Schlagwort-Archive: Unwetter

Tornado bei Pomas, Südfrankreich: Der „perfekte“ Sturm

Vom Schadensausmaß erinnert der starke Tornado am 24. August 2026 an den F4-Tornado in Wiener Neustadt im Jahr 1916. Damals wurden 34 Menschen getötet und über 300 verletzt. Zahlreiche Videos zeigen, wie ein klassischer Wolkenrüssel sich zum Boden absenkt und dabei viel Staub und später Trümmer aufwirbelt (z.B. auf gmx.at). Wichtige Erinnerung an dieser Stelle: Die Trichterwolke muss nicht bis zum Boden auskondensiert sein, um definitionsgemäß von einem Tornado zu sprechen. 50 Menschen wurden in Pomas verletzt, 500 Häuser beschädigt. Laut Augenzeugen begann der Tornado gegen 16.57 Uhr Lokalzeit durch den Ort zu fegen (Le Monde), fünf Minuten später sei bereits alles vorbei gewesen. Von der Schadensintensität wird der Tornado auf EF3 (F3 nach der alten Fujita-Skala) eingestuft, also rund 250 km/h.

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass derart starke Tornados schon immer in Europa, speziell in dieser Region von Frankreich, aufgetreten sind. Vor genau 200 Jahren gab es einen F3-Tornado in Lastour, nördlich von Carcassonne (Quelle: keraunos.org). Die geographische Lage mit Nähe zum westlichen Mittelmeer (Golf von Lyon) und die Kanalisierung der Winde zwischen den Pyrenäen und den südlichen Ausläufern des Zentralmassivs fördern Wetterlagen, bei denen energiereiche Luft vom Mittelmeer landeinwärts strömt, und gleichzeitig starke vertikale Windscherungen herrschen.

Weiterlesen →

Hintergrund zum Niederschlagsrekord in Grazalema (848m), Andalusien

Lage von Grazalema auf der Iberischen Halbinsel

Der Ort Grazalema in Andalusien bringt es bereits nach zwanzig Tagen auf einen neuen Niederschlagsrekord mit 2449mm. Im Schnitt fallen hier im ganzen Jahr 1800-2200mm (1981-2010, klimatologischer Atlas Spanien). In den Nachbarorten wird nur rund ein Viertel dieser Niederschlagsmenge gemessen. Warum ist das so? Dafür müssen wir weiter hineinzoomen:

Zoom auf die Gebirgsregion stromaufwärts von Grazalema

Bei einer Westwetterlage konvergieren die Westwinde in dem trichterförmigen Tal westlich des Puerto del Boyar (1105m). Damit wird hohe Niederschlagseffizienz generiert (Konvergenz + orographische Hebung). Auf der Passhöhe wird die Strömung kanalisiert (Gap Flow) und regnet sich unmittelbar im Lee ab.

In den tiefergelegenen Talorten dürfte bereits das föhnige Absinken dominieren, wodurch die Niederschlagseffizienz erheblich abnimmt. Es freut mich, dass ich zur gleichen Erklärung wie meine Kollegen der MeteoSchweiz gelangt bin. Gralazema ist sozusagen das „Hintersee Spaniens“ (Hintersee in der Osterhorngruppe ist einer der schneereichsten Orte von Österreich, siehe Salzburgwiki, mit ähnlicher trichterförmigen Lage bei Nordweststau).

Ein aktuelles Beispiel:

24-stündige Niederschlag in Andalusien vom Sonntag, 08. Februar auf Montag, 09. Februar, 13 Uhr (Quelle: kachelmannwetter.com)

Der Extremwert 126mm stammt von Grazalema, sonst wurden nur 10-26mm verzeichnet.

24-stündige Niederschlag in Andalusien vom Dienstag, 03. Februar auf Mittwoch, 04. Februar 2026, 13 Uhr (Quelle: kachelmannwetter.com)

Bei einem früheren Ereignis, wo weite Teile Andalusien von ergiebigen Regenfällen betroffen waen, fielen in Grazalema 326mm, in der Umgebung aber nur 70-90mm. In diesem Fall staute es aber auch an den Gebirgsketten südlich von Ronda mit über 100mm in 24 Stunden.

Update: Mittlerweile haben Attributionsstudien eine deutliche Handschrift von der Klimaerwärmung gezeigt.

Weiterlesen →

Markantes Glatteis-Ereignis am Alpenostrand

Flughafen Wien am Dienstagmorgen: Wegen massiver Eisglätte geschlossen

Das habe ich in dem Ausmaß in über sechs Jahren am Wiener Flughafen noch nicht erlebt. In der Nacht von Montag, 12. Jänner auf Dienstag, 13. Jänner 2026 regnete es mehrere Stunden leicht bis mäßig, teilweise mit Raten bis 4,5mm/h auf den Pistenschwellen, bei Minusgraden auf gefrorene Böden. Der Winterdienst kam mit dem Räumen nicht mehr nach und so musste der Flugbetrieb noch in der Nacht völlig eingestellt werden (Meldung Austrian Wings). Erst um 11 Uhr wurde die 16/34 Piste freigegeben, doch damit war man weit entfernt von einer Normalisierung. Die Flugzeuge mussten erst aufwendig enteist werden.

Die Situation war aus einem anderen Grund lebensgefährlich am Flughafen: Von den hohen Gebäuden, inklusive Flugsicherungstower, lösten sich mit einsetzendem Tauwetter immer wieder größere Eisplatten und Eisbrocken, die Passanten auf den Gehwegen und vorbeifahrende Autos gefährdeten.

Wer nun hinterher behauptet, da hätte man so nicht kommen sehen, wird eines besseren belehrt: Das Ereignis zeichnete sich schon seit mindestens drei bis vier Tagen ab. Insbesondere Lokalmodelle rechneten korrekterweise anhaltenden Frost im östlichen Flachland und damit ideale Bedingungen für gefrierenden Regen.

Weiterlesen →

Texas: Vor der Sturzflut wurde gewarnt! (Medienversagen)

Wolkenobergrenzentemperatur am Freitag, 04. Juli 2025, 04 Uhr Lokalzeit (Texas), mit unter -70°C über den betroffenen Gebieten (Kerr County) und einem nahezu ortsfesten großen Gewittercluster (Quelle: kachelmannwetter.com)

Eine schwere Sturzflut sorgte am Freitag, 04. Juli, in Texas für mindestens 100 Tote, darunter viele Kinder. Die meisten Tote gab es in einem christlichen Sommercamp in Kerr County nahe des Guadalupe River, der innerhalb von 45 Minuten um knapp 8 Meter anstieg. Die Camper seien von den schweren Regenfällen am frühen Morgen überrascht worden. In der ZiB-Ausgabe vom Sonntag, 09.00, wird behauptet: „Es war zwar Regen vorhergesagt worden, aber mit einer solchen Sturzflut hat niemand gerechnet.“ Die US-Regierung wolle den Wetterdienst nun besser ausstatten, nachdem man seit Antritt Trumps die Mittel gekürzt habe.

Had the National Hurricane Center not sent planes into what became Tropical Storm Barry, we would not have gathered the necessary info and data to then track this tropical plume of moisture inland.

Meteorologe David Nazario mit subtilem Hinweis auf die drohenden Einsparungen, die auch die Hurrikanflüge betreffen würden (Click Orlando, 07.07.25)

Auf Tagesschau.de wird der Verwaltungschef des Landkreises, Rob Kelly, wiedergegeben: Zwar seien Sturzfluten wie diese üblich in der Gegend, die das „gefährlichste Flusstal der USA“ sei. Die nun erfolgte Überschwemmung sei aber unerwartet gewesen. Es geben kein Warnsystem und niemand hätte mit derartigen Regenfällen gerechnet, der NWS habe weniger vorhergesagt. Kristi Noem, Heimatschutzministerin unter Trump, behauptete, dass seit Jahrzehnten, seit Jahren jedermann wüsste, dass Wetter extrem schwierig vorherzusagen sei.

Höhere Gewalt also. Das ist der einhellige Medientenor zur Naturkatastrophe. Aber stimmt das? Mitnichten, wie folgende Recherche zeigt, und leider erneut zeigt, wie katastrophal schlecht die journalistische Qualität hierzulande geworden ist.

Weiterlesen →

Vom Blitz erschlagene Bergsteiger: Pech oder vermeidbares Unglück?

Stanzer Tal im Tiroler Oberland. Die Mittagspitze liegt südwestlich von Flirsch. Das Gewitter kam aus Südwesten. Der Unglücksort lag an der Nordostflanke auf 2268m.

Am Sonntag, 15. Juni 2025, wurden 3 Bergsteiger beim Abstieg von der Mittagspitze (2635m, Verwallgruppe) vom Blitz erschlagen. Laut Zeitungsberichten sind sie mit dem Auto bis zur Ganatschalpe gefahren (1854m, ca. 8km Fahrtstrecke). Gegen 12.30 bis 12.45 Uhr waren sie am Gipfel. Dort informierten sie ihre Angehörigen über den Abstieg, nachdem sich ein Wetterumschwung abzeichnete. Um 13.27 Uhr MESZ schlug laut Blitzortungssystem ALDIS an der Unglücksstelle ein negativer Blitz mit 9 Kiloampere ein. Vom Notarzthubschrauber wurden sie in flacherem Gelände auf 2268m Seehöhe gefunden.

Die als erfahren geltenden Alpinisten aus dem Stanzer- und Paznauntal, darunter ein Bergretter, sind den Angaben zufolge wahrscheinlich gegen 10 Uhr aufgestiegen, wenn man annimmt, dass sie für die knapp 800 Höhenmeter nicht übermäßig flott unterwegs waren.

„In Oberösterreich führte ein plötzlicher Wetterumschwung in den Bergen zuletzt im Juli 2024 zu einem tödlichen Unfall. Aufgrund eines Blitzschlags löste ein Bergsteiger am Klettersteig am Donnerkogel die Sicherung und stürzte ab.“ (OÖ ORF, 17.06.25)

Das Unglück in der Verwallgruppe hat Parallelen zum an den Todesfall am Dachstein-Klettersteig im vergangenen Jahr (siehe meine Analyse): eher später Aufbruch zur Tour, Gewitter vorhersagt und Abstieg mit dem Rücken zur aufziehenden Gewitterfront. Auch bei den Toten am Alpinweg beim Dürrenstein (Ybbstaler Alpen) am 18. August 2022 wurde die Zugrichtung des Gewitters bei zu spätem Aufbruch zum Verhängnis (Analyse).

Vorab: Mir geht es bei solchen Analysen nicht um Schuldzuweisungen. Ich möchte verstehen, wie tragische Ereignisse in Zusammenhang mit Wetter zustande kommen und ob man daraus Lehren ziehen kann. Manchmal komme ich auch zum Schluss, dass es als Laie kaum eine realistische Chance gegeben hat, der Katastrophe vorzubeugen (wie etwa im August 2022 in St. Andrä im Lavanttal).

Update, 18.06.25 – 09.52 Uhr – Erläuterungen zum Radiosondenaufstieg und zum Wasserdampfbild ergänzt.

10.23 Uhr: Zusammenfassung flüssiger geschrieben

Update, 23.06.25, 12.25 Uhr – Ergänzung Wetterberichte

Weiterlesen →