
Ich fühlte mich in den letzten Tagen an die Pandemie erinnert und wie bis heute mit SARS-CoV2, das übrigens nicht verschwunden ist, umgegangen wird. In den ersten Interviews nach der Flut sprach Frau Landeshauptmann Mikl-Leitner davon, dass sie „bestens vorbereitet“ gewesen seien. Bezirkshauptleute sprachen von einem „nie dagewesenen Extremereignis“ und dass sie von den dramatischen Entwicklungen überrascht worden wären. Im ORF habe man frühzeitig und regelmäßig über die potentielle Hochwasserlage berichtet, verteidigten die Frontmänner des ORF den Sender. Das Magazin Dossier berichtete kürzlich über die Einflussnahme der ÖVP auf das ORF-Landesstudio in Niederösterreich.
Der FALTER berichtete in seiner letzten Ausgabe über den chronologischen Ablauf von den ersten dramatischen Modellrechnungen am 6. September bis zum Eintreten des Worst-Case-Szenarios. Scheinbar waren alle informiert, nur der finale Informationsfluss von den Bezirkshauptleuten zu den Gemeinden und letztendlich zum Anwohner ist fraglich – ebenso die Deutlichkeit, mit der man über rechtzeitige Evakuierungen hätte sprechen müssen. Der Präsident der Universitätenkonferenz, Oliver Vitouch, kritisiert die Politik sehr deutlich, sie sei scheinheilig und doppelzüngig.
Wie nach dem kolossalen Versagen bei der Schließung des „Kitzlochs“ und der chaotischen Evakuierung von Ischgl in der Anfangsphase der Pandemie, mit der sich das Virus unkontrolliert in ganz Europa ausgebreitet hatte, gilt offenbar auch hier: Alles richtig gemacht.
Leider fehlt mir jetzt die Zeit, sonst würde ich diesen Beitrag noch einmal teilen in Modellperformance und strategische Prävention im Kurz- und Langfristbereich. Es ist jedenfalls mal alles dokumentiert und bevor man am 29. September sein Kreuzerl setzt, sollte man genau überlegen, wer sich für Hochwasser- und Klimaschutz einsetzt, wer im Zweifelsfall entschädigen wird. Von einem automatischen Versicherungsschutz halte ich nichts, denn es soll sich nicht lohnen, in Überschwemmungsgebiete zu bauen. Vielmehr müssen Gemeinden in die Pflicht genommen werden, die Bautätigkeit künftig besser zu kontrollieren.
Chronologie der Vorhersage
Am Donnerstag, 5. September war ich das letzte Mal im Helenental, noch bei hochsommerlichen Bedingungen und Niedrigwasser (210cm).

10 Tage später sollte der Pegelhöchststand hier bei 5,67m liegen – 34cm höher als beim bisherigen Spitzenreiter 08. Juli 1997 – der Durchfluss lag um 50 m³/s höher – ein 100-jährliches Ereignis.
Freitag, 06. September 2024
An diesem Tag sah ich das erste Mal akkumulierten Niederschlagsmengen von EZWMF 300-440mm innerhalb von zehn Tagen entlang der Nordalpen. Ich kommentierte das in einer privaten Chatgruppe mit den Worten „das wäre das worst case szenario, wenn das überhitzte Mittelmeer angezapft wird.“
In einem großen Wanderforum , wo ich gelegentlich Bergwettervorhersagen einstelle, schrieb ich am gleichen Tag:
Richtung Freitag und Wochenende rechnen alle Modelle extreme Lösungen, mit starken Bodentiefs östlich von Österreich, damit verbunden extreme Niederschläge vor allem im Nordstau und Ostösterreich, Schneefall um 1000m im Nordstau, teilweise Hochwasser, etc.
Laut FALTER-Reportage vom Dienstag, 17.09., kamen die Kollegen von der Boku und der GeoSphere ab Freitag, 6. September zum gleichen Résumée – das wäre eine Katastrophe, wenn diese Mengen tatsächlich eintreten würden. Diese Einigkeit ist nicht verwunderlich: Wir schauen uns alle dieselben Modelle an und bei Niederschlag gibt es wenig Interpretationsspielraum, wenn flächendeckend über 300mm gerechnet werden.
Samstag, 07. September 2024
Ich hatte am Sonntag darauf Dienst und mir die EZWMF12z-Karten vom Samstag, 07. September, gültig für den Samstag, 14.09., gottseidank abfotografiert:

Sie zeigen den sogenannten 8er Block, eine bewährte Auswahl an Prognosekarten für die Wettervorhersage, wo man die meisten wichtigen Entwicklungen erkennen kann. Dort sah man einen markanten Luftmassengradienten über dem Alpenraum, Okklusion über Österreich mit Warmfront über Westpolen, markante Hebungsprozesse, ein wirklich heftiger Druckgradient, ein heftiges Höhentief für diese Region und viel Niederschlag. Ein Meteogramm von ICON 00z zeigte am gleichen Tag über Wien Starkregen und einen Mittelwind von 30kt am Boden. Das waren schon Tropensturm-Bedingungen.
ORF-Meteorologe Marcus Wadsak wies am 7. September daraufhin, dass das Mittelmeer so warm wie noch nie sein würde (28°C im August) und schrieb auf X: „Möge uns der Herbst vor Italien-Tiefs bewahren. Könnte extrem und übel werden.“
Sonntag, 08. September 2024
Ich antwortete ihm am 8. September am Vormittag mit den 00z-Läufen (Morgen-Läufen) von vier Globalmodellen:
„Wird sich dieses Mal nicht spielen, davor bewahrt zu bleiben.“

Sie zeigten alle das kräftige Balkantief und das blockierende Hoch über Russland. Zu diesem Zeitpunkt waren die Zutaten für ein großes Hochwasser schon vorhanden: Kräftige Hebung, starke Winde mit Stauverstärkung, Aufgleiten aus Südosten auf die Kaltluft im Nordwesten und die stationäre Lage des Tiefs.
Montag, 09. September 2024
Einzelne Modelle schwächten das Ereignis in den Abendläufen der Globalmodelle teilweise ab. Ich ergänzte meine Vorhersage im Wanderforum so:
GFS und EZWMF rechnen das Bodentief nun deutlich östlicher, damit generell mehr Kaltluftzufuhr, aber weniger Niederschlag, dafür weiter herab. Zudem vor allem ab Freitagabend sehr stürmisch im Osten. Dabei hört der Niederschlag bereits am Samstagabend auf. Das deutsche Globalmodell ICON hält an der Extremlösung fest und rechnet bis Sonntag anhaltende Starkniederschläge an der Alpennordseite, ebenfalls viel Wind, aber höhere Schneefallgrenzen.
Das deutsche Globalmodell ICON blieb erstaunlich konstant und rechnete weiterhin extreme Mengen, während die anderen Modelle das Bodentief östlicher rechneten. Dann wäre die Kaltluftschicht über dem Alpenostrand mächtiger gewesen und der Niederschlag wäre weiter herab als Schnee gefallen.
Im STANDARD war am 09. September bereits von einer „brenzligen Starkregenlage“ nach den Prognosen des privaten Wetterdiensts UBIMET zu lesen:
„Geht es nach den Prognosen von UBIMET, ist ab Donnerstag aber durchaus eine „brenzlige Starkregenlage“ in Österreich zu erwarten. „Mit einer Kaltfront und einem Italien-Tief könnten in den Nordalpen lokal mehr als 200 Liter Regen pro Quadratmeter fallen, im Gebirge gebe es einen massiven Wintereinbruch, heißt es in einer Aussendung. Die größten Regenmengen gebe es laut UBIMET in den östlichen Nordalpen vom Karwendel über das Salzkammergut bis zum Wienerwald.“
Dienstag, 10. September 2024
Jetzt konsolidierten sich die Modelle auf die Extremlösung – selbst die sogenannten Ensemble-Mitglieder, das sind Modellläufe, die mit veränderten Anfangsbedingungen gerechnet werden, um die Bandbreite der Prognose abzudecken, zeigten durchwegs extrem hohe Niederschlagsmengen.
Akkumulierte Niederschlagsmengen von EZMWF, GFS und ICON – jeweils von Dienstag, 10.09., 14 Uhr bis Dienstag, 17.09., 08 Uhr:

Hier zum Vergleich die gefallenen Mengen im Zeitraum Donnerstag bis Dienstag (das Ereignis fing in der Nacht auf Donnerstag an und war am Montagabend beendet):

ICON landete am Punkt mit den Mengen, die 430mm befinden sich nahe den registrierten 428mm Alle Modelle lagen von der Größenordnung richtig. GFS ist etwas gröber aufgelöst als die anderen Modelle, doch selbst dieses Modell zeigte „irrsinnige Mengen“. Daher sollten auch die freiverfügbaren Wetter-Apps, die meist auf GFS basieren, die Lage gut erfasst haben.
Ich warnte auf X am Abend auf Englisch:
„Pretty grim outlook for N Austria and adjacent areas in association with a textbook Vb course. The event will likely be worsened by pretty low snowline and strong low-level jet. Model guidance (ecm, icon) shows additional rounds of occlusion fronts from the northeast steering very moist and warmer air masses by Sunday, rising snowline could result in a major flood event in Czechia and N Austria.“
Mittwoch, 11. September 2024
Der Wetterumschwung vollzog sich im Laufe des Mittwochs mit einer mehrere tausend kilometer langen Kaltfront. In das zerfledderte Regengebiet war eine markante Linie mit starken Radarechos und markantem Windsprung eingelagert. Ich fand diese Struktur über eine so große Erstreckung bemerkenswert und leitete damit meine Berichterstattung ein. Man möge mir rückblickend nachsehen, dass ich die „Schönheit“ der Kaltfront bewundert habe – aber ob ich sie schiach oder schön finde, änderte an der kommenden Wetterentwicklung nichts. Zudem handelt es sich um einen privaten Blog und keine offiziellen Warnungen.

Der letzte warme und anfangs sonnige Tag in Wien stand im Zeichen des Wahlkampfs.
Die Österreichische Unwetterzentrale (UBIMET) teilte auf X eine aussagekräftign Niederschlagskarte für das Einzugsgebiet der Flüsse, wo der Schneeanteil, falls vorhanden, abgezogen wurde:

In den am schlimmsten vom Hochwasser betroffenen Regionen wurden die höchsten flüssigen Niederschlagsmengen vorhergesagt: 300-400mm im Bereich Tullnerfeld, Voralpenland, Wienerwald bis Gutensteiner und Türnitzer Alpen.

Die Karte wurden freundlicherweise von Lars Lowinski, Meteorologe bei Wetteronline, am Mittwoch, 11. September auf X geteilt. Der Extreme Forecast Index (EFI) bezieht sich auf die Modellklimatologie, das heißt, ob z.B. ein Niederschlagseregnis wie hier schon einmal in den Modell-Läufen vorgekommen ist. Ist es selten vorgekommen, ist der Wert 0,5 – bei 1 kam es noch nicht vor. Das traf für den Gesamtniederschlag bis Dienstag von Polen über Tschechien bis Österreich zu. Die Konturen mit den Shift of Tails (SoTs) sagen aus, wie extrem das Ereignis wird. Positive Werte zeigen, dass mindestens 10% der 51 Ensemble-Läufe von EZWMF ein Extremereignis vorhersagen. Je höher die SoTs, desto extremer die Lösungen (mehr dazu hier).
Spätestens ab diesem Zeitpunkt hätte man das Radio- und Fernsehprogramm ändern müssen und wiederholt auf die Dramatik der bevorstehenden Ereignisse hinweisen, damit Evakuierungen von Personen und wertvollen Sachgegenständen stattfinden konnten – von der Waschmaschine im Keller bis zum Fuhrpark der Fleischerei im Überschwemmungsgebiet. Die Botschaft an die Bevölkerung hätte unmissverständlich ausfallen sollen – speziell in Regionen, die kaum oder keine Erinnerungen an große Hochwässer haben:
Es werden nie registrierte Regenmengen in einem Bereich fallen (Flysch-Zone!), der bei Starkregen grundsätzlich hochwassergefährdet ist. HQ30-100 wird verbreitet überschritten werden – jeder kann bei HORA nachschauen, ob er gefährdet ist.
Meine Text-Prognose vom Mittwoch in meinem Blogartikel, der das Hochwasserereignis mit überregionalem Blick dokumentiert hat:
- Die Nullgradgrenze liegt bis mindestens Sonntagnachmittag zwischen dem Tiroler Unterland und dem Mariazellerland um 1500m. Bei intensiven Niederschlägen liegt die Schneefallgrenze unter 1000m, teilweise gegen 700m herab.
- Mit den erwarteten hohen Neuschneemengen kann Schneebruch ein Thema werden.
- Die niedrige Schneefallgrenze wird ein großes Alpenhochwasser vorerst verhindern, kritisch könnte die Hochwassergefahr vor allem in Niederösterreich und Wien werden.
- Viel Regen wird auch in Mähren, im Wald- und Weinviertel erwartet. Damit kann es am Kamp, an der Thaya und an der March ein größeres Hochwasser geben.
- Vor allem in Niederösterreich, Wien, Burgenland und südlich der Mur-Mürzfurche werden von Freitag bis Sonntag Mittelwinde von 90 km/h auf 600-1000m Höhe vorhergesagt. Der starke Niederschlag wird wahrscheinlich sehr starke Windböen verhindern, aber ein hoher Mittelwind könnte auch für Sturmschäden sorgen.
- Ab Montag gelangen von Nordosten her wieder wärmere Luftmassen in den Alpenraum, damit steigt die Schneefallgrenze wieder an. Hier bestehen noch große Unsicherheiten, was an Niederschlag dazu kommt. Tauwetter könnte die Hochwasserproblematik im Nordalpenbereich verschärfen.
- Der geringste Niederschlag ist wahrscheinlich in Vorarlberg, Tiroler Oberland sowie in Osttirol und Oberkärnten zu erwarten, hier werden es bis Sonntag „nur“ 40-100mm.
Die Prognose ist im wesentlichen eingetroffen. Im Nordstau schneite es teilweise tiefer herab, z.B. in Bad Goisern, wo auch über 300mm fielen. Der starke Niederschlag dämpfte den Wind kaum, es gab auch im Wiener Bereich 90-100 km/h und am Alpenostrand großflächig Sturmschäden. Im Südosten war es ein verheerendes Sturmereignis der Größenordnung 27. Jänner 2008 mit flächigen Windwurfschäden.
Das Land Niederösterreich erwartete an der March über HQ30, der tschechische Wetterdienst warnte vor 150-250mm, der Umweltminister gab eine Pressekonferenz. Der polnische Wetterdienst warnte ebenfalls vor Hochwasser im Süden des Landes. Die GeoSphere gab ebenfalls Warnungen heraus.
Der Kamptalstausee wurde durch einen Sonderbeschluss des Bundes (Bezirkshauptmannschaft, dann Krisenstab des Innenministeriums) am Mittwoch mit 50m³/s abgelassen. Ab da machte sich das auch beim Pegel Stiefern im unteren Kamptal bemerkbar.
In der ZiB1 vom 11. September, 19.30 Uhr, erklärte Wetterfee Christa Kummer im Studio, dass das viel zu warme Mittelmeer und der Kaltluftvorstoß aus dem Norden für das Extremereignis verantwortlich sei. Der Temperatursturz von 10 bis 15 Grad im September sei außergewöhnlich, die Wetterlage selbst nicht. Zuletzt war es 1912 und 1937 drei Tage am Stück so kalt gewesen wie jetzt erwartet wird. Sie betonte am Ende aber, dass das Wetter sei und nicht Klima. Der Satz wurde inklusive von mir als Zugeständnis an die Erwärmungsleugner interpretiert. In einem früheren Interview zum Hochwasser im Juni drückte sich jedoch viel deutlicher aus. Insofern bleibt rätselhaft und der letzte Satz merkwürdig deplatziert, weshalb sie ihn betont hat.
Spekulationen entstanden um die Abwesenheit von ORF-Meteorologe Wadsak, der seinen Account mit Ereignisbeginn deaktiviert hatte – eine übliche Vorgehensweise, wenn er Urlaub hat. Er hätte wohl lieber Dienste gemacht, aber Urlaub ist Urlaub und Manuel Oberhuber setzte bei seinen Interviews ein Ausrufezeichen – mit souveränen Informationen und klaren Worten zur Rolle der Klimaerwärmung bei diesem Ereignis.
Donnerstag, 12. September 2024
Der Donnerstag startete zweigeteilt in die beginnende Hochwasserlage: Die stärksten Niederschläge fielen zunächst im Süden. Obwohl Nachbarland, ging wieder einmal unbemerkt an österreichischen Medien vorbei, dass es in Slowenien ein schweres Hochwasser gab. So fielen am 12. September bis zu 132mm in 24 Stunden, landesweit waren es 50-120mm. An der Grenze zu Italien waren es sogar 141mm in 12 Stunden – da wurden Erinnernungen an das Vorjahr wach, als es Anfang August eine Hochwasserkatastrophe gab, die ebenfalls kaum Beachtung in Österreich fand – vergessen scheinen zudem auch die Hochwasserkatastrophen in Griechenland und Libyen.

An der Alpennordseite sank durch die einströmende Kaltluft die Schneefallgrenze weit herab. Mein Bauchgefühl als Vorhersager hatte mich nicht getrogen. Auch bei vorhergesagten Null Grad auf 1500m konnte es mit ausreichend starken Intensitäten bis 600-700m herabschneien. Zu diesem Zeitpunkt mag man noch die plötzliche Winterlandschaft bewundert haben, nachdem es vier Tage vorher noch Hitzerekorde gab – doch das Schlimmste stand noch bevor.
Die Warnkarte der GeoSphere war am Morgen vom Tiroler Unterland bis ins Mittelburgenland einheitlich ORANGE mit dem Warntext „Kleinräumige Überflutungen“. Der Fokus lag zunächst auch auf der Alpensüdseite, wo die stärksten Niederschläge zu Ereignisbeginn auftraten.
Wichtig für die Interpretation ist folgende Erklärung der Warnstufen:
„Die ausgerufene Warnstufe (Anm.: Gelb, Orange oder Rot) orientiert sich nicht ausschließlich auf die meteorologischen Parameter sondern auch an Faktoren, die den „Impact“ verstärken oder abschwächen können (z.B.: Verkehrsaufkommen, Tages- bzw. Jahreszeit, Vegetationsstand, Vorbelastung einer Region).“
Die Warnungen berücksichtigen also die Klimatologie, wie oft ein Ereignis vorkommt und erscheinen daher tendenzell oft etwas vorsichtiger oder defensiver als die von anderen Wetterdiensten. Ob das Warnsystem für Ereignisse wie hier geeignet ist, indem man vom Flachgau bis Burgenland eine einheitliche Farbe verwendet, müssen die Verantwortlichen entscheiden.
Das Bundesministerium für Landwirtschaft (ÖVP) gab eine Hochwasserwarnung heraus, wonach bis Sonntag mit 200-250mm gerechnet wurden. An der Leitha wurde mit keinem größeren Hochwasser gerechnet, in Niederösterreich verbreitet mit HQ30 und darüber, an der Donau maximal HQ10.
Freitag, 13. September 2024
Die zunächst klassisch anmutende Vb-Lage nahm Gestalt an.

Die Okklusionsfront drehte sich nun zunehmend über Österreich ein und staute von Nordwesten gegen die Alpen. Über Polen und Tschechien wehte bodennah Nordwind mit Ostkomponente, über Ostdeutschland und dem Westen von Tschechien mit Nordwind mit Westkomponente und entsprechend eine markante Konvergenz entlang der stationären Warmfront. Die Bodenfront lag tendenziell etwas östlicher als hier eingezeichnet. Das Tief befand sich über Kroatien.
Am Vormittag verschwanden die Regenwarnungen von der Warnkarte – die Karte war vorübergehend grün -, um ab Mittag wieder zu erscheinen – dann aber war nur die Obersteiermark rot eingefärbt bis ins südliche Mostviertel.

Ich hatte Dienst und als ich gegen 19.30 Uhr nach Hause ging, fing es gerade im Osten stärker zu regnen und zu winden an. Noch hielt mich meine Regenhose trocken.
Am Abend (21.40 lct) rief ich folgende Durchflussprognose vom Land NÖ (Screenshot) mit Verwunderung ab:

Demnach wurde lediglich an Donau, Kamp, March und Leitha ein HQ30 erwartet, nicht aber an den Zuflüssen vom Tullnerfeld (HQ5-10). Das entspricht auch den Angaben vom Vortag in der „Niederösterreich Heute“-Sendung (siehe Blogartikel). Die (automatisierten?) HQ-Prognosen wurden im Laufe des Ereignis angepasst, aber dann war es schon zu spät.
Auf Meteoalarm wurde am Freitag irrtümlich eine Schneewarnung von 120-200cm für weite Teile der Hochwassergebiete verschickt.


Die Warnung wurde auch auf GoogleMap angezeigt und an zahlreiche Versicherungskunden geschickt – ein technisches Missgeschick im ungünstigsten Zeitpunkt.
Den weiteren Warnungsverlauf hab ich zugegeben nicht mehr verfolgt, aber von fehlenden Warnungen an sich konnte man definitiv nicht sprechen.
Samstag, 14. September 2024
Im Laufe des Samstags verstärkte sich der Sturm als auch die Niederschlagsintensitäten, da die Luftschichtung zunehmend instabil wurde.
Die Meldungen der laufenden Feuerwehreinsätze in Niederösterreich bestanden zunehmend nurmehr aus Sturm und Hochwasser. Irgendwann hörte ich auf zu zählen.

Im Wanderforum schrieb ich:
„Es trifft alles so ein wie befürchtet/berechnet.Kommende Nacht bis morgen Vormittag kommen zu den bereits gefallenen Mengen von den Ybbstaler über die Gutensteiner, Türnitzer Alpen bis Wienerwald weitere 80-130mm hinzu. Dazu schwerer Sturm und Orkan. Am Nachmittag wird es eine Regenpause geben, in der Nacht auf Montag kommt die nächste Front. Die Konsequenzen sind klar: Verbreitet > HQ100, schwere Schäden an der Infrastruktur, überflutete Ortschaften.“
Das ist leider eingetroffen – es war wie ein Auffahrunfall, den man nicht mehr verhindern kann, aber gezwungen ist, zuzuschauen. Pandemie-Vibes die ganze Zeit, als seriöse Wissenschaftler vor den nächsten Infektionswellen warnten, aber nicht ernstgenommen wurden.
Im Kamptal liefen erste Evakuierungen, nachdem mit einem Hochwasser der Größenordnung 2002 gerechnet wurde. Bis zum Nachmittag erklärte Niederösterreich 14 Gemeinden zum Katastrophengebiet. Evakuierungen wurden vorbereitet. In Gmünd überschritt die Lainsitz im Waldviertel HQ30. Wenig später waren bereits 24 Gemeinden betroffen.
Schwere Überflutungen wurden mittlerweile auch aus Rumänien, Tschechien und Polen gemeldet.

Der schärfste Druckgradient wurde vom Globalmodell ICON für Sonntagfrüh gerechnet – mit 24hPa zwischen Bodensee und Bratislava, auch langjährig erfahrene Kollegen können sich an solche Gradienten nicht erinnern. Bei gut durchmischten Luftmassen, also ohne Starkregen, hätte es wohl Böen über 150-200 km/h gegeben. In der Südoststeiermark lagen diese Bedingungen nahezu vor – die flächigen Waldschäden deuten auf derartige Windgeschwindigkeiten hin.
Sonntag, 15. September 2024
In der Nacht auf Sonntag und am Sonntag bis zum späten Nachmittag eskalierte die Unwetterlage. Das Tief entfaltete seine volle Wucht durch intensiven, konvektiv durchsetzten Stau. Dabei zogen die Regengebiete von Nordosten heran, aber unterhalb Kammniveau herrschte stürmischer Nordwestwind in Orkanstärke.

Im Satellitenbild von Sonntagfrüh sieht man das Bodentief über Ungarn und sowohl im Lee vom Zittauer- und Riesengebirge als auch im Lee der Alpen ausgeprägte hochreichende Wellenbewölkung, wie mit dem Lineal abgeschnitten. Sie zeigen das straffe Strömungsregime aus Nordosten bis Norden an und damit idealen Stau. Die Niederschlagsraten korrelierten mit dem Starkwind, was absolut ungewöhnlich ist. Normalerweise bremst intensiver Regen den Wind. Das war hier aber nicht der Fall.
Die Verschärfung der Hochwasserlage am Wochenende war von den Modellen seit Tagen schon gerechnet. Nichts davon kam überraschend.
Im Gegensatz zu den Vortagen änderte sich nun aber die Dynamik der Tiefdrucklage. Die Modelle zeigten eine Trogachse in der Höhe rasch von Ost nach West durchschwenken, damit sollte sich für den Sonntagnachmittag eine Niederschlagspause abzeichnen.

Mit dem Absinken der Wolkenobergrenzen dominierten zunehmend „warmer Regen-Prozesse“, also nicht der Bergeron-Findeisen-Prozess (unterkühltes Wasser lagert sich an Eiskristallen an), sondern mangels Eiskristallen stießen kleinere und größere Tröpfchen zusammen und wurden mit der Schwerkraft ausgefällt. Diese Niederschlagsbildung ist effektiver und verursacht die berüchtigten tropischen Regenschauer. Diese eingelagerten Starkregenbänder wie am Sonntagvormittag ließ verbreitet die Pegel über HQ30-100 und darüber ansteigen.

Im Satellitenbild sieht man über den italienischen Alpen die klassische hohe und mittelhohe Leewölkung bei Nordföhn (hochreichende Gebirgswelle, rotes Kastl), weiter östlich über Unterkärnten bis in die westliche Obersteiermark hingegen gefangene Leewellen (trapped lee waves, blaues Kastl) unterhalb einer Inversion, die bis ins mittlere Höhenniveau hinaufreichen. Im Bereich der niederen Leewellen im Osten gab es die stärksten Windböen bis 157 km/h am Schöckl und 135 km/h in St. Radegund (Stationsrekorde).
Gegen Mittag wagte ich mich in den Tropensturm hinaus – ok, es war viel kälter, aber der Regen kam horizontal und die Regenhose gab ihre Naht auf. Zum Glück hörte es am Nachmittag allmählich auf. Ich ging erst zur Schleuse in Nußdorf, wo der Donaukanaleinlass aufgestaut wurde und fuhr dann zum Schwedenplatz und zur Wienflussmündung, wo sich viele Schaulustige tummelten und teilweise die Absperrungen missachteten.


In Wien ging der Wienfluss beinahe über. Es handelte sich laut MA45 um ein 1000 jährliches Ereignis. Der Starkregen ließ im Wiener Stadtgebiet beinahe das Kanalsystem übergehen. Nach dem Höchststand am Vormittag öffnete man die Rückhaltebecken bei Auhof, die schließlich vollliefen. In Penzing wurden dennoch einzelne Häuser überschwemmt und waren kurzzeitig nurmehr mit Booten erreichbar. Die U4 und U6 waren in Wienflussnähe durch eindringendes Wasser unterbrochen, U3 und U2 hatten ebenfalls mit Wasserschäden zu kämpfen. Überflutungen gab es auch bei der Autobahnauffahrt auf die Südosttangente.
Das gesamte Bundesland Niederösterreich wurde zum Katastrophengebiet erklärt, etliche Bahnhöfe wurden überflutet, darunter der Alpenbahnhof in St. Pölten und Tullnerfeld an der neuen Weststrecke. Wasser drang dort auch in etliche Tunnel ein. Schäden an der Elektronik dürften die Strecke noch länger außer Gefecht setzen. Das Wasser stand auch lange nach Niederschlagsende noch tagelang auf den Gleisen.
Mehrere Tote gab es in überfluteten Häusern, wo Bewohner von den Wassermassen überrascht und eingeschlossen wurden – in Anbetracht der langen Vorlaufzeit vermeidbare Todesopfer.
Montag, 16. September 2024
Das Ereignis erlebte eine Verlängerung am Montag, als von der Früh weg eine Okklusion mit Flächenniederschlägen übergriff. Erst am Abend und teilweise erst in der Nacht auf Dienstag ließen die starken Regenschauer dann nach.

Auch dieses letzte Ereignis war schon seit Tagen vorhergesagt. Bis auf wenige Ausnahmen wurden aber keine höheren Pegelstände als am Sonntag beobachtet. Dafür brachen zahlreiche aufgeweichte Dämme vor allem im Tullnerfeld, wo das Wasser nur langsam zurückging.
Entgegen den Befürchtungen hielt sich das Tauwetter in den Bergen mit steigender Nullgradgrenze in Grenzen. Der Rückgang der Pegelstände wurde dadurch etwas gebremst, aber nicht mehr. Die Grundwasserspiegel bleiben jedoch hoch und können in den betroffenen Regionen noch Wochen und Monate für Probleme beim Trocknen der Keller sorgen. Auch die Gefahr von Hangrutschungen bleibt hoch.
Dienstag, 17.09.24
Am späten Vormittag hielt mich im Sonnenschein dann nichts mehr. Nasenweg und anschließender Stadtwanderweg über Leopoldsberg und Kahlenberg waren mir zu heikel. Unmittelbar nördlich angrenzend waren die überfluteten Ortschaften am Weidlingbach. Ich versuchte es in der Gegenrichtung von der Perchtoldsdorfer Heide weg. Dort ist der Kalk-Anteil der Föhrenberge, deren Böden durchlässiger sind.


Es zeigte sich generell ein ähnliches Bild: Die Wege waren von zahlreichen Zweigen und kleineren Ästen bedeckt, die der Sturm abgeschlagen hatte. Es lagen vor allem einige Eichen und wenige Buchen, die durch das nachgebende Erdreich gemeinsam mit dem Sturm den Halt verloren, ein, zwei Föhren, sonst war nichts. Ich bin aber nur bis Salzstanglwirt gegangen und wieder zurück. Der unmarkierte Weiterweg zum Großen Sattelberg wäre durch eine umgestürzte Buche versperrt gewesen.
Ein paar Mountainbiker waren am Hauptweg schon unterwegs und doch einige Wanderer. Auf der gegenüberliegenden Seite Richtung Breitenfurt und hinter der Sulzer Höhe mag es anders aussehen. Betroffen sind wahrscheinlich vor allem die Gräben und weniger die Kuppen.
Modellperformance:
In Summe haben die Wettermodelle hier hervorragende Leistungen gezeigt. Normalerweise, bei einem klassischen Vb-Tief, das Richtung Polen oder Slowakei abzieht, rechnen die Modelle bis zum Eintrittstermin größere Abweichungen in der Zugbahn, Niederschlagsprognose und Schneefallgrenze. Das war hier nicht der Fall. Alle Modelle hatten frühzeitig erfasst, dass die Tiefdruckgebiete zwischen zwei Hochs in Gefangenschaft gerieten und sich ortsfest regenerierten.
Alle Modelle hatten den Einfluss der umgebenden erhöhten Meeresoberflächentemperaturen berücksichtigt, ebenso den starken Druckgradienten und damit verbundene Staueffekte. Ich persönlich habe so weit im Voraus und über einen so langen Zeitraum noch nie so eine solide Modellleistung gesehen. Die Mengen wurden perfekt erfasst. Meine Hochachtung vor den Erbauern des deutschen Globalmodells – im Kurzfristbereich war das deutsche Lokalmodell ICOND2 ebenfalls zuverlässig. Die Aufbereitung der Modellkarten bei Kachelmannwetter ist für Profis sehr benutzerfreundlich, aber auch Laien konnten viel ablesen. Janek Zimmer, Modellentwickler bei Kachelmannwetter, zeigt in einem Loop, dass die führenden Globalmodelle im Mittel bereits ab dem fünften Tag vor dem Höhepunkt der Starkregenlage (Sonntagmorgen) eine stabile Position einnahmen, sprich ab Dienstag, 10.09, was auch meiner Wahrnehmung entspricht.
Sind die Warnungen bei der Bevölkerung angekommen?
Die GeoSphere informiert die Landeswarnzentralen und die Krisenkoordinationszentrale des Innenministeriums (EKC), diese konferiert mit dem Katastrophenschutz der Bundesländer. Die Bezirkshauptmannschaften hätten die Gemeinden (Bürgermeister) informieren müssen – wie weit das geschehen ist, unklar, ebenso, was danach passierte.
Ab Mittwoch gab es laut FALTER tägliche Konferenzen der GeoSphere mit den Bundesländern, Warnungen wurden ausgegeben. Die ÖBB gaben eine Reisewarnung heraus. Es wurden immer mehr Veranstaltungen abgesagt. Im FALTER behauptet GeoSphere-Austria-Chef Schaffhauser: „Aus den Bundesländern hören wir, dass alle genug Zeit hatten, sich auf dieses Ereignis vorzubereiten.“ Die zahlreichen Personenrettungen und davongespülten Autos geben ein widersprüchliches Bild ab.
Auf Puls24 gab es am 18. September eine Diskussion, dass die Hochwasseropfer selbst Schuld gewesen seien, weil es ja Alarm per Handy gegeben hätte. Ein Wienerwald-Bewohner schrieb, dass seine Freunde im Tullnerfeld nichts bekommen hätten. Ein FPÖ-Wähler aus Judenau an der Großen Tulln musste zwei Tage am Dachboden ausharren. Das Wasser stieg innerhalb von 20 Minuten auf eineinhalb Meter an. Er sei zu spät gewarnt worden.
Auf die Frage, ob zu spät gewarnt wurde, hat [NÖ-Landwirtschaftsminister und Stv. Landeshauptfrau] Pernkopf mit der Anzahl der Zivilschutzalarme und den Evakuierungen geantwortet. Das war noch nie da, alles richtig gemacht. Dass zwischen Alarm und Evakuierung teilweise keine Stunde vergangen ist, hat er verschwiegen. (schrieb eine X-Userin)
In Österreich hat die Regierung die Einführung des Katastrophenwarnsystems verschleppt: Cell-Broadcast hätte bereits 2022 in Betrieb gehen sollen. Die KatWarn-App versagte schon früher, weil nicht alle Bundesländer daran teilnehmen wollen.
Im Katastrophenfall sollte das Radio informieren, dort lief die Messe.
Medienkritik hab ich an anderer Stelle bereits geäußert, bezogen auf die „NÖ Heute“-Sendung, die zu wenig auf die zu erwartenden Auswirkungen hingewiesen haben, ebenso das Problem, dass die „Wetter-Show“ von keinen hauptberuflichen Meteorologen geleitet wird. Auf den Unfug, die lokale Wettersendungen treiben, hat die Satiresendung ZDF MAGAZIN Royale bereits am Freitag, 13.09. hingewiesen. Wo bleibt die seriöse Berichterstattung, die im Ernstfall klare Warnungen ausspricht?
Hat man denn alles richtig gemacht? Nein. Laut FALTER-Reportage vom Dienstag mussten in Niederösterreich mindestens 1800 Objekte evakuiert werden, 800 Menschen mussten mit dem Hubschrauber gerettet werden, 170 brauchten eine temporäre Unterkunft, 6 Tote sind zu beklagen. Mindestens 12 Dämme brachen, über 250 Straßen waren gesperrt, etliche Bahnstrecken beeinträchtigt, darunter beide Westbahnverbindungen von Wien nach St. Pölten. Ganze Siedlungen wurden überschwemmt, Landwirtschaft- und Industriebetriebe zerstört.
Der Hochwasserschutz hat offenkundig versagt und war nicht auf die Veränderung der Niederschlagseffizienz im Zuge der Klimaerwärmung eingestellt, aber auch bei der kurzfristigen Alarmierung gibt es Luft nach oben.
Was hätte man denn tun können?
Auch das hab ich im vorletzten Beitrag schon angerissen.
Werner Illsinger schreibt auf X:
„Das Argument: Wir haben nicht exakt gewusst, wer absäuft ist halt auch ein bissl dings. Die Leute hätten lieber einmal zu viel ihre Sachen in die oberen Stockwerke getragen, die Lastwagen woanders geparkt oder die Tiere woanders untergebracht.“
Heidi Leitenbauer schreibt auf X:
„Das Hochwasser hat in vielen Firmen teilweise ganze Produktionen lahmgelegt.Die Wirtschaftskammer spricht von mindestens 500 betroffenen Betrieben,die mit d Folgen zu kämpfen hätten. Einstige Konkurrenten würden einander vielfach solidarisch unterstützen. Die Frage der nichterfogten rechtzeitigen Evakuierungaufrufe von Seiten des Landes NOE wird rechtlich noch von Relevanz sein. Selten wurde eine #Hochwasser-Katastrophe so konkret vorher gesagt! Versicherungen, Fonds & Spenden werden nur einen Teil des enormen Schadens abdecken. Eine Evakuierung kann das Hochwasser logischerweise nicht verhindern. Das Verbringen manch teurer Geräte, von Waren und LKWs u.v.a.m. an sichere Orte wäre aber innerhalb von fünf Tagen durchaus in großem Stil möglich gewesen. Es waren eben vorhersehbar und sogar relativ gut.“
Langfristige Prävention
Österreich führt in Europa beim Bodenverbauch die Liste an. In Hochwasser-Risikogebieten leben in Österreich vergleichsweise viele Menschen: Bei einem HQ10 wäre ein Viertel der Bevölkerung betroffen.
Später hatte ÖVP-Kanzler Nehammer die Chuzpe zu behaupten, dass nur 4% der Fläche in Niederösterreich verbaut sein würden. Erstens stimmt die Zahl nicht, zweites nützt es wenig zu sagen, dass am Schneeberg wenig versiegelt sei, während in zahlreichen Flusstälern in Überschwemmungsgebiet Wohnungen oder Industrie gebaut werden.
Zu den versiegelten Flächen kommen laut Gewässerexpertin Sarah Höfler noch …
- riesige drainagierte Flächen
- Straßenentwässerungen, die am schnellsten Weg Wasser ableiten
- Abtrennung der Auen, die zum Fluss gehören
- Hecken und Raine, die in den letzten 60 Jahren entfernt wurden
- trockengelegte Moore
- kaputte Böden mit wenig Speicherkapazität
- Fichtenmonokulturen, die wenig Wasser speichern
- eine „Sperrschicht“ in Ackerböden durch den Pflughorizont
- u.v.m.
Beispiel Böheimkirchen, wo ein HQ300 oder höher aufgetreten ist:



(Hinweis und weitere Beispiele von von X-User @stadt_land)
Rust im Tullnerfeld bei HQ100 (Bürgermeister im Interview)

Die Große Tulln entspringt beim Schöpfl und fließt bis Judenau durch die Flyschzone, erst stromabwärts beginnen die breiten, durchlässigen Schotterterrassen. Etliche Bachschlingen wurden seit 1880 begradigt, wie ein Vergleich mit heute zeigt

Heute:


Fakt ist, dass man in den letzten hundert Jahren bewusst in Überschwemmungsgebiet Siedlungen und Betriebe, aber auch Industrie wie etwa das Kraftwerk Dürnrohr gebaut hat. Dürnrohr verwertet Abfall, auch Sperrmüll, und fällt möglicherweise monatelang aus – riesige Müllberge werden sich auftürmen.

Die Hochgeschwindigkeitsstrecke wurde offenbar in ein Hochwassergebiet gebaut. Das wurde politisch bewilligt, gebaut und mit unzureichendem Hochwasserschutz gesichert. Der bestehende Schutz ging nicht über HQ30 oder 100 hinaus, die Baukosten wären vermutlich nicht finanzierbar gewesen.
So bleibt die neue Westbahnstrecke allerdings monatelang gesperrt, und wird wahrscheinlich erst nach Weihnachten wieder befahrbar sein. Über die derzeit noch eingleisige alte Westbahnstrecke fahren nur etwa 150 Züge von ehemals über 500. Mit dem zweiten Gleis ab 10. Oktober soll eine Kapazität von 300 möglich sein.
Auswirkungen und Extremwerte

Alle Schäden aufzuzählen würde den Rahmen hier sprengen, ich nenne das, was ich notiert aber, den Rest samt Bildern findet man sowieso im Netz.
Daten
- Im Helenental (Schwechat) im Wienerwald wurde an der Messstation Cholerakapelle das Jahrhunderthochwasser von 1997 um über 30cm überschritten (5,67m)
- In St. Pölten sind von Samstag, 08 Uhr auf Sonntag, 08 Uhr 225,4mm gefallen, ein neuer Niederschlagsrekord für ganz Niederösterreich – der alte lag bei 162mm (1954), der Stationsrekord übrigens bei 89mm. In 72 Stunden sind sogar 321mm gefallen – auch das ist ein neuer Rekord.
- In St. Pölten hat es in 4 Tagen mehr Niederschlag (361mm) gegeben als im bisher niederschlagsreichsten Herbst 1950 (355mm) in drei Monaten. In Lackenhof und Wastl am Wald sind über 400mm in 4 Tagen gefallen.
- Historische Regenmengen gab es in St. Pölten 310mm (alt: 178mm), Lilienfeld 298mm (alt: 244m), Tulln 296mm (alt: 142mm!), Buchbergwarte 290mm (alt: 105mm!) und Lunz am See 284mm (alt: 279mm) für 72 Stunden
- In Polen sind vor allem im Glatzer Land teilweise über 350mm gefallen, z.B. 370mm in Kamienca. In 24 Stunden waren es in Ustroń-Równica – 216 mm und in Brenna 207,1mm
- In Klodzko, Polen (Glatzer Land, Sudeten) gab es am Sonntag mit 798cm einen neuen Rekordwasserstand – der alte mit 6,55m von 1997 wurde regelrecht pulverisiert.
- In Wastl am Wald sowie in Lackenhof am Ötscher sind innerhalb von 7 Tagen knapp 480mm gefallen.
4-Tages-Rekorde:
- St. Pölten 361mm (alt: 179mm, 2009)
- Lilienfeld 371mm (alt: 273mm, 1997),
- Tulln 358mm (alt: 142mm, 1967),
- Buchbergwarte 354mm (alt: 109mm, 2014)
- Lunz am See 343mm (alt: 297mm, 2007)
Auswirkungen
- Erkundigungsflug des Bundesheeres am 16.09.24 (Youtube)
- Im Raum Baden wurden 500 Bäume entwurzelt oder stark sturmgeschädigt
- In St. Pölten stand die A1-Westautobahn unter Wasser, die Westbahn wurde unterbrochen In Klosterneuburg-Kierling riss der hochwasserführende Kierlingbach Autos mit sich.
- Klodzko im Sudetenland stand unter Wasser
- Die Südautobahn wurde nahe dem alten Schwechat-Verlauf überflutet.
- Heftiger getroffen hat es die Wientalregionen stromaufwärts von Wien, Purkersdorf wurde überflutet und war von der Außenwelt abgeschnitten,
- Gablitz im Wienerwald war ebenfalls überflutet
- Überflutungen in Allentsteig (Instagram-Posting) Der Bezirk Lilienfeld ist von der Außenwelt abgeschnitten Überflutete Südautobahn A2 bei Wiener Neudorf am Abend vor Knoten Guntramsdorf, hier eine weitere Aufnahme
- Überflutungen in Sattelbach, Alland, Grub, Heiligenkreuz, Mayerling
- Im Mürztal gab es ebenfalls HQ5-10, die Altstadt von Kapfenberg stand unter Wasser
- schwere Überflutungen im Pielachtal, Traisental, Erlauftal, Gölsental, Höllental, Helenental, Piesting, Kamptal
- In Eschenau am Kaiserkogel und Rotheau im Traisental wurden ganze Straßen weggerissen
- über 250 Straßensperren, etliche Bahnstrecken betroffen
- Ein Stauseedamm bei Stronie Śląskie im Glatzer Bergland wurde weggespült, der Ort zerstört. Die mehrere Meter über dem Wasserspiegel führende Pilchowice Brücke lag bis zum Unterrand im Wasser
- noch am Donnerstag waren zehn Gemeinden in Niederösterreich nicht erreichbar
- zahlreiche HQ100-300 Ereignisse in Niederösterreich (siehe Chronologie-Beitrag)
- 1000-jährliches Hochwasser am Wienfluss und massive Schäden an der neuen U2-Baustelle bei der Pilgramgasse, wo der Schacht zehn Meter unter Wasser stand.
Längerfristige Auswirkungen
„Viele Bäume sind entwurzelt, Wege weggespült oder von Muren betroffen. Sobald der Wald wieder sicher betreten werden kann, freuen wir uns über Meldungen der Schäden an office@wienerwald.info. Um Arbeiten gezielt durchführen zu können schicken Sie bitte Fotos und Informationen über den genauen Standort. Wir leiten auch Meldungen von markierten Wanderwegen an die richtige Stelle weiter. „
- gesperrte Wanderwege und Mountainbikerouten im Wienerwald (Information)
- etliche Bahnstrecken im Schienenersatzverkehr, verkürzte Buslinien
- Zufahrt zu etlichen Seitentälern erschwert oder noch unmöglich
- erhebliche Ernteeinbußen
- hunderte Betriebe in existenziellen Nöten
- finanzielle Nöte für tausende Menschen, die nicht voll versichert waren und kein hohes Einkommen haben
- Schäden in Milliardenhöhe
Bis heute, Freitag, 20.09. waren laut noe.orf.at weiterhin nicht oder nur schwer erreichbar:

Epilog
Die Folgen der Überflutungen werden wir noch lange spüren. Die Betroffenen erleben sie am eigenen Leib. Manche werden wegziehen, andere werden vor Ort neu anfangen müssen. Die Beseitigung der Schäden wird noch Wochen und Monate dauern. Die Flut hat das Landschaftsbild in Niederösterreich teilweise erheblich verändert – es betrifft nicht nur Siedlungsgebiete, sondern auch die Rückzugsregionen für Mensch und Tier, die Wälder und Erholungsgebiete.
Ich habe das Ereignis im und außerhalb meiner Dienste kontinuierlich verfolgt, frühzeitig die ersten dramatischen Prognosen gesehen, die keinen Interpretationsspielraum ließen und bei denen sich die Wetterdienste in Österreich einig waren. Als leidenschaftlicher Berggeher hat es mich natürlich interessiert und ab dem Zeitpunkt, wo sich die Intensität des Ereignis nicht mehr änderte, hatte ich ein mulmiges Gefühl für „mein“ Naherholungsgebiet Wienerwald, Gutensteiner und Türnitzer Alpen sowie angrenzende Regionen, in denen ich regelmäßig öffentlich unterwegs bin. So gesehen ist die Menge an Daten, die ich sammelte, und Text, den ich zu diesem Ereignis schrieb, auch eine Art Psychohygiene als Meteorologe, denn es ist einer der schlimmstmöglichen Szenarien eingetreten, die man sich nach dem überhitzten Sommer hatte vorstellen können. Es hätte – mit höherer Schneefallgrenze – noch schlimmer kommen können, aber wenn man sich das Ausmaß der Schäden betrachtet, sollte man meinen, dass ein Umdenken nun einsetzen wird – allein mir fehlt angesichts der aktuellen Umfragewerte für die Nationalratswahl der Glaube.
Ich werde im Herbst sicher einmal in den betroffenen Gebieten im Zuge einer Wanderung unterwegs sein (wollen) und weitere Eindrücke noch nachreichen, bis dahin ist das erst einmal alles, was mir einfällt.
Weitere Berichte
- Hochwasser bestraft Versäumnisse des Landes (23.11.24)
- Dammbruch: Mängel seit 27 Jahren bekannt (04.10.24)
- ECO-Sendung vom 03.10.24, abrufbar bis 1.4.25 – Bahnhof wollte niemand vor der Haustür, also an tiefsten Punkt in die Pampa gebaut, ins 300 jährliche Hochwassergebiet, Atzenbrugger Tunnel ohne Gefälle gebaut, sondern wie Badewanne
