Schwergewitter über dem Wiener Becken am 24. Juni 2021
„Hochwässer in Trockenperioden hängen nicht mit den trockenen Böden zusammen, sondern mit der hohen Gewitterhäufigkeit. Es ist sehr viel Energie in der Atmosphäre, weil es so heiß ist. Das führt zur Gewitterbildung und die zu den Murenabgängen.“
Hydrologe Günter Blöschl, ZiB2/Der Standard, 31.07.26, abgerufen um 08.30 Uhr
Diese Aussage ist so nicht korrekt, um das klarzustellen. Gewitter sind in der Trockenperiode 2025/2026 weder besonders häufig noch reicht Hitze für Gewitterbildung aus. Sonst hätten wir nicht die Probleme mit Trockenheit im Alpenraum (und ganz Europa), denn es ist überall heiß und demzufolge müsste es überall ständig gewittern.
Moderne Meteorologen arbeiten mit dem konzeptionellen Modell der „Zutaten basierenden Gewittervorhersage“ – das heißt, Voraussetzung für Gewitterbildung sind Feuchte, Instabilität („Energie“) und Hebungsantrieb. Unbestritten wichtig ist Labilitätsenergie, die der Hydrologe hier genannt hat, aber ohne Feuchte und Hebung reicht das nicht für Gewitterbildung aus. Nachfolgend erkläre ich, warum es wichtig ist, hier korrekt zu bleiben:
300hPa Geopotential + Jetstream (EZMWF 00z-Lauf, gültig für Samstag, 09. Mai 2026, 15 UTC)
Die Gewitterlage war insofern spannend, dass die durchschwenkende Trogachse sich in zwei Seitentröge aufgespaltet hat. Beide waren äußerst wetteraktiv. Überdies lehrbuchhaft waren die Neubildungen an einer Outflow Boundary über Oberösterreich, mit anhaltender Schauer- und Gewitteraktivität im Mühlviertel bis zum Linzer Becken. Die eigentliche Überraschung erlebte ich dann am Abend beim Blick aufs Wasserdampfbild – dazu später mehr.
Ich gebe es offen zu: Ich gehöre zu den „altbackenen“ Meteorologen, die großen Wert auf Textprognosen legen. Warum? In ausformulierten Wetterberichten kann man eigene Erfahrungen besser einbringen und Unsicherheiten und Gefahren ausdrücken, etwa zum Gewitterrisiko oder der Gefahr starker Föhnstürme. Wenn ein Modell bei Südföhn 40 km/h Spitzen ausgibt, können es in prädestinierten Tallagen oder besonders anfälligen Gipfeln durchaus 80 oder 100 km/h Spitzen sein, was ich textlich entsprechend abfangen kann.
Die bereits erfolgte Neuerung (siehe auch diese Meldung hier) suggeriert eine Genauigkeit mit „0 oder 1“, die so nicht haltbar ist, da es sich um sogenannten „direct modeloutput“ handelt – um Gitterpunkte eines Modells, wo für Orte dazwischen interpoliert wird. Im Modell ist der Berg aber meist nicht so hoch wie in der Realität und es kommen fiktive Werte heraus, die so nicht eintreffen werden. Der Laie weiß das aber nicht. Er weiß auch nicht, was 30 oder 50% Gewitterwahrscheinlichkeit bedeuten. Gewittert es dann ein Drittel oder die Hälfte des Tages? Bedeutet 30% Gewitterwahrscheinlichkeit „unwahrscheinlich“? Oder liegt das simulierte Radarecho vielleicht knapp am Rande des Gitterpunkts, während 10km weiter ein Volltreffer zu erwarten ist – dort aber unglücklicherweise die Tour stattfindet?
Es ist längst keine Neuigkeit mehr, dass die Lese- und Schreibkompetenz durch Digitalisierung, Social Media und KI-Einsatz leidet. Es erschließt sich mir bis heute nicht, warum Meteorologinnen und Meteorologen an ihrer eigenen Abschaffung mitarbeiten. Warum beschleunigen wir diese fatale Entwicklung?
Der heutige Tag verlief nicht ganz nach Plan der Vorhersagen. Die Schauer und Gewitter der Kaltfront hätten nicht vor 23 Uhr den äußersten Osten erreichen sollen. Stattdessen zogen die ersten Schauer schon gegen 18 Uhr nach Oberösterreich. Gegen 20 Uhr verstärkte sich ein Schauer zu einem Gewitter über Wien. Dabei gab es mehrere Blitzentladungen und kurzzeitig starken Regen – ein herrliches Geräusch.
Der Grund für den frühen Start in die Gewittersaison ist eine Konstellation zweier Sturmtiefs mit einem Hoch dazwischen. Der Mechanismus geht so:
Stanzer Tal im Tiroler Oberland. Die Mittagspitze liegt südwestlich von Flirsch. Das Gewitter kam aus Südwesten. Der Unglücksort lag an der Nordostflanke auf 2268m.
Am Sonntag, 15. Juni 2025, wurden 3 Bergsteiger beim Abstieg von der Mittagspitze (2635m, Verwallgruppe) vom Blitz erschlagen. Laut Zeitungsberichten sind sie mit dem Auto bis zur Ganatschalpe gefahren (1854m, ca. 8km Fahrtstrecke). Gegen 12.30 bis 12.45 Uhr waren sie am Gipfel. Dort informierten sie ihre Angehörigen über den Abstieg, nachdem sich ein Wetterumschwung abzeichnete. Um 13.27 Uhr MESZ schlug laut Blitzortungssystem ALDIS an der Unglücksstelle ein negativer Blitz mit 9 Kiloampere ein. Vom Notarzthubschrauber wurden sie in flacherem Gelände auf 2268m Seehöhe gefunden.
Die als erfahren geltenden Alpinisten aus dem Stanzer- und Paznauntal, darunter ein Bergretter, sind den Angaben zufolge wahrscheinlich gegen 10 Uhr aufgestiegen, wenn man annimmt, dass sie für die knapp 800 Höhenmeter nicht übermäßig flott unterwegs waren.
„In Oberösterreich führte ein plötzlicher Wetterumschwung in den Bergen zuletzt im Juli 2024 zu einem tödlichen Unfall. Aufgrund eines Blitzschlags löste ein Bergsteiger am Klettersteig am Donnerkogel die Sicherung und stürzte ab.“(OÖ ORF, 17.06.25)
Das Unglück in der Verwallgruppe hat Parallelen zum an den Todesfall am Dachstein-Klettersteig im vergangenen Jahr (siehe meine Analyse): eher später Aufbruch zur Tour, Gewitter vorhersagt und Abstieg mit dem Rücken zur aufziehenden Gewitterfront. Auch bei den Toten am Alpinweg beim Dürrenstein (Ybbstaler Alpen) am 18. August 2022 wurde die Zugrichtung des Gewitters bei zu spätem Aufbruch zum Verhängnis (Analyse).
Vorab: Mir geht es bei solchen Analysen nicht um Schuldzuweisungen. Ich möchte verstehen, wie tragische Ereignisse in Zusammenhang mit Wetter zustande kommen und ob man daraus Lehren ziehen kann. Manchmal komme ich auch zum Schluss, dass es als Laie kaum eine realistische Chance gegeben hat, der Katastrophe vorzubeugen (wie etwa im August 2022 in St. Andrä im Lavanttal).
Update, 18.06.25 – 09.52 Uhr – Erläuterungen zum Radiosondenaufstieg und zum Wasserdampfbild ergänzt.