
„Hochwässer in Trockenperioden hängen nicht mit den trockenen Böden zusammen, sondern mit der hohen Gewitterhäufigkeit. Es ist sehr viel Energie in der Atmosphäre, weil es so heiß ist. Das führt zur Gewitterbildung und die zu den Murenabgängen.“
Hydrologe Günter Blöschl, ZiB2/Der Standard, 31.07.26, abgerufen um 08.30 Uhr
Diese Aussage ist so nicht korrekt, um das klarzustellen. Gewitter sind in der Trockenperiode 2025/2026 weder besonders häufig noch reicht Hitze für Gewitterbildung aus. Sonst hätten wir nicht die Probleme mit Trockenheit im Alpenraum (und ganz Europa), denn es ist überall heiß und demzufolge müsste es überall ständig gewittern.
Moderne Meteorologen arbeiten mit dem konzeptionellen Modell der „Zutaten basierenden Gewittervorhersage“ – das heißt, Voraussetzung für Gewitterbildung sind Feuchte, Instabilität („Energie“) und Hebungsantrieb. Unbestritten wichtig ist Labilitätsenergie, die der Hydrologe hier genannt hat, aber ohne Feuchte und Hebung reicht das nicht für Gewitterbildung aus. Nachfolgend erkläre ich, warum es wichtig ist, hier korrekt zu bleiben:
Feuchte

Feuchte kann durch lokale Verdunstung bereitgestellt werden, über Gewässern, Mooren oder Waldgebiete, die Feuchtigkeit länger speichern als exponierte Wiesen ohne Schatten. Auch Feuchteflusskonvergenzen spielen hier eine Rolle, das heißt, bodennah strömen unterschiedliche Windrichtungen zusammen und erhöhen die Feuchtigkeit, die dann ausgepresst werden kann wie ein Schwamm. Feuchte ist aber nicht nur am Boden relevant, sondern auch in der Höhe. Vor allem dort, könnte man sagen, denn in einer sehr trockenen Atmosphäre verdunsten die Quellwolken sofort wieder. Es bilden sich an heißen Hochsommertagen wie derzeit manchmal mächtige Quellwolken, die aber von unten und von der Seite wieder vertrocknen, auch „turkey tower“ genannt.

Ideal für Gewitterbildung ist feuchte Luft zwischen 3 und 6km Höhe. Wenn die Feuchtigkeit darüber zu hoch ist, bilden sich dichte Schleierwolken (Cirrus), die die Sonneneinstrahlung abschirmen und damit bodennah stabilisieren. Die Feuchtezunahme in dieser mittleren Höhe sieht man gut anhand von Altocumulus-Bewölkung


Beide Wolkengattungen sind zuverlässige Gewittervorboten. In beiden Fällen gab es zwei bis drei Stunden später Gewitter. Bisweilen sieht man sie nur früh am Morgen und sie zerfallen rasch wieder, dann ist der Himmel wolkenlos, aber es dauert nicht lange, bis erste Quellwolken entstehen. Manchmal können auch nur Schauer entstehen, wenn die vertikale Schichtung ungünstig ist. Bottom Line ist aber, dass sie Feuchte in mittleren Atmosphärenschichten andeuten, wo sich rund zwei Drittel einer Schauer- bzw. Gewitterwolke befinden und die stärksten Aufwinde herrschen.
Labilitätsenergie
Damit Luft überhaupt aufsteigen kann, muss sie wärmer sein als die Umgebungsluft. Dann spricht man von Labilität (oder Instabilität). Luft kann aufsteigen, weil die Sonne einheizt, sie kann aber auch aufsteigen, weil die gesamte Luftmasse gehoben wird (s.u.). Wenn die Luft sehr trocken ist, bilden sich gar keine Wolken oder nur sehr flache, harmlose Quellwolken. Wenn die Luft feuchter ist, steigt die Luft auf, bis sie das Hebungskondensationsniveau erreicht, also auf den Taupunkt abgekühlt hat. Dort haben wir die Wolkenuntergrenze. Die Mächtigkeit der Wolken hängt nun davon ab, wie lange das aufsteigende Luftpakets wärmer ist als die Umgebung. Spätestens bei der Tropopause ist dann Schluss, also dem Übergang in die Stratosphäre, wo die Luft generell wärmer wird als in der Troposphäre. Kann das Luftpaket soweit aufsteigen, bilden sich meist, im Hochsommer immer Gewitter.
Der Hydrologe sagt nun, weil es heiß ist, würden sich Gewitter bilden. Schauen wir auf den Donnerstag, 30. Juli 2026, als in Wien über 38°C erreicht wurden.

Das Vertikalprofil zeigt grün den Taupunkt und rot die Temperatur. Die schwarze Linie ist die Temperatur eines aufsteigenden Luftpakets, das wärmer ist als die Umgebung. Die zwischen Umgebungstemperatur (rot) und Luftpaket eingeschlossene Fläche ist die Energie (Labilitätsfläche) in J/kg, von der ständig geredet wird. Gut, es ist heiß und es ist Energie vorhanden, aber warum hat es in Wien nicht gewittert? Richtig, weil die Luftschichten sehr trocken sind – und zwar sowohl am Boden als auch in der Höhe. Wenn man genau schaut, sieht man zwischen 1 und etwa 2,5km Höhe eine weitere, schmale Fläche, wo die Umgebungstemperatur höher ist als die des aufsteigenden Luftpakets. Das ist der sogenannte CINH (Convective Inhibition), hier rund 20-40 J/kg. Das ist jene Energie, die aufgewendet werden muss, damit das Luftpaket weiter aufsteigen kann. Der Betrag ist hier relativ gering, hat aber ausgereicht, um hochreichende Quellwolkenbildung zu verhindern.
Zudem fehlte der Hebungsantrieb, es gab also keine lokalen Fronten, um Luftpakete zu heben und die Atmosphäre damit anzufeuchten.
Hebungsantrieb
Unter Hebung oder Hebungsantrieb verstehen wir Meteorologen einen Mechanismus, der auf verschiedenen Skalen Luftpaketen Auftrieb verschafft, sodass sie wärmer als die Umgebung werden und aufsteigen können. Der häufigste Mechanismus sind Fronten – Warmfront, Kaltfront, Okklusion. Im Sommer spielen auch kleinräumige Fronten- bzw. Luftmassengrenzen eine Rolle, etwa Drylines (Dichteunterschiede, eine deutlich trockenere Luftmasse strömt heran , Outflow Boundaries (aus einem Gewitter ausströmende Kaltluft, die durch Verdunstungskälte entsteht, wenn der Niederschlag in trockene Luftschichten fällt und/oder Hagel schmilzt), es geht auch noch kleinräumiger durch Land-Seewind-Zirkulation oder wenn die aufgeheizten Alpen ein lokales Tiefdruckgebiet bilden und Luft aus dem Alpenvorland ansaugen (alpines Pumpen). In allen Fällen kommt es zu einem mehr oder weniger ausgeprägten Windsprung entlang einer Linie („Konvergenz“). Diese Luftmassengrenzen sind also die Orte, wo Hebungsantrieb herrscht.
Beispiel für eine lehrbuchhafte Outflow Boundary, die sich von einem großen Gewittercluster über Tschechien gelöst hat und sich als tiefe Bewölkung bis kurz vor Wien und bis zum Alpenostrand fortpflanzte. Im Bereich der Voralpen wurden einzelne Gewitter ausgelöst, in Wien blieb es trocken.

Drylines entstehen, wenn gealterte Kaltfronten in ein Hochdruckgebiet hineinlaufen und wetterinaktiv werden. Outflow Boundaries setzen die Präsenz von Gewittern voraus, da gibt es also noch einen weiteren Hebungsantrieb, denn die Gewitter müssen vor den Outflow Boundaries entstehen sein. Dieser weitere Hebungsantrieb ist der Knackpunkt für die zutatenbasierende Gewittervorhersage:
Ich weiß, das ist nicht leicht zu verstehen, aber gleichzeitig auch ein Wink mit dem Fingerzeig, dass es nicht „nur Wetter“, das Smalltalk-Thema ist, sondern eine ganze Wissenschaft zugrundeliegt.

Die Karten zeigen Europa, im Ausschnitt Mitteleuropa. Die schwarzen Linien entsprechen der 500hPa Druckfläche in verschiedenen Höhen. Grün mit Buchstabe T sind Tiefdruckgebiete und abgeschlossene H’s Hochdruckgebiete. Unser Wetter am Boden ist untrennbar mit der Druck-, Temperatur-, Feuchte- und Windverteilung in der Höhe verbunden. Was sich oben ändert, wirkt sich unten aus. Großräumig sehen wir hohes Geopotential über Südeuropa – dort war es heiß und trocken und dieser Bereich umfasste auch den Alpenraum. Der Wind weht parallel zu den Isolinien, also aus südwestlicher Richtung. Höhenrücken, also die Achse eines Hochdruckgebiets, sind konkav ausgestülpt – hier: Von Süd nach Nord, z.B. im Ausschnitt von Ungarn über den Osten von Tschechien bis zur Ostsee reichend. Höhentröge, also die Achse von Tiefdruckgebieten, sind konvex ausgestülpt, und da wird es interessant, denn im blauen Kreis rechts sieht man eine deutliche „Delle“ über dem zentralen Alpenraum, etwa im Bereich der späteren Unwetter, die im Ötztal den schweren Murenabgang ausgelöst haben. Diese Delle bedeutet, dass hier Tiefdruckeinfluss in der Höhe herrscht. Je aufgeheizter die Luftmasse, desto schwächer ausgeprägt müssen diese Dellen sein, um als jener Mechanismus zu fungieren, den wir Hebungsantrieb nennen.
Damit haben wir alle drei Zutaten zusammen:
- feuchtere Luftmasse durch höhere Taupunkte insbesondere in Südtirol
- hohe Labilitätsenergie vor allem über Südtirol

Um das herauszufinden, muss man ein wenig extrapolieren, und zwar ausgehend von der Schichtung in Innsbruck und den gemittelten Bodenwerten in Südtirol vor den Gewittern erhalten wir eine mächtige Labilitätsfläche (strichliert), also potentiell heftige Aufwinde. Warum Südtirol? Weil die Gewitterzelle, die die Ötztaler Alpen heimgesucht hat, auf der Südtiroler Seite entstanden ist (vgl. Satellitenbild) und dann vor allem entlang des Tiroler Alpenhauptkamms am aktivsten war.
- Hebungsantrieb durch die „Delle“ im Höhendruckfeld.
Zusammenfassung
Gewitter brauchen immer alle drei Zutaten gleichzeitig – Feuchte, Instabilität und Hebung, damit Gewitter entstehen können. Hitze alleine reicht nicht. Sonneneinstrahlung alleine reicht nicht. Bei schwacher Höhenströmung ist Sonneneinstrahlung wichtiger als Energielieferant als bei starker Höhenströmung, wo zusätzlich Energie durch Windscherung bereitgestellt wird. Feuchte alleine reicht nicht. Hebung ist schön, aber wenn die Luft zu trocken ist, bilden sich auch keine Gewitter.
Auch in zwei weiteren Punkten möchte ich nachschärfen: Hochwasser in Trockenperioden entschied nicht zwingend durch hohe Gewitterhäufigkeit. Es reicht ein einziges Gewitter mit sehr viel Niederschlag. Die Trockenheit spielt dabei schon eine Rolle, wenn die Böden so hart sind, dass das Wasser vor allem oberflächennah abrinnt. Im Hochgebirge kommen sehr steile Hänge hinzu, je nach Gesteinsart viel Schutt und Erde, erodierte Hänge.
„Schöpf nennt als Ursache für die Muren örtlich stabile Gewitterzellen. Wenn ein solches Gewitter mit Hagel versetzt in einen Bereich „hineinhaut“, dann entstünden solche Muren, „die sind einfach Teil des Lebens im Hochgebirge“, so der Söldener Bürgermeister.“
Durch die Trockenheit und Folgeschäden wie dem Borkenkäfer verliert der Wald seine Schutzfunktion, die Wurzeln sterben ab und halten die Hänge nicht mehr wie Klebstoff auf dem felsigen Untergrund. So gesehen wird die Normalität von Murenabgängen bei Gewitterlagen von der Klimaerwärmung überholt, die solche Ereignisse wahrscheinlicher macht.
Doch so häufig sind sie in diesem Trockenjahr gar nicht, das ist der zweite Punkt, der mich an der Aussage des Hydrologen stört. Denn mit häufigen Gewittern hätten wir nicht diese ausgeprägte Trockenheit, insbesondere mit clusterförmigen, großflächigen Gewittern, die mehrere Stunden lang Starkregen ablassen.

Servus Felix,
danke für die fachlich fundierten Erklärungen der notwendigen Zutaten zur Entstehung von Gewittern.
Ich gebe dir auch Recht, dass der zitiert Hydrologe die kausalen Zusammenhänge falsch wiedergibt. Die Botschaft, dass sich solche Extremereignisse aufgrund der massiven Erwärmung und der Zirkulationsänderungen als Folge des Klimawandels in Zukunft häufen werden, sollte langsam in der Bevölkerung ankommen!
Ich möchte einen Aspekt ergänzen, der für Muren im Hochgebirge von Bedeutung ist. Aufgrund der starken Erwärmung in den Alpen ziehen sich die Permafrostböden im Sommer immer weiter zurück. Durch den damit fehlenden „Kitt“ verlieren Steinmassen, die früher durch den Permafrost auch im Sommer zusammengehalten wurden, ihren Halt, kommen bei entsprechendem Starkregen leichter ins Rutschen und führen zu mächtigen Muren. Möglicherweise spielte dies bei der Mure bei den Rofenhöfen eine Rolle. Gebirgsbäche können aufgestaut werden und erreichen in Folge als schadbringende Flutwelle das Tal.
LG, Franz