Schlagwort-Archive: Gewitter

Unwettergefahr ist nicht ausschließlich temperaturabhängig

Höchstwerte am 27. März 2006 im Norddeutschen Tiefland, Quelle: kachelmannwetter.com

„Unwetter sind uns im Mai aufgrund der niedrigen Temperaturen erspart geblieben. Ab kommender Woche ist wieder mehr Energie in der Luft aufgrund der warmen Luft, die zu uns kommt“

Quelle: OÖ ORF at (28.05.25, abgerufen am 29.05.25, 08.00 Uhr MESZ)

Auch im Jahre Schnee hält sich die Mär, dass es für Unwetter heiße Luftmassen braucht. Der 27. März 2006 zeigte das Gegenteil: Bei mehrheitlichen Höchstwerten unter 20 Grad gab es eine veritable Tornadoserie in Norddeutschland – mit mindestens 8 Tornados, zwei Toten in Hamburg sowie weitere Verdachtsfälle. Beispiele wie dieses gibt es immer wieder: eine mäßig warme Luftmasse, aber gut geschert – und dadurch erhöhtes Schwergewitterpotential.

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Fehlprognose für 19.09.24: Gewitter im Osten

Schauer und Gewitter am Donnerstag, 19. September 2024, 04 Uhr Lokalzeit (slowakisches Radar)

Nachdem ich nun tagelang über die Vorhersagen und Warnungen von anderen Wetterdiensten und Behörden geschrieben habe, komm ich nicht umhin, meine eigene Fehlprognose hervorzuheben, die mir auf eindrucksvolle Weise am Donnerstag in der Früh bewusst wurde, als ich Punkt 04 Uhr durch einen lauten Donner geweckt wurde.

In Wien war das nicht weiter tragisch, aber die Schauer- und Gewitter zogen genau übers Tullnerfeld westwärts, also über die am schwersten betroffenen Hochwassergebiete. Keine angenehme Überraschung für die Anrainer, so sie überhaupt Schlaf gefunden haben, von Starkregen und Donner geweckt zu werden.

Was wurde übersehen?

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„Herr Ober, da ist eine Delle in meinem Keil!“

Ein nur in der Höhe ausgeprägter Tiefdruckwirbel über Mitteleuropa, umgeben von wolkenlosem Himmel unter Hochdruckeinfluss. Über Unterkärnten sorgte das Tief für ein Morgenwitter, Satellitenbildquelle: kachelmannwetter.com

Ein meteorologisches Phänomen, mit dem wir in der Vorhersage öfter zu tun haben, ist der sogenannte Fritzl’sche Dellenkeil (Der Begriff kam von einem Kollegen namens Fritzl). Wenn sich ein Hochdruckgebiet etabliert, dann betrachten wir Meteorologen nicht nur die Wetterentwicklung am Boden, sondern auch in der Höhe, wo die Wetterküche wesentlich stattfindet.

Für stabiles Hochdruckwetter braucht es hohes Geopotential mit warmen, trockenen Luftmassen. Die Atmosphäre wird dann eher hochreichend trocken geschichtet sein, und die Absinkinversion sorgt dann trotz labiler Schichtung für einen gewitterfreien Tag.

Der auf den ersten, oberflächlichen Blick stabile Höhenrücken ist aber häufig mit gewissen Makeln behaftet, in diesem Fall ein trojanischer Trog, der den Keil an der Rückseite (westlich der Keilachse), in der Keilachse oder an der Vorderseite (östlich der Keilachse) eindellt.

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Schwere Gewitter gibt es nicht erst seit der Erderhitzung

LP-Superzelle über dem Wiener Becken am 24. Juni 2021

Es besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass die rapide zunehmende Erhitzung der Erde für gigantische Hagelschloßen verantwortlich ist. Erst am 19. Juli 2023 wurde in Carmignano di Brenta mit 16cm ein neuer Rekord aufgestellt. Der alte stammte vom 20. Juni 2016 in Sânandrei, Rumänen, mit 15cm Durchmesser. Weltrekord hält noch das Hagelkorn vom 23. Juli 2010 in Vivian, South Dakota, mit 20,3cm Durchmesser. Wie schon bei den Extremwerten der Lufttemperatur in den vergangenen Jahren, die vielerorts nicht um wenige Zehntel, sondern gleich um mehrere Grad überboten werden, sind auch die 19cm von Azzano Decimo am 24. Juli 2023 ein Ereignis von enormer Tragweite für die beunruhigende Veränderung des Erdklimas.

Die beobachteten Extremwerte bei den Meeresoberflächentemperaturen (bis zu sechs Standardabweichungen vom Durchschnitt im Nordatlantik) mit 5 Grad zu warmen Mittelmeer und teilweise über 10 Grad an der kanadischen Ostküste, aber auch das extrem hohe 500 hPa Geopotential über dem Mittelmeerraum und teilweise im Bereich der Azoren fallen in diesen Tagen ins Auge. Ob das schon die Auswirkungen des Zusammenbruchs der AMOC (Atlantic Meridional Overturning Circulation) sind? Dazu ein frischer lesenswerter und gut verständlicher Beitrag von Stefan Rahmstorf, der sich auf eine kürzliche Studie bezieht, die am 25. Juli 2023 veröffentlicht wurde.

Dennoch sollten wir tunlichst vermeiden, Wetter und Klima miteinander zu verwechseln, wenn wir schon den radikalkonservativen Gegner bloßstellen wollen, denn der hat keine tragfähigen Pläne für eine lebenswerte Zukunft (exzellenter Thread). Handwerkliche Fehler in der Argumentation liefern Tür und Tor für den Gegenangriff.

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„Heat dome“: Das Hitzehoch als Folge der Erderhitzung

Prognosekarte für die mittlere Troposphäre (500 hPa, ca. 5,5km Höhe) für Dienstagabend, 18. Juli 2023 mit Darstellung der Höhendruckgebiete (500 hPa) und Bodendruckgebiete (Isobaren) – Um die Nordhalbkugel verlaufen mächtige Höhenrücken mit über 584gpdm, über dem westlichen Mittelmeer bis knapp 600gpdm (oberer Rand der Skala), die Tiefdruckgebiete sind dazu vergleichsweise schwach ausgeprägt. Im Bereich der Höhenrücken kommt es seit Tagen (Wochen) zu Hitzerekorden und überwärmtes Oberflächenwasser der Ozeane.

Die Tagesschau titelte auf ihrer Webseite vor wenigen Tagen folgende Schlagzeile:

„Seit einigen Tagen herrschen im Süden Europas extrem hohe Temperaturen. Heute gab es eine kleine Verschnaufpause, doch die währt wohl nur kurz: Denn Meteorologen haben schon die nächsten Hochdruckgebiete ausgemacht.„

Tagessschau, Die nächste Hitzewelle ist schon in Sicht, 16.07.23

Ich könnte jetzt einen weiten Bogen schlagen von mangelnder wissenschaftlicher Bildung über jahrzehntelange Versäumnisse in der „Weather Literacy“ (analog zur Health Literacy) bis hin zur journalistischen Verknappung von Aspekten der Meteorologie, die aber für das weitreichende Verständnis der tiefgreifenden Klimaveränderung notwendig sind.

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