Höchstwerte am 27. März 2006 im Norddeutschen Tiefland, Quelle: kachelmannwetter.com
„Unwetter sind uns im Mai aufgrund der niedrigen Temperaturen erspart geblieben. Ab kommender Woche ist wieder mehr Energie in der Luft aufgrund der warmen Luft, die zu uns kommt“
Quelle: OÖ ORF at (28.05.25, abgerufen am 29.05.25, 08.00 Uhr MESZ)
Auch im Jahre Schnee hält sich die Mär, dass es für Unwetter heiße Luftmassen braucht. Der 27. März 2006 zeigte das Gegenteil: Bei mehrheitlichen Höchstwerten unter 20 Grad gab es eine veritable Tornadoserie in Norddeutschland – mit mindestens 8 Tornados, zwei Toten in Hamburg sowie weitere Verdachtsfälle. Beispiele wie dieses gibt es immer wieder: eine mäßig warme Luftmasse, aber gut geschert – und dadurch erhöhtes Schwergewitterpotential.
LP-Superzelle über dem Wiener Becken am 24. Juni 2021
Es besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass die rapide zunehmende Erhitzung der Erde für gigantische Hagelschloßen verantwortlich ist. Erst am 19. Juli 2023 wurde in Carmignano di Brenta mit 16cm ein neuer Rekord aufgestellt. Der alte stammte vom 20. Juni 2016 in Sânandrei, Rumänen, mit 15cm Durchmesser. Weltrekord hält noch das Hagelkorn vom 23. Juli 2010 in Vivian, South Dakota, mit 20,3cm Durchmesser. Wie schon bei den Extremwerten der Lufttemperatur in den vergangenen Jahren, die vielerorts nicht um wenige Zehntel, sondern gleich um mehrere Grad überboten werden, sind auch die 19cm von Azzano Decimo am 24. Juli 2023 ein Ereignis von enormer Tragweite für die beunruhigende Veränderung des Erdklimas.
Die beobachteten Extremwerte bei den Meeresoberflächentemperaturen (bis zu sechs Standardabweichungen vom Durchschnitt im Nordatlantik) mit 5 Grad zu warmen Mittelmeer und teilweise über 10 Grad an der kanadischen Ostküste, aber auch das extrem hohe 500 hPa Geopotential über dem Mittelmeerraum und teilweise im Bereich der Azoren fallen in diesen Tagen ins Auge. Ob das schon die Auswirkungen des Zusammenbruchs der AMOC (Atlantic Meridional Overturning Circulation) sind? Dazu ein frischer lesenswerter und gut verständlicher Beitrag von Stefan Rahmstorf, der sich auf eine kürzliche Studie bezieht, die am 25. Juli 2023 veröffentlicht wurde.
Dennoch sollten wir tunlichst vermeiden, Wetter und Klima miteinander zu verwechseln, wenn wir schon den radikalkonservativen Gegner bloßstellen wollen, denn der hat keine tragfähigen Pläne für eine lebenswerte Zukunft (exzellenter Thread). Handwerkliche Fehler in der Argumentation liefern Tür und Tor für den Gegenangriff.
Das Lokalmodell AROME vom Montag, 24.07.23, 00z-Lauf: Windböen gültig für 17 Uhr MESZ
Gestern Abend waren sich die meisten Lokalmodelle einzig, dass in der Früh eine Gewitterlinie über die Schweiz und Vorarlberg zieht, gegen Mittag Salzburg und Linz erreicht und am Nachmittag Wien. Dabei waren verbreitet Spitzen von 100-130km/h gerechnet worden, im östlichen Flachland sogar 160 km/h. Sogar das Ensemble von ICOND2 hatte im 18er Lauf noch unisono eine schwere Böenlinie für Wien vorhergesagt, im 00z-Lauf war davon nichts mehr übrig. Das Lokalmodell von Kachelmann („Super HD“) hat zwar noch eine Gewitterlinie im Osten, aber nicht mehr zusammenhängend und vor allem nach Norden hin deutlich schwächer als in den Vorläufen:
Windböen um 17 Uhr über Niederösterreich (Quelle)Auch das Schweizer Lokalmodell hat die Linie deutlich abgeschwächt von der Intensität her (Quelle)Unverändert stark das EZWMF-betriebene Lokalmodell mit Orkanböen für Wien (Quelle)Auch das holländische Lokalmodell hat noch Orkanböen im Osten (Quelle), hier ausgehend von Bayern und Oberösterreich die Donau entlang rasend
Was davon wird jetzt eintreffen?
Fakt ist: Es hat heute Vormittag keine Gewitterlinie über Westösterreich gegeben, der Cluster zog südlich des Alpenhauptkamms durch, der Nordteil schwächte sich ab. Ohne existierendes System muss man die gestrigen Lösungen alle in die Tonne hauen.
Aktuell … ist im Radarloop von Deutschland am ehesten über dem Schwarzwald eine bogenförmige Gewitterlinie auszumachen.
Im Satellitenbild sollte man den gelb eingekastelten Bereich die kommenden Stunden im Auge behalten, der Cluster über dem Oberrheintal wird am ehesten über Süddeutschland ostwärts ziehen und kann sich linienförmig entwickeln. Im roten Bereich befinden sich derzeit zahlreiche Superzellen, die eher alpensüdseitig bleiben und dort sehr großen Hagel, lokale Orkanböen und auch Tornados verursachen können. Vorlaufend zum gelben Cluster können aber auch im Norden bzw. Nordalpenbereich jederzeit größere Gewitterzellen entstehen, ebenso mit Großhagelgefahr.
Ob das Timing von 17-18 Uhr in Wien hält, ist damit momentan noch ungewiss, tendenziell wirds eher etwas später jetzt. Es blebt spannend.
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Rückblick, 25.07.23:
Die Kehrtwende der Modelle war korrekt – es hat kein einziges System „lebend“ bis zum Alpenostrand geschafft. Nördlich der Alpen sind alle Cluster nach Osten hin eingegangen.
12z-Aufstieg von Wien, Quelle: Kachelmannwetter.com
Hochlabil, leicht gedeckelt, eher trockene Grenzschicht, stark geschert. Warum reicht das nicht? Ich hab so ein paar Vermutungen:
12z-Aufstieg aus Oberbayern
München schaute ähnlich aus, Absinkbewegungen oberhalb etwa 600 hPa, stark geschert mit über 50kt oberhalb von 600 hPa, aber dadurch auch viel Cirrusgewölk. Die Ambosswolken breiteten sich in Verlagerungsrichtung aus und killten damit ihre eigenen Aufwinde (fehlende Einstrahlung). Am längsten halten starke Aufwindbereiche durch, wenn der Zellkern am Südrand der Gewitterwolke in den wolkenfreien, erhitzten Bereich läuft, und die Ambosswolke etwa im 90-Grad-Winkel abgelenkt ist – so wie seit Tagen in Norditalien und am Balkan.
Es gab gestern den ganzen Tag über keine nennenswerten Druckanstiege mit den Gewitterclustern über dem nördlichen Alpenraum und Süddeutschland. So konnte sich auch nicht wie vor zwei Wochen ein isallobarisches Druckgefälle aufbauen, sodass sich eine Eigendynamik aus vorderseitiger Erhitzung und rückseitigem Cold Pool hätte entwickeln können.
Die Lokalmodell-Rechnungen einer Gewitterlinie waren jedenfalls ab dem Zeitpunkt schon Käse, wo über der Schweiz keine Ostwärtsverlagerung des Systems erkennbar war, sondern dieses nach Nordosten Richtung Baden-Württemberg abgezogen ist. Gewitterlinien beginnen immer zuerst als Gewittercluster, deren Starkniederschläge irgendwann so viel Kaltluft erzeugen, dass sich diese mit dem Rear Inflow Jet bogenförmig/linienhaft ausbreitet. Alternativ kann sich eine Superzelle in ein Bogenecho umwandeln, allerdings dann auf viel kleinerer Skala als die Lokalmodelle es für den Alpenostrand gerechnet haben.
Infrarot-Satellitenbild mit Wolkenobergrenzentemperaturen in Kelvin, 25.07.23, 10.15 MESZ (Quelle)
Der Gewitterbann in Wien wurde heute Vormittag dann gebrochen, weil sich die schweren Superzellen/Multizellencluster über der Alpensüdseite mit der Südwestströmung soweit nach Nordosten ausgedehnt haben, dass sie auf der bodennah einströmenden Kaltluft aufgleiten.
Ljublijana, 25.07.23, 08 Uhr MESZ
Die Alpensüdseite ist heute früh immer noch hochlabil und enorm geschert mit sehr tiefen Untergrenzen: Alle Arten von Unwettern sind möglich, inklusive Tornados.
Mitternachtsaufstieg Wien, 25.07.00 UTC
Wien ist bis 800 hPa (ca. 2km) Höhe stabil geschichtet mit einströmender Kaltluft (Westwinde), darüber noch sehr labil und stark geschert. Daher reicht es auch heute Vormittag noch für einzelne Blitzentladungen im Osten.
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Tornados in Österreich sind nicht neu!
Das ist mir noch ein Anliegen, daher bau ich das jetzt noch ein: In Social Media häufen sich schon wieder Aussagen wie „Jetzt gibt es auch noch Tornados in Österreich, ein weiterer Beleg für die Klimaerwärmung!“
Die Unwetterdatenbank (eswd.org) des ESSL in Wiener Neustadt mit den zwischen den Jahren 2000 und 2012 aufgetretenen Tornadofällen und jeweiligen Intensitäten (F5-Tornado ist in dem Zeitraum keiner aufgetreten), Quelle: European Commission (2013)
In Österreich treten pro Jahr 6-8 Tornados auf:
Tornadoereignisse in Österreich seit dem Jahr 1900, Quelle: Skywarn Austria
Der stärkste dokumentierte Tornado in Österreich trat 1916 in Wiener Neustadt auf, ein starker F4-Tornado mit 34 Toten und über 300 Verletzten. Inneralpin sind Tornados deutlich seltener und meistens schwächer, es gab aber auch in Ellmau im Tiroler Unterland am 25. August 2012 einen F2-T5-Tornado.
Tornados hat es also schon immer gegeben. Starke Tornados gibt es mit Ausnahme von Winterstürmen nur mit rotierenden Gewitterwolken. Die Bedingungen für Gewitter sind Feuchte, Labilität und Hebung, für rotierende Gewitterwolken braucht es zusätzlich starke Richtungs- und Geschwindigkeitsänderungen mit der Höhe – für starke Tornados braucht es zusätzlich starke Winde in Bodennähe. Und diese Wetterkonstellationen sind weiterhin sehr selten, in der Poebene rein statistisch noch häufiger als im Alpenraum.
Bei Starkregen, Häufigkeit von Großhagel, Hitzewellen, Dürren müssen wir gar nicht diskutieren – der Zusammenhang zur Erderhitzung ist klar. Bei Tornados gibt es noch keinen klaren Trend. Es wird aber jährlich zum Trend gemacht, weil das Langzeitgedächtnis vieler Menschen schlecht ist und über das, was klimatisch bei uns möglich ist, nicht angemessen aufgeklärt wird. Wie bei der Pandemie ist auch Prävention in Österreich unterrepräsentiert. Bei Unwetterwarnungen wird das Fernseh- und Radioprogramm nicht oder selten unterbrochen. Zivilschutzalarm fehlt, die Online-Medien, allen voran der ORF, müssten breite Banner mit Unwetterwarnungen haben, in den 20-120 Sekunden Wetterbericht schafft man kaum vernünftige Informationen, die auch erzieherischen Effekt haben – sprich: erklären, warum und wie etwas entsteht, welche Auswirkungen es hat und wie man sich schützen kann, aber auch, wie man etwas interpretieren muss – gerade im Hinblick auf die Wetterapps (mehr dazu hier).
Prognosekarte für die mittlere Troposphäre (500 hPa, ca. 5,5km Höhe) für Dienstagabend, 18. Juli 2023 mit Darstellung der Höhendruckgebiete (500 hPa) und Bodendruckgebiete (Isobaren) – Um die Nordhalbkugel verlaufen mächtige Höhenrücken mit über 584gpdm, über dem westlichen Mittelmeer bis knapp 600gpdm (oberer Rand der Skala), die Tiefdruckgebiete sind dazu vergleichsweise schwach ausgeprägt. Im Bereich der Höhenrücken kommt es seit Tagen (Wochen) zu Hitzerekorden und überwärmtes Oberflächenwasser der Ozeane.
Die Tagesschau titelte auf ihrer Webseite vor wenigen Tagen folgende Schlagzeile:
„Seit einigen Tagen herrschen im Süden Europas extrem hohe Temperaturen. Heute gab es eine kleine Verschnaufpause, doch die währt wohl nur kurz: Denn Meteorologen haben schon die nächsten Hochdruckgebiete ausgemacht.„
Ich könnte jetzt einen weiten Bogen schlagen von mangelnder wissenschaftlicher Bildung über jahrzehntelange Versäumnisse in der „Weather Literacy“ (analog zur Health Literacy) bis hin zur journalistischen Verknappung von Aspekten der Meteorologie, die aber für das weitreichende Verständnis der tiefgreifenden Klimaveränderung notwendig sind.
Sturmtief POLY über der Nordsee, 05. Juli 2023, 14 Uhr MESZ (Quelle)
Am Dienstag, 5. Juli 2023 entwickelte sich über dem warmen Nordseewasser ein ausgewachsenes Sturmtief namens POLY, dessen Tiefkern unter großer Isobarendrängung den Norden der Niederlande überquerte und dabei in einem schmalen Bereich für Orkanböen bis 150 km/h sorgte. Aufgrund der belaubten Bäume gab es verbreitet schwere Schäden durch umstürzende Bäume. Es wehte aber auch ganze LKWs um und in Rotterdam entgleiste eine Straßenbahn. Für die Niederlande war es der schwerste Sommersturm seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Erderhitzung hat diesen Sturm wahrscheinlicher gemacht: