
Vor ein paar Tagen sah ich nach längerer Zeit wieder einmal den Westernklassiker „Erbarmungslos“ (Originaltitel: Unforgiven) mit Clint Eastwood, Morgen Freeman und Gene Hackman, der mit vier Oscars ausgezeichnet wurde. In der Schlüsselszene, wo der junge Cowboy und Eastwood unter der Kiefer warten, bis ihnen das Kopfgeld ausgehändigt wird, fiel mir die ganz charakteristische Bewölkung im Hintergrund auf.
Es handelt sich um eine lehrbuchhafte Föhnwetterlage, mit hochreichenden Gebirgswellen (mountain waves). Das zeigt sich durch scharf abgegrenzte, linsenförmige mittelhohe Wolken (links und rechts von Eastwoods Kopf) und den wolkenlosen Teil dahinter, der etwa das mittlere Drittel des Himmels ausfüllt. Hier herrschen absinkende Luftbewegungen im Lee des dahinter liegenden Gebirges. Über den zentralen Gebirgszügen im Hintergrund sind tiefe Wolken erkennbar, überwiegend flache Cumuli oder Stratocumuli, die an der Oberseite abgeschliffen bzw. walzenförmig wirken (Roll Cloud). Auch sie deuten auf Gebirgsüberströmung mit Rotorbildung hin.
Im Film sieht man außerdem, dass es selbst etliche Kilometer von den Bergen entfernt recht windig war. Es wehte also mit anderen Worten ein starker Föhn an diesem Tag. Als Vergleich soll eine Westföhnlage im Lee des Wienerwalds dienen – Aufnahmen dazu in dieser Fallstudie.
Drehzeit
Die Dreharbeiten fanden von 26. August bis 12. November 1991 überwiegend in Alberta, Kanada statt und waren in 39 Tagen abgeschlossen. Der fiktionale Ort Big Whiskey wurde nahe Longview, rund eine Autostunde südlich von Calgary gelegen, erbaut. Nach rund einem Monat Dreharbeiten sagte der lokale Wetterdienst an einem Samstag einen Wintereinbruch und anschließend gefrierenden Regen vorher. Das kam zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn am folgenden Montag und Dienstag war geplant, die „Pinienszene“ zu drehen. Da wollte Eastwood keinen Schnee im Hintergrund haben – also filmte man ohne größere Pausen noch am Sonntag durch. Bis Montag war alles unter Dach und Fach, als der Schnee kam (Quelle). Der Regen zwischen den trockenen Landschaftsaufnahmen wurde künstlich erzeugt (Regenmaschine), ebenso das Gewitter. Nachdem der 12. November ein Dienstag war, könnte der Drehtag am 10. November 1991 gewesen sein.
Drehort


Die Position zeigt die historische „Bar U Ranch“, die 1882 von George Lane gegründet wurde. Sie umfasst mehr als 35 historische Gebäude und dient heute als Freilichtmuseum. Dort fanden die Dreharbeiten im fiktiven „Big Whiskey“ statt.


Die Pinienszene ist wenige Kilometer von dort entfernt gedreht worden. Man sieht die Gebäude auf Abb.3 von der Pinie aus, sie scheinen etwas erhöht auf einem Hügel zu liegen. Für Abb.1 schwenkt die Kamera etwas nach links (eher nach Süden), weshalb sich der Hintergrund ändert und die hohen Gipfel nicht mehr sichtbar sind.


Um den genauen Standort zu finden, hab ich das Deuschle-Panoramatool verwendet – und die angezeigten Berg-Silhouetten mit dem Hintergrund der Pinienszene verglichen. Den exakten Standort (er befindet sich auf einer privaten Ranch) konnte ich zwar nicht herausfinden, aber auf wenige Kilometer im Umkreis von Big Whiskey einschränken. Im Vergleich mit den Filmszenen ist der Standort wahrscheinlich etwas zu südlich, weil die Silhouetten links vom Holy Cross Mountain nicht exakt zusammenpassen (Abb.3.)
Zumindest wissen wir nun, dass die Anströmung tendenziell westsüdwestlich gewesen sein muss, also normal zur Orientierung der Gebirgsketten.
Ich bin mir fast sicher, dass die Szene nicht in einem Aufwasch gefilmt wurde, sondern mehrere Pausen zwischen den Szenen gemacht wurden, weil das Bewölkungsbild sich je nach Szene zu stark ändert. Abb.2. und 3 scheinen eher später am Tag gemacht worden zu sein, als der Föhn langsam zusammengebrochen ist und sich tiefe Wolken der nahenden Kaltfront ausgebreitet haben. Denn auch der Holy Cross Mountain (Abb.3) befindet sich im gleichen Gebirgszug, es sollten also auch dort föhnige Wolkenstrukturen sichtbar sein.
Die Wetterlage
Es ist nicht leicht, an geeignete Archivkarten heranzukommen.

Die Auflösung der Nordhalbkugel ist schon ausgesprochen grob, man sieht zumindest einen deutlichen Druckgradienten zwischen einem langgestreckten Tiefdrucksystem (995hPa) mit zwei Bodendruckkernen und einem Hoch über dem Ostpazifika bzw. im Süden von Kanada.
Kanada besitzt eine grundsätzlich übersichtliche Aufbereitung historischer Stationsdaten (Link), wo man sich durchwühlen könnte, welche Station einigermaßen repräsentativ für diesen Ort ist.

Auf der Bodenwetterkarte sieht man ein Tiefdruckgebiet im Westen von Kanada, östlich der Rocky Mountains. Eine Drucknase ist südwestlich davon zu erkennen. Calgary und die Gebiete südlich lagen da gerade im Warmsektor in einer westlichen Anströmung. Die Isobaren befinden sich im 4mb-Abstand. Prinzipiell würde die Wetterlage also zu einem „Westföhn“ zum fraglichen Zeitpunkt am fraglichen Ort passen. Außergewöhnlich stark wirken die Druckunterschiede nicht, leider ist nur ein Zeitpunkt am Tag abrufbar.
Zusammenfassung:
Die Dreharbeiten fanden in einem lange trockenen Herbst im Lee der Rocky Mountains südlich von Calgary, Alberta (Kanada) statt. Erst gegen Drehende kam ein markanter Wintereinbruch mit Neuschnee und Frostgraden. Die Regenmaschine für die Schlussszenen produzierte entsprechend Glatteis. Vor dem Wintereinbruch herrschte eine Westströmung mit Bildung hochreichender Gebirgswellen, welche die schönen ortsfesten Föhnwolken produziert hat. Mit der Gebirgsüberströmung bildeten sich flache Rotorwolken im Stratocumulus-Niveau. Der Föhn wehte bis ins Hügelland (Foothills) der Livingstone Range und dem Standort der einzeln stehenden Pinie. Die Pinienszene wurde wahrscheinlich im Verlauf eines ganzen Tages gedreht, da die wechselnden Perspektiven unterschiedliche Wolkenbilder zeigen. Insbesondere zum Ende hin keine Föhnbewölkung mehr, sondern Ausbreitung tiefer Wolken im Vorfeld der Kaltfront.
In Summe kann man eine Menge herausfinden anhand einzelner „Videostills“ – das war eine spannende Detektivarbeit zur Abwechslung. Bezüglich Verwendung der Videostills berufe ich mich auf den Zitatzweck beim Bildrecht.
