
Reinhard Steurer ist Professor für Klimapolitik an der Universität für Bodenkultur (BOKU) und engagiert sich seit Jahrzehnten für den Umwelt- und Klimaschutz. Er schrieb vor kurzem im STANDARD einen Kommentar zur „Klima-Heuchelei“ der Medien und Mehrheitsgesellschaft. Darin kritisiert er vor allem einschlägige Medien wie ServusTV oder Krone, die seit jeher Desinformation betreiben und rechte Parteien durch tendenziöse Berichterstattung fördern, und nun in Zeiten anhaltender Hitzewellen und Dürre die Versäumnisse der Regierung in der Klimapolitik anprangern. Ihre Forderungen sind jedoch allenfalls symbolisch gemeint, aber sollen niemals in der Bevölkerung so spürbar sein, dass es wehtut. In Umfragen sei die Mehrheitsgesellschaft zwar für mehr Klimaschutz, aber gibt den rechten Parteien (ÖVP und FPÖ) seit Jahrzehnten immer eine absolute Mehrheit, wohlwissend, dass diese nicht an Klimaschutz interessiert sind. Das bezeichnet Steurer völlig zu Recht als Heuchelei.
Nicht einmal Naturkatastrophen wie das schwere Hochwasser im September 2024 führte zu einem Umdenken. Die FPÖ blieb bei den Nationalratswahlen im Oktober 2024 in Niederösterreich stark, aus dem gleichen Grund, wie sie auch jetzt stark bleibt: Die FPÖ „es ist schließlich Sommer“ verspricht den geschädigten Hochwasseropfern (die zum Teil wider besseren Wissens in Überschwemmungsgebiete gebaut haben) bzw. den jetzt geschädigten Bauern hohe Entschädigungssummen. Alles wieder gut. Woher das Geld in Zeiten der Budgetknappheit kommen soll, ist nicht ihr Problem. Ebenso nicht, dass die Dürre durch Geld alleine nicht wieder vorbeigeht und Milch und Honig von den Äckern fließen werden. SPÖ und Neos stellen legitime Forderungen, die Entschädigungen an das Klimaschutzgesetz zu knüpfen. Das wird dann ein weichgespülter Kompromiss ohne Sanktionen. Die Verschleppung der Entschädigung können ÖVP und FPÖ bequem auf die eigenen Koalitionspartner schieben. Weil im eigenen Mindset ein „absolutes Ausnahmejahr“ herrscht und die Klimaerwärmung entweder nicht existiert oder vom Menschen nicht verursacht sein kann, braucht es in ihren Augen auch keine Klimaschutzmaßnahmen. Und so verstreicht die wohl beste Gelegenheit, die alternative Realität der FPÖ zu entzaubern und ernsthafte Klimaschutzpolitik anzugehen. Eine Partei, die in fünf Bundesländern zufrieden mit der FPÖ reagiert, hat kein augenscheinliches Interesse daran, den eigenen Koalitionspartner zu demontieren.
Marc Olefs ist Klimaforscher an der Geosphere Austria und kommentierte im STANDARD Steurers Kommentar. Sein Kommentar ist beim genauen Durchlesen kein Widerspruch zu Steurers Aussagen, sondern eigentlich eine Ergänzung. In meinen Augen irrt er aber bei der Ursache-Wirkung-Frage.
„Gute Klimapolitik sollte nicht darauf beruhen, Menschen permanent ein schlechtes Gewissen zu machen. Sie sollte Rahmenbedingungen schaffen, in denen die klimafreundliche Entscheidung zunehmend die einfache, attraktive und leistbare Entscheidung ist.“
„Dafür brauchen wir individuelle Verantwortung. Vor allem aber brauchen wir verlässliche politische Rahmenbedingungen, funktionierende Infrastruktur, Innovation und breite gesellschaftliche Unterstützung. Menschen, die diesem Anspruch nicht immer vollständig gerecht werden, als Heuchler zu bezeichnen, mag Aufmerksamkeit erzeugen. Ich bezweifle aber, dass es uns der Lösung näherbringt.“
Politische Rahmenbedingungen sind das Ergebnis von politischen Wahlen. Regierungen sind letztendlich ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wenn die Gesellschaft nichts dabei findet, viel zu fliegen statt lokal oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen, wenn sie zwar die fehlenden öffentlichen Anbindungen kritisiert, dann aber blau oder schwarz wählt (und auch bei rot ist es nicht unbedingt klimafreundlich, wie man in Wien sieht), dann muss man leider sagen: Klimafreundliche Rahmenbedingungen fallen nicht vom Himmel. Man muss dafür etwas tun. Die Gesellschaft möchte aber nichts tun, was das eigene Verhalten hinterfragt, eine Änderung erzwingt, aber sie möchte trotzdem ein reines Gewissen haben. So geht es mir, wenn ich vom „CO2-Ausgleich für Flugreisen“ lese, wo für jede Flugreise ein Klimaschutzprojekt irgendwo auf der Welt unterstützt werden soll. Das erinnert mich an die waghalsigen Sportevents der Dosenfirma Red-Bull, die mit „Wings for Life“ gleichzeitig die Rückenmarksforschung mitfinanzieren. Dabei ist die Vermeidung von CO2-Emissionen alternativlos, um kein zusätzliches CO2 auszustoßen.
Politische Rahmenbedingungen sind auch das Ergebnis des Medien-Politik-Industriellen-Komplexes, bei dem Medienvertreter und Politik eng zusammenarbeiten, um ihre Agenda voranzubringen. So kündigte etwa vor zwei Jahren der Redaktionsleiter von „Heute Niederösterreich“, einem tendenziösen Gratis-Blatt, und wurde anschließend Pressesprecher der FPÖ-Niederösterreich. In Österreich sind rund 70% der Medien von Boulevardzeitungen dominiert, die brav das Stöckchen der rechten Parteien apportieren. Dazu kommt die parallele Medienwelt der rechten Parteien durch ihre eigenen TV-Sender, Videokanäle und ihrer Social-Media-Accounts. Die öffentliche Auseinandersetzung zwischen Steurer und Olefs findet in einer Luftblase statt.
Die wirklich wichtigen Fragen werden gar nicht gestellt: In welcher Welt werden wir leben, wenn wir jetzt nichts tun bzw. so weiterleben wie bisher? Woher kommt unser Trinkwasser? Woher kommt das Wasser für die Landwirtschaft und Industrie? Wie werden wir es in den Städten aushalten, wenn Hitzewellen wie heuer zur neuen Normalität werden, oder sogar noch heißer? Wie gehen wir mit den ökologischen Folgen um, die bisher zu kurz kommen? Waldsterben, Wälder, die zu CO2-Quellen statt -Senken werden, zunehmende Waldbrände, kippende Gewässer, hungernde Wildtiere, invasive Arten der Flora und Fauna, die immer schneller Fuß fassen? Gefährliche Krankheiten (Malaria, Dengue, Westnilfieber, etc.), die durch tropische Insekten übertragen werden? Das rote Wien hat sich jetzt schon entschieden, die weitere Ausbreitung der asiatischen Tigermücke nicht zu verhindern. Doch auch hierzulande wird es einen sorgsamen Umgang mit der Ressource Wasser geben müssen – und dazu zählt auch, die stehenden Brutstätten der Mücken konsequent zu unterbinden. Die Fortschreitung der Klimakrise im derzeitigen Tempo bedeutet, dass eine Debatte über Verlust und Verzicht alternativlos ist. Sie wird kommen, und je länger wir diese prokrastinieren, desto schmerzhafter wird sie, wenn die Katastrophe bereits da ist.
Das Jahr 2026, nicht nur der Sommer, denn die Trockenheit begann schon lange vorher, liefert einen ersten Vorgeschmack. Es sind nicht nur einzelne Hausbewohner, deren Brunnen versiegen, sondern ganze Gemeinden müssen von der Feuerwehr und Milchtankwägen mit Trinkwasser versorgt werden. Dass Feuerwehr und Hubschrauber aufwändig alpine Hütten beliefern, schafft es zwar in die Medien, löst aber keinen Aufschrei aus. Viele Bauern in den am schwersten betroffenen Gebieten, etwa dem oben gezeigten Pielachtal, aber auch in Ostösterreich, stehen vor den Trümmern ihrer Existenz.
Kredite überbrücken den Verlust an Anbaufläche oder geschlachteten Kühen aber nur dann, wenn der frühere Zustand zurückkommt: Über viele Wochen hinweg Landregen, der langsam in die ausgetrockneten Böden eindringt und den Grundwasserspiegel wieder anhebt. Und danach eine Rückkehr zum feuchtmilden Westwindklima, das den europäischen Wohlstand und die Überfülle bei den Grundnahrungsmitteln aufgebaut hat. In den letzten Wochen und Monaten habe ich in zahlreichen Zeitungsartikeln viel von „Hoffnung“ gelesen. Die Landwirte hoffen, die Fischzüchter hoffen, die Industrie hofft, die Weinbauern hoffen, dass die Dürre mit einem wochenlangen Landregen zu Ende geht und dann alles wieder gut ist. Doch wie viel Realismus steckt in dieser Hoffnung?


Wie viel „absolutes Ausnahmejahr“ steckt im Jahr 2026? Wenn man etwa in Ostösterreich über viele Jahre zurückschaut, dann wurden die Jahre mit saftig grünen Wiesen immer seltener: 2014, 2016, 2021 und 2023. Die letzten zwei Jahre waren bereits von zunehmender Trockenheit geprägt. Man möge sich korrekt erinnern: Das Hochwasser im Herbst 2024 beendete eine längere Trockenperiode, nach einem feuchten Oktober folgte ein schneearmer Winter und die nächste trockene Phase. Das Jahr 2026 führt also einen Trend zu immer trockenen Vegetationsperioden fort. Ist das der Höhepunkt dieser Trockenperiode? Die Klimamodelle sagen: Nein.
Das, was ich kurz- und mittelfristig in den Wettermodellen sehen kann: Bis weit in den September hinein kommt es zwar gebietsweise immer wieder zu Niederschlägen, am wenigsten fällt aber im Osten und es wird bei weitem nicht ausreichend sein, die anhaltende Trockenheit zu beenden. Außerdem sichtbar: Neben ersten markanteren Kaltluftvorstößen sind weitere Hitzeausbrüche erkennbar – damit anhaltende extreme Wärme im Gebirge und weiterhin hohe Verdunstung. Was auf absehbare Zeit nicht sichtbar ist: Landregen, also Fronten, die Flächenregen bringen und nicht nur Schauer über ein paar Stunden und räumlich begrenzt hinweg. Es ist keineswegs gesagt, dass das extrem warme Mittelmeer zwangsläufig starke Adriatiefs bei uns verursachen wird, die neben Überflutungen eben auch die dringend benötigten Wassermengen bringen würden. Es kann auch einfach den ganzen Winter über bei Hochdrucklagen über Südeuropa bleiben.
Das Sommerloch geht nun zu Ende, doch die Trockenheit, im Osten Dürre, bleibt. Die Folgen von diesem Jahr zeigen sich teilweise erst im kommenden Jahr. Das betrifft ganz Europa, nicht nur Österreich. Gleichzeitig stehen wichtige Wahlen an. In Deutschland droht ein Erdrutschsieg der rechtsextremen AfD. In Österreich führt die rechtsextreme FPÖ mit großem Abstand in den Umfragen. Man kann nicht sagen, dass man mehr Klimaschutz will, aber dann tatenlos zuschauen, wie das krasse Gegenteil dann diktiert, was nicht passieren wird.
