Archiv für den Monat August 2016

Überschwemmungen in Louisiana: cm, mm, l/m² ?

Der ORF berichtet über die Überschwemmungen in Louisiana (abgerufen am 15.8.16, 13.25)

Innerhalb von 24 Stunden fielen in der besonders stark betroffenen Stadt Baton Rouge fast 29 Zentimeter Regen. Eine Wetterstation maß sogar einen Niederschlag von mehr als 43 Zentimeter.

Die Beschreibung in Zentimetern irritiert mich ein wenig. In Europa benutzen wir in der Regel mm oder l/m², wobei für Laien l/m² anschaulicher sind. Im Klartext, Baton Rouge erhielt 290 Liter pro Quadratmeter in 24 Stunden, eine Wetterstation sogar über 430 Liter pro Quadratmeter im gleichen Zeitraum. Das sind gewaltige Summen. Zum Vergleich, beim verheerenden Jahrtausendhochwasser in Sachsen im August 2002 fielen in Zinnwald im Erzgebirge 312 Liter pro Quadratmeter. Beim ebenso verheerenden Hochwasser in Bayern Anfang Juni 2013 fielen in Aschau-Stein am Bayrischen Alpenrand 406 Liter pro Quadratmeter, jedoch innerhalb 4 Tagen!

In den USA benutzt man immer noch Inch (Zoll) als Maßeinheit für den Niederschlag. 1 Inch sind dabei 2,54 cm. Ich schätze, die Redakteure haben einfach die in Inch gefundenen Mengen in Zentimeter umrechnen lassen und darauf vergessen, dass es unüblich ist, hierzulande Regenmengen in Zentimeter anzugeben.

Der Regen in der Region sollte noch anhalten. Der Sturm bewegt sich langsam in Richtung Westen.

Das wiederum klingt nach einem klassischen Übersetzungsfehler. In den USA wird nämlich alles „storm“ genannt, was von normalen Wettererscheinungen abweicht, z.B. rainstorm (für heftige Regenfälle), hailstorm (für massiven Hagelschlag) oder windstorm (für ein masssives Sturmereignis).

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Regenmengen, teils gemessen, teils abgeleitet aus dem Wetterradar, vom 8.-15. August 2016 (Quelle: http://water.weather.gov/precip/

Die tagelangen Regenfälle wurden jedoch nicht durch einen tropischen Sturm oder sogar einen Hurrikan verursacht wie damals Katrina 2005, sondern durch ein stationäres Höhentief. Über Tage hinweg sah das Druckfeld am Boden und in der Höhe nämlich eher so aus:

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500 hPa Geopotential und Bodendruck, gültig für Mittwoch, 10. August 2016, 14 MESZ, Quelle: http://www.wetter3.de

Genau über der Südküste am Golf von Mexiko liegt ein Höhentief, bodennah sehr flache Druckverhältnisse mit einer Tiefdruckrinne. Nach den Prognosen befindet sich auch in den kommenden Tagen weiterhin ein schwacher Höhentrog über der Region, bodennah bleibt der geringe Luftdruck bestehen. Im Vertikalprofil drücken sich tropische Luftmassen und schwacher Tiefdruckeinfluss folgendermaßen aus:

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Radiosondenaufstieg von Lake Charles, Louisiana, am 12. August 2016, 00 UTC

Sowohl bodennah als auch in der Höhe extrem feucht, was 67 l/qm Niederschlag ergibt, wenn die gesamte Luftsäule ausgefällt würde. Dazu enorm labil mit über 3600 J/kg und praktisch keine Sperrschicht, die ein ungehindertes Aufsteigen verhindern könnte. Der Wind weht in allen Höhenlagen schwach und verhindert ein rasches Abziehen des Gewitters. Die Nullgradgrenze ist mit rund 4 km sehr weit oben, womit besonders viel Flüssigwasser zur Verfügung steht (geringe Großhagelwahrscheinlichkeit).

Bei diesen Bedingungen braucht es kein großräumiges Gewitterereignis wie durch einen Hurrikan. Da reichen einzelne Gewitter, die sich zu größeren Clustern zusammenballen und sich über Stunden nicht vom Fleck rühren. Es handelt sich also folglich nicht um einen Sturm, sondern um ein Tiefdruckgebiet bzw. eine Tiefdruckrinne. Wind spielt hier so gut wie keine Rolle bzw. eher im Gegenteil, denn der fehlende Wind verhindert eine rasche Entspannung der Lage.

Millionen Bewohner im Osten der USA leiden unterdessen unter extremer Hitze. In den Städten New York, Philadelphia und Washington galten Hitzewarnungen, weil durch die Kombination von Wärme und Feuchtigkeit gefühlte Temperaturen von 43 Grad Celsius herrschten.

Hierbei handelt es sich um den sogenannten Heat Index. 43°C erreicht man z.B. bei 35 Grad und 55 % Luftfeuchte (entspricht 25°C Taupunkt), oder bei 32°C und 80 % (entspricht 28°C  Taupunkt). Stationsdaten zeigen, dass verbreitet um 35°C bei 25°C Taupunkt gemessen wurden. Das sind durchaus tropische Verhältnisse (New York liegt auf demselben Breitengrad wie Rom). In mitteleuropäischen Sommern kommt der Heat Index selten über 35°C hinaus (entspricht 30°C bei 22°C Taupunkt).

Hüttenwirte leiden unter Angst der Gäste vor Unwettern: Unglückliche Formulierung

Im ORF (abgerufen am 14.08.2016, 16.11), las ich einen Bericht zur schlechten Saison bei den Hüttenwirten in den Alpen.

Genau kommen sind zwei Passagen etwas kritisch zu sehen aus Sicht eines Meteorologen und Berggehers:

Schlechte Prognose hält Tagesgäste fern

Bei nasskalten Witterungsbedingungen und Wettervorhersagen bleiben viele Wanderer im Tal, so Hüttenwirt Lanthaler. Bei einem guten Wetterbericht seien es 50 bis 100 Tagesgäste und bei einem schlechten seien es gar keine.

Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Denn in deutschsprachigen Ländern mangelt es im Gegensatz zu Großbritannien oder auch den USA an Wettervorhersagekompetenz. Und zwar nicht, sich Wettervorhersagen selbst zu machen, denn dafür gibt es den Beruf des Meteorologen, sondern wie man Wetterprognosen interpretiert, was Wahrscheinlichkeiten sind und auf welche Regionen sich Wetterberichte beziehen. In einem früheren Blogeintrag habe ich ausführlich beschrieben, wie man Wetterberichte richtig liest. Sowohl manche Hüttenwirte als auch viele potentielle Tages- und Übernachtungsgäste hören aber z.B. aus einem Ö3-Radiosender-Wetterbericht, der selten länger als zwanzig oder dreißig Sekunden dauert, („im Bergland entstehen einzelne Schauer oder Gewitter“) heraus, dass es genau bei ihnen an der XY-Hütte gewittern wird. Den ganzen Tag. Ich hatte darüber auch schon mit einem Hüttenwirt diskutiert, der genau dasselbe sagt. Ihm wäre am liebsten, die Meteorologen würden wortwörtlich „das Blaue vom Himmel lügen“, denn dann kämen immer noch mehr als bei einer Schlechtwetterprognose. Bei Prognose und Eintreffen gibt es die berühmte Matrix, was passiert, wenn eines von beiden nicht passt:

  • Prognose ist Schönwetter. Es gibt Schönwetter (= alle zufrieden).
  • Prognose ist Schlechtwetter. Es gibt Schlechtwetter (= auch ok, keiner kommt, aber damit war zu rechnen).
  • Prognose ist Schönwetter. Es gibt Schlechtwetter (Hüttenwirt zufrieden, Gäste unzufrieden, kommen aber trotzdem).
  • Prognose ist Schlechtwetter. Es gibt Schönwetter (worst case, Gäste bleiben aus, Hüttenwirt unzufrieden).

Das ist jetzt aus streng wirtschaftlicher Sicht gedacht. Hier fließt auch nicht ein, dass sich z.B. Ö3- oder Ö1 oder ORF-Wetterbericht gar nicht auf die Region um Hütte XY beziehen, sondern auf ganz Österreich, und dass regionale Sender geeigneter wären, das lokale Wetter abzuschätzen. Wenn wir uns jetzt aber die zweite Passage anschauen …

Je länger der Zustieg sei und je abgelegener die Hütte sei, umso mehr leide sie darunter, dass die Leute vor Gewittern und Unwettern Angst haben.

… dann wäre ich als Bergretter froh, wenn die Leute etwas mehr Angst vor Unwettern haben und nicht bei einem drohenden Wettersturz trotzdem auf die Hütte kommen, nur weil sie dort reserviert haben (absagen sollte man natürlich schon, denn es könnte bei der Anreise/Aufstieg was passiert sein). Es passieren dennoch genügend Unfälle mit Todesfolge aus Selbstüberschätzung im Gelände bei widrigen Bedingungen (siehe vorherigen Blogeintrag). Also ja: bitte habt Angst, denn die obige Matrix könnte auch so aussehen:

Meteorologen sagen Schönwetter voraus, um Hüttenwirte nicht zu verärgern. Es kommt aber Schlechtwetter und bringt die Gäste bei Aufstieg oder weiteren Touren in Lebensgefahr. Das kann nicht der Sinn einer Wetterprognose sein! Und auch ich als Meteorologe könnte mit einer wissentlichen Fehlprognose nicht leben, wenn sie mehr als eine Person dadurch in Gefahr gebracht hat. Berge zeigen zum Glück nur ein geringes Fluchtverhalten, Hütten stehen gerade in hochalpinem und anspruchsvollem Gelände auch bei Schönwetter noch da.

In einem gebe ich den Hüttenwirten aber Recht, weil ich es selbst schon beobachten konnte: Eine ganze Gruppe von Tagesgästen belagert die Hütte. Plötzlich zieht ein kurzer Regenschauer durch, es schüttet für zehn Minuten. Fluchtartig verlassen alle die Hütte und eilen ins Tal hinunter. Es fehlt an Geduld und das hängt – wie oben erwähnt – mit mangelnder Kompetenz beim Interpretieren der Prognose zusammen. Bei einem drohenden Wettersturz ist Eile sehr wohl angebracht. Bei einzelnen Schauern kann man dagegen durchaus die Muße erlernen, sitzenzubleiben, abzuwarten und danach wieder die Sonne genießen.

Und ebenfalls ja: Sofern keine Unwetter angekündigt sind und man Wandern bei widrigen Bedingungen gewohnt ist, steht auch einer Hüttentour bei Schlechtwetter nichts im Wege. Gerade ein Sommer wie 2016 oder zuvor 2014 zeigt, dass man gar nicht mehr in die Berge gehen dürfte, wenn Schönwetter Voraussetzung wäre. Es gibt aber Schlechtwetter, bei denen Bergtouren für unerfahrene oder nur gelegentliche Wanderer (und auf die zielt der Artikel ab) ein No-Go sind: Dazu zählen verbreitet auftretende Gewitter und der Wetterumschwung. Gutartiges Schlechtwetter sind dagegen „einzelne Schauer“, Regen ohne dauerhafte Sichttrübung oder Übergang in Schneefall oder allgemein niedrige Temperaturen – immer abhängig von den eigenen Fähigkeiten und nicht nur von der Ausrüstung!

Menschliches Versagen

04. auf 05. August 2016, Kaltfrontdurchgang.

Zwei seit Donnerstag auf dem Matterhorn vermisste englische Bergsteiger sind tot aufgefunden worden. Die Männer seien auf einer Höhe von 4.000 Metern von Schlechtwetter überrascht worden und erfroren

05. August 2016, Kaltfrontdurchgang.

Die Bergrettung musste am Freitagnachmittag in Klösterle fünf Wanderer aus Deutschland aus der Bergnot retten.

Ob ehemalige Britische Elitesoldaten wie am Matterhorn oder alpinistisch unerfahrene Wanderer aus Deutschland in Vorarlberg, am Berg setzt anscheinend der gesunde Menschenverstand aus.

Kaltfrontdurchgänge wie letzte oder diese Woche zeichnen sich in der Regel seit Tagen ab. Im Gegensatz zu den unberechenbaren Gewitterlagen im Juni und Juli sind die Kaltfrontpassagen eine willkommene Abwechslung für Meteorologen, die sich manchmal sogar auf die Stunde genau vorhersagen lassen. In allen Fällen sollten selbst die selten rühmlichen Wetterapps den Wettersturz im Gebirge gezeigt haben, in jedem Fall aber der lokale Wetterbericht.

Wettersturz am Berg heißt:

  • es kann kalt werden (-> Handschuhe, Haube, warme Kleidung)
  • es kann windig werden (-> in Verbindung mit feucht und kalt Auskühlungsgefahr)
  • es kann Neuschnee geben (-> Markierungen nicht mehr erkennbar, harmlose Wegabschnitte werden gefährlich)
  • es kann länger regnen (-> felsige und schrofige Wegabschnitte werden rutschig oder glitschig, Absturzgefahr erhöht sich)
  • es gibt schlechte Sicht durch einfallenden Nebel (-> Wegverlauf mitunter schlecht erkennbar, keine Bergung durch Hubschrauber möglich!)
  • es kann Gewitter geben (-> Lebensgefahr durch Blitzschlag, runter vom Grat!)

In allen Fällen also verzichtbares Wetter beim Wandern, vor allem in hochalpinem Gelände. Während man ein Gewitter abseits von Frontdurchgängen in einem sicheren Unterschlupf abwarten kann und in weiterer Folge oft Wetterberuhigung eintritt, sind Gewitter bzw. gewittriger Starkregen in Verbindung mit – vor allem verwellenden (meist infolge eines Italientiefs) – Kaltfronten gefährlicher. Sie können Stunden andauern und der intensive Regen drückt die Schneefallgrenze weit hinab! Gerade bei Frontdurchgängen kann es auch schon am Morgen gewittern, die Tageszeit spielt dann keine Rolle mehr.

Überlegt Euch bitte eines, ehe ihr – von einem Kaltfrontdurchgang wissend – in die Berge aufbrecht …

Ist es das Risiko wert? Ist die Mühe, den Gipfel oder das Tagesziel zu erreichen, wert, wenn man dabei brenzlige Situationen überstehen muss und am Ende „alles nochmal gut gegangen ist“? Ist es erstrebenswert, bei einsetzendem Schneefall oder einfallendem Nebel am Gipfel zu stehen, nicht wissend, ob man heil wieder absteigen kann? Denkt ihr auch an Eure Partner, Verwandten, Familie, wenn ihr dieses Risiko eingeht? Und denkt ihr nicht zuletzt auch an die Bergretter, die sich oft bei weiterer Wetterverschlechterung selbst in Gefahr bringen, um Euch zu retten?

Hochkönig-Unglück: Richtig gehandelt, Gelände wohl unterschätzt.

Der Frontdurchgang vom 9. August war tricky, denn die Wettermodelle zeigten vor ein paar Tagen noch, dass sich die Front und die einsetzenden Schauer noch länger verzögern konnten. Der Hüttenwirt vom Matrashaus schrieb am Sonntag noch auf seine Webseite:

Im Laufe des Dienstags kommt eine markante Wetterumstellung es soll wieder schneien. Ich vermute am Dienstag kommt man noch gut runter, den Klettersteig würde ich für Dienstag nicht ins Auge fassen. Aber wie gesagt, den Wetterbericht beobachten, denn bei der gegenwärtigen Wetterlage ändert sich die Prognose zum Teil sehr kurzfristig.

Die Wettermodelle zeigten übereinstimmend am frühen Dienstagvormittag ein Übergreifen der Schauer auf die Hochkönigregion, und zwar etwa zwischen 08 und 11 MESZ.

Laut anderen Quellen (salzburg24) begannen die beiden Kletterer um 6.30 mit dem Abstieg, das Unglück passierte noch bei trockenen Bedingungen. Weil es sich beim Birgkar um sehr steiles, schottriges Gelände handelt, rät der Hüttenwirt jedoch von einer Begehung ab:

… er warne die Gäste immer wieder vor dem ungesicherten Abstieg durch das Birgkar. Hier sollten nur sehr trittsichere und erfahrene Leute unterwegs sein. Für durchschnittliche Bergurlauber sei die Route zu ausgesetzt und zu gefährlich. Ein Fehltritt reiche für den Absturz, so der Hüttenwirt. Er rate den meisten zum Abstieg über die (längere) Normalroute via Übergossener Alm, Torsäule, Mitterfeldalm und Arthurhaus.

Hinsichtlich Wetterentwicklung haben die beiden Kletterer vernünftig gehandelt und sind frühzeitig abgestiegen. Hier zeigt sich auch das vermeintlich Paradoxe beim Wandern und Klettern. Bei anspruchsvollen Klettersteigen sind die Begeher immer gesichert, die Absturz- und Verletzungsgefahr ist sehr gering, beim Königsjodler ist allenfalls die Länge ein Problem. In ungesichertem Absturzgelände, wie etwa geröllige Rinnen hinab, passieren dagegen die meisten Unfälle. Ein Fehltritt, eine Unkonzentriertheit, vielleicht Übermüdung von der Tour oder schlecht geschlafen, und man ist weg. Die meisten Unfälle passieren beim Abstieg. Ungünstig ist auch, wenn noch der Druck durch einen drohenden Wetterumschwung hinzukommt. Erfahrene Berggeher oder Bergläufer können das Tempo beschleunigen, ohne unsicher zu werden. Alle anderen passiert unter Zeitdruck erst recht ein Fehler.

Es ist müßig und es wäre auch pietätlos zu spekulieren, was hier konkret vorgelegen ist. Es sollte jedoch allgemein zu mehr Vorsicht am Berg mahnen. Nicht bei Wettersturz aufsteigen, rechtzeitig absteigen und entsprechend der eigenen alpinen Kenntnisse die Route festlegen. Lieber einen Umweg, dafür sicher ins Tal. Es passieren zu oft Unfälle, die vermeidbar wären.