Mesoskalige Zyklogenese mit Gewittern über Österreich (09. Mai 2026)

300hPa Geopotential + Jetstream (EZMWF 00z-Lauf, gültig für Samstag, 09. Mai 2026, 15 UTC)

Die Gewitterlage war insofern spannend, dass die durchschwenkende Trogachse sich in zwei Seitentröge aufgespaltet hat. Beide waren äußerst wetteraktiv. Überdies lehrbuchhaft waren die Neubildungen an einer Outflow Boundary über Oberösterreich, mit anhaltender Schauer- und Gewitteraktivität im Mühlviertel bis zum Linzer Becken. Die eigentliche Überraschung erlebte ich dann am Abend beim Blick aufs Wasserdampfbild – dazu später mehr.

Die erste Trogachse verursachte die clusterförmigen Gewitter über der Obersteiermark, die am Nachmittag auf die Südoststeiermark übergriffen. Am Alpenost- und südostrand wurde die vorherrschende Trockenheit verbreitet gelindert. So fielen rund um den Wechsel, Semmering, Fischbacher Alpen, Joglland, Grazer Bergland und Gleinalpe verbreitet 30-50mm in wenigen Stunden, teils begleitet von Hagelschlag und Ausbildung einer dünnen Hageldecke. Die Obergrenzen der Gewitter lagen bei -55°C (ca. FL340, 10.5km Höhe). Mit der fortschreitenden Tageszeit und zunehmender Cold-Pool-Dynamik wurden die Gewitter beim Übertritt vom Steirischen Hügelland ins Grazer Becken abwinddominant – verbreitet mit Spitzen um 30kt aus Nord. Auffallend war der weit nach Norden, bis ins östliche Flachland ausgreifende Ambossschirm des länglichen Gewitterclusters.

Cloud Phase am 09. Mai 2026, 17 UTC über dem Ostalpenraum (Quelle: ACG/EUMETSAT)

Die Gewitterlinie verlagerte sich langsam südostwärts und baute durch Outflow Boundaries und Auslösung von Neubildungen immer weiter nach Westen hin an. Der Ambossbereich selbst war wetterinaktiv – nach Nordosten hin gab es keine Neubildungen.

Die zweite Trogachse hing im Nordwesten zurück und ließ nach einer Pause nach der ersten Trogachse in der Früh die Schauer- und Gewitteraktivität über dem westlichen Bergland ab Mittag erneut aufflammen.

Verdächtige Wolkenentwicklung um 12 UTC über Österreich und Tschechien

Ein Gewitter bildete sich dabei genau über der Nordkette und brachte kurzzeitig lebhaften Nordwind in Innsbruck – unangenehmer Seitenwind am Flughafen. Der Schwerpunkt lag am frühen Nachmittag bereits über der östlichen Obersteiermark bzw. an der Grenze zu Niederösterreich.

Das ICOND2 zeigte über mehrere Läufe hinweg auch Niederschlagssignale im Bereich vom südlichen Waldviertel, ausgelöst durch eine Bodenkonvergenz mit Nordwind über dem Waldviertel und Nordostwind im mittleren Donautal – sozusagen ein seitenverkehrter Waldviertelexpress.

Cloud Phase am Nachmittag mit hochreichenden Quellwolken über dem südlichen Waldviertel

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Quellwolken über dem Waldviertel rund -17°C Top-Temperatur, ausreichend für Schauer. Sehr gut zu erkennen das kräftige Gewitter über der Oststeiermark sowie die verstreuten Gewitterzellen in Nordtirol.

Wie wichtig es ist, die „richtigen“ Levels bei Höhenwetterkarten zu verwenden, zeigte die Entwicklung über Oberösterreich. Der ICOND2-Lauf rechnete kurz vor der Bildung der Waldviertel-Gewitter alles heraus, ein Modell-Phänomen, was wir schon öfter beobachtet haben. Ich ging am Vormittag fälschlicherweise davon aus, dass nach Westen „ausblasende“ Gewitter (Outflow Boundary) keine Neubildungen mehr auslösen würden, weil die Bodenkonvergenz in den hereinschwenkenden Höhenkeil über Bayern hineinlaufen sollte. Tatsächlich befand sich dort aber der – vor allem in 300hPa gut erkennbare! – Knick in den Isohypsen mit der zweiten Trogachse, also erneuter Hebungsantrieb. Das erklärte auch das westlicher als erwartete Ansetzen der Konvektion im Dreiländereck (Böhmische Masse) mit einer stärkeren Gewitterzelle (rot eingekreist)

Outflow Boundary Entwicklung

Die Böhmerwald-Zelle begann auszublasen und entlang der Outflow Boundary entwickelten sich kleinräumige Schauerzellen (rosa). Linz erreichte eine Outflow Boundary von Osten mit kurzzeitig knapp 30kt Spitzen. Während die Outflow Boundary zu diesem Zeitpunkt gut in den Beobachtungen (TAWES) der Wetterstationen sichtbar war, sowie im Satellitenbild (tiefe Bewölkung), zeigte sie sich am Abend viel subtiler und ließ sich erst im Nachhinein im VIL-Loop entdecken:

Outflow Boundary im Vertical Integrated Liquid-Radar

Mit den zusammenfallenden Regenschauern entlang der Donau um 17.40 UTC löste sich die Outflow Boundary ab. Eine Stunde später hat sie das Innviertel als durchgängige Linie im VIL-Radar erreicht, und löste hierbei keine weiteren Neubildungen aus – nun aus den erwähnten Gründen: Hineinlaufen in den Höhenkeil und gegen den Tagesgang. Zudem mit zunehmender Entfernung von den sterbenden Schauerzellen auch immer flacher werdend, was Neubildungen erschwert. Im Loop wie gesagt besser zu erkennen.

Um 19 Uhr MESZ sag die Entwicklung im Wasserdampfbild dann so aus und ich komme nicht umhin, mir die Fronten dazu folgendermaßen vorzustellen:

Mesoskalige „Frontenstruktur“ im Wasserdampfbild am Samstagabend

Die zwei-achsige Trogachse war zu diesem Zeitpunkt kaum noch erkennbar, jedenfalls aber der scharfe Trogachsenknick. Mit der scharfen Trogachse verbunden ein deutlicher Wasserdampfgradient mit sehr trockener Luft von Südbayern über Oberösterreich bis ins Weinviertel reichend (Dryslot).

Hypothese: Mesoskalige Zirkulation an der Trogvorderseite

Für mich ähnelte die Gesamtstruktur einer zurückgebogenen Okklusionsfront („bent-back occlusion“ – rosa), mit Kaltfront (blau) vorderseitig des Dryslots und einem kurzem Warmfrontansatz (rot) dort, wo der ausgewehte Amboss des Clusters nach Nordosten abdriftete, ohne neue Zellen auszulösen (Stabilisierung, schwacher konkaver Isohypsenknick). Mit anderen Worten – ein mesoskaliges, vor allem in höheren Schichten ausgeprägtes Tiefdruckgebiet vorderseitig des scharfen Trogachsenknicks (Krümmungsvorticity). Ihr werdet diese Fronten nicht in den gewöhnlichen Bodenwetterkarten finden.

Das sogenannte „Downstream-Development“ intensivierte die Zyklogenese – mit der kräftigen Tiefdruckentwicklung über dem westlichen Mittelmeer mit der weit ausladenden Warmfrontokklusion und dem sich aufbauenden Höhenkeil von Italien und Frankreich her. Der Jet stromabwärts über dem Balkan verstärkte sich durch den sich verschärfenden Isohypsengradienten und damit unser Trog.

Nachfolgend der Ablauf der Zyklogenese über den Tag hinweg. Die eingezeichneten Fronten bitte nicht wörtlich verstehen – sie sollen frontogenetische Prozesse lediglich andeuten.

Wasserdampfbilder + 300hPa Geopotential + ALDIS

Am Vormittag war der Dryslot noch schwach ausgeprägt, die spätere Okklusion bereits als „Cloud head“ erkennbar (hohe relative Feuchte in höheren Schichten, nicht zwingend Bewölkung). Am frühen Nachmittag war der Höhepunkt der aufwinddominanten Konvektion mit hoher Blitzdichte. An der „Kaltfront“ entstanden erste Gewitter über Nordtirol, ebenso im Bereich der „Okklusion“, die sich nun zunehmend zurückzubiegen beginnt. Am Nachmittag war das Reifestadium des mesoskaligen Tiefs erreicht. Wetteraktive Kaltfront, abwinddominante Konvektion im „RTK“ über den Südalpen und Warmfrontansatz über Tschechien und Slowakei. Die Spitze der zurückgebogenen Okklusion wurde durch das Gewitter im Dreiländereck markiert. Am Abend schwächte sich die Zirkulation dann zunehmend ab: Der Dryslot wurde immer schmaler und zwischen Okklusion und Kaltfront regelrecht eingequetscht. Die Trogachse überrannte den Dryslot und die Stabilisierung mit dem nachrückenden Keil löste die Zirkulation schließlich auf.

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