ESTOFEX mit Level-3-Prognose für den Südosten von Österreich mit der primären Gefahr von Großhagel in dem Gebiet, wo die AUA-Maschine vom Hagel getroffen wurde (vollständiger Text)
Laut mehrerer Medienberichte, unter anderem vom Branchenmagazin AustrianWings, sei die Gewitterzelle im Bordradar nicht sichtbar gewesen. Die Entwicklung der Gewitterlage zeigte hingegen ein klares Bild einer isolierten Großhagelzelle, die gut im Wetterradar am Boden und im Satellitenbild sichtbar war. Laut Zeitungsberichten flog der Pilot in FL200 (6km Höhe) in das Gewitter – in dieser Höhe ist noch unterkühltes Flüssigwasser zu erwarten und damit gut sichtbarer „feuchter“ Hagel.
Über technische Störungen und „Human“ Factor will ich hier nicht urteilen. Ich beleuchte den Tag aus meteorologischer Sicht:
Der 8. Juni 2024 markiert den vorläufigen Höhepunkt des unwetterträchtigen Frühlings, als sich in Deutschfeistritz im Murtal für mehrere Stunden ein heftiges Gewitter entlud und der durch das Ortsgebiet führende Übelbach einen Wasserstand/Abfluss erreichte, der statistisch nur alle 300 Jahre auftritt. Das führte im Ort zu massiven Sachschäden, glücklicherweise gab es keine Verletzten oder Toten zu beklagen. Die behördlichen Katastrophenwarnungen per App sind laut Ortsansässigen ausgeblieben, Sirenenalarm ertönt üblicherweise nur bei Feuerwehreinsätzen – wenn es bereits zu spät ist. Im Theater fand gerade eine Veranstaltung statt, als die Flutwelle kam.
Auch in anderen Regionen kam es zu extremen Hochwasser mit HQ30-100-Wasserständen. Das lässt sich entsprechend an den gefallenen Niederschlagsmengen ablesen: Bad Vöslau 23mm in 20min, Schöckl 18mm in 10min, St. Radegund 56mm in 20min (75mm in 1h), Kleinzicken 77mm, Dürnbach 86mm und Wörterberg 69mm in wenigen Stunden. Eine private Wetterstation im Süden von Deutschfeistritz registrierte 67mm in wenigen Stunden, davon 38mm in 1 Std.
Seit Jahrzehnten wissen wir, dass durch die globale Erwärmung mehr Wasserdampf in der Atmosphäre ist und bei konvektiven Ereignissen zu intensiveren Niederschlägen führen kann. Das gestrige Unwetter war kein „nie“ dagewesen, das trifft auf der räumlich begrenzten Natur von Gewittern auf etliche Orte in Österreich zu, sondern trat in den vergangenen Jahren immer wieder auf, etwa 2012 in Oberwölz, 2013 im Liesing-Paltental, 2016 in Simbach am Inn. Unwetterereignisse kommen oft in mehreren Serien an Schwergewittern oder Überflutungen, was an der Erhaltungsneigung von Großwetterlagen liegt. Seit dem Hitzestart Anfang April hat sich der Trog Mitteleuropa mit nasser Witterung festgefahren und wechselte lediglich mit Juni auf die schwülwarme Seite.
Es kommen jetzt natürlich auch Stimmen, dass es laut Dorfchronik dann und wann schon vergleichbare Ereignisse gegeben habe. Das ist ähnlich sinnvoll wie zu sagen, im Jahr 1342 habe es mit der Magdalenenflut auch schon ein riesiges Hochwasser gegeben. Dies wäre nur dann von Relevanz, wenn es keine Entwicklung der Bevölkerungszahlen geben würde. Es ist aber Fakt, dass im Jahr 2024 rund 8 Milliarden Menschen auf der Erde lebten, im 13. Jahrhundert waren es nur 450 Millionen. Die Besiedlungsdichte hat sich verändert. Täler sind nun mal attraktiver als Kirchenhügel. Das heißt aber auch, dass ein Hochwasser der Größenordnung 1342 oder eine Flutwelle in einem Gebirgstal in der heutigen Zeit viel folgenreichere Auswirkungen hat. Daher muss Prävention möglichst beide Faktoren abdecken: Die weitere globale Erwärmung begrenzen und Hochwasserschutz auf zunehmende HQ100-300-Ereignisse angepasst ausbauen. Zudem sollte der unmittelbare Schutz von Leib und Leben den Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts angepasst werden: Eine funktionierende Warnapp und Sirenen vor Ort. Mit Rückblick auf die gestrige EU-Wahl einen Tag nach dem Unwetter, wo trotzdem 35% der Bewohner die Klimaleugner-Partei FPÖ gewählt haben, muss man leider sagen, dass die Notwendigkeit von Klimaschutz offenbar nicht in den Köpfen angekommen ist.
Ebenso wie die Flutkatastrophe in der Eifel am 14.-15. Juli 2021 und das große Hochwasser im Saarland und Rheinland-Pfalz vom 16.-18. Mai 2024 hat sich auch das Hochwasserpotential über Süddeutschland vom 30. Mai bis 2. Juni 2024 tagelang abgezeichnet. Die Wettermodelle haben die Niederschlagsmengen eher ein wenig zurückgefahren, unter Vorbehalt, da die konvektive Natur beibehalten wurde. Konvektive Verstärkung sorgt immer für höhere tatsächliche Gesamtmengen als stratiform gerechnete Modellniederschläge. In den Medien wurde auch frühzeitig getrommelt und von einem möglichen Jahrhunderthochwasser gesprochen. Durch rechtzeitige Vorbereitungen konnte (Stand 02. Juni 2024) eine hohe zivile Opferzahl vermieden werden.
Ein überregionales Donauhochwasser war leider überfällig, zuletzt Anfang Juni 2013 aufgetreten, als entlang der Donau bei Passau die höchsten Wasserstände seit über 500 Jahren gemessen wurden. Mit 2010, 2008, 2005, 2002, 1999 gab es die Jahre davor regelmäßig größere Hochwässer an Donau und Inn. So gesehen stellten die letzten elf Jahre eine außergewöhnliche Ruhephase dar. Und dennoch kamen die Regionen vergleichsweise glimpflich davon, denn die Schneefallgrenze sank während dem Hauptereignis am 30. Mai und 1. Juni zeitweise gegen 1400m Seehöhe ab. Dadurch konnte viel Niederschlag in den Nordalpen in fester Form gebunden werden und wurde nicht unmittelbar abflusswirksam. Wie die Fallstudie zeigen wird, lag der Niederschlagsschwerpunkt im Alpenvorland, mit Ausnahme des Bregenzerwalds.
Wie bei jedem Hochwasser spielen neben dem gefallenen Niederschlag auch menschliche Einflüsse wie Flussbegradigungen und Verringerung von natürlichem Überschwemmungsgebiet eine wichtige Rolle. Wo sich vor hundert oder zweihundert Jahren Bäche und Flüsse noch ungehindert ausbreiten konnten, erhöht sich jetzt die Fließgeschwindigkeit und der Pegelstand, was bei anhaltendem Wasserdruck dann zu Deich- und Dammbrüchen wie an der Paar führen kann.
Zur Einordnung des Hochwassers muss man daher berücksichtigen, dass das Ausmaß des Hochwassers nicht außergewöhnlichverglichen mit Pfingsten 1999, August 2002 oder Juni 2013 ist. Wohl aber bewegen sich die Niederschläge selbst gebietsweise im Bereich eines 100jährlichen Ereignisses. In Bregenz wurde ein neuer Mairekord mit 148mm Tagesniederschlag aufgestellt. Am Pfänder fielen in 3 Tagen sogar 228mm. Die Ursache für diese Extremniederschläge hängt dann sehr wohl mit der Erderwärmung zusammen, denn Nord- und Ostsee sowie die Obere Adria sind teilweise deutlich wärmer als im langjährigen Mittel – und von dort kam diese feuchte und hochlabile Luftmasse.