
Der Ort Grazalema in Andalusien bringt es bereits nach zwanzig Tagen auf einen neuen Niederschlagsrekord mit 2449mm. Im Schnitt fallen hier im ganzen Jahr 1800-2200mm (1981-2010, klimatologischer Atlas Spanien). In den Nachbarorten wird nur rund ein Viertel dieser Niederschlagsmenge gemessen. Warum ist das so? Dafür müssen wir weiter hineinzoomen:

Bei einer Westwetterlage konvergieren die Westwinde in dem trichterförmigen Tal westlich des Puerto del Boyar (1105m). Damit wird hohe Niederschlagseffizienz generiert (Konvergenz + orographische Hebung). Auf der Passhöhe wird die Strömung kanalisiert (Gap Flow) und regnet sich unmittelbar im Lee ab.
In den tiefergelegenen Talorten dürfte bereits das föhnige Absinken dominieren, wodurch die Niederschlagseffizienz erheblich abnimmt. Es freut mich, dass ich zur gleichen Erklärung wie meine Kollegen der MeteoSchweiz gelangt bin. Gralazema ist sozusagen das „Hintersee Spaniens“ (Hintersee in der Osterhorngruppe ist einer der schneereichsten Orte von Österreich, siehe Salzburgwiki, mit ähnlicher trichterförmigen Lage bei Nordweststau).
Ein aktuelles Beispiel:

Der Extremwert 126mm stammt von Grazalema, sonst wurden nur 10-26mm verzeichnet.

Bei einem früheren Ereignis, wo weite Teile Andalusien von ergiebigen Regenfällen betroffen waen, fielen in Grazalema 326mm, in der Umgebung aber nur 70-90mm. In diesem Fall staute es aber auch an den Gebirgsketten südlich von Ronda mit über 100mm in 24 Stunden.
Mit anderen Worten: Die Niederschlagsmengen an diesem Ort sind nicht repräsentativ für die Gebirgsregion, erst Recht nicht für ganz Andalusien oder überhaupt Spanien!
Warum fällt gerade dort so viel Niederschlag? Wegen der kurzen Distanz zum Atlantik (effektive Feuchtezufuhr). Zudem ist die Luftmasse im Süden von Spanien in der Regel deutlich energiereicher (höhere absolute Feuchte) als im Norden und damit kann potentiell mehr Niederschlag abregnen. Mehr Niederschlag wird nur noch in Westgalizien und in den westlichen Pyrenäen registriert, mit bis zu 2500mm Jahresniederschlag. Grazalema liegt dafür bei den Tagesniederschlägen bei den Spitzenreitern (siehe aemet.es),

Abgesehen vom extremen Ausreißer in diesem (jungen) Jahr wird auch klar, wie sich die Jahresniederschläge in Spanien verteilen: In den meisten Jahren fällt zwischen Oktober und April nahezu der gesamte Jahresniederschlag, während das Sommerhalbjahr oft fast gänzlich trocken verläuft. Ausbleibende Winterniederschläge führten in den letzten Jahren immer häufiger zu anhaltender Dürre und leere Stauseen. So gesehen ist dieser Jahresbeginn trotz der exzessiven Niederschläge näher an der klimatologischen Normalität als die Trockenheit der letzten Jahre.
Woher kommen dort die exzessiven Niederschläge? Aus dem gleichen Grund, weshalb in Mitteleuropa Wintertrockenheit herrscht.

Über Skandinavien und Osteuropa hält sich seit etwa den Weihnachtsfeiertagen ein mächtiger Kaltluftkörper, gegen den die atlantischen Tiefdruckgebiete vergebens anrennen. Sie bleiben stattdessen über dem Nordatlantik stationär und regenerieren sich ständig weiter. Der Jetstream verläuft nicht über West- und Mitteleuropa, was uns (früher einmal) feuchtmilde Winter bescherte, aber zumindest genügend Niederschlag für ausreichend hohe Grundwasserstände für das Frühjahr und den Beginn der Vegetationsperiode, sondern weit südlich versetzt und quert damit die Iberische Halbinsel. Jetstreams sind der Motor für Tiefdruckgebiete bis hin zu Sturmtiefs. Und solange sich an dieser großräumigen Wetterlage nichts ändert, bleibt die stetige Feuchtezufuhr erhalten – und damit die Überschwemmungsgefahr sowie überdurchschnittlich hohe Grundwasserpegel. Die wärmeren luftmassen subtropischen Ursprungs über dem Atlantik werden dabei regelmäßig in die Tiefdruckentwicklung einbezogen und erhöhen dadurch die Niederschlagseffizienz (höhere absolute Feuchte, mitunter konvektiv durchsetzt).
Das alles wäre nun nicht außergewöhnlich, sondern war der Normalfall vor den Dürrejahren, und das zeigt sich auch noch in den abgebildeten 26 Jahren von Grazalema. Das Ungewöhnliche an der aktuellen Lage ist in meinen Augen die Dauer dieser Wetterlage. Begonnen haben die Starkniederschläge etwa Mitte Jänner 2026.
Nachfolgend der Einfachheit halber Bodendruck + 850hPa pseudopotentielle Temperatur (Quelle: wetter3.de/Archiv), um Intensität (via Bodendruck, Gradient pseudopotentielle Temperatur) und Energie der Luftmassen (Absolutwerte pseudopotentielle Temperatur) zu veranschaulichen:




Ich zähle bis zum heutigen Tag (11. Februar) nicht weniger als 14 signifikante Frontpassagen mit nennenswertem Niederschlag, mit recht kurzen Pausen. Auffallenderweise sind vor allem die Warmfronten stark ausgeprägt (ergiebige Flächen-Niederschläge) bzw. erreichen die Frontensystem Portugal und Spanien häufiger okkludiert (mit konvektivem Anteil). Kaltfront und Höhentrog spielen eher eine untergeordnete Rolle.
Ein wenig muss ich mich hier aus dem Fenster lehnen, aber ich vermute, dass die Tiefdruckgebiete weder von der Stärke noch den einbezogenen Luftmassen um diese Jahreszeit außergewöhnlich sind (ausgenommen das kleinräumige Sturmtief mit schweren Orkanböen am Mittwoch, 28. Jänner 2026, siehe Fallstudie). Es ist vielmehr die Summe an Fronten in kurzer Zeit. Flächenniederschlag heißt, dass viele Zuflüsse gleichzeitig betroffen sind. Mangel an längeren Niederschlagspausen bedeutet, dass die Pegelstände noch erhöht sind, wenn es im Oberlauf erneut regnet. Da die meisten Flüsse von Ost nach West fließen, also entgegen der Zugbahn der Niederschlagsgebiete, steigen die Pegel bereits im Unterlauf, bevor am Oberlauf die Starkniederschläge fallen. Auch das kann die Situation an den Unterläufen dann verschärfen (vgl. Hochwasser am Main in Nordbayern). Insgesamt über Wochen hinweg kaum Entspannung, sondern weitere Verschärfung.
Kein markantes Einzelereignis mit ungewöhnlicher Strömungskonstellation, sondern die Dauer dieser Strömungskonstellation.
Ausblick:

Zwei markante Ereignisse kommen noch – am heutigen Mittwoch sowie am Freitag. Dann schwenkt der Trog durch und die Strömung dreht auf Nordwest. Nach einer kurzen Abkühlung weitet sich dann das Azorenhoch nordostwärts aus und die Frontalzone verschiebt sich nach Norden. Mindestens eine Woche herrscht dann Ruhe bzw. milder Hochdruckeinfluss, unter der sich die Lage beruhigen kann. Auch danach schaut es eher nicht mehr nach einer Fortsetzung aus.
