Archiv für den Monat September 2024

Fehlprognose für 19.09.24: Gewitter im Osten

Schauer und Gewitter am Donnerstag, 19. September 2024, 04 Uhr Lokalzeit (slowakisches Radar)

Nachdem ich nun tagelang über die Vorhersagen und Warnungen von anderen Wetterdiensten und Behörden geschrieben habe, komm ich nicht umhin, meine eigene Fehlprognose hervorzuheben, die mir auf eindrucksvolle Weise am Donnerstag in der Früh bewusst wurde, als ich Punkt 04 Uhr durch einen lauten Donner geweckt wurde.

In Wien war das nicht weiter tragisch, aber die Schauer- und Gewitter zogen genau übers Tullnerfeld westwärts, also über die am schwersten betroffenen Hochwassergebiete. Keine angenehme Überraschung für die Anrainer, so sie überhaupt Schlaf gefunden haben, von Starkregen und Donner geweckt zu werden.

Was wurde übersehen?

Weiterlesen →

Hochwasserkatastrophe: Sehr gut vorhergesagt – was lief schief?

Der Rückstau vom Wienfluss beschädigte am Sonntagnachmittag das Ufer vom Donaukanal Höhe Schwedenplatz (eigene Aufnahme) – der Wienfluss erreichte Höchststände eines 1000-jährlichen Ereignisses

Ich fühlte mich in den letzten Tagen an die Pandemie erinnert und wie bis heute mit SARS-CoV2, das übrigens nicht verschwunden ist, umgegangen wird. In den ersten Interviews nach der Flut sprach Frau Landeshauptmann Mikl-Leitner davon, dass sie „bestens vorbereitet“ gewesen seien. Bezirkshauptleute sprachen von einem „nie dagewesenen Extremereignis“ und dass sie von den dramatischen Entwicklungen überrascht worden wären. Im ORF habe man frühzeitig und regelmäßig über die potentielle Hochwasserlage berichtet, verteidigten die Frontmänner des ORF den Sender. Das Magazin Dossier berichtete kürzlich über die Einflussnahme der ÖVP auf das ORF-Landesstudio in Niederösterreich.

Der FALTER berichtete in seiner letzten Ausgabe über den chronologischen Ablauf von den ersten dramatischen Modellrechnungen am 6. September bis zum Eintreten des Worst-Case-Szenarios. Scheinbar waren alle informiert, nur der finale Informationsfluss von den Bezirkshauptleuten zu den Gemeinden und letztendlich zum Anwohner ist fraglich – ebenso die Deutlichkeit, mit der man über rechtzeitige Evakuierungen hätte sprechen müssen. Der Präsident der Universitätenkonferenz, Oliver Vitouch, kritisiert die Politik sehr deutlich, sie sei scheinheilig und doppelzüngig.

Wie nach dem kolossalen Versagen bei der Schließung des „Kitzlochs“ und der chaotischen Evakuierung von Ischgl in der Anfangsphase der Pandemie, mit der sich das Virus unkontrolliert in ganz Europa ausgebreitet hatte, gilt offenbar auch hier: Alles richtig gemacht.

Leider fehlt mir jetzt die Zeit, sonst würde ich diesen Beitrag noch einmal teilen in Modellperformance und strategische Prävention im Kurz- und Langfristbereich. Es ist jedenfalls mal alles dokumentiert und bevor man am 29. September sein Kreuzerl setzt, sollte man genau überlegen, wer sich für Hochwasser- und Klimaschutz einsetzt, wer im Zweifelsfall entschädigen wird. Von einem automatischen Versicherungsschutz halte ich nichts, denn es soll sich nicht lohnen, in Überschwemmungsgebiete zu bauen. Vielmehr müssen Gemeinden in die Pflicht genommen werden, die Bautätigkeit künftig besser zu kontrollieren.

Weiterlesen →

Die Hochwasserkatastrophe war ein Produkt der globalen Erderwärmung

Vb-Zugbahnen und die Zugbahn des Tiefs hier (skizziert von mir)

Auch wenn das in den Medien anders kommuniziert wird: Es handelte sich um KEINE klassische Vb-Lage! Das Tief entstand durch den Kaltlufteinbruch im Golf von Genua und zog zum Balkan, wurde dort stationär und zog am Ende retrograd mit der Ostströmung nach Frankreich ab. Über dem Balkan entstanden zudem mehrere Teiltiefs, weil sich dort das breite Höhentief festgesetzt hatte.

Für ein Ereignis wie die aktuellen Unwetter müsse das Mittelmeer gar nicht unbedingt sehr stark überwärmt sein – es könne aber „der entscheidende Faktor“ sein. Um das detailliert zu sagen, sei es im Moment allerdings noch zu früh.

Klimaforscher Marc Olefs, GeoSphere Austria (ORF-Interview)

Ich würde noch einen Schritt weiter gehen: Für diese Hochwasserkatastrophe waren gleich mehrere Faktoren verantwortlich, die durch die bereits akuten Folgen der raschen Erderwärmung erheblich verstärkt worden sind. Es ist nicht trivial, die ganzen Aspekte dieser Wetterlage zu erfassen und in den Zusammenhang zu setzen. Ich werde das hier versuchen und bitte nachzusehen, wenn ich zum Teil in der Fachsprache bleiben muss.

Leider wird hier vieles verbreitet, was nicht stimmt. Was wir gerade erleben, hat mit dem östlichen Mittelmeer überhaupt nichts zu tun. Es handelt sich um ein Tiefdruckgebiet, das direkt bei uns entsteht. Das Niederschlagsband erstreckt sich weiter nach Norden über Tschechien bis Polen hinauf. Es ist eine falsche Vorstellung, dass die Feuchtigkeit so weit transportiert wird. Das kurze Stück, das das Tiefdruckgebiet über die Nordadria zieht, reicht auch nicht aus, um so viel Feuchtigkeit in die Atmosphäre zu transportieren. Diese Niederschläge basieren auf komplexen physikalischen Prozessen und werden insbesondere hier vor Ort gebildet.

Clemens Biermair, DerStandard, 13. September 2024

Die Aussage, dass das Mittelmeer nichts mit der Intensität des Tiefdruckgebiets zu tun hätte, lässt sich jedenfalls klar widerlegen und ist auch allgemeiner Konsens unter den Meteorologen. Wie soll eine „Vor-Ort“-Niederschlagsbildung diese extremen Regenmengen erklären, ohne die zuvor herangeführte Luftmasse?

Weiterlesen →

300mm sind kein Lercherlschas: Wie man nicht zur Bevölkerung kommunizieren sollte

Ich möchte gleich zu Beginn einmal eine Lanze für viele Meteorologen beim ORF und der GeoSphere brechen, die ich schon seit langem mitverfolge oder persönlich kenne – fähige Leute, kompetent und am neuesten Stand, was Klimaforschung und Wettervorhersage betrifft. Oft es aber leider so, dass nicht die fähigen Leute die Entscheidung treffen, was kommuniziert wird, sondern dass es eine Anordnung von oben gibt, wie kommuniziert wird. Es gab die letzten Tage immer wieder den Eindruck bei manchen ORF-Hörern und Sehern, dass die maßgebliche Ursache Klimaerwärmung unterrepräsentiert war. Ich hab nicht alles gesehen und kann das nicht beurteilen. Auf Twitter (X) haben sich die Meteorologen immer sehr klar und deutlich ausgedrückt. Um da eine systematische Unterdrückung des Klimathemas zu sehen, müsste man das objektiv untersuchen, durch Medienwissenschaftler z.B. – später im Verlauf des Hochwassers wurde der Klima-Beitrag z.B. von Manuel Oberhuber klar benannt, ebenso in diesem Science-ORF-Beitrag – wobei man sich dort eher zu zurückhaltend ausdrückt in meinen Augen.

Der Anlassfall für meinen Beitrag war ein Tweet von Meteorologe Kachelmann vom 12. September über den ORF Niederösterreich nach einem verharmlosenden Sendebeitrag. Ich möchte hier den Tonfall von Kachelmann generell nicht verteidigen – ich würde anders kommunizieren, sondern es geht mir um den Inhalt. Noch am 13. September gab es von der „Kleinen Zeitung“ einen Faktencheck, wo der Kritik von Kachelmann der Wind aus den Segeln genommen werden sollte. In der Hauptsendung sei die Hochwassergefahr ausführlich thematisiert worden. Zudem sei auch in anderen Landesstudios, in der Steiermark, in Wien, Oberösterreich und Salzburg „nüchtern über die Vorhersage für die kommenden Tage geredet worden, ohne große Warnungen oder dergleichen auszusprechen“. Der Autor des Faktenchecks übersieht allerdings, dass Niederösterreich im Epizentrum der Starkniederschläge liegen sollte, wie das alle Modelle gerechnet haben – wenn man den Ernst der Lage hätte hervorheben sollen, dann dort.

Weiterlesen →

Eine Strich-Kaltfront leitet die Unwetterlage ein.

Radarbild am 11. September 2024, 07.30 MESZ (Euradcom)

Um die Schönheit der Boden-Kaltfront in voller Länge zeigen zu können, muss ich ausnahmsweise einmal auf nichtöffentliche Produkte zurückgreifen. In das breite Regengebiet von Frankreich bis zur Ostsee ist eine schmale linienhafte Echostruktur eingebettet, die über 1000km lang ist. Dort springt der Wind von Südwest auf Nordwest, die Temperatur geht aber nur wenige Grade zurück. Das vertikale Windprofil im Bereich der Linie zeigt geradlinige Winde in Sturmstärke und gesättigte Luftschichten. Mein Schuss ins Blaue ist, dass es etwas mit Conditional Symmetric Instability (CSI) zu tun hat, aber erklären kann ich es nicht.

Mehr zur Hochwasserlage selbst weiter unten.

Weiterlesen →