
Zahlreiche Medien bezeichnen den schweren Wintersturm im Mittelmeer irreführend als Zyklon. Dazu werden weitere Vergleiche mit tropischen Wirbelstürmen gezogen:
„Bilder, die wir sonst aus der Karibik kennen, gibt es erstmals vom italienischen Mittelmeer“ (TAZ, 25.1.26)
„Mit Merkmalen eines Zyklons bzw. Medicanes wütete Wintersturm Harry in weiten Teilen Süditaliens und hat insbesondere entlang der Ostküste Siziliens eine Spur der Verwüstung hinterlassen“ (vulkan.net, 21.1.26)
Dazu folgende Anmerkungen:
- Eine sogenannte Zyklone ist ein normales Tiefdruckgebiet der gemäßigten Breiten.
- Ein Zyklon ist ein tropischer Wirbelsturm im Indischen Ozean.
- Ein Medicane (Mediterranean Hurricane) ist ein Tropischer Wirbelsturm im Mittelmeer (mehr Infos).
- Schäden wie auf Sizilien gab es schon bei früheren Winterstürmen im Mittelmeer und nicht erstmals.
Der Begriff Zyklon ist hier vermutlich ein Übersetzungsfehler, nachdem in Italien von einer Ciclone gesprochen wird. Ein echtes Beispiel für einen Medicane über Sizilien wäre etwa der 8. November 2014 (siehe Radarbild) oder der 10. Februar 2023 (siehe Satellitenbild).
Wie entstand Tief Harry?
Die Besonderheit dieser Unwetterlage war kein Sturmtief im Mittelmeer wie bei früheren Medicane-Lagen mit Zentrum der Höhenkaltluft über dem Meer, sondern das Tiefdrucksystem befand sich über dem nordafrikanischen Kontinent und gleichzeitig ein mächtiges Hochdruckgebiet über Südosteuropa. Zwischen beiden Druckgebieten baute sich ein markanter Druckgradient auf:

Mit der kräftigen Ostsüdostströmung wurde nordafrikanische Heißluft in die Zirkulation des Tiefdruckgebiets einbezogen – hier gut als Zunge höherer 850er Werte erkennbar („surface heat axis“):

Damit war natürlich auch hohe Labilitätsenergie verbunden.
Leider finde ich für den fraglichen Zeitraum kein repräsentatives Sounding mehr:

Wesentlich sind hier aber zwei Faktoren: Labilitätsenergie bis 6km Höhe und eine intensive Südostströmung in den untersten 2km Höhe. Die Labilitätsenergie machte sich durch zahlreiche Gewittercluster bemerkbar.

Mit den Küstengebirgen und Vulkan Ätna ergab sich dadurch eine perfekte Anströmungrichtung für effektive Niederschlagsbildung durch Oststau.

Das Satellitenbild ließ jedenfalls eine klassische Sturmtiefstruktur mehr als vermissen. Es gab eine kleinräumige Bodentiefentwicklung über Tunesien mit markanter Konvektion, sowie eine Okklusionsbildung über dem italienischen Stiefel.

Weitere kleinräumige Wirbel bildeten sich westlich von Italien, aber nicht über Italien selbst.
! Schlussfolgerungen !
Die Vorgeschichte für die Unwetterlage war eine weite Austrogung über Nordafrika durch einen Kaltluftvorstoß am Wochenende 17/18. Jänner 2026. Das HARRY genannte Bodentief war nie besonders heftig, sein niedrigster Kerndruck lag bei 997hPa laut GFS-Analyse (20. Jänner 2026, 18 UTC südöstlich von Sizilien). Die besondere Brisanz entstand durch die gleichzeitige Konstellation mit einem kräftigen Bodenhoch über dem Balkan, das durch den ausgedehnten Kaltluftpolster entstanden ist. Dadurch konnte sich über einen Zeitraum von rund 60 Stunden ein starker Druckgradient einstellen, und nachfolgend eine starke Ostströmung. Diese hat heiße Luftmassen aus Libyen und Ägypten in die Tiefdruckzirkulation einbezogen und führte durch den langen Weg über das Mittelmeer zu einer Feuchteanreicherung und Labilitätsaufbau (zahlreiche Gewitter). Das Tiefdruckgebiet selbst war kein klassisches Sturmtief mit rapide fallendem oder steigendem Luftdruck (isallobarische Druckänderung).
Deswegen kann man dieses Sturmereignis in meinen Augen keineswegs mit einer tropischen Tiefentwicklung oder einem Medicane vergleichen. Das Tief hatte einen klaren (kalten) Höhentiefkern und bildete eine Okklusion aus, sowie Randtiefwirbel mit kleinräumigen Frontensystemen oder Okklusionen. Ein Auge war nicht erkennbar, ebenso wenig mehrfach einspiralisierte, konvektive Bänder.
Am ehesten kann man das Ereignis mit dem bösartigen Tief Mitte September 2024 über Südosteuropa vergleichen:

Die Kombination aus Sturm und Starkregen sorgte damals ebenfalls für verheerende Schäden, obwohl es sich um kein klassisches Sturmtief gehandelt hat. Hier war die stationäre Lage des Bodentiefs bei gleichzeitig nach Mitteleuropa ausgedehntem Azorenhoch für die heftigen und andauernden Winde verantwortlich. Niemand würde es heute als Sturmtief oder Zyklon bezeichnen. Der Effekt war derselbe: Konvektion + Stau + Sturm und umgestürzte Bäume, nicht nur durch den Wind selbst, sondern aufgeweichtes Erdreich.
