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Menschliches Versagen

04. auf 05. August 2016, Kaltfrontdurchgang.

Zwei seit Donnerstag auf dem Matterhorn vermisste englische Bergsteiger sind tot aufgefunden worden. Die Männer seien auf einer Höhe von 4.000 Metern von Schlechtwetter überrascht worden und erfroren

05. August 2016, Kaltfrontdurchgang.

Die Bergrettung musste am Freitagnachmittag in Klösterle fünf Wanderer aus Deutschland aus der Bergnot retten.

Ob ehemalige Britische Elitesoldaten wie am Matterhorn oder alpinistisch unerfahrene Wanderer aus Deutschland in Vorarlberg, am Berg setzt anscheinend der gesunde Menschenverstand aus.

Kaltfrontdurchgänge wie letzte oder diese Woche zeichnen sich in der Regel seit Tagen ab. Im Gegensatz zu den unberechenbaren Gewitterlagen im Juni und Juli sind die Kaltfrontpassagen eine willkommene Abwechslung für Meteorologen, die sich manchmal sogar auf die Stunde genau vorhersagen lassen. In allen Fällen sollten selbst die selten rühmlichen Wetterapps den Wettersturz im Gebirge gezeigt haben, in jedem Fall aber der lokale Wetterbericht.

Wettersturz am Berg heißt:

  • es kann kalt werden (-> Handschuhe, Haube, warme Kleidung)
  • es kann windig werden (-> in Verbindung mit feucht und kalt Auskühlungsgefahr)
  • es kann Neuschnee geben (-> Markierungen nicht mehr erkennbar, harmlose Wegabschnitte werden gefährlich)
  • es kann länger regnen (-> felsige und schrofige Wegabschnitte werden rutschig oder glitschig, Absturzgefahr erhöht sich)
  • es gibt schlechte Sicht durch einfallenden Nebel (-> Wegverlauf mitunter schlecht erkennbar, keine Bergung durch Hubschrauber möglich!)
  • es kann Gewitter geben (-> Lebensgefahr durch Blitzschlag, runter vom Grat!)

In allen Fällen also verzichtbares Wetter beim Wandern, vor allem in hochalpinem Gelände. Während man ein Gewitter abseits von Frontdurchgängen in einem sicheren Unterschlupf abwarten kann und in weiterer Folge oft Wetterberuhigung eintritt, sind Gewitter bzw. gewittriger Starkregen in Verbindung mit – vor allem verwellenden (meist infolge eines Italientiefs) – Kaltfronten gefährlicher. Sie können Stunden andauern und der intensive Regen drückt die Schneefallgrenze weit hinab! Gerade bei Frontdurchgängen kann es auch schon am Morgen gewittern, die Tageszeit spielt dann keine Rolle mehr.

Überlegt Euch bitte eines, ehe ihr – von einem Kaltfrontdurchgang wissend – in die Berge aufbrecht …

Ist es das Risiko wert? Ist die Mühe, den Gipfel oder das Tagesziel zu erreichen, wert, wenn man dabei brenzlige Situationen überstehen muss und am Ende „alles nochmal gut gegangen ist“? Ist es erstrebenswert, bei einsetzendem Schneefall oder einfallendem Nebel am Gipfel zu stehen, nicht wissend, ob man heil wieder absteigen kann? Denkt ihr auch an Eure Partner, Verwandten, Familie, wenn ihr dieses Risiko eingeht? Und denkt ihr nicht zuletzt auch an die Bergretter, die sich oft bei weiterer Wetterverschlechterung selbst in Gefahr bringen, um Euch zu retten?

Hochkönig-Unglück: Richtig gehandelt, Gelände wohl unterschätzt.

Der Frontdurchgang vom 9. August war tricky, denn die Wettermodelle zeigten vor ein paar Tagen noch, dass sich die Front und die einsetzenden Schauer noch länger verzögern konnten. Der Hüttenwirt vom Matrashaus schrieb am Sonntag noch auf seine Webseite:

Im Laufe des Dienstags kommt eine markante Wetterumstellung es soll wieder schneien. Ich vermute am Dienstag kommt man noch gut runter, den Klettersteig würde ich für Dienstag nicht ins Auge fassen. Aber wie gesagt, den Wetterbericht beobachten, denn bei der gegenwärtigen Wetterlage ändert sich die Prognose zum Teil sehr kurzfristig.

Die Wettermodelle zeigten übereinstimmend am frühen Dienstagvormittag ein Übergreifen der Schauer auf die Hochkönigregion, und zwar etwa zwischen 08 und 11 MESZ.

Laut anderen Quellen (salzburg24) begannen die beiden Kletterer um 6.30 mit dem Abstieg, das Unglück passierte noch bei trockenen Bedingungen. Weil es sich beim Birgkar um sehr steiles, schottriges Gelände handelt, rät der Hüttenwirt jedoch von einer Begehung ab:

… er warne die Gäste immer wieder vor dem ungesicherten Abstieg durch das Birgkar. Hier sollten nur sehr trittsichere und erfahrene Leute unterwegs sein. Für durchschnittliche Bergurlauber sei die Route zu ausgesetzt und zu gefährlich. Ein Fehltritt reiche für den Absturz, so der Hüttenwirt. Er rate den meisten zum Abstieg über die (längere) Normalroute via Übergossener Alm, Torsäule, Mitterfeldalm und Arthurhaus.

Hinsichtlich Wetterentwicklung haben die beiden Kletterer vernünftig gehandelt und sind frühzeitig abgestiegen. Hier zeigt sich auch das vermeintlich Paradoxe beim Wandern und Klettern. Bei anspruchsvollen Klettersteigen sind die Begeher immer gesichert, die Absturz- und Verletzungsgefahr ist sehr gering, beim Königsjodler ist allenfalls die Länge ein Problem. In ungesichertem Absturzgelände, wie etwa geröllige Rinnen hinab, passieren dagegen die meisten Unfälle. Ein Fehltritt, eine Unkonzentriertheit, vielleicht Übermüdung von der Tour oder schlecht geschlafen, und man ist weg. Die meisten Unfälle passieren beim Abstieg. Ungünstig ist auch, wenn noch der Druck durch einen drohenden Wetterumschwung hinzukommt. Erfahrene Berggeher oder Bergläufer können das Tempo beschleunigen, ohne unsicher zu werden. Alle anderen passiert unter Zeitdruck erst recht ein Fehler.

Es ist müßig und es wäre auch pietätlos zu spekulieren, was hier konkret vorgelegen ist. Es sollte jedoch allgemein zu mehr Vorsicht am Berg mahnen. Nicht bei Wettersturz aufsteigen, rechtzeitig absteigen und entsprechend der eigenen alpinen Kenntnisse die Route festlegen. Lieber einen Umweg, dafür sicher ins Tal. Es passieren zu oft Unfälle, die vermeidbar wären.

Die Mär vom unerwarteten Wettersturz

Es gibt charakteristische Wolkenanzeichen für aufziehende Gewitter, die auch ein Laie bemerken kann, wenn er aufmerksam den Himmel beobachtet und die Windströmungen erkennt.

1. Die Überraschung: 16. August 2010, Haller Mauern

Zuerst ging es in die Hohen Tauern, später für zwei Tage in die Haller Mauern, um den Hexenturm (2172m) zu besteigen. Schon die Tage davor war das Wetter unbeständig, Schauer und Gewitter hielten von größeren Touren ab. Ich konnte nicht mehr in die Wetterkarten schauen, hatte aber für die Folgetage eine Südföhnlage im Kopf.

Tatsächlich baute sich am 16. August eine Gewitterlage mit durchziehender Kaltfront auf.

(Bildbeschreibung jeweils von links oben (LO) nach rechts unten (RU))

hallermauern

LO: Altocumulus stratiformis um die Mittagszeit, die ersten Vorboten für Hebung im mittleren Niveau. Diese Wolkenart entsteht nie durch Sonneneinstrahlung, sondern ausschließlich durch großräumige Tiefdruckprozesse. Sie zeigt an, dass genügend Feuchte in der Schicht vorhanden ist, wo Gewitterwolken die stärksten Aufwinde erreichen.

RO: Aufziehende Nebelwolken westlich des Standpunkts, wahrscheinlich durch abgekühlte Niederschlagsluft verursacht. Die Frontgrenze befand sich zu diesem Zeitpunkt wenige Kilometer nördlich von uns.

LU: Rückkehr zum Admonter Haus, wir brechen vorzeitig ab, weil Nebel aufzieht. Davor wehte böiger Südwind, der den Nebel immer nordseitig des Sattels in Schach hielt. Plötzlich starker Nordwind, der den Nebel auf die Südseite treibt. Das Gleichgewicht wurde gestört.

RU: Nach dem Gewitter. 1-2 cm Hagel, stürmische Böen, starker Regen. Das war nicht das Schlimmste, sondern die nahen Blitzeinschläge. Wir stehen auf, blauer Himmel zu sehen. Plötzlich ein Naheinschlag, vielleicht 100 m entfernt. Ein positiver Blitz aus der Rückseite des Amboss.

2. Die Erkenntnis: 18. August 2011, Schneeberg

Ein Jahr später. Nach 2004 (ebenfalls Gewitter in der Nähe) meine zweite Schneeberg-Besteigung. Ein zufällig getroffener Mitwanderer sagt in der Früh „blauer Himmel, da passiert heute nichts.“

Tatsächlich hatten die Wettermodelle die Lage nicht vorhergesehen. Zwar wurde ein kleiner Trog gerechnet, aber kein Niederschlag. Bodennah zeigten hochaufgelöste Modelle ein konvergentes Windfeld. Nordwinde in den niederösterreichischen Voralpen, der typische heiße Südostwind am Alpenostrand. Im Rax-Schneeberg-Gebiet strömte die Luft zusammen, wird gezwungen aufzusteigen und Quellwolken zu bilden.

Die Atmosphärenschichtung ist, wie sich später zeigen wird, zwar im Flachland stabil geschichtet, im Gebirge mit höherem Feuchteangebot genügt jedoch ein winziger Schubser, um ein Luftpaket ungehindert aufsteigen zu lassen.

schneeberg

LO: Beim Aufstieg ab Losenheim herrscht blauer Himmel, aber bereits gegen halb zehn werden weit über 20 Grad gemessen. Die Luft ist drückend schwül.

RO: Ausgedehnte Altocumulusbänke schieben sich über den Himmel. Anzeichen für Hebungsantrieb, der so intensiv nicht prognostiziert wurde. Erste kleine Quellwolken entstehen. Später sieht man auch Föhnwolken, sie zeigen die Richtung an, in die sich die Gewitterwolken später verlagern werden.

LU: Cumulus congestus gegenüber bzw. knapp hinter der Raxalpe. Es ist Mittag. Ich raste am Gipfel viel zu lange, bemerke das Unheil erst, als es zu donnern beginnt. Da bin ich schon am Abstieg vom Gipfel. Ich suche im Zahnradbahntunnel Schutz. Spätere Nachforschungen werden ergeben, dass die Erdblitze links und rechts des Abstiegswegs einschlugen.

RU: Links ein zweites Gewitter, das mich aber nicht mehr erreicht hat, rechts das erste Gewitter.

3. Das Risiko: 20. September 2014, Wechsel

Dieses Mal wurden die Gewitter vorhergesagt. Wir wählen daher eine kurze Aufstiegsroute mit vorzeitigen Abbruchmöglichkeiten. Und ich kann lehrbuchhafte Anzeichen hautnah miterleben.

wechsel

LO: Über dem Steirischen Hügelland entstehen winzige, vertikale Türmchen aus den Quellwolken. Sie zeigen an, dass bodennah genügend Feuchte vorhanden ist. Auch in der Höhe ziehen mittelhohe Wolken durch.

RO: Föhnwolken, Quellwolken und hohe Wolken: In allen Höhenschichten ist genug Feuchte vorhanden.

LU: Mächtige Quellwolken über der östlichen Wechselregion bis Günser Gebirge.

RU: Während wir am Niederwechsel vorbeigehen, entsteht 2 km nördlich von uns eine Gewitterwolke. Sie kreiselt immer schneller über dem Talboden, die Kontraste verschärfen sich. Die Aufwindwolke ist weiß, nach unten ausgefranst. Wenig später donnert es, wir flüchten zum Auto hinunter. Die meisten Blitze schlagen dort ein, wo die Gewitterwolke steht, aber zwei Blitze auch auf unserer Seite (auf der anderen Seite des Kamms).

Zusammenfassung: 

Ob vorhergesagt oder nicht, in allen Fällen ist in den Morgenstunden oder im Laufe des Vormittags Altocumulus zu sehen, mittelhohe Wolken als floccus, stratiformis oder castellanus ausgeprägt (Aussehen: siehe Karlsruher Wolkenatlas). Sie entstehen typischerweise wenige Stunden (2-7 Std.) vor der Gewitterbildung. Zinnenförmig nach oben wachsend ist dabei ebenso warnend wie ausgedehnte flache Bänke.

Hat man Quellwolken und Altocumulus in Kombination, ist Feuchte bodennah und in mittleren Höhen vorhanden, ebenso Labilität und Hebung. Föhnfische (Altocumulus lenticularis) bedeuten in dem Fall keine Abschwächung des Gewitterrisikos, sondern aufsteigende Luftströmungen im Luv des Gebirges und verstärkte Hebung.

Wird man trotzdem vom Gewitter überrascht, hat man die Anzeichen dafür übersehen.

Gonzalo immer noch ein Hurrikan?

Tropensturm GONZALO war eine echte Überraschung für viele Vorhersager tropischer Zyklone, denn der Sturm mauserte sich rasch zu einem Kategorie-4-Hurrikan, also einem Hurrikan der zweitstärksten Stufe, der erste auf dem Atlantik übrigens seit 2011. Er entstand am 12. Oktober 2014 östlich der Kleinen Antillen und wandelte sich im Laufe des 19. Oktobers beim Vorbeizug an Neufundland in ein außertropisches Sturmtief um.

Dieses außertropische Sturmtief EX-GONZALO überquerte Großbritannien am 21. Oktober, die Kaltfront zog am Nachmittag und Abend mit Pauken und Trompeten auch über Deutschland und den Alpenraum hinweg. Den ehemaligen (!) tropischen Eigenschaften der Luftmasse, d.h. sehr feucht und instabil geschichtet, ist es zu verdanken, dass für die Jahreszeit ungewöhnlich viele Gewitter mit Kaltfrontpassage (und bereits davor) auftraten. Als Tropensturm oder gar Hurrikan wurde das Tief zu diesem Zeitpunkt aber nicht mehr geführt. Es fehlte im Warmsektor auch gänzlich der für kräftige Orkantiefs typische Sturm im Flachland noch erreichte eine Wetterstation im Flachland einen 10-minütigen Mittelwind von 117 km/h. Hurrikan trifft damit auch im wortwörtlichen Sinn (hurricane = Orkan) nicht auf dieses Tiefdruckgebiet zu.

Trotzdem gibt die APA eine Presseaussendung heraus, die lautet …

Ausläufer des Hurrikans „Gonzalo“ [….]

Die PA wird ungeprüft von zahlreichen Zeitungen übernommen und zwar abgewandelt, aber die entscheidende Falschaussage bleibt überall bestehen:

Im Standard:

Ausläufer des Hurrikans „Gonzalo“ zogen in Form einer Kaltfront von Westen her über das Bundesgebiet

Quelle: http://derstandard.at/2000007142572/Wettersturz-in-Oesterreich

Im Hamburger Abendblatt:

Ausläufer von Hurrikan „Gonzalo“ fordern erste Opfer

Eine Frau wurde von einem Baum erschlagen. Hurrikan „Gonzalo“ behindert den Flugverkehr. In der Nacht ist auch Hamburg betroffen.

Quelle: http://www.abendblatt.de/vermischtes/article133504625/Auslaeufer-von-Hurrikan-Gonzalo-fordern-erste-Opfer.html

Im ORF:

Ausläufer des Hurrikans „Gonzalo“ waren über Großbritannien hinweggefegt.

Quelle: http://orf.at/stories/2250537/

In der NZZ:

Vom Waadtland bis nach St. Gallen haben Ausläufer des Hurrikans «Gonzalo» am Dienstagabend für Feuerwehr- und Polizeieinsätze gesorgt.

Quelle: http://www.nzz.ch/panorama/auf-orkanboeen-folgen-die-schneeflocken-1.18408829

In der FAZ:

Die Ausläufer des Hurrikans „Gonzalo“ bremsen Flugreisende in Großbritannien.

Quelle: http://www.faz.net/agenturmeldungen/unternehmensnachrichten/hurrikan-gonzalo-auslaeufer-in-grossbritannien-flugausfaelle-13221451.html

In der NOZ:

Am Nachmittag wird der heftige Sturm – ein Ausläufer des Hurrikans „Gonzalo“ – das Hochwasser dann noch einmal gegen 14 Uhr an der Elbmündung steigen lassen.

Quelle: http://www.noz.de/deutschland-welt/niedersachsen/artikel/516268/orkanboen-in-niedersachsen-aber-sturmflut-bleibt-aus-1

Ausläufer ist übrigens kein meteorologischer Fachbegriff, sondern umgangssprachlich bzw. für Laien anschaulich ein anderer Begriff für Front oder Frontensystem. Man spricht auch von Frontenausläufern oder für Ausläufer (meist) anstelle einer Kaltfront. So sorgte auch dieses Mal, von dem anhaltenden Sturm an der Nordsee abgesehen, die Kaltfront überwiegend für die Spitzenböen in Mitteleuropa. Hurrikane besitzen aber per definitionem keine Kaltfront, sondern bestehen im Reifestadium aus Schauer- und Gewitterbändern. Diese können zwar optisch wie eine Kaltfront aussehen, führen aber keinen Luftmassenwechsel herbei. Die Kaltfront gestern abend brachte aber einen markanten Temperatursturz, der wiederum typisch für eine Sturmtiefpassage der gemäßigten Breiten ist.

Die Medien hätten also schreiben müssen:

„Ausläufer eines Sturmtiefs, das aus dem ehemaligen Hurrikan GONZALO hervorging, brachten ….“