Selten: Stratus in Innsbruck aus Westen (31.01.26)

Aufziehender Nebel am Samstag, 31.01.2026, 04.30 Uhr MEZ (foto-webcam.eu)

In der Nacht von Freitag auf Samstag, 31. Jänner 2026, fiel in Innsbruck innerhalb einer Stunde anfangs dichter Nebel ein, der bald anhob und in tiefbasigen Stratus (Hochnebel) überging. Das war in den Wettermodellen schlecht zu sehen, zumal bis zur Ankunft vom Nebel stetiger Talauswind wehte. Begünstigt wurde der Nebel vom Oberland aber von einer gealterten Okklusionsfront, die am Vorabend dort leichte Niederschläge brachte. Hinzu kam leichtes Tauwetter in den Niederungen.

Im Folgenden eine kleine Fallstudie zur Nebelentstehung, -advektion und -auflösung.

Vorgeschichte:

Die gealterte Front mit dem Niederschlag am Freitagabend hatte einen langen Atem.

RGB-Satellitenbild und 500hPa Geopotential Isohypsen für Donnerstag, 29.1., 13 Uhr MEZ (ACG/EUMETSAT)

Die Front war bereits am Donnerstagmittag in Gestalt einer langgestreckten Okklusion über Westeuropa sichtbar. Das steuernde Sturmtief lag über dem Atlantik. Der Polarfrontjet war weit nach Süden verschoben (was den Mittelmeerländern derzeit ein regenreiches Tief und Sturm nach dem anderen beschert), entsprechend lag die Okklusionsfront großteils unter Höhenkaltluft mit erniedrigten Wolkenobergrenzen (Tops). Über Mitteleuropa sorgt der mächtige Kaltluftpolster für ein Auflaufen der Fronten von Westen her – ugs. auch Frontenfriedhof genannt.

Donnerstagabend, 21 Uhr MEZ (ACG/EUMETSAT)

Bis zum Abend lief die Okklusion immer mehr ins höhere Geopotential über Frankreich hin und die Tops sanken weiter ab. Über der Biskaya ist bereits die Höhenkaltluft in Form zellulärer, hochreichender Quellbewölkung sichtbar.

Freitagmorgen, 07 Uhr MEZ (ACG/EUMETSAT)

Die gealterte Okklusionsfront war am Freitagmorgen noch als schmales Band mit niedrigen Tops zu erkennen, hier über Belgien, Elsass bis in die Zentralschweiz verlaufend. Dahinter ein weiteres Okklusionsband mit hochreichenderen Wolken und deutlichem Isohypsenknick. Wenn man genau schaut, sieht man, dass die galterte Front in einen breiten Höhentrog hineinläuft – jedoch mit sehr weiten Isohypsenabständen, also kaum nennenswerte Vertikalbewegungen.

RGB+ 300hPa Temperatur (EZWMF) am Freitag, 13 Uhr MEZ (ACG/EUMETSAT)

Gegen Mittag erfasst die Vorderkante der Okklusion den Westen von Österreich. In der Temperatur sieht man eine „Kaltluftachse“ im Gebiet der Front mit geringfügig niedrigeren Werten als weiter westlich und östlich. Marginale Höhenkaltluft also, die für eine schwache Labilisierung der Front sorgt. In 500hPa ist der Gradient noch schwächer ausgeprägt mit rund -27,5°C als Tmin. In 850hPa sind es um Null Grad, womit die Schichtung labil genug für konvektiven Niederschlag ist. Dazu ein schwacher frontogenetischer Antrieb und schwache Krümmungsvorticity des Höhentroges. Freilich nicht viel, aber es hat für leichte Radarechos und messbaren Niederschlag aus der Strato- und Altocumulusbewölkung gereicht.

Radiosondenaufstieg Payerne, Freitag 13 Uhr MEZ (Quelle: kachelmannwetter.com)

Der Mittagsaufstieg von Payerne fand bereits im rückwärtigen Teil der Okklusion statt, zeigte aber immerhin eine hochreichend feuchte Schicht bis rund 500hPa – mehr als ausreichend für Niederschlagsbildung. Die Wolkenobergrenzentemperatur lag laut IR-Satellitenbildern am Nachmittag zwischen -20 und -30°C.

Radiosondenaufstieg München am 31.01., 01 Uhr MEZ

München wiederum liegt etwas zu östlich des Niederschlagsbands, dennoch sah man gut die Absinkbewegungen mit trockenen Einschüben bis 700hPa – damit eine Herabsetzung der Niederschlagseffizienz.

Am Freitagabend erfasst der Niederschlag noch das Tiroler Oberland, genauer gesagt das Oberinntal bis Telfs. Das Unterinntal wird trocken bleiben.

Ausgeprägte Fallstreifen Richtung Oberinntal am Freitag, 30.1.26, 21.30 Uhr MEZ (Quelle: Panomax Patscherkofel)

Die Bewölkung war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr hochreichend, allenfalls im Altocumulus-Niveau.

Letzte Fallstreifen um 23.10 Uhr MEZ über dem Oberinntal, erste Stratusfetzen mit Andeutung einer Inversion im Inntal über dem Flughafen und stromaufwärts
Samstag, 31.01., 00.30 MEZ – Bis Telfs hat sich bereits tiefbasiger Stratus ausgebildet
02.00 Uhr MEZ – Blick von Mösern bei Seefeld ins Oberinntal bei Telfs (Lichter)

Frühzeitig bildete sich über dem Oberinntal eine zweite, deutlich abgehobene Stratus-Schicht aus, während die kompakte Altocumulus-Bewölkung langsam ausschichtet.

3.00 Uhr MEZ – Bodennebel bis zur Martinswand, zweite Wolkenschicht mit Ansatz bis übers Mittelgebirge
04.20 Uhr MEZ – Vorderkante Bodennebel bis Flughafen, abgehobene zweite Wolkenschicht bis Ausgang Sellraintal
05.00 Uhr MEZ – Nebel bis Innsbruck-City, Hochnebel westlich der Martinswand.

Die Obergrenze der Hochnebelschicht entspricht der Stratusfetzenhöhe um 23.10 Uhr MEZ.

06.40 Uhr MEZ – Hochnebel löst den Bodennebel ab

Bis zur Früh wurde das Unterinntal soweit angefüllt, dass der tiefbasige Stratus vom Hochnebel überlagert wurde.

Abgehobener Stratus um 07.30 Uhr MEZ
Nebelauflösung ab 9.40 Uhr MEZ

Der einzige Hinweis auf den Mechanismus für die Nebelauflösung liefert ein Webcam-Bild von der Nordkette:

Seegrube (Nordkette) um 09.50 Uhr MEZ – Auflösung des Stratus in der Talmitte (Quelle: fotowebcam.eu)

Demnach das klassische Absinken der Luftbewegung nach dem einsetzenden Hangaufwind in der Talmitte und sichtbarem „Reißverschluss“. Danach blieb nurmehr die Hangbewölkung übrig. Auflösung durch Sonneneinstrahlung also.

Winddaten:

Laut Stationsdaten verbesserte sich die Sicht unter dem Hochnebel auf über 8km, während sie mit dem tiefbasigen Stratus unter 1500m absank. Richtig aufliegend war er aber selbst im Unterinntal nicht oder höchstens kurzzeitig, ehe sich der Stratus langsam anhob.

Mit dem einströmenden Nebel dominierte zunächst Talauswind mit 3-8kt Spitzen, in weiterer Folge riss der Talauswind ab und ging in umlaufenden Wind über. Auch während der Nebelauflösung blieben die schwachen Winde aus unterschiedlichen Richtungen erhalten (keine Änderung des Windregimes).

Prognosequalität

  • Erst der 00z-Lauf des ICOND2 hat die tiefbasige Bewölkung erfasst, also praktisch ohne Vorlaufzeit.
  • Das gilt auch für das WRF von Kachelmann (Super HD Mitteleuropa), ebenfalls 00z-Lauf mit Stratus im Oberinntal.
  • Das Schweizer Lokalmodell CH1 hatte ab dem 18z-Lauf eine Andeutung einer Stratus-Wurst im Unterinntal drin.

Der Entscheidungsbaum für die Hochnebelprognose von der Uni Innsbruck spuckte um 15 UTC folgendes Ergebnis aus: Nein.

Die Berechnungsgrundlagen passen aber auch nicht wirklich auf einen vom Unterland advehierten Hochnebel.

Schlussfolgerungen

Eine klassische blockierende „Hoch über Tief“ -Wetterlage sorgt schon seit längerem für einen Frontenfriedhof über dem Alpenraum. Dadurch zerfleddern die Niederschläge am Weg nach Osten. In der Nacht auf Samstag erfasste eine alternde Okklusionsfront mit mittelhoher Bewölkung das westliche Bergland mit leichten Niederschlägen. Diese fielen bei leichten Plusgraden am Talboden, wodurch sich das Tauwetter verstärkte (zusätzlicher Feuchteeintrag). Im Anschluss an den Niederschlag lockerten die Wolken über dem schneebedeckten Talboden auf und es kühlte auf nahe dem Taupunkt ab. Dadurch kam es zu einer Entkopplung der Grenzschicht mit einem bodennahen Kaltluftsee (tiefbasiger Stratus) und der großräumigen Absinkinversion in mittleren Lagen (Hochnebel).

Durch das lokale Talwindsystem mit nächtlichem Talauswind floss der Kaltluftsee talauswärts ins Unterinntal. Mit dem weiteren Absinken der Inversion verschmolzen beide Stratus-Schichten in den Morgenstunden. Die Nebelauflösung fand dann klassisch im Reißverschlussverfahren von der Talmitte ausgehend ab.

Der Stratus war schlecht vorhersagbar, da vom Oberland advehierter Stratus zumindest um diese Jahreszeit seltener auftritt. Im Sommerhalbjahr kann er öfter vorkommen, zumindest in Gestalt von Hochnebel, wenn abendliche oder nächtliche Gewitter für Feuchteeintrag im Oberinntal sorgen. Einmal erlebte ich ihn mit vorföhnigem Westwind, wenngleich nur mit Schwaden und nicht geschlossener Nebeldecke.

Vorföhniger Westwind am 18. Februar 2006 mit Nebelschwaden, fotografiert vom Mentlberg (by me)

Der Regelfall ist sonst Hochnebel, den es vom Unterland hereinschiebt, etwa mit der tageszeitlichen, inneralpinen Erwärmerung und kalter Hochnebelluft im Bayrischen Alpenvorland. Sonst entsteht auch lokaler Nebel in Innsbruck nach Niederschlag bzw. nach Durchzug einer Warmfront, wenn die Taupunkte ansteigen und der Himmel aufklart. Wie so oft zeigt sich, dass Innsbruck kein trivialer Vorhersageort ist.

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