Unwettergefahr ist nicht ausschließlich temperaturabhängig

Höchstwerte am 27. März 2006 im Norddeutschen Tiefland, Quelle: kachelmannwetter.com

„Unwetter sind uns im Mai aufgrund der niedrigen Temperaturen erspart geblieben. Ab kommender Woche ist wieder mehr Energie in der Luft aufgrund der warmen Luft, die zu uns kommt“

Quelle: OÖ ORF at (28.05.25, abgerufen am 29.05.25, 08.00 Uhr MESZ)

Auch im Jahre Schnee hält sich die Mär, dass es für Unwetter heiße Luftmassen braucht. Der 27. März 2006 zeigte das Gegenteil: Bei mehrheitlichen Höchstwerten unter 20 Grad gab es eine veritable Tornadoserie in Norddeutschland – mit mindestens 8 Tornados, zwei Toten in Hamburg sowie weitere Verdachtsfälle. Beispiele wie dieses gibt es immer wieder: eine mäßig warme Luftmasse, aber gut geschert – und dadurch erhöhtes Schwergewitterpotential.

Der 27. März 2006

850 hPa Thetae und Bodendruck, 13 Uhr MEZ (wetter3.de)

Denn für schwere Gewitter ist nicht nur die Menge an Labilität relevant, sondern auch die vertikale Verteilung:

Radiosondenaufstieg vom 27. März 2006, Essen-Bredeney, 13 Uhr MEZ (kachelmannwetter.com)

Damals bildeten im labilen Warmsektor bzw. mit einer Kaltfront mehrere rotierende Gewitter (Superzellen). Die Labilitätsenergie war relativ gering, in der Größenordnung 200-500 J/kg. Bei hochsommerlichen Gewitterlagen sind es über 2000 J/kg. Doch das Windprofil war stark geschert, mit über 60kt im Ambossbereich der Gewitter (5-7km Höhe) und auch die bodennahe Scherung hat gepasst. Starke Aufwinde resultieren aus dem Produkt von thermischer Einstrahlung und nichthydrostatischer Druckgradientkraft, was die Windscherung verursacht. Gerade im Winterhalbjahr ist die Sonneneinstrahlung bzw. Sonnenenergie weniger entscheidend als das zugehörige Windprofil. Dann reicht eine dünne, hochreichende Labilitätsenergie-Schicht („skinny CAPE“), wenn die Scherung hoch ist.

Es war nie leichter, einen warmen Sommer vorherzusagen

In einer sich beschleunigt erwärmenden Erdatmosphäre ist es keine Hexerei zu prophezeien, dass ein „warmer Sommer“ bevorsteht. In neun von zehn Fällen wird das eintreffen. Die Frage ist ja vielmehr, ob es durchgehend sommerlich heiß und trocken ist oder sich Extreme mit Wetterkapriolen abwechseln werden.

Ganz anders könnte es ab Mitte Juni ausschauen, ab diesem Zeitpunkt werden hochsommerliche Temperaturen und auch wenig Niederschlag erwartet. Ob ein Tropensommer bevorsteht, könne derzeit nicht mit Sicherheit gesagt werden.

Bereits jetzt deuten die Prognosen seit Tagen schon auf eine Umstellung hin, die sich mit Monatswechsel vollziehen wird – zwar mit kühleren Phasen, aber nicht mehr auf dem Eisheiligen-Niveau von Mitte Mai. Genau genommen rechnet EZWMF jetzt die erste Hitzewelle ab 6. Juni, also vor Monatsmitte.

Tropensommer ist kein offizieller Begriff. Er soll wohl aussagen, dass ständig schwüle Luftmassen vorherrschen mit erhöhter Gewitter- und Unwetterneigung. Es wäre der „default“-Zustand des typischen schwülwarmen Südwestlagen-Sommers in Mitteleuropa, der in den letzten Jahren aber immer seltener geworden ist.

EZMWF-Prognose vom Donnerstag, 29. Mai 2025, 00z-Lauf, für Freitag, 13. Juni 2025, 00z – 500hPa und Bodendruck (Quelle: wetterzentrale.de)

Die Prognose ist nicht allzu ernstzunehmen, das sind 2 Wochen in die Zukunft. Sie zeigt aber eine Großwetterlage, die in den letzten Jahren (leider) immer häufiger geworden ist: Ein mächtiger Höhenrücken mit sehr hohem Geopotential, dadurch trockene Luftmassen in den oberen und mittleren Schichten, teils auch in den unteren Schichten. Keilvorderseitig (grüner Bereich) der Tod jeder Gewitterentwicklung.

Charakteristisch hierbei die schwache nordwestliche Höhenströmung, mit der die afrikanische Heißluft um den Keil herumgeführt wird. Seit 2003 sind diese Wetterlagenmuster häufiger geworden, sie sind für trocken-heiße Sommer in Mitteleuropa verantwortlich – wobei der Alpenraum meist noch etwas begünstigt ist je nach Lage des Keils, und zumindest gelegentlich Gewitter erhält.

Dass die Sommer immer trockener werden, von gelegentlichen Starkregenereignissen abgesehen, auf die dann wochenlange Trockenheit folgt, liegt daran, dass die feuchtwarmen Südwestlagen ausbleiben. Also Gewittercluster, die von Frankreich her über Deutschland ziehen, oder von der Schweiz ausgehend Österreich queren und dabei flächig ergiebigen Regen bringen. Das sind neben Kaltfronten und Italien/Adriatieflagen die einzigen ergiebigen (flächigen) Regenbringer im Sommerhalbjahr.

Ein Keil mit so hohem Luftdruck in der Höhe wie oben prognostiziert verhindert derartige Entwicklungen und fördert die Austrocknung der Böden bei extremer Hitze.

Mein Guess ist, dass so ein trockener Sommer mit Starkregenphasen, gefolgt von längeren trockenen Perioden wahrscheinlicher ist als ein schwüler, nicht extrem heißer, ständig feuchter Sommer. Aber ich bin auch kein Langfristprognostiker, sondern finde schon die Kurzfrist spannend genug.

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