
Nach dem dokumentieren Höhenwirbel vom 8. August 2024 gab es am 12. und 13. August zwei weitere kleinräumige, aber stark rotierende Wirbel konvektiven Ursprungs. Wenn ein größeres konvektives System (Gewittercluster) am Ende der Lebenszeit eine Wirbelstruktur annimmt, spricht man von einem Mesoscale Convective Vortex (MCV). MCV sind durchaus gefürchtet, weil am Folgetag in ihrer Nähe langsam ziehende Gewitter mit ausgeprägtem Starkregen entstehen können. Die Entwicklung ist durchaus komplex, hat vor allem viel mit der Freisetzung von latenter Wärme zu tun und Wirbelaufrechterhaltung über einen hochreichenden Bereich hinweg (Davis and Galarneau 2009).
Das Außergewöhnliche an den beiden Wirbeln gestern und heute war nicht nur die verhältnismäßig geringe Ausdehnung, sondern auch die relativ gebremste Intensität der Konvektion. Dennoch überlebte der Wirbel in der Höhe viele Stunden.
Für eine gewohnt ausführliche Fallstudie fehlt mir leider gerade die Zeit, daher die Kurzfassung, vielleicht schaff ich später noch mehr mit Bebilderung.
MCV Nr.1 (Montag, 11. August, ca. 23 Uhr bis Dienstag, 12. August, ca. abends)
Der erste MCV entwickelte sich aus einem zunächst ortsfesten Gewittercluster über den Westalpen und dem Schweizer Jura, und zog dann im Laufe des Dienstagmorgens mit der südlichen Höhenströmung langsam über Baden-Württemberg nordnordostwärts.

Etwa über Mittag war der Wirbel über Hessen immer noch gut ausgeprägt und verlor erst am Nachmittag an Wirbelstruktur, als er in die etwas straffere Westnordwestströmung des abziehenden Jetstreams geriet. Die Reste der Wirbelstruktur hielten sich noch bis zum Abend. Im sichtbaren Satellitenbildkanal sieht man bereits die massiven Gewittercluster über Österreich. In Radstadt gab es bis zu 6cm großen Hagel, in Innsbruck Böen um 70 km/h, am Chiemsee sogar um 125 km/h.

Im Höhendruckfeld sieht man den kräftigen Höhenrücken über Nordeuropa mit der fast konvektionsfreien Zone durch das starke Absinken. Über dem Alpenraum befindet sich erneut eine ausgeprägte Delle, dort sind die Isohypsen-Abstände deutlich größer. Der Wind weht proportional zu den Isohypsen und ist dort in der Höhe entsprechend schwach. Das begünstigt bei großer Energie riesige Gewittercluster, die aber nur langsam ziehen, speziell tagsüber, wenn sie lange aufwinddominant sind. Der angesprochene Höhenwirbel ist weiß eingekreist noch über Tschechien erkennbar.
Leider gibt es die Auflösung der meisten Analysekarten nicht her, aber dort, wo der Höhenwirbel lag, befand sich ein sogenannter thermischer Trog. Ein Gebiet mit kalter Luft in der Höhe. Dieser thermische Trog sorgte für weitere Labilisierung unabhängig von der Tageszeit und wanderte mit der nordwestlichen Höhenströmung stromabwärts. In meinen Augen war dieser Trog ein wesentlicher Faktor, der die Konvektion in Nord- und Ostösterreich aufrechterhielt, trotz der nicht mehr vorhandenen Isohypsendelle (Kurzwellentrog). Zudem wanderte er in den rechten Eingangsbereich des Jetstreams, der ebenfalls förderlich ist für Hebungsantrieb. Man sieht die stärkeren Höhenwinde gut an dem stark ausgewehten Schirm über Tschechien und Slowakei.

Die Gewitter zogen erst über Oberösterreich und Mühl- zum Waldviertel, bauten dann aber nochmals über dem Mostviertel an. Am Alpenostrand verstärkte sich die Gewitterlinie deutlich. In Wien gab es bereits verbreitet 20-30mm Niederschlag und Böen von 60-70 km/h, doch am Flughafen Wind explodierte das Gewitter regelrecht. Auf der Landebahn wurden Spitzenwinde aus West um 58kt gemessen, am Tower sogar 70kt. Die Abwinde breiteten sich schließlich kreisförmig um den Gewitterkern aus, womit sich die Linie wieder auflöste.

In Wien gab es ein bemerkenswertes Blitzfeuerwerk, wobei es laut ALDIS nur 142 Blitzeinschläge, aber 1575 Wolke-Wolke-Blitze gab. Insbesondere bei der plötzlichen rapiden Verstärkung über dem Flughafen verlagerte sich das Blitzgeschehen vom Boden in die Wolke, möglicherweise durch die Stabilisierung der Grundschicht mit dem kräftigen Niederschlag und der nachfolgenden Niederschlagskühlung in der zuvor trockenen Grundschicht. So fielen am Flughafen in 10 Minuten 24mm und in einer Stunde 46mm. Dennoch reichte es am Flughafen knapp für eine Tropennacht mit 20,3°C. Gewitter mit Sturmböen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren….

Am auffälligsten im Vertikalprofil ist die stabile Schichtung vom Boden bis rund 3km Höhe, und die gut durchmischte Grundschicht („inverted V“ Sounding). Das erklärt schon einmal die kräftigen Böen später am Flughafen (hoher DCAPE). Die labile Schichtung reicht bis rund 11km Höhe. Insbesondere oberhalb von 6km Höhe weht lebhafter Südwestwind, bodennah Nordostwind. Der PWAT betrug 48mm, das entspricht nahezu der gefallenen Niederschlagsmenge. Es ist also der gesamte enthaltenene Wassergehalt der Luftsäule ausgefällt worden.
Das Super-HD-Model von Kachelmannwetter hatte die Entwicklung der Böenlinie von Innsbruck bis Wiener Becken zumindest andeutungsweise vorhergesagt. Ab den kräftigen Outflowböen im Inntal marschierte der Gewittercluster durch. Andere Modelle rechneten gar nichts (ICOND2) oder zeigten zwar die Gewitter am richtigen Ort (EZWMF), aber sie propagierten dann sogar retrograd nach Westen statt einheitlich nach Osten. In Summe leider für Meteorologen eine äußerst diffizile Angelegenheit, hier eine korrekte Prognose abliefern zu können.
Der Höhenwirbel tagsüber war übrigens vom Super HD bereits detailgetreu vorhergesagt worden.
MCV Nr.2 (Dienstag, 13.8. morgens bis nachmittags )
Der zweite MCV entstand wieder aus einem Cluster über der Schweiz und zog wieder nach Norden.

In die Wirbelstruktur war hochreichende Konvektion eingelagert mit Zentrum über dem Schwarzwald, die am Vormittag ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Am Nachmittag blieb der Wirbel dann aber stationär und löste sich auf, während nördlich und südlich zahlreiche heftige Gewitterzellen entstanden. Was war anders?

Dieses Mal war der Wirbel stärker in mittleren Höhen ausgeprägt und hatte fast eine abgeschlossene Isohypse in 500 hPa, nicht aber in 300 hPa. Die Isohypsen sind insgesamt weiter auseinander als am Vortag und der Trog läuft sozusagen in den gradientschwachen Keil hinein. Daher hatte er kaum Verlagerungsgeschwindigkeit und weitete bis 18 UTC (20 Uhr MESZ) zwar den Trog auf, aber verlor sich sonst in dem Sumpfgebiet. Ganz irrelevant war er dann aber doch nicht, denn dieses Mal zogen die Gewitter eher über Südbayern und Oberösterreich nordwärts, mit Nähe zum Trog, wo die Krümmungsvorticity etwas ausgeprägter war.
Mehr schaff ich heute abend wie gesagt nicht, aber das Ereignis war zu spannend, um es einfach so sang- und klanglos vorbeiziehen zu lassen.
