Archiv für den Monat Juni 2020

Blitzschlag: Vermeidbare Todesfälle am Berg

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Gewitterwolke (Symbolbild)

Am vergangenen Sonntag kam es zu einem Todesfall während eines Gewitters am Semmering, Nähe Sonnwendstein (1523m) gegen 15.30 MESZ.

Bereits am Vortag hatte es in der Region heftige Gewitter mit Überschwemmungen gegeben. Gewitter waren seit Tagen für die Region vorhergesagt. Überhaupt zählt das Gebiet zwischen Schneeberg, Wechsel und Fischbacher Alpen zu den gewitterreichsten von Österreich.

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Wien: Untypische Windverhältnisse für Gewitter

Am Sonntag, 14. Juni 2020, gewitterte es am frühen Nachmittag kräftig in Wien, nachdem es vormittags noch so aussah, als würde der Tag eher trocken verlaufen (Gewitterflop). Die Wettermodelle gingen allerdings weit auseinander, manche sagen den Nachmittag komplett trocken, andere von Südosten Schauer und Gewitter durchziehen.

Der Grund, weshalb ich mich dazu verleiten ließ, keine Gewitter anzunehmen: Es herrschte kräftiger Westnordwestwind am Boden und damit stabilisierende Absinkeffekte vom Wienerwald her. Der Wind erreichte bereits am Vormittag, rund sechs Stunden früher als erwartet, Spitzen bis 70 km/h. Schauer und Gewitter entstanden zunächst ausschließlich am Wienerwald und westwärts davon.

wiengewitter

Nun gibt es eine Konstellation, bei der trotz bodennahem Westwind Gewitter über Wien zustandekommen können: eine kräftige Südostströmung. Diese lag aber nur bedingt vor, der Wetterballonaufstieg von Wien um 14 Uhr (rechts oben) zeigte höchstens 15kt Südostwind in der Höhe, das reicht im Normalfall nicht aus, um den starken Westwind (um 14 Uhr: 40kt in 3km Höhe) darunter zu überwinden. Der Aufstieg zeigt aber noch reichlich potentielle Energie oberhalb von 2km Höhe bis zur Tropopause (ca. 12km), im Falle von genug Hebung waren Gewitter ohne weiteres möglich, man spricht dann von elevated convection (entkoppelter Konvektion), weil die Bodenschicht irrelevant ist.

Das bodennahe Windfeld (links oben) um 13 Uhr zeigte eine langgestreckte Bodenkonvergenz mit Westwind versus Ostwind von Tschechien über die mittlere Slowakei bis Ungarn reichend. Dort verlief auch die sogenannte surface heat axis, die wärmste und energiereichste Luftmasse, flankiert von etwas kühleren und stabileren Luftmassen. Hier entstanden immer wieder Gewitter, über der Slowakei und Ungarn regelrecht explosiv mit der Bildung eines großen Gewittersystems (Multizellencluster). Dieser wurde advektiv, also mit der Südostströmung, Richtung Ostösterreich verlagert. Im Vorfeld entstand das kurze Gewitter über Wien, vor allem mit starkem Regen, aber ohne Hagel. Hagelgewitter sind generell untypisch für elevated convection. Großräumig gesehen war Hebungsantrieb vorhanden, und zwar entlang eines schmalen, langgestreckten dunklen Streifens im Wasserdampfbild (rechts unten, 06 Uhr), der von Serbien über Ungarn und Slowakei bis in den Südwesten von Tschechien und das deutsche Vogtland reichte. Solche dunklen Streifen verkörpern Dellen in der Tropopause (Tropopausenfalten) und sind mit potentieller Vorticity (Hebungsmaximum) gefüllt. Sie bzw. die Wasserdampfgradienten selbst fungieren oft als Ausgangsorte für Schauer und Gewitter.

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Wasserdampfbild zum Zeitpunkt des Gewitters in Wien, 14. Juni 2020, 15 Uhr

Entlang dieses Wasserdampfgradienten entwickelte sich der Multizellencluster über Slowakei und Ungarn (in Budapest gab es über vier Stunden lang Gewitter). Er kam – und da war meine Skepsis berechtigt – kaum westwärts voran. Es regnete zwar am späten Nachmittag nochmals kräftig, aber es gab dazu nur wenige Entladungen. Das Hauptregengebiet blieb östlich von Österreich. Hier machte sich dann doch der starke Westwind bemerkbar, sodass es am Abend bereits überwiegend trocken blieb.

ORF: Kraut und Rüben

Vorab: Ich schätze den zitierten Meteorologen Pistotnik als einer der kompetentesten Meteorologen von Österreich ein und bin daher überzeugt, dass seine Erläuterungen hier zum Teil in einem irreführenden Kontext eingeflochten wurden. Die Botschaft vom ORF verfolgt derzeit ein klares Ziel: Es gibt kein normales Wetter mehr, sondern nur noch Unwetter und heftige Unwetter. Und die Ursache ist immer der Klimawandel. Aber ganz so ein einfach ist es nicht, denn Wetter ist ungleich Klima, das gilt selbst in Zeiten der Klimaerwärmung. Niederschlag ist per se der Parameter mit der höchsten Variabilität und am schwierigsten flächendeckend zu messen mit einer Vielzahl von Einschränkungen. Starkniederschlag, der von konvektiven Wolken (Schauer, Gewitter) verursacht wird, macht eine statistische Aussage noch schwieriger. Für die Gewitterentstehung ist die relative Luftfeuchte nur eine Zutat, es braucht zusätzlich eine instabile Atmosphäre sowie Hebungsantrieb, damit konvektive Wolken soweit aufsteigen können, dass sie die Eisphase erreichen.

In dem ORF-Artikel über die zunehmenden Unwetter durch den Klimawandel gerät leider einiges durcheinander, was ich im Folgenden klarstellen möchte:

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In der Kürze liegt nicht immer die Würze

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Kräftiges Gewitter im Steinfeld am 03. Juni 2020

Die Pandemie ist selbstverständlich nicht vorüber – in vielen Ländern, wo die Schulen wieder geöffnet wurden, steigen die Infektionszahlen wieder. Ebenso gibt es erwartbare Wiederanstiege durch deutliche Lockerungen, etwa mit Gottesdiensten oder Restaurantöffnungen. Die wirtschaftlichen Folgen werden uns noch monate-, eher jahrelang beschäftigen, bevor man überhaupt von einem Ende der Pandemie sprechen kann. Am auffälligsten während dem Lockdown in Mitteleuropa war die anhaltende Trockenheit. Etliche Tage zu Zeiten der Ausgangsbeschränkungen waren sonnig und trocken. Das gesamte Quartal 2020 fiel deutlich zu trocken und zu warm aus. Die Böden staubten Anfang Mai wie sonst am Ende eines trockenen Hitzesommers, viele kleineren Bäche und Flüsse führten Niedrigwasser oder waren sogar ganz ausgetrocknet. Der Neusiedler See hatte den niedrigsten Wasserstand in einem Mai seit Aufzeichnungsbeginn 1965. Im Mai selbst änderte sich die Großwetterlage zu der Konstellation, wie sie jetzt Anfang Juni in wesentlichen Zügen immer noch vorherrscht, mit einem umfangreichen Trog über Mitteleuropa, flankiert von hohem Luftdruck über Westeuropa und Nord- bzw. Osteuropa. Mit durchschnittlich 266 Stunden war der Mai in Großbritannien der sonnigste seit Aufzeichnungsbeginn. In Sibirien war der Mai durchschnittlich zehn Grad wärmer als im Mittel 1981-2010. Im Norden Skandinaviens war das Tauwetter ungewöhnlich heftig, was zu verheerenden Erdrutschen und Hochwasser führte. Bemerkenswert auch die +20,6°C in Lappland bei einer Schneehöhe von 26cm, es gab zwar schon höhere Höchstwerte bei jeglicher Schneelage, aber noch nie bei so viel Schnee. Global gesehen war der Mai noch nie so warm seit Beginn der Aufzeichnungen, darüber kann auch nicht der Fakt hinwegtäuschen, dass er in Österreich letzendlich leicht zu kühl ausfiel, weil wir die meiste Zeit unter Tiefdruckeinfluss standen.

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