„Wettergeheimnisse“ am Kaltwassersattel: Sachlich falsch

Am Kaltwassersattel (ca. 880m) zwischen Geländ (1023m) und Plackles (1132m) auf der Hohen Wand steht diese Infotafel mit Abbildung und Text (auch auf der Webseite der Gemeinde Grünbach am Schneeberg nachlesbar)

Bei unserer gestrigen Silvesterwanderung auf die Hohe Wand fiel mir diese Infotafel am Kaltwassersattel auf, einer kleinen Einsattlung östlich des breiteren Rastkreuzsattels gelegen. Die Darstellung ist leider unzutreffend, denn aufsteigende Warmluft BILDET Wolken und löst sie nicht auf. Bei großräumig geringer oder entkoppelter Höhenströmung erzeugt Kaltluftein hydrostatisch bedingtes Hochdruckgebiet, Warmluft, etwa durch Sonneneinstrahlung ein Tiefdruckgebiet. Die Ausgleichsströmung folgt immer dem Druckgefälle, also zum tieferen Luftdruck hin. Daher strömt kalte Luft zur wärmeren Luft hin. Beim Absinken hinter einem Sattel oder Gebirgskamm erwärmt sich die Luft mit einem Grad pro 100 Höhenmeter („trockenadiabatisch“) – durch das Absinken lösen sich die Wolken auf.

Die korrekte Darstellung würde also folgendermaßen aussehen:

Diese Grafik beschreibt eine klassische Föhnströmung über einen Gebirgskamm, bzw. in diesem Fall Bora, weil Kaltluft über den Sattel strömt, so wie Bora über die Dinariden.

Topographische Situation:

Der Kaltwassersattel ist ein unscheinbarer Sattel im westlichen Teil der Hohen Wand, weiter westlich befinden sich ausgeprägtere Senken, wie etwa zwischen Hutberg und Geländ oder am Ascher zwischen Haltberg und Hutberg. Weiter östlich ist der höchste Teil der Hohen Wand mit Wandwiese (1111m) und Plackles (1132m)

Rein topographisch würde ich bei ausgeprägter Kaltluft im oberen Teil des Miesenbachtals erwarten, dass die Hauptströmung Richtung Puchberger Becken geht, also über Ascher und den Sattel östlich vom Hutberg hinweg nach Südwesten. Die Kaltluft muss sehr mächtig sein, um zudem über Rastkreuz- und Kaltwassersattel zu strömen, also mindestens bis zu einer Seehöhe von 900m mächtig. Auffallend ist aber, dass Rastkreuz- und Kaltwassersattel nach Nordwesten hin frei sind.

Der Kaltwassersattel wurde mit einem Pfeil gekennzeichnet.

Zwischen westlichem Teil der Hohen Wand und Dürrer Wand dahinter ist ein stark zergliederter Taleinschnitt zwischen Miesenbachtal und Haltberg. Das Grünbacher Becken ist kein richtiges Becken, sondern weist zwischen Grünbacher Sattel (678m) im Westen und dem Grünbacher Bahnhof im Osten (ca. 580m) immerhin knapp 100 Meter Gefälle auf. Richtung Rosental im Süden und Unterhöflein im Südosten fällt das Gelände weitere 80 bis 100 Meter ab.

Blick vom Nandlgrat (Schneeberg) nach Osten Richtung Grünbacher Sattel und Schneeberg

Text zur Infotafel

„Die Tage im Jahr kann man zählen, an denen über dem baumlosen Kaltwassersattel – zwischen der gleichnamigen Quelle und dem Rastkreuz auf 885 m Seehöhe – der Wind nicht bläst. Einseitig verformte Wetterfichten auf dem Kamm zeugen davon und Schneeflecken, die bis weit in den Mai die mit Mergel gefüllte Senke bedecken, belegen, dass es hier bedeutend kälter ist als in der Umgebung.“

Die „Wetterfichten“ zeigen lediglich an, dass die Hauptwindrichtung Nordwest ist, die sich durch die nach Nordwesten offene Orientierung des Sattels ergibt. Nordseitig hält sich logischerweise Schnee länger, weil dort die Sonne kaum hinkommt. Entscheidend ist hier aber nicht die Kaltluftproduktion, die man auf jeder Nordseite einer Erhebung findet, sondern die Sattellage und Schneeverwehungen durch den kleinräumigen Düseneffekt bei Nordwestwind.

„Die Ursachen dieses Phänomens lassen sich physikalisch erklären: Der zum Grünbacher Becken gerichtete Hang ist – vor unwirtlichen Winden geschützt – nach Süden hin der Sonnenbestrahlung ausgesetzt. Die Erwärmung seines Waldbodens und der Luft im Grünbacher Becken beginnt schon am frühen Vormittag, während die ins Miesenbachtal zeigende Nordseite bis Mittag im kühlen Schatten liegt. Die erwärmte Luft des Grünbacher Beckens beginnt indessen aufzusteigen und löst einen Sogeffekt aus: Sie zieht aus dem Miesenbachtal kühlere Luft wie durch eine Düse über den Kaltwassersattel.“

Diese Strömungsprozesse sind nur dann relevant, wenn es keine nennenswerte Höhenströmung gibt, also lokale Temperaturunterschiede für Druckunterschiede und Ausgleichsströmungen sorgen! Sobald aber eine großräumige Höhenströmung da ist, etwa bei einer Nordwestlage mit Kaltluftzufuhr, gibt es nordwestseitig der Hohen Wand Hebung durch Aufsteigen (Nordstau) und den erwähnten Düseneffekt, wodurch sich Schneeverwehungen zu stattlichen Wechten auftürmen können. Das erklärt, weshalb sich der Schnee dort länger hält, weil vom Wind hartgepresster Schnee länger braucht, bis er geschmolzen ist. Es erklärt auch die einseitige Verformung, weil Nordwestwinde im Mittel stärker und wohl auch häufiger sind als Südostwinde. Die Ausgleichsströmung würde alleine nicht die Geschwindigkeiten erreichen, um Bäume einseitig verformen zu lassen.

„Die wetterbegünstigte Lage des Grünbacher Talkessels zeigt sich auch an wechselhaften Sommertagen: Während rundum bereits dicke Wolkenbänke den Himmel verfinstern, strahlt über Grünbach noch die Sonne. Die erwärmte, aufsteigende Luft löst über Grünbach die Wolken auf und erlaubt so noch für Stunden ungetrübte Badefreuden.“

Nun wird es aber reichlich spekulativ. Aufsteigende Warmluft sorgt jedenfalls für die Bildung von Quellwolken und nicht für deren Auflösung.

An einem typischen Sommertag mit nächtlicher Auskühlung kühlt das Puchberger und Grünbacher Becken tendenziell stärker ab als mittlere Lagen oder das Steinfeld, das wesentlich niedriger liegt mit absolut wärmeren Luftmassen. Die Miesenbachfurche liegt länger im Schatten und braucht länger für die Erwärmung. Die Sonneneinstrahlung sorgt für Erwärmung im Grünbacher Becken. Am Vormittag kann sich die boraartige Strömung über Rastkreuz- und Kaltwassersattel einstellen. Das ist aber ein sehr kleinräumiger Effekt. Großräumig dominiert an einem zunehmend labilen Sommertag mit Quellwolkenbildung über dem Steinfeld eine stabilere Luftschichtung als über dem höher gelegenen Schneebergland:

Vertikale Temperatur- und Taupunktverteilung: Rot Temperatur, grün Taupunkt. Je näher beide Kurven zusammenliegen, desto höher die relative Luftfeuchte.

Über dem Flachland ist die Luft stabil geschichtet, es gibt eine Absinkinversion, denn so lösen sich Wolken nun mal am Ende einer Tiefdruckphase auf bzw. bilden sich erst gar nicht oder werden nicht sehr mächtig. Die Temperaturinversion wirkt wie eine Sperrschicht, über die aufsteigende Warmluft nicht drüberkommt. Das schaut im Wetterballonaufstieg dann wie ein Tannenbaum aus, hier stark vereinfacht.

Über dem Bergland ist das Feuchteangebot höher, besonders über bewaldeten Berghängen und die Inversion wird durch die kräftige Erwärmung über dem erhöhten Gelände rascher abgebaut. Daher wird die Inversion im Bergland rascher überwunden und aufsteigende Warmluft kann große Höhen erreichen und Gewitterwolken bilden.

Das Grünbacher Becken profitiert also im Sommer von der Nähe zum stabilen Flachland. Die sehr kleinräumige Überströmung des Kaltwassersattels ist im Sommer meines Erachtens vernachlassigbar. Ab Beginn der Badesaison (Juni bis September) steht die Sonne schon so hoch, dass die Temperaturunterschiede zwischen Miesenbachfurche und Grünbacher Becken im Tagesverlauf abgebaut werden. Selbst wenn es eine Rolle spielen würde, wäre es die absinkende Luftströmung, die Quellwolkenbildung verhindert.

Typische Wetterlagen mit wetterbegünstigtem Grünbacher Becken, aber auch Neue Welt und südliches Steinfeld

Bei einer Hochnebellage (links oben) haben wir eine Absinkinversion. Je nach Höhe der Inversion reicht der Hochnebel nur bis zur Neuen Welt, oder über den Grünbacher Sattel bis zum Schneeberg. In vielen Fällen reicht er nur bis Unterhöflein. Im Tagesverlauf erwärmen sich die nebelfreien Gebiete Richtung Grünbacher Sattel. Unterm Nebel bleibt es kalt, dann liegt hier der höhere Luftdruck und mit dem auflebenden Ostwind zieht es den Nebel im Tagesverlauf nach Grünbach und je nach Mächtigkeit auch ins Puchberger Becken.

Bei einer Nordwestlage (rechts oben) gibt es die erwähnten Düseneffekte am Kaltwassersattel und – entscheidender – gewisse föhnige Auflockerungen beim Absinken über den Gebirgsstock der Hohen Wand.

Bei einer Gewitterlage mit Südostwind vor Kaltfrontdurchgang ist das Flachland wie erwähnt stabiler geschichtet. Das beeinflusst auch das Grünbacher Becken und letztendlich die Hohe Wand. Bei Gewitterlagen bilden sich die ersten mächtigen Quellwolken meist über Rax, Schneeberg und Wechsel. Wenn der Tiefdruckeinfluss anhält, bzw. die labile Schichtung, dann bilden sich in der Umgebung des Gewitters weitere Quellwolken, die sich sukzessive auf die niedrigeren Gebirgsregionen der Voralpen ausdehnen. Zum Schluss zieht das Gewitter ins Flachland (links unten) oder bleibt über den Bergen stehen (rechts unten), als letztes ist aber in den meisten Fällen, wenn nicht gerade ein Gewittercluster von der Steiermark oder Ungarn aus Südosten aufzieht, das Flachland die sonnigste und stabilste Bastion bis zuletzt.

In diesem Fall handelt es sich also um eine Korrelation, nicht um eine kausale Ursache für die wetterbegünstigte Lage des Grünbacher Beckens. Es würde auch ohne Beteiligung des Kaltwassersattels an Gewittertagen länger freundlich bleiben.

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