„Herr Ober, da ist eine Delle in meinem Keil!“

Ein nur in der Höhe ausgeprägter Tiefdruckwirbel über Mitteleuropa, umgeben von wolkenlosem Himmel unter Hochdruckeinfluss. Über Unterkärnten sorgte das Tief für ein Morgenwitter, Satellitenbildquelle: kachelmannwetter.com

Ein meteorologisches Phänomen, mit dem wir in der Vorhersage öfter zu tun haben, ist der sogenannte Fritzl’sche Dellenkeil (Der Begriff kam von einem Kollegen namens Fritzl). Wenn sich ein Hochdruckgebiet etabliert, dann betrachten wir Meteorologen nicht nur die Wetterentwicklung am Boden, sondern auch in der Höhe, wo die Wetterküche wesentlich stattfindet.

Für stabiles Hochdruckwetter braucht es hohes Geopotential mit warmen, trockenen Luftmassen. Die Atmosphäre wird dann eher hochreichend trocken geschichtet sein, und die Absinkinversion sorgt dann trotz labiler Schichtung für einen gewitterfreien Tag.

Der auf den ersten, oberflächlichen Blick stabile Höhenrücken ist aber häufig mit gewissen Makeln behaftet, in diesem Fall ein trojanischer Trog, der den Keil an der Rückseite (westlich der Keilachse), in der Keilachse oder an der Vorderseite (östlich der Keilachse) eindellt.

Skizze für einen stabilen Keil (links) und einem instabilen Keil mit eingelagerter Trogachse (rechts)

Landläufig herrscht die Auffassung, dass Gewitter in einem Hochdruckgebiet klassische Wärme- oder Hitzegewitter sein müssen, die aufgrund der überhitzten Topographie entstehen.

Im Sommer solle man zudem darauf achten, rechtzeitig aufzubrechen: „Es ist wichtig, lieber früher als später loszustarten, da Wärmegewitter in der Regel bereits am Nachmittag beginnen“

Landesleiter-Stellvertreterin der Tiroler Bergrettung, Kathrin Puelacher im ORF Tirol, 05. August 2024

Wenn man sich aber das rechte Bild betrachtet, dann entsteht die Mehrzahl der Gewitter weniger aufgrund der Wärme, sonst müsste es ja *überall* gewittern, sondern weil der Hochdruckeinfluss nicht astrein ist und sich gebietsweise dynamische Hebungszonen ausbilden können, wie eine Trogachse mitten im Keil. Je heißer und labiler die Luftmasse, desto geringer muss dieser Höhentrog ausgeprägt sein. Dann reicht ein kleiner Impuls für ein Gewitter.

Im Fall vom 7. August 2024 reichte das Zusammenspiel aus Trog im Keil und labiler Luftmasse für ein Gewitter in Unterkärnten aus:

HRV RGB Satellitenbild und 300 hPa Geopotential (Isohypsen) am 07.08.24, 08 Uhr MESZ (Quelle: Eumetrain Viewer)

Die Delle durch den Höhentrog kam nicht überraschend, aber selten handelt es sich um so einen schönen Tiefdruckwirbel.

Zufälligerweise hatte ich am Vortag für eine Bergwetterprognose eine 300 hPa Stromlinien und Windgeschwindigkeits-Prognosekarte von GFS 06z (Mittagsprognose) gespeichert, sie galt für Dienstag, 06. August 2024, 23 Uhr. Dort zeichnete sich anhand der Stromliniendelle der Trog im Keil gut ab. Der Wind weht parallel zu den Isohypsen (Linien gleicher Druckfläche), weshalb man Stromlinienkarten ebenfalls hernehmen kann, um kleine Tröge zu identifizieren.

GFS-06z-Prognose, Quelle: wetterzentrale.de

6 Stunden später hat sich der Trog abgeflacht und die Tiefzirkulation aufgelöst:

um 14 Uhr

In Wien machte sich zu diesem Zeitpunkt das stärkere Absinken durch den nachrückenden Keil bemerkbar.

Radiosondenaufstieg am 07. August 2024, 14 Uhr MESZ für Wien-Hohe Warte, Quelle: kachelmannwetter.com

Die Luftmasse blieb zwar in der Höhe labil geschichtet. aber in ca. 1km Höhe befand sich eine stabile Absinkinversion, über die vom Boden aufsteigende Luftpakete einfach nicht drüberkamen. Daher blieb es in Wien bis zum Abend trocken.

300 hPa und sichtbarer Satellitenbild-Kanal Mitteleuropa, 07.08.24, 15 UTC (Eumetsat)

Weitere Trogachsen an der Westflanke des Höhenrückens sorgten für große Gewittercluster vor allem über Norditalien, wo sehr energiereiche Luftmassen vorherrschten, sowie über den Ostalpen, aber mit Abschwächungstendenz in den Keil hinein.

Wenn ich zusammenfassen darf: Insbesondere für den Vorhersager ist es immer ein Warnsignal, wenn bei einer vermeintlich abgesicherten Hochdrucklage von den Wettermodellen Niederschlagssignale gerechnet werden. Es ist so gut wie nie eine „Überhitzung“ der Luftmasse die Ursache für Gewitter – schon gar nicht in der Früh. Nicht immer sind die Dellen im Keil gut erkennbar und manchmal hat es weniger mit einer Delle zu tun als mit der Fernwirkung einer gealterten Kaltfront, die vorbeistreift oder eines vorbeiziehenden Höhentrogs, dessen Ausläufer noch bis in den Keil hineinreichen. Die Höhenströmung kann zudem noch leicht diffluent sein, also auffächern, auch das kann Hebungsantrieb aus der Höhe bewirken. Bodennahe Konvergenzen durch Umströmung der Alpen kann ebenso eine Rolle spielen, weshalb es dort und nicht hier zu Gewittern kommt.

Für den Laien heißt es sich in Acht zu nehmen, wenn von Wärmegewittern die Rede ist. Gewitter sind auch bei großer Hitze nicht auf den Nachmittag beschränkt, wenn bereits in der Früh oder am Vormittag ein Trog durchgeht. Der Nachmittag kann dann sogar wieder recht sonnig verlaufen, wenn keine weitere Hebungszone durchgeht.

Ausblick:

Die Wettermodelle rechneten schon seit Wochen immer wieder mal den 40er im Osten von Österreich, vor allem GFS. Das liegt aber nicht an der schlechten Auflösung der Topographie gegenüber hochaufgelösteren Wettermodellen, sondern an der Wetterlage, die sich von Modell zu Modell unterscheidet. Das europäische EZWMF, das meist von den Wetterdiensten als Grundlage genommen wird, rechnete die Hitzewellen bisher abgeschwächt oder eher über Mitteleuropa. GFS sah den Schwerpunkt hingegen am Balkan und das östliche Flachland knapp drin.

Nun sah es anfangs nächste Woche nach mehreren Tagen mit stabilem Hochdruckeinfluss und in 1500 Meter Seehöhe in freier Atmosphäre nach +25 Grad und mehr aus. Das hätte in den niedrigsten Regionen von Ostösterreich mit bodennaher Überhitzung (sogenannte Überadiabate) durchaus für den ein oder anderen 40°C-Höchstwert gesorgt, vielleicht auch rekordverdächtige 41°C. Dieser stabile Hochdruckeinfluss mit sengender Hitzewelle scheint nun aber in den Modellprognosen zu bröckeln, wegen – richtig – einem Dellenkeil.

GFS 12z 500 hPa Stromlinien, für Montagabend, 23 Uhr – rot umrandet das Höhenhoch, schwarz die Trogachsen

GFS 12z deutet z.B. in der 500 hPa Stromlinienkarte für Montag einen kleinen Trog über dem Osten von Österreich an, der am Abend über den Alpen für Gewitter sorgen könnte. Die Delle ist winzig, aber sie reicht bei einer hochlabilen Luftmasse für Gewitter aus.

GFS 12z für Dienstag, 13. August, 23 Uhr MESZ

Am Dienstag wird das Hoch bereits zum Balkan abgedrängt. Von Frankreich her greifen mehrere kleine Tröge auf den Alpenraum über. Der Osten von Österreich liegt am nähesten zum Hoch und damit unter Absinken, aber die Luftmasse, die die 40°C hätte bringen können, wurde bereits nach Ungarn abgedrängt.

Der Mittwoch war der dritte Tag als heißer Kandidat für 40 Grad, aber der Trog rückt noch etwas näher und die Gewitterneigung nimmt dann auch im Osten von Österreich zu.

Alles hat eine Kehrseite. Statt großer Hitze bei sehr niedriger relativer Feuchte (um 30%) sieht es nach mehreren schwülen Tagen mit 35 bis 37 Grad, aber 40-50% Feuchte aus. Das ist nicht weniger unangenehm und beschert auch wieder laue Nächte, in denen es nicht abkühlen will. All jene, die inneralpin zuhause sind, können sich hingegen auf tägliche Gewitter einstellen, zumindest irgendwo in den Bergen, wo die jeweiligen „Dellen“ dann anzutreffen sind. Dass dabei aber aufgrund der schwachen Höhenströmung wieder langsam ziehende Gewitter mit enormen Regenmengen fallen werden, ist eine Folge einer überhitzten, feuchten Luftmasse unter einem Dellenkeil.

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