt und stabilisiert. (Quelle: http://www.pnas.org/content/98/11/5975.full.pdf )

4. Die Schauer und Gewitter in Süddeutschland entstehen in einer gut ausgeprägten Tiefdruckrinne, d.h., hier wehten Winde aus gegensätzlichen Richtungen und bildeten eine Konvergenz, ein Zusammenströmen und nachfolgendes Aufsteigen. Der Saharastaub spielte hier allenfalls eine untergeordnete Rolle bzw. beeinträchtigte sogar Lebensdauer und -intensität der Gewitter.