Archiv der Kategorie: Allgemein

Rapide Zyklogenese mit Orkantief Éowyn bei Irland

RGB-Satellitenbild vom 23. Jänner 2025, 11.15 UTC (CHMI.cz), mit Warm Conveyor Belt, Jetfasern, bent-back Okklusion und breitem Warmfrontbereich.

Orkantief Eowyn (in Deutschland: Gilles) hatte heute Nacht (00 UTC) einen Kerndruck von rund 995hPa auf dem Nordatlantik vor Neufundland und soll bis innerhalb von 24 stunden um 53hPa auf 942hPa vertiefen, das ist mehr als der doppelte Druckfall, der für die Definition rapide Zyklogenese notwendig ist. Der tiefste Kerndruck soll mit rund 940 hPa (+/- 5 hPa) knapp nördlich von Irland liegen. Einzelne Modelle wie etwa das ARPEGE rechnen Windspitzen bis 220 km/h westlich von Irland. Im Binnenland wären es immer noch über 150 km/h.

  • Mit 940,1hPa in Belmullet war es der tiefste Luftdruck in Irland seit dem 26.01.1884.
  • 26.01.1884: 936,6 hPa in Sligo, Irland (Jänner-Rekord) und 925,6hPa in Ochtertyre, UK (Allzeitrekord)
  • Deutschland-Rekord: 954,4hPa in Emden am 27.11.1983

Gray and Volonté, Why meteorologists are comparing Storm Éowyn to a bomb (24.01.25)

Wenig überraschend hat auch bei diesem Sturm die Klimaerwärmung ihre Hände im Spiel:

„The storm started as a Diabatic Rossby Wave (DRW), which was fuelled by latent energy from very moist air over much too warm sea surfaces. Climate change appears to increase the frequency of rapid cyclogenesis and cyclones with sting jets.“

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Rest in peace, Chuck Doswell!

Source: flame.org/~cdoswell

In the late evening of the 18th January I read the saddening news on Bluesky that Charles A. Doswell III has died in the age of 79 years. Doswell played an important role researching the basics of severe thunderstorms, supercell storms and tornadoes. I did not stand close to him and I had not have any contact or attended his talks or workshops in the last ten years. I did however take part in his one-day convective forecast workshop in October 2011, during the European Conference on Severe Storms (ECSS) in Palma de Mallorca. Doswell has been one of the old school guys who put much emphasis on haptic learning. We used large prints of surface weather charts to determine frontal systems or other boundaries to get a feeling for where convective weather could take place. Nothing like this was or is used anymore in European weather services, especially not at the private weather service where I was working at this time. Nevertheless I was taught the ingredients-based methodology going far beyond the index-based methodology which was sometimes overly present in this period. Doswell was the lead author with two other authorities in this area, Brooks and Maddox, of a famous paper about ingredients for flash floods (Doswell et al. 1996).

„The concept of ingredients-based forecasting is discussed as it might apply to a broader spectrum of forecast events than just flash flood forecasting.“

And it did! The concept has been extended to severe convective weather forecasting where it is now a standard forecasting procedure, at least for forecasters who excel their job wholeheartedly. Instead of relying only on cape, showalter, significant tornado parameter or other multiple-variable indices, he emphasized the overlap of moisture, instability and lift for deep moist convection, and wind shear for organized convection including mesocyclones.

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Fallstudie: Sturmtief Charly knackt Rekorde

Sturmtief CHARLY um Mitternacht mit ausgeprägter Kaltfront (Quelle: Luftmassen-RGB von Kachelmannwetter)

Am Donnerstag, 09. Jänner 2025 entwickelte sich über Frankreich und Benelux ein kleinräumiges, aber intensives Sturmtief, das in der Nacht auf Freitag, 10. Jänner, mit einer gewittrigen Kaltfront durchzog. Am Abend erfasste das Sturmfeld auch den Nordalpenraum, wo verbreitet Monats- und sogar Allzeitrekorde gefallen sind. Der synoptische Ablauf verdient natürlich eine genauere Betrachtung. Das Titelbild suggeriert bereits markante Dynamik mit einem sehr steilen Trog, der left-exit region über Österreich, der gerippten Kaltfrontstruktur mit eingebetteten Gewittern und deutlich gesunkenenen Wolkenobergrenzen der Okklusionsfront durch die Überströmung mit der Stratosphärenluft. Dazu kam noch ein starker frontrückseitiger Druckanstieg und Temperatursturz.

Die Bilanz:

  • Klosterwappen (NÖ): 175 km/h
  • Hochwechsel (NÖ) 155 km/h
  • Rax-Bergstation (NÖ) 151 km/h (Allzeit-Rekord)
  • Wien-Jubiläumswarte 139 km/h (Allzeitrekord)
  • Buchbergwarte (NÖ) 137 km/h (Monatsrekord)
  • Hennesteck (1334m, NÖ): 135 km/h (Lawis)
  • Feuerkogel (OÖ): 135 km/h
  • Wien-Arsenalturm 124 km/h
  • Wiener Neustadt (NÖ) 112 km/h
  • Wien-Hohe Warte, City und Unterlaa 108 km/h
  • Rohrspitz (Bodensee, V): 107 km/h
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Seltenes Wetterphänomen in Mitteleuropa: Polare Stratosphärenwolken

Irisierende hohe Wolken am 16.12.24, Blick vom Flugsicherungstower Schwechat Richtung Süden bei Sonnenuntergang (15.52 MEZ), eigene Aufnahme

Der Montag, 16.12., war nicht nur ein spannender Wettertag mit ausgeprägtem Westföhn am Alpenostrand und hochreichenden Wellen. Immerhin gab es in den Niederungen verbreitet Böen von 80-90km/h, lokal auch 100 km/h, auf dem Hochschneeberg wurden 180 km/h gemessen. Zahlreiche Feuerwehreinsätze waren die Folge vor allem südlich von Wien. Auf der Rax mussten zwei junge Wanderinnen gerettet werden, die den Sturm unterschätzt haben.

Am Abend gab es die obige Wolkenstimmung mit ausgeprägten Föhnwolken (Altocumulus lenticularis). Über der schattigen dicken Wolke links ist klar der Schatten eines Kondensstreifens zu erkennen. Noch deutlich dahinter, also viel höher, schimmerten filigrane Wolkenstrukturen in den Regenbogenfarben („Perlmutt-Färbung“).

Es handelt sich sehr wahrscheinlich um „polare Stratosphärenwolken“ (PSCs), die in der Stratosphäre in Höhen um 20-30km auftreten. Voraussetzung ist eine Temperatur von unter -78°C. Im Winter in Polarregionen jenseits der 80° nördlicher/südlicher Breite geschieht das regelmäßig. Sie bestehen aus Kristallen von Schwefel- oder Salpetersäure, um die sich ein Eismantel bilden kann. Leuchtende Nachtwolken wären deutlich höher in 80-85km Höhe in der Mesopause.

Eine weitere Voraussetzung ist ein ungestörter Polarwirbel, sodass die Temperatur weit absinken kann, weil sonst durch die Meridionalisierung wärmere Luft eingemischt wird.

Zuletzt wurden PSCs am 22.12.2023 im Tessin beobachtet.

Temp vom 16.12.24:

Mittagsaufstieg von Wien, 13 Uhr LCT (16.12.24, kachelmannwetter.com)

Dieser zeigt zum Einen sehr schön die markante Inversion in rund 1km Höhe, also über dem Wienerwald, somit kam es zur Stromliniendrängung der Westströmung zwischen Kammhöhe und Inversion, was die hohen Windgeschwindigkeiten im Lee erklärt.

Die -70°C-Isotherme wurde im Bereich der nicht mehr beschrifteten Skala oberhalb von 12km Höhe zeitweise unterquert – kann also nur spekulieren, dass die -78°C hier erreicht wurden.

EZWMF-Analyse in 10hPa am 16.12.24, 12 UTC:

Quelle: MET FU BERLIN

Der Polarwirbel war wie erforderlich ungestört, rein zonal, mit Zentrum bei Spitzbergen. Die Tiefstwerte in 10hPa (ca. 26,5km Höhe) gingen bis -83,3°C.

in 20 hPa (ca. 23,3km Höhe) war es sogar noch etwas kälter.

Polare Stratosphärenwolken erscheinen daher sehr plausibel.

Nachtrag:

In meinen Aufzeichnungen habe ich eine weitere Sichtung aus dem Jahr 2016 gefunden:

Irisierende hohe Bewölkung Richtung Südwesten, fotografiert vom Karlsplatz am 01.02.2016

Die Entstehung ist hier beim Deutschen Wetterdienst verständlich erläutert, zuletzt traten sie im Februar 2008 und Jänner 2010 auf.

Temperatur in 30 hPa Geopotentieller Höhe über der Nordhalbkugel, Quelle: netweather.tv

Sturmtief TELSE (Gonall) mit Sting Jet und Split Front

Abziehende hochreichende Welle über dem Wiener Becken bei Sonnenuntergang am Donnerstag, 28.11.24

Das besagte Sturmtief würde für mindestens fünf Fallstudien ausreichen. Aus Zeitgründen beschränke ich mich auf wenige Bilder und eine Analyse der Wetterphänomene. Tief TELSE hatte sich am Sonntag, 24.11., aus einer Warmfrontwelle über dem Nordatlantik  entwickelt (Teiltief am Okklusionspunkt). Erst am Mittwoch, 27.11., emanzipierte sich TELSE zum eigenständigen Tiefdruckgebiet mit klassischer T-Bone-Struktur und doppelter Jetkonfiguration als Shapiro-Keyser-Zyklone. Am Mittwochabend erreichte TELSE mit 993hPa seinen Höhepunkt mit einem Sting Jet über den Niederlanden.

Der ausgeprägte warm conveyor belt sorgte am Donnerstag, 28.11., für ausgedehnte stratiforme Niederschläge im Alpenraum und verhinderten dichten Nebel im östlichen Flachland. Die zugehörige Kaltfront querte den Alpenraum als split front – die Eisphase kam der Front abhanden – sodass viel unterkühltes Wasser im Nordalpenbereich übrig blieb. Mehrere Linienpiloten meldeten mäßige bis starke Vereisung im Luftraum zwischen 3 und 5km Höhe. Durch die starke frontparallele Westströmung entwickelten sich hochreichende Wellen im Wienerwaldlee, mit bodennahen Rotorwolken und stehendem Altocumulus/Altostratus. Dadurch kam es zu starken Windscherungen und Turbulenzen im östlichen Flachland (80-90 km/h Spitzen auf 500m Höhe) und Spitzen bis 65km/h in Wien. Mit der Südwärtsverlagerung des auffüllenden Bodentiefs und Entstehung eines Cut-Offs am Freitag, 29.11., entstanden erneut hochreichende Wellen – dieses Mal über der Alpensüdseite.

Der Cut-off wird vorhergesagt, am Wochenende ins zentrale Mittelmeer zu ziehen, wo die Kombination aus Jetstreak/left exit, hoher Labilität (-26/-28 in 500hPa, 20-22°C SST), starker Ostströmung und orographische Hebung für Überschwemmungen an den Ostküsten von Griechenland sorgen könnte. ICON 00z rechnete dort mit rund 350mm in 48 Stunden.

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