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Bergwetterprognosen durch DMO ersetzen ist ein Rückschritt

„Modernisierte“ Alpenwetterprognosen

Ich gebe es offen zu: Ich gehöre zu den „altbackenen“ Meteorologen, die großen Wert auf Textprognosen legen. Warum? In ausformulierten Wetterberichten kann man eigene Erfahrungen besser einbringen und Unsicherheiten und Gefahren ausdrücken, etwa zum Gewitterrisiko oder der Gefahr starker Föhnstürme. Wenn ein Modell bei Südföhn 40 km/h Spitzen ausgibt, können es in prädestinierten Tallagen oder besonders anfälligen Gipfeln durchaus 80 oder 100 km/h Spitzen sein, was ich textlich entsprechend abfangen kann.

Die bereits erfolgte Neuerung (siehe auch diese Meldung hier) suggeriert eine Genauigkeit mit „0 oder 1“, die so nicht haltbar ist, da es sich um sogenannten „direct modeloutput“ handelt – um Gitterpunkte eines Modells, wo für Orte dazwischen interpoliert wird. Im Modell ist der Berg aber meist nicht so hoch wie in der Realität und es kommen fiktive Werte heraus, die so nicht eintreffen werden. Der Laie weiß das aber nicht. Er weiß auch nicht, was 30 oder 50% Gewitterwahrscheinlichkeit bedeuten. Gewittert es dann ein Drittel oder die Hälfte des Tages? Bedeutet 30% Gewitterwahrscheinlichkeit „unwahrscheinlich“? Oder liegt das simulierte Radarecho vielleicht knapp am Rande des Gitterpunkts, während 10km weiter ein Volltreffer zu erwarten ist – dort aber unglücklicherweise die Tour stattfindet?

Es ist längst keine Neuigkeit mehr, dass die Lese- und Schreibkompetenz durch Digitalisierung, Social Media und KI-Einsatz leidet. Es erschließt sich mir bis heute nicht, warum Meteorologinnen und Meteorologen an ihrer eigenen Abschaffung mitarbeiten. Warum beschleunigen wir diese fatale Entwicklung?

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Menschliches Versagen

04. auf 05. August 2016, Kaltfrontdurchgang.

Zwei seit Donnerstag auf dem Matterhorn vermisste englische Bergsteiger sind tot aufgefunden worden. Die Männer seien auf einer Höhe von 4.000 Metern von Schlechtwetter überrascht worden und erfroren

05. August 2016, Kaltfrontdurchgang.

Die Bergrettung musste am Freitagnachmittag in Klösterle fünf Wanderer aus Deutschland aus der Bergnot retten.

Ob ehemalige Britische Elitesoldaten wie am Matterhorn oder alpinistisch unerfahrene Wanderer aus Deutschland in Vorarlberg, am Berg setzt anscheinend der gesunde Menschenverstand aus.

Kaltfrontdurchgänge wie letzte oder diese Woche zeichnen sich in der Regel seit Tagen ab. Im Gegensatz zu den unberechenbaren Gewitterlagen im Juni und Juli sind die Kaltfrontpassagen eine willkommene Abwechslung für Meteorologen, die sich manchmal sogar auf die Stunde genau vorhersagen lassen. In allen Fällen sollten selbst die selten rühmlichen Wetterapps den Wettersturz im Gebirge gezeigt haben, in jedem Fall aber der lokale Wetterbericht.

Wettersturz am Berg heißt:

  • es kann kalt werden (-> Handschuhe, Haube, warme Kleidung)
  • es kann windig werden (-> in Verbindung mit feucht und kalt Auskühlungsgefahr)
  • es kann Neuschnee geben (-> Markierungen nicht mehr erkennbar, harmlose Wegabschnitte werden gefährlich)
  • es kann länger regnen (-> felsige und schrofige Wegabschnitte werden rutschig oder glitschig, Absturzgefahr erhöht sich)
  • es gibt schlechte Sicht durch einfallenden Nebel (-> Wegverlauf mitunter schlecht erkennbar, keine Bergung durch Hubschrauber möglich!)
  • es kann Gewitter geben (-> Lebensgefahr durch Blitzschlag, runter vom Grat!)

In allen Fällen also verzichtbares Wetter beim Wandern, vor allem in hochalpinem Gelände. Während man ein Gewitter abseits von Frontdurchgängen in einem sicheren Unterschlupf abwarten kann und in weiterer Folge oft Wetterberuhigung eintritt, sind Gewitter bzw. gewittriger Starkregen in Verbindung mit – vor allem verwellenden (meist infolge eines Italientiefs) – Kaltfronten gefährlicher. Sie können Stunden andauern und der intensive Regen drückt die Schneefallgrenze weit hinab! Gerade bei Frontdurchgängen kann es auch schon am Morgen gewittern, die Tageszeit spielt dann keine Rolle mehr.

Überlegt Euch bitte eines, ehe ihr – von einem Kaltfrontdurchgang wissend – in die Berge aufbrecht …

Ist es das Risiko wert? Ist die Mühe, den Gipfel oder das Tagesziel zu erreichen, wert, wenn man dabei brenzlige Situationen überstehen muss und am Ende „alles nochmal gut gegangen ist“? Ist es erstrebenswert, bei einsetzendem Schneefall oder einfallendem Nebel am Gipfel zu stehen, nicht wissend, ob man heil wieder absteigen kann? Denkt ihr auch an Eure Partner, Verwandten, Familie, wenn ihr dieses Risiko eingeht? Und denkt ihr nicht zuletzt auch an die Bergretter, die sich oft bei weiterer Wetterverschlechterung selbst in Gefahr bringen, um Euch zu retten?

Hochkönig-Unglück: Richtig gehandelt, Gelände wohl unterschätzt.

Der Frontdurchgang vom 9. August war tricky, denn die Wettermodelle zeigten vor ein paar Tagen noch, dass sich die Front und die einsetzenden Schauer noch länger verzögern konnten. Der Hüttenwirt vom Matrashaus schrieb am Sonntag noch auf seine Webseite:

Im Laufe des Dienstags kommt eine markante Wetterumstellung es soll wieder schneien. Ich vermute am Dienstag kommt man noch gut runter, den Klettersteig würde ich für Dienstag nicht ins Auge fassen. Aber wie gesagt, den Wetterbericht beobachten, denn bei der gegenwärtigen Wetterlage ändert sich die Prognose zum Teil sehr kurzfristig.

Die Wettermodelle zeigten übereinstimmend am frühen Dienstagvormittag ein Übergreifen der Schauer auf die Hochkönigregion, und zwar etwa zwischen 08 und 11 MESZ.

Laut anderen Quellen (salzburg24) begannen die beiden Kletterer um 6.30 mit dem Abstieg, das Unglück passierte noch bei trockenen Bedingungen. Weil es sich beim Birgkar um sehr steiles, schottriges Gelände handelt, rät der Hüttenwirt jedoch von einer Begehung ab:

… er warne die Gäste immer wieder vor dem ungesicherten Abstieg durch das Birgkar. Hier sollten nur sehr trittsichere und erfahrene Leute unterwegs sein. Für durchschnittliche Bergurlauber sei die Route zu ausgesetzt und zu gefährlich. Ein Fehltritt reiche für den Absturz, so der Hüttenwirt. Er rate den meisten zum Abstieg über die (längere) Normalroute via Übergossener Alm, Torsäule, Mitterfeldalm und Arthurhaus.

Hinsichtlich Wetterentwicklung haben die beiden Kletterer vernünftig gehandelt und sind frühzeitig abgestiegen. Hier zeigt sich auch das vermeintlich Paradoxe beim Wandern und Klettern. Bei anspruchsvollen Klettersteigen sind die Begeher immer gesichert, die Absturz- und Verletzungsgefahr ist sehr gering, beim Königsjodler ist allenfalls die Länge ein Problem. In ungesichertem Absturzgelände, wie etwa geröllige Rinnen hinab, passieren dagegen die meisten Unfälle. Ein Fehltritt, eine Unkonzentriertheit, vielleicht Übermüdung von der Tour oder schlecht geschlafen, und man ist weg. Die meisten Unfälle passieren beim Abstieg. Ungünstig ist auch, wenn noch der Druck durch einen drohenden Wetterumschwung hinzukommt. Erfahrene Berggeher oder Bergläufer können das Tempo beschleunigen, ohne unsicher zu werden. Alle anderen passiert unter Zeitdruck erst recht ein Fehler.

Es ist müßig und es wäre auch pietätlos zu spekulieren, was hier konkret vorgelegen ist. Es sollte jedoch allgemein zu mehr Vorsicht am Berg mahnen. Nicht bei Wettersturz aufsteigen, rechtzeitig absteigen und entsprechend der eigenen alpinen Kenntnisse die Route festlegen. Lieber einen Umweg, dafür sicher ins Tal. Es passieren zu oft Unfälle, die vermeidbar wären.