Kein Alarmismus: Weshalb der Klimaaktivismus Recht hat

Wie in der Pandemie erleben wir auch bei der globalen Erwärmung verbreitetes Leugnen der schwerwiegenden Folgen des Nichteingreifens. Mitunter verwunderlich ist, wenn leidenschaftliche Befürworter einer Pandemieeindämmung dann die Klimaerwärmung verharmlosen. Mittlerweile wird die Erwärmung selbst kaum noch geleugnet, aber die Konsequenzen für die Weltbevölkerung heruntergespielt.

Zuletzt fiel die Aussage, dass durch den Klimawandel auch „mehr Land urbar und besiedelbar“ gemacht würde. Nicht nur ich, sondern viele Klimawissenschaftler fragen sich, wo dieses urbare Land denn liegen soll.

In Zusammenhang mit den Protesten von Fridays4Future, Letzte Generation oder Extinction Rebells reagieren demokratische Staaten immer öfter mit autoritären Maßnahmen, etwa Hausdurchsuchungen, hohen Strafen, Verfassungsschutz oder Mitglieder der Regierungen vergleichen die Protestaktionen mit jenen von Rechtsextremisten. Der Botschafter wird zum Sündenbock gemacht für die eigene Untätigkeit. Statt zu hinterfragen, warum vor allem junge Menschen zu drastischeren Protestaktionen wie „an die Straße kleben“ greifen, werden deren Motive diskreditiert und die Folgen der Klimaerwärmung verharmlost.

Ich möchte nachfolgend ein paar Grafiken von diesem Jahr vorstellen, die belegen, dass die Erderwärmung in einem Ausmaß voranschreitet, das zutiefst beängstigend ist und sofortiges Handeln aller Staaten – und vor allem der Industrienationen – erfordert. Wir reden nicht von temporären Schwankungen im Weltklima, sondern von tiefgreifenden, irreversiblen Veränderungen, die sich durch nichtlineare Rückkopplungseffekte potenzieren.

Winterhitze in Südamerika

Südamerika erlebt eine ungekannte Hitzewelle mitten im Winter. In den chilenischen Anden ist es teilweise 30 Grad wärmer als normal. Das Wetterphänomen El Nino hat erst begonnen und kann für die außergewöhnliche Hitze nicht alleine verantwortlich gemacht werden.

Auch die Gletscherschmelze der Anden beschleunigt sich drastisch.

bis zu 38,9°C in den chilenischen Anden – mehr als 20 Grad wärmer als normal – mitten im Winter (Bericht in der Washington Post)

Weltweit erhitzte Ozeane

Die Weltmeere sind zu warm, erhebliche Abweichungen gibt es vor den Westküsten Amerikas, an der Pazifikostküste vor Japan, praktisch im gesamten Nordatlantik, in den Nordpolarregionen und im Mittelmeer. Tropenstürme, die über diese Warmregionen ziehen, können verheerende Regenmengen bringen – wie zuletzt in China, Peking, mit 744mm in 4 Tagen, die höchste Summe seit Aufzeichnungsbeginn 1860.

El Nino klar sichtbar westlich von Südamerika, aber auch extreme Warmluftblasen vor Neufundland, im gesamten Nordatlantik und im Mittelmeerraum. Auch vor Japan (Juli Hitzerekord) und in der Karasee (siehe Clive Cookson in der Financial Times, 07.08.23)

Rekordwarmer Nordatlantik

Die positive Abweichung im Nordatlantik liegt inzwischen bei über 1,5 Grad vom Mittel 1982-2011. Kein Jahr war so warm wie 2023. Die Implikationen sind ungewiss, sie deuten jedenfalls auf einen weiteren Mildwinter hin. Wenn sich die Tiefdrucktätigkeit nicht durchsetzt, könnte es sogar neue Extremwerte geben bei den Maxima in Europa.

Oberflächenwassertemperatur-Anomalie in nie gesehenen Höhen

Tiefststand bei der Ausdehnung der Eisflächen in der Antarktis

Korrespondierend zu den winterlichen Hitzewellen auf der Südhalbkugel stürzt auch die Eisausdehnung in der Antarktis ab, mittlerweile über 6 Standardabweichungen unter dem Durchschnitt.

Standardabweichungen für Antarktis-Meeresausdehnung

Korallensterben

Marine Hitzewellen zerstören die Korallenriffs, von denen mindestens ein Viertel aller Mehresbewohner abhängen (Nahrungskette!)

Vor den Küsten von Florida ist das Meerwasser mittlerweile brühwarm mit verbreitet über 30°C, an manchen Stellen in den seichten Küstengebieten sogar über 37°C. Es wird in den kommenden vier Monaten praktisch in allen nordamerikanischen Korallenregionen sehr hoher Hitzestress erwartet, der zur vollständigen Korallenbleiche führen kann. Das hat schwerwiegende Folgen für die Nahrungskette und Artenreichtum.

Korallenbleiche – Prognose für Herbst 2023, nahezu alle nordamerikanischen Korallenregionen droht die Zerstörung

Verlagerung des Subtropengürtels nach Norden

Das 500 hPa Geopotential stellt die Druckfläche in ca. 5,5km Höhe da – vereinfacht gesagt Hochdruckgebiete in mittleren Höhen. Hier sieht man global entlang der Tropen und Subtropen extreme positive Abweichungen. Das Geopotential war hier seit 1940 noch nie so hoch. In diesen Regionen dominieren Hitze, Trockenheit und Sonnenschein.

Gleichzeitig zeigt Nordeuropa eine negative Abweichung. Im Übergangsbereich zwischen Nord- und Südeuropa stellt sich ein starker Druckgradient ein, der sich in einem für die Jahreszeit ungewöhnlich starken Jetstream (Starkwindband in der Höhe) bemerkbar macht. Dieses ist für die Serie an Unwettern in den Südalpen verantwortlich gewesen. In den Prognosen der Klimamodelle soll sich die Verlagerung der subtropischen Hochdruckgebiete nach Norden weiter fortsetzen, was Südeuropa auf Dauer unbewohnbar macht durch Dürre und extreme Hitzewellen.

Rekordheißer Juli weltweit

Der Juli 2023 war global gesehen der heißeste Monat seit Aufzeichnungsbeginn. Er war gleich um 0,3 Grad wärmer als die Julimonate der Vorjahre – ein enormer Wärmesprung.

Waldbrände

Ungeachtet von der Weltöffentlichkeit setzen sich die riesigen Waldbrände in Kanada fort. Die durch die Brände ausgestoßenen CO2-Mengen liegen um ein Vielfaches über den bisherigen Mengen und es ist noch kein Ende in Sicht.

Quelle

Wo soll dieses urbare Land also sein?

Das Abschmelzen der Polkappen und Gletscher sowie die Ausdehnung des wärmeren Ozeans sorgen für einen Meeresspiegelanstieg. Dadurch gehen Landmassen verloren.

Bis die borealen Wälder des Nordens, die derzeit abbrennen, wieder ergrünen, vergehen ebenfalls Jahrzehnte, aber die Hitzewellen setzen sich ja auch dort fort und erschweren die Wiederaufforstung.

In den Tropen und Subtropen sorgen die Hitzewellen für unerträgliche Luftqualität, wenn die Luftfeuchte dabei gleichzeitig so hoch wird, dass der menschliche Körper sich durch Schwitzen nicht mehr kühlen kann. Der Juli war nicht nur der heißeste Monat mit den höchsten Wasseroberflächentemperaturen, er hatte auch die höchsten Durchschnittstaupunkte in einem Jul, nicht nur am Wasser, sondern auch am Land.

Taupunktsranking im Juli 2023 seit 1940, tolle Grafiken von @Climatologist49 (Twitter)

Wenn man in die gemäßigten Breiten schaut, dann sieht es da auch nicht rosiger aus. Hitzewellen in den USA, anhaltende Dürre in Frankreich. Massives Waldsterben in Deutschland. Noch gar nicht erwähnt habe ich das Potential von Infektionswellen durch zunehmend heimisch werdende Insekten, die tropische Krankheiten übertragen, bzw. gefährliche Bakterien, die aus dem Permafrost auftauen. Der zunehmende Druck des Menschen auf den Lebensraum der Tiere fördert zudem Pandemien.

Ich freue mich über einen Hinweis, wo das urbare und auf Dauer besiedelbare Land sein soll, auf das vor allem Ökonomen immer wieder verweisen.

Auch Österreich steht vor einer tiefgreifenden Transformation, wenn Landwirtschaft klimabedingt immer weniger Erträge bringt, wenn der Wintertourismus mangels Schnee zurückgeht, wenn die Almwirtschaft mit Felsstürzen und Trinkwassermangel zu kämpfen hat und in den Mittelgebirgsregionen und Beckenlagen Erosion und Muren durch Starkregenereignisse wie zuletzt zunehmen.

Wären die Aussichten nicht ein klein wenig hoffnungsvoller, wenn wir neben drastischer Anpassung auch das Klima der Zukunft noch mitgestalten könnten, nicht nur Passagier sind einer 3, 4, 5 Grad wärmeren Welt, die ganze Zivilisationen zerstören kann? Wir können die schwersten Auswirkungen durch einen drastischen Stop der CO2-Emmissionen immer noch abfedern. Je später wir handeln, desto härter wird der Zwang zur Anpassung sein, und desto eher mit kriegerischen Konflikten einhergehen. Schon die bald eisfreien Passagen in der Arktis werden zu steigenden Besitzansprüchen der Weltmächte führen.

PS: Weitere Rekorde:

  • 10.08.23 – Valencia, Spanien: 46,8°C (alter Rekord: 43,4°C am 6. Juli 1986)
  • 11.08.23 – Agadir, Marokko: 50,4°C (alter Rekord: 49,6°C in Marrakech 2012 bzw. Sidi Slimane 2021)

Ein Gedanke zu „Kein Alarmismus: Weshalb der Klimaaktivismus Recht hat

  1. Avatar von Franz ZeilerFranz Zeiler

    Servus Felix,
    auch wenn die fortschreitende, anthropogen verursachte Erderhitzung wissenschaftlich als erwiesen gilt und die Fakten, die dein Beitrag dokumentiert, dies bestätigen, versagt die Weltpolitik mit Maßnahmen zur Eindämmung. Die Maßnahmen sind unpopulär und, zumindest vorübergehend, dem Wohlstand und dem Wirtschaftswachstum nicht förderlich. 
    Dabei müsste jeder denkende Mensch verstehen, dass die ungezügelte Nutzung fossiler Energien Folgen haben muss. Sie ruhten Jahrmillionen in der Erde und wurden vom Menschen in einem Jahrhundert verbrannt mit der bekannten klimafeindlichen CO2-Erhöhung in der Atmosphäre.Ich fürchte, es wird erst gehandelt, wenn Katastrophen den Leidensdruck derart erhöhen, dass ein Verdrängen der Tatsachen nicht mehr möglich ist. Dann ist es wahrscheinlich zu spät und wir sind dann wirklich nur mehr “Passagier”! Was kommt dann? Das Horrorszenario Geoengineering? Technische Eingriffe in die Natur sind ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Ich kann es nicht beurteilen, aber ich befürchte, dass Geoengineering erst recht nach hinten losgeht und neue Probleme schafft…… ein Teufelskreis.Mojib Latif – Klimaforscher an der Uni Kiel – meint, wenn die Entwicklung so wie derzeit weitergeht, werden die 1,5° Erhöhung schon in zehn Jahren überschritten! “Wenn man ihn zum König der Welt machen würde, hätte er in spätestens 20 Jahren die Erderwärmung gestoppt”. 
    LG, Franz

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