
Ich gebe es offen zu: Ich gehöre zu den „altbackenen“ Meteorologen, die großen Wert auf Textprognosen legen. Warum? In ausformulierten Wetterberichten kann man eigene Erfahrungen besser einbringen und Unsicherheiten und Gefahren ausdrücken, etwa zum Gewitterrisiko oder der Gefahr starker Föhnstürme. Wenn ein Modell bei Südföhn 40 km/h Spitzen ausgibt, können es in prädestinierten Tallagen oder besonders anfälligen Gipfeln durchaus 80 oder 100 km/h Spitzen sein, was ich textlich entsprechend abfangen kann.
Die bereits erfolgte Neuerung (siehe auch diese Meldung hier) suggeriert eine Genauigkeit mit „0 oder 1“, die so nicht haltbar ist, da es sich um sogenannten „direct modeloutput“ handelt – um Gitterpunkte eines Modells, wo für Orte dazwischen interpoliert wird. Im Modell ist der Berg aber meist nicht so hoch wie in der Realität und es kommen fiktive Werte heraus, die so nicht eintreffen werden. Der Laie weiß das aber nicht. Er weiß auch nicht, was 30 oder 50% Gewitterwahrscheinlichkeit bedeuten. Gewittert es dann ein Drittel oder die Hälfte des Tages? Bedeutet 30% Gewitterwahrscheinlichkeit „unwahrscheinlich“? Oder liegt das simulierte Radarecho vielleicht knapp am Rande des Gitterpunkts, während 10km weiter ein Volltreffer zu erwarten ist – dort aber unglücklicherweise die Tour stattfindet?
Es ist längst keine Neuigkeit mehr, dass die Lese- und Schreibkompetenz durch Digitalisierung, Social Media und KI-Einsatz leidet. Es erschließt sich mir bis heute nicht, warum Meteorologinnen und Meteorologen an ihrer eigenen Abschaffung mitarbeiten. Warum beschleunigen wir diese fatale Entwicklung?
„Der Kunde will keine langen Texte mehr lesen.“ heißt es oft. Der Kunde möchte alles serviert bekommen und das ist gerade das „Heilsversprechen“ diverser Wetterapp-Anbieter. Zahlen und Symbole in nette Tabellen verpackt und das wird dann zahlengetreu übernommen. Ausbaden werden das die Rettungskräfte am Berg dürfen, die „von 30% Gewitterwahrscheinlichkeit überraschte Bergsteiger“ retten dürfen. Ich werde oft gefragt, welche Wetter-App ich empfehlen kann: Gar keine! Es ist seriöser, verschiedene Quellen für regionale Wetterberichte zu benutzen, sei es vom ORF, von der Geosphere oder von der Austro Control. Dazu hätte bis vor kurzem auch der regionalisierte Text für eine der siebzehn Alpenregionen gehört.
Manchmal sind die Prognosen unbefriedigend, aber es gibt keine 100%ige Sicherheit, speziell nicht bei manchen Wetterlagen, die sich nicht hinreichend erläutert in eine „Schlagzeile“ pressen lassen. Dafür braucht es mehr Platz und vor allem Text, wo der Meteorologe die Wettermodelle (!) interpretiert. Denn der Vorschlag für die obigen Tabellenwerte werden aus einem (!) Modell kommen, was an diesem Tag für diese Wetterlage nicht zwingend das beste Modell sein muss. Der erfahrene Meteorologe kann das im Text entsprechend formulieren – nun wird er mitunter jeden einzelnen Wert überprüfen/abändern müssen. Wo da die Effizienzsteigerung sein soll, ist die Frage.
Nun könnten böse Zungen sagen, dass man die Prognosen doch gleich automatisieren kann und als Grundlage KI-gestützte Wettermodelle heranzieht. KI ist doch die Zukunft?! Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt das Gegenteil: Die bisherigen numerischen Wettermodelle erzielen bessere Ergebnisse als KI-Wettermodelle, wenn es um Extremwetterlagen geht. Das sind aber jene Wetterlagen, auf die es ankommt: „low probability – high impact“ – Ereignisse. Sie treten selten auf, aber können große Schäden anrichten und Menschenleben gefährden, z.B. das schwere Hochwasser in Niederösterreich im September 2024. Die Performance der numerischen Wettermodelle damals war herausragend – im Timing, in der Region und in der Intensität bis dato nie gesehen. Das Ereignis war sehr gut vorhergesagt und rechtzeitig bewarnt worden.
Zurück zum Bergwetter: Was macht ein Tourengeher, wenn er keine Gewissheit hat, dass das Wetter brauchbar sein wird? Er plant seine Tour defensiver oder woanders, wo die Sicherheit höher ist. Das versuche ich auch in meinen Vorträgen für den Alpenverein zu predigen: Eine solide Tourenplanung ist wichtig, die auf Erfahrung aufbaut – auf eigener Erfahrung und auch auf fremder Erfahrung, wo sie notwendig ist. Ich kann meine langjährige Erfahrung mit dem Alpenwetter nur in einem Text am besten ausdrücken. Dort kann ich Modellunsicherheiten betonen, aber auch sagen, dass etwa Gewitter zwar unwahrscheinlich sind, aber im Falle des Auftretens sehr heftig ausfallen können, während die Gewittergefahr bei einem schnellziehenden Höhentrog zwar hoch sein kann, die Gewitter aber selten mehr als zehn bis zwanzig Minuten dauern. Wie bringt man in die Tabelle hinein, wie groß der Hagel werden kann, ob es sich um cluster- oder linienförmige Gewitter handelt? Ein Tag kann wenig Sonne bringen, aber brauchbare Fernsicht, weil die Bewölkung über den meisten Gipfeln liegt.
Da hat der Text einen Vorteil gegenüber dem Symbol – das gilt nicht nur für das „neue“ Bergwetter, sondern für Textprognosen gegenüber Wetterapp-Prognosen generell. Einerseits wird immer mehr Eigenverantwortung gefordert, andererseits erschweren wir durch solche Entwicklungen die Möglichkeit, sich über Unsicherheiten und Gefahren zu informieren und täuschen eine Genauigkeit vor, die so nicht haltbar ist. Ich finde das nicht gut, gelinde gesagt.
