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Unsaubere Recherche zu „XAVIER“

Zu meinem vorherigen Blogtext noch ein wichtiger Nachtrag.

Es scheint, als habe ich die Quelle der irreführenden Beschreibungen zu Sturmtief XAVIER gefunden:

Die Süddeutsche Zeitung schrieb …

  • Das Tiefdruckgebiet Xavier ist eine meteorologische Besonderheit, ein sogenannter „Schnellläufer“.
  • Diese Phänomene sind schwer vorherzusagen und können spontan heftige Windböen und Regenfälle auslösen.
  • Auch Weihnachtsorkan Lothar von 1999 und die Hamburger Sturmflut 1962 resultierten aus Schnellläufern.

Diese Zeilen sind wahrscheinlich nicht alleine den Ideen des Autors zuzuschreiben, sondern stammen aus einer APA-Meldung:

„Der Klimaforscher Mojib Latif vom Kieler Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung bezeichnete „Xavier“ im SWR als „Schnellläufer“. „Das ist ein Sturm, der nicht unbedingt vorhersehbar ist. Dieses Tiefdruckgebiet heißt so, weil es dann wirklich extrem schnell ziehen kann mit 100 Stundenkilometern.“ Beispiele dafür seien etwa der Sturm „Kyrill“ aus dem Jahr 2007 oder „Lothar“, der 2009 über West- und Mitteleuropa fegte.“

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War Sturmtief XAVIER wirklich unberechenbar?

Vorab: Obwohl die Sturmlage sehr gut prognostiziert worden war, lassen sich Verletzte oder gar Tote nie völlig vermeiden. Erschwerend kam hier hinzu, dass …

  • die Region der Spitzenböen auf Großstädte wie Hamburg oder Berlin traf
  • das Ereignis am Nachmittag/Abend an einem Werktag stattfand, wenn viele Menschen unterwegs sind
  • die Bäume zu diesem Zeitpunkt großteils noch belaubt waren, was die Angriffsfläche für den Wind massiv erhöht und Entwurzelungen oder Stammbrüche wahrscheinlicher macht.

Ratschläge, wie zuhause zu bleiben oder baumfreie Strecken zu wählen, funktionieren nicht in jedem betroffenen Gebiet. Wer auf seinen Job absolut angewiesen ist, kann nicht einfach daheim bleiben oder hat nicht zwingend Rückendeckung vom Chef, wenn er sturmbedingt kein Risiko eingehen will. Manche Fahrten sind nicht zu verschieben. Auf der anderen Seite gibt es gerade in Großstädten wie Hamburg (245 000) und Berlin (438 000) eine hohe Anzahl an Straßenbäumen, erheblich mehr als etwa in Wien (100 000). Die Gefahr durch umstürzende Bäume ist also deutlich erhöht und man kann nicht so leicht in eine baumfreie Straße ausweichen und Staus gibt es bekanntlich auch noch. Ein Restrisiko bleibt.

Vom räumlichen und zeitlichen Ablauf her spielte sich der stärkste Orkan zwischen 12.00 und 20.00 von Niedersachsen und Hamburg bis Berlin und Brandenburg ab, und zwar jeweils in einem Zeitfenster von 1-2 Stunden, ganz im Gegensatz zu großräumigen Sturmtiefs mit stundenlangen Sturmböen. Das ist in meinen Augen der einzige Ansatzpunkt: Eine Live-Überwachung der Sturmsituation, die über Radio und Fernsehen weitergegeben wird, sodass man zeitnah weiß, wann und wo es demnächst brenzlig wird.

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BBC erklärt, was ein Sting Jet ist

Während in Österreich vielen Einwohnern nicht einmal bekannt ist, dass Nordföhn auch in Nordtirol und Südföhn auch in Unterkärnten vorkommt, geht der BBC auf der fachlichen Ebene noch eine Stufe weiter und erklärt ein Wetterphänomen, das selbst in der Community (der Meteorologen) erst seit etwa 10 Jahren bekannt ist, den Sting Jet.

Der Meteorologe John Hammond erklärt zunächst, wie Winterstürme generell entstehen, an einer Trennzone zwischen warmen Luftmassen im Süden und kalten Luftmassen im Norden (auch Frontalzone genannt), die mit der „Jetstream-Zone“ verbunden ist (zu deutsch: Strahlstrom). ein schmaler Bereich mit hohen Windgeschwindigkeiten in der oberen Tropisphäre.

Wenn der Jetstream nach Süden rutscht und warme Luft von Süden her mitsaugt, entstehen intensive Tiefdruckgebiete und Orkane.  Dies betrifft gewöhnlich nur die nordwestlichen Regionen der Britischen Inseln. Seltener sind Zugbahnen über die südlichen Landesteile, wenn der Jetstream noch weiter nach Süden vorankommt.

Meist sind die Küstengebiete von den stärksten Böen betroffen, aber gelegentlich treten diese auch weiter landeinwärts auf, z.B.

  • The Great Storm, 1987
  • Burns Day Storm, 1990
  • October Storm 2013 (CHRISTIAN)

Der Schlüsselfaktor aller dieser im Binnenland zerstörerischer Stürme ist der sogenannte Sting Jet (Min 1:38).  Im Zentrum des Tiefs befindet sich der „Cloud head„, der Wolkenkopf des Tiefdruckgebiets, und sobald diese Wolkenluft auf die Rückseite der Kaltfront gerät, sinkt sie rapide abwärts, verdunstet, kühlt ab und beschleunigt zum Erdboden hin.

Ergänzung von mir:

stingjetsketch

Die Skizze zeigt ein Frontensystem mit Warm- und Kaltfront, und dem Sting Jet hinter der Kaltfront. L markiert das Tiefdruckzentrum, die Pfeile Warm- und Kaltluftzufuhr.

xynthia

Das infrarote Satellitenbild von sat24.com zeigt Orkan XYNTHIA am 28. Februar 2010 mit Zentrum über Benelux. Eingekreist ist der Sting Jet-Bereich, wo unter flacher, harmloser Schichtbewölkung (Stratocumulus) stellenweise Orkanböen auftraten, etwa im deutschen Saarland. Der oben beschriebene Verdunstungsprozess ist durch die unterschiedlichen Obergrenzen der Wolken belegt. Sie sind im Breich des Wolkenkopfs bzw. Warmfrontbands wesentlich höher (heller) als im eingekreisten Bereich (grauer). Durch die Verdunstung der Wolken sinkt die Obergrenze ab.

Dies erklärt schadensbringende Windböen über 120 km/h im Binnenland und auch die enorm hohen Spitzenböen während Orkan CHRISTIAN am 28. Oktober 2013, als etwa an der deutschen Nordseeküste Böen zwischen 150 und 190 km/h gemeldet wurden, was selbst für die Küsten- und Inselbewohner ungewöhnlich hohe Windspitzen sind.