
Das besagte Sturmtief würde für mindestens fünf Fallstudien ausreichen. Aus Zeitgründen beschränke ich mich auf wenige Bilder und eine Analyse der Wetterphänomene. Tief TELSE hatte sich am Sonntag, 24.11., aus einer Warmfrontwelle über dem Nordatlantik entwickelt (Teiltief am Okklusionspunkt). Erst am Mittwoch, 27.11., emanzipierte sich TELSE zum eigenständigen Tiefdruckgebiet mit klassischer T-Bone-Struktur und doppelter Jetkonfiguration als Shapiro-Keyser-Zyklone. Am Mittwochabend erreichte TELSE mit 993hPa seinen Höhepunkt mit einem Sting Jet über den Niederlanden.
Der ausgeprägte warm conveyor belt sorgte am Donnerstag, 28.11., für ausgedehnte stratiforme Niederschläge im Alpenraum und verhinderten dichten Nebel im östlichen Flachland. Die zugehörige Kaltfront querte den Alpenraum als split front – die Eisphase kam der Front abhanden – sodass viel unterkühltes Wasser im Nordalpenbereich übrig blieb. Mehrere Linienpiloten meldeten mäßige bis starke Vereisung im Luftraum zwischen 3 und 5km Höhe. Durch die starke frontparallele Westströmung entwickelten sich hochreichende Wellen im Wienerwaldlee, mit bodennahen Rotorwolken und stehendem Altocumulus/Altostratus. Dadurch kam es zu starken Windscherungen und Turbulenzen im östlichen Flachland (80-90 km/h Spitzen auf 500m Höhe) und Spitzen bis 65km/h in Wien. Mit der Südwärtsverlagerung des auffüllenden Bodentiefs und Entstehung eines Cut-Offs am Freitag, 29.11., entstanden erneut hochreichende Wellen – dieses Mal über der Alpensüdseite.
Der Cut-off wird vorhergesagt, am Wochenende ins zentrale Mittelmeer zu ziehen, wo die Kombination aus Jetstreak/left exit, hoher Labilität (-26/-28 in 500hPa, 20-22°C SST), starker Ostströmung und orographische Hebung für Überschwemmungen an den Ostküsten von Griechenland sorgen könnte. ICON 00z rechnete dort mit rund 350mm in 48 Stunden.
1. Shapiro-Keyser-Zyklogenese
Klassische Shapiro-Keyser Struktur bei der Tiefdruckentwicklung am 27.11.24 über dem Ärmelkanal: Der Bodentiefkern im linken Jetauszug und gleichzeitig rechtem Jeteinzug, ein breiter Warmluftdom in T-Bone-Form über Frankreich bis Benelux:

In der Modellkartendarstellung:

Sehr schön zu erkennen der breite Warmluftkeil ohne klar erkennbare Frontensysteme, und die doppelte Lage der Jetsysteme. Der vorlaufende Jet über der Ostsee war deutlich schwächer ausgeprägt, sodass der Höhepunkt der Druckvertiefung bald erreicht wurde.
2. Sting Jet

Konzeptionelles Modell für die Position des Sting Jets

Am Mittwochabend lag der Stachel der Okklusion über den holländischen Nordseeinseln, ragte dabei in die trockene Luft über Benelux hinein und verdunstete sichtbar. Durch die Verdunstungskälte wurden bis ins Landesinnere in einem eng begrenzten Streifen – und zwar just da, wo der Stachel aktiv war – Orkanböen gemeldet.

Vertikalprofil stromabwärts über dem Ruhrpott um Mitternacht:

Gut zu erkennen die einströmende, sehr trockene Luft aus der Stratosphäre, bis 700hPa hinabreichend, wo es einen sehr markanten Feuchtesprung an der Absinkinversion gibt. Der Druckgradient selbst zwischen Bodentief und nachrückendes Hoch war beachtlich, mit über 20hPa auf wenigen 100km. Der isallobarische Druckgradient hingegen war mit 70er bis 100er Druckanstiegen mäßíg ausgeprägt. Aufgrund der Begrenztheit der Starkwindmessungen erscheint ein Sting Jet daher recht wahrscheinlich.
3. Warm Conveyor belt
Während sich das Sturmtief unter allmählicher Abschwächung über Norddeutschland einzudrehen begann, entstand vorlaufend zur Kaltfront ein ausgeprägtes warmes Förderband mit kompakter mittelhoher Bewölkung. Aus diesem regnete es verbreitet leicht bis mäßig und mit der Überschichtung bildeten sich weniger Nebel und Hochnebel im östlichen Flachland von Österreich, wo präfrontal noch Südostwind herrschte.

4. Split front
Bei einer Split Kaltfront hat man es mit markanten Jetstreaks und sehr trockener Stratosphärenluft zu tun – beides lag hier vor. Im Anfangsstadium handelt es sich um eine Ana-Kaltfront. Dabei liegen Jetstream und Dry Intrusion parallel zum frontalen Wolkenband.

Die Dry Intrusion überrennt den vorlaufenden Warm Conveyor Belt und entfernt die Eiswolken (Cirrus) des frontalen Wolkenbands:
28.11.24, 11.45 und 14.45 UTC:


Im Luftmassen-Satellitenbild ist der Wirbelkern über Polen gut erkennbar, ebenso die geteilte Kaltfront über dem Alpenraum bis Slowakei und Südpolen reichend. Der Jet verläuft parallel zur Front. Das warme Förderband mit dem Cirrus ist scharf begrenzt durch den Dryslot. Im kaltaktiven Teil der Kaltfront sind die Obergrenzen deutlich niedriger, anhand der gerippten Struktur des Wolkenbands sieht man die Schwerewellen im linken Jetauszug. Diese Konstellation ist aus fliegerischer Sicht bedeutend, denn wenn die Eisphase fehlt, befindet sich nurmehr viel unterkühltes Flüssigwasser in der Frontbewölkung, das nicht durch den Bergeron-Findeisen-Prozess ausgefällt werden kann. Lehrbuchhaft wurde im kaltaktiven Teil teils signifikante Vereisung gemeldet, entsprechende Warnungen für den oberen Luftraum wurden von den Flugsicherungen im D-A-CH-Raum ausgegeben.

Zu diesem Zeitpunkt befand sich die split front genau an der Nordgrenze von Westöstereich.
5. Hochreichende Leewellen am Alpenstrand
Im östlichen Flachland gestaltete sich die Windprognose durchaus herausfordernd, speziell Zeitraum und Höhe des Windmaximums korrekt zu prognostizieren. Die Schichtung an der Kaltfront war im Osten nicht mehr sonderlich labil, also sollte die Überströmung des Wienerwalds („Westföhn“) eine wesentliche Rolle spielen.

Unmittelbar vor dem Durchgang des Niederschlagsbands gab es am Flughafen Wien den Windsprung von Süd auf Nordwest. Im Satbild ist eine hochreichende Welle von der Südsteiermark bis Wiener Becken erkennbar.
Am Flughafen ist die kurze Westföhnphase – ca. 13 bis 22 UTC – anhand der Windrichtungsänderung auf rein West und der Windzunahme erkennbar:

In weiterer Folge – drehte der Wind sukzessive auf Nordwest, und kam damit nicht über den Wienerwald, bevor er das nördliche Steinfeld erreicht hat.
Eindrücke vom Flugsicherungstower
alle Bilder mit meinem Copyright.
Blickrichtung West um 13.40 UTC: Rotorwolken unmittelbar westlich des Flughafens (Cumulus fractus), ebenso am Horizont im Lee des Wienerwalds und der Gutensteiner Alpen (längliche Kette an Cumuli).

Blickrichtung West um 14.15 UTC: Die Rückseite der Wellenkante war nun gut erkennbar, mit der Auflösung der konvektiven Bewölkung gab es Ac virgae (Fallstreifen) über dem Wienerwald. Rotoren sind weiterhin vorhanden.

Blickrichtung Süd um 14.16 UTC: Hochreichende Welle mit ausgeprägten undulatus/mammatus Strukturen an der Unterseite (Altocumulus opacus), im Hintergrund rechts scharfe Wellenkante Richtung Wechsel.

Blickrichtung Süd um 15.22 UTC: Die Welle verlagerte sich nun sichtbar ostwärts, die turbulente Rückseite lag hier genau über dem Wiener Becken. Weiterhin bodennahe Rotorwolken sichtbar Richtung Leithagebirge.

Das zugehörige hochaufgelöste RGB-Satellitenbild von 15 UTC:


Eine komplexe Überlagerung am Alpenostrand aus Split Front (Dryslot) mit niedrigeren Obergrenzen, Schwerewellen im Jetstream und Überströmung mit der kräftigen Westströmung. Sobald die Wellenphase passt, greift der Westföhn am Alpenostrand durch – bis sich die Welle verlagert oder abschwächt, dann lässt er wieder nach und der Wind dreht zurück auf Nordwest.
6 Unwetterlage über dem östlichen Mittelmeerraum (Ausblick)
Das sich abschnürende Höhentief von Ex-TELSE verlagert sich bis morgen abend zum Ionischen Meer. Dort treffen die -26°C in 500hPa im Höhentiefkern …

auf 20-22°C Wasseroberflächentemperatur. Das entspricht einer vertikalen Temperaturdifferenz von 45K und höher!

Man sieht bereits anhand der starken Isobarendrängung, dass für einige Stunden eine straffe bodennahe Ostströmung herrscht, und wahrscheinlich eine markante Bodenwindkonvergenz im Bereich der Küstenregionen – das weißt durchaus Ähnlichkeiten zur Unwetterlage im Großraum Valencia auf!
Das Britische Globalmodell UKMO rechnet bis Montagmittag akkumuliert mit bis zu 530mm Niederschlag, das deutsche ICON hat 340mm, EZWMF (00z) hat rund 200-250mm
Open Topo Map:

Im Vorjahr wurde die Region Thessalien durch das Mittelmeertief DANIEL großflächig überflutet mit 17 Todesopfern, hunderten ertrunkenen Nutztieren und zahlreichen zerstörten Landwirtschaftsflächen.
Dieses Mal scheint der Schwerpunkt etwas östlicher am Küstengebirge zu liegen, dessen Name ich gerade nirgends finde.
Update, 02.12.24
Leider wie erwartet erhebliche Schäden und Todesopfer in Griechenland durch schwere Sturzfluten.
