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Wiener Lurcheffekt am 19. Juli 2026 – kleine Analyse

Konvergenzlinie von Rax-Schneeberg ausgehend bis knapp südlich an den Föhrenbergen vorbei, Standort: Julienwarte am Höllensteinhaus, 11.35 Uhr MESZ

Ein weiteres Fallbeispiel für den „Wiener Lurcheffekt“ (Blogtext) war der Sonntag, 19. Juli 2026:

ICON D2-Lokalmodell vom Samstag, 18. Juli, 15z-Lauf, 1-Std.-Niederschlag gültig für 14-15 Uhr MESZ in mm, Quelle: wetterzentrale.de

Das deutsche Lokalmodell rechnete Samstagvormittag noch Gewitter quer über Wien, am Nachmittag dann plötzlich nurmehr südlich von Wien. Gewitter sollten auch nördlich der Donau durchziehen, nur Wien auslassen. Was war geschehen? Das hing stark mit der tagesaktuellen Entwicklung zusammen. Gewittercluster zogen am Samstagnachmittag über Bayern hinweg und lösten eine Druckwelle (auffrischender Westwind) im Donauraum aus, die das östliche Flachland in der Nacht auf Sonntag erreichten. Dieser Westwind brachte etwas kühlere und trockenere Luft.

Windrichtung am Sonntag, 19. Juli 2026, 10 Uhr MESZ (links) und Radiosondenaufstieg Wien Hohe Warte um 14 Uhr (rechts) – kachelmannwetter.com (Beobachtungen und Radiosonden)

Am Sonntagvormittag dominierte im Wiener Stadtgebiet weiterhin Westwind, das Windfeld war erst weiter südlich konvergent mit rückdrehenden Südwinden. Westwind über den Wienerwald bedeutet Lee-Effekte, also absinkende Luftmassen und Stabilisierung! Dabei war das Vertikalprofil nicht ungünstig für Gewitter – immerhin hochreichend labil bis 10km Höhe, wenn auch eher „skinny CAPE“ (schmale Labilitätsfläche). Doch das labilste Profil nützt nichts, wenn die Luft absinkt statt aufzusteigen.

Satellitenbild Wolkenphase um 13 Uhr (links) und 15 Uhr (rechts) – kachelmannwetter.com

Zum Zeitpunkt der Ausbildung der Gewitterlinie, die von Südtirol über die Tauernregionen bis vor den Toren von Wien reichte, herrschte im Donauraum schon Westwind bis Wien mit stabileren Luftmassen. Von dort folgten am Nachmittag eingelagerte Schauer nach, aber keine Gewitter mehr.

Bei der Kaltfront am 1. Juli war es sehr ähnlich, das hab ich nachgeschaut. Auch da brach der Westwind schon vor der Kaltfront durch und Wien wurde ebenfalls ausgelassen. Detail am Rande: Für Wien bzw. das östliche Flachland ist es nicht so ungewöhnlich, dass Kaltfronten trocken durchgehen. Meist gibt es dann am Folgetag aber noch labiles Rückseitenwetter (Höhentrog mit Nordwestströmung) und der Waldviertelexpress trifft den Wiener Raum mit Schauern, oder es herrscht zwar bodennah Nordwest, in der Höhe aber noch Südwest, weil die Trogachse westlich von Wien liegt. Dann zieht gewittriger Starkregen von Südwesten her durch.

Diese Konstellation fehlt aber seit einigen Jahren immer häufiger. Kaltfronten gehen trocken durch, und der Hochdruckeinfluss nimmt wieder zu. Oder es folgt trockene Kaltluft. Im Hitzesommer 2019 habe ich diese „Drylines“ erstmals bewusst beobachtet. Grund dafür ist, dass der Trog nicht mehr weit genug nach Süden vorstößt, damit wir auf dessen Vorderseite gelangen bzw. sich ein Italientief bilden kann – für letzteres ist der Trog zudem zu weit östlich (darum auch Fortsetzung der Dürre in Frankreich).

Die Großwetterlage am Montagfrüh danach:

GFS 6z-Analyse vom Montag, 20. Juli 2026 (wetterzentrale.de), 500hPa Geopotential + Temperatur, Bodendruck

Das Hoch über dem Atlantik und das Höhentief vor der Iberischen Halbinsel blockieren sich gegenseitig („Hoch über Tief“-Lage). Damit hat das abtropfende Höhentief über Polen freie Bahn bis Mitteleuropa. Beim Alpenraum ist dann aber Ende der Ausbaustrecke, denn über dem gesamten Mittelmeerraum hält sich sehr hohes Geopotential mit absinkenden Luftmassen und Extremhitze (Sardinien am 19. Juli: 47,8°C in Santa Lucia-Uta). Deswegen bleibt die Luftmassengrenze über den Südalpen liegen, wo weiterhin wärmere und labile Luftmassen vorherrschen.

Ozapft is! Gewittersaison am 05. April eröffnet.

Radarbild des slowakischen Wetterdiensts am 05.04.26, 21.15 Uhr MESZ (mit Blitzentladungen)

Der heutige Tag verlief nicht ganz nach Plan der Vorhersagen. Die Schauer und Gewitter der Kaltfront hätten nicht vor 23 Uhr den äußersten Osten erreichen sollen. Stattdessen zogen die ersten Schauer schon gegen 18 Uhr nach Oberösterreich. Gegen 20 Uhr verstärkte sich ein Schauer zu einem Gewitter über Wien. Dabei gab es mehrere Blitzentladungen und kurzzeitig starken Regen – ein herrliches Geräusch.

Der Grund für den frühen Start in die Gewittersaison ist eine Konstellation zweier Sturmtiefs mit einem Hoch dazwischen. Der Mechanismus geht so:

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Wien: Untypische Windverhältnisse für Gewitter

Am Sonntag, 14. Juni 2020, gewitterte es am frühen Nachmittag kräftig in Wien, nachdem es vormittags noch so aussah, als würde der Tag eher trocken verlaufen (Gewitterflop). Die Wettermodelle gingen allerdings weit auseinander, manche sagen den Nachmittag komplett trocken, andere von Südosten Schauer und Gewitter durchziehen.

Der Grund, weshalb ich mich dazu verleiten ließ, keine Gewitter anzunehmen: Es herrschte kräftiger Westnordwestwind am Boden und damit stabilisierende Absinkeffekte vom Wienerwald her. Der Wind erreichte bereits am Vormittag, rund sechs Stunden früher als erwartet, Spitzen bis 70 km/h. Schauer und Gewitter entstanden zunächst ausschließlich am Wienerwald und westwärts davon.

wiengewitter

Nun gibt es eine Konstellation, bei der trotz bodennahem Westwind Gewitter über Wien zustandekommen können: eine kräftige Südostströmung. Diese lag aber nur bedingt vor, der Wetterballonaufstieg von Wien um 14 Uhr (rechts oben) zeigte höchstens 15kt Südostwind in der Höhe, das reicht im Normalfall nicht aus, um den starken Westwind (um 14 Uhr: 40kt in 3km Höhe) darunter zu überwinden. Der Aufstieg zeigt aber noch reichlich potentielle Energie oberhalb von 2km Höhe bis zur Tropopause (ca. 12km), im Falle von genug Hebung waren Gewitter ohne weiteres möglich, man spricht dann von elevated convection (entkoppelter Konvektion), weil die Bodenschicht irrelevant ist.

Das bodennahe Windfeld (links oben) um 13 Uhr zeigte eine langgestreckte Bodenkonvergenz mit Westwind versus Ostwind von Tschechien über die mittlere Slowakei bis Ungarn reichend. Dort verlief auch die sogenannte surface heat axis, die wärmste und energiereichste Luftmasse, flankiert von etwas kühleren und stabileren Luftmassen. Hier entstanden immer wieder Gewitter, über der Slowakei und Ungarn regelrecht explosiv mit der Bildung eines großen Gewittersystems (Multizellencluster). Dieser wurde advektiv, also mit der Südostströmung, Richtung Ostösterreich verlagert. Im Vorfeld entstand das kurze Gewitter über Wien, vor allem mit starkem Regen, aber ohne Hagel. Hagelgewitter sind generell untypisch für elevated convection. Großräumig gesehen war Hebungsantrieb vorhanden, und zwar entlang eines schmalen, langgestreckten dunklen Streifens im Wasserdampfbild (rechts unten, 06 Uhr), der von Serbien über Ungarn und Slowakei bis in den Südwesten von Tschechien und das deutsche Vogtland reichte. Solche dunklen Streifen verkörpern Dellen in der Tropopause (Tropopausenfalten) und sind mit potentieller Vorticity (Hebungsmaximum) gefüllt. Sie bzw. die Wasserdampfgradienten selbst fungieren oft als Ausgangsorte für Schauer und Gewitter.

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Wasserdampfbild zum Zeitpunkt des Gewitters in Wien, 14. Juni 2020, 15 Uhr

Entlang dieses Wasserdampfgradienten entwickelte sich der Multizellencluster über Slowakei und Ungarn (in Budapest gab es über vier Stunden lang Gewitter). Er kam – und da war meine Skepsis berechtigt – kaum westwärts voran. Es regnete zwar am späten Nachmittag nochmals kräftig, aber es gab dazu nur wenige Entladungen. Das Hauptregengebiet blieb östlich von Österreich. Hier machte sich dann doch der starke Westwind bemerkbar, sodass es am Abend bereits überwiegend trocken blieb.

Sturmtief SABINE

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Durchzug von Sturm SABINE in Wien: Ein laues Lüfterl mit viel Sonnenschein – Donauinsel Höhe Floridsdorfer Brücke am Nachmittag, © Felix W.

Die Intensität des Sturmtiefs und der Ablauf der Kaltfront waren schon vor einer Woche gut prognostiziert, damit steht die Vorhersagequalität den berühmten Vorgängern Emma (01.03.08) und Kyrill (18.01.07) in nichts nach, was aber auch an der Größe des Systems gelegen haben mag. Je größer der Umfang der Tiefdruckgebiete, desto zuverlässiger die Prognose. Auch das Windmaximum im Alpenvorland wurde korrekt prognostiziert, mit 154 km/h in Fürstenzell (Niederbayern) wurde auch im Flachland eine extreme Windböe gemessen (Modellverifikation im Thread von Janek Zimmer, kachelmannwetter.com). Weiterlesen →

Der Wiener Lurcheffekt

Beispiele für den „Wiener Lurcheffekt“ aus den Jahren 2016 und 2024

In Österreich verwendet man Lurch ugs. für „Ansammlung von Hausstaub“, „unter den Möbeln liegt der Lurch“, in Deutschland Staub- oder Wollmaus genannt. Jedenfalls etwas, das man nicht haben will, das zuwider ist. Ein befreundeter oberösterreichischer Meteorologe, der lange in Wien gelebt hat, assoziierte damit die Nachteile der Großstadt: Dreck, Staub, Lärm, Verkehr, dichte Bebauung. Daraus entstand die Wortkreation „Wiener Lurcheffekt“ – die Situation, wenn Gewitter aus allen erdenklichen Gründen die Hauptstadt meiden wie der Teufel das Weihwasser, als ob sie die Großstadt abstoßender finden würden als die ländliche Umgebung.

Das erste Mal erwähnte ich hier den Wiener Lurcheffekt am 27. Juli 2016. Dieser Beitrag findet dank diverser Verlinkungen auf Social Media bis heute große Reichweite, wenn man nach „Lurcheffekt“ sucht. Nach rund zehn Jahren kann ich den Beitrag mit ein paar Beispielen aufdröseln und entsprechend anschaulicher machen. Manche beschriebene Wetterlagen scheinen zugleich seitdem deutlich seltener geworden zu sein – in meinen Augen bereits erste Auswirkungen der Klimaerwärmung.

zweites Update, 18. Juli 2026

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