
Wie man bei Höchstwerten von 35 bis 40 Grad C und Nachttemperaturen um 25 Grad (vor allem in den Städten) richtig lüftet, da scheiden sich die Geister. Der Hausverstand sagt, tagsüber Fenster geschlossen und Hitze draußen halten – zumindest, wenn man sich in der Wohnung aufhält. Der Blick auf das CO2-Messgerät (z.B. ein Aranet4) und das Feuchtemessgerät sagen, dass die Luft schnell stickig wird und Kreislaufprobleme, Konzentrationschwächen drohen, wenn man buchstäblich im eigenen Saft schmort – gerade für ältere Menschen, die ohne dazu neigen, zu wenig zu trinken, riskant.
„An heißen Tagen besteht ein Interessenskonflikt zwischen Hitzeschutz und Innenraumlufthygiene „, sagt Kerstin Effers, Referentin für Umwelt und Gesundheitsschutz bei der Verbraucherzentrale NRW, dem WDR. Wird ein Raum von mehreren Menschen genutzt, „muss unbedingt zwischendurch gelüftet werden“. Ansonsten könne die Kohlendioxid-Konzentration zu stark ansteigen. Differenzierter WDR-Bericht vom 11. Juni 2025
Vom Land rede hier jetzt nicht, denn da kühlt es erstens stärker ab als in der Stadt und zweitens sind fest verbaute Klimaanlagen oder Split-Klimaanlagen in Einfamilienhäusern die Regel bzw. gesetzlich erlaubt. In Mietwohnungen in Österreich sind Split-Klimageräte mit einem mobilen Außengerät genehmigungspflichtig – der Vermieter muss schriftlich informiert werden und Wohnungseigentümer brauchen das Einverständnis aller Miteigentümer. In Wien braucht man zudem die Baubewilligung der MA19 – bezüglich Zulässigkeit einer Montage und Lautstärke-Grenzwerten.
„Die Montage von Split-Klimageräten ist zulässig, wenn sie nicht aus dem öffentlichen Raum (z. B. hinter einer Balkonbrüstung) eingesehen werden können.“
Bei mobilen Klimaanlagen bringt es wenig, den Abluftschlauch einfach aus dem gekippten Fenster zu hängen. Durch den erzeugten Unterdruck zieht es die Außenwärme zurück in die Wohnung und die Effizienz der Klimaanlage nimmt ab. Speziell, wenn die verwendete Fensterfront noch sonnenbeschienen ist. Außerdem sind die Geräte meist zu laut, um daneben zu schlafen oder sich zu erholen. Viele Wohnungen in Wien haben zudem noch eine Gastherme und mit dem Unterdruck durch die Klimaanlage erhöht sich die Gefahr, eine Kohlenmonoxidvergiftung zu erleiden.
Die relative Luftfeuchte ist entscheidend
Manche Hersteller werben mit Luftkühler durch verdunstendes Wasser. Manchmal wird auch geraten einen einfachen Ventilator zu benutzen und ein feuchtes Handtuch darüber zu hängen oder seine Wäsche zu trocken. Das Problem ist dabei der Anstieg der relativen Luftfeuchte im Raum, weil Wasser verdunstet. Das mag zwar angenehm sein, solange das Gerät eingeschaltet ist, aber sobald man es ausstellt, hat man eine höhere relative Feuchte im Raum und die Innentemperatur steigt langsam wieder an, weil die Außenwände und Fensterfronten Wärme nach innen abgeben. Je höher aber die relative Feuchte, desto schwieriger ist es für den menschlichen Körper, durch Schwitzen abzukühlen. Schwitzen erfordert eine möglichst niedrige relative Feuchte.
Beispiel aus der Praxis:
Der Taupunkt ist jene Temperatur, auf die die Lufttemperatur abkühlen muss, um 100 % relative Luftfeuchte zu erreichen. In anderen Worten: Je kleiner die Differenz zwischen Temperatur und Taupunkt, desto höher die relative Feuchte. Im Englischen spricht man auch von Spread.
In Wien hatte es am Mittwoch, 24. Juni 2026, tagsüber zwar wieder knapp über 30 Grad, aber nur 8 Grad Taupunkt, das entsprach einer relativen Feuchte von 20-30% – dem subjektiven Empfinden nach nicht schwül, sondern angenehm. Ich armer Tor wollte aber in die Berge, der Hitze entfliehen und hatte die Vorgeschichte sträflicherweise vernachlässigt – konkret die rund 100mm Niederschlag, die am 20. Juni in der Region um das Schneeberg-Gebiet gefallen sind. Auch am Montag, 22. Juni, kamen nochmal ca. 14mm dazu. Die Böden waren jedenfalls durchgehend feucht und mit der schwachen nördlichen Anströmung ohne viel Höhenwind war es im Anstieg vom Höllental zur Knofelebenwiese fast vollkommen windstill und extrem schwül. So geschwitzt wie auf dieser Tour hab ich bisher nicht oft im Sommer. Und daher fühlten sich die rund zehn Grad weniger als in Wien bei weitem nicht so angenehm an, wie man glauben würde, wenn man nur auf die Lufttemperatur schaut. Für mich war dieses Erlebnis lehrreich und zugleich eine Warnung: Meine Herzfrequenz war rund 10-20 Schläge höher als normal, selbst bergab kam ich kaum in eine Erholungsphase für den Körper. Längere Abschnitte ohne Pausen bei diesen Verhältnissen können lebensgefährlich sein. Sport ist für mich die nächsten Tage daher kein Thema mehr. Am Wochenende sind 38 bis 40°C in Wien möglich.
Rechenbeispiel:
Draußen beträgt die Lufttemperatur 30 Grad bei 40% relativer Feuchte. Das entspricht einem Taupunkt von 15°C und 12,1 g/m³ absoluter Feuchte. Drinnen beträgt die Temperatur 28°C bei 60% relativer Feuchte (Taupunkt 19,5°C und absolute Feuchte 16,3 g/m³). Die Innenluft ist zwar noch kühler, aber deutlich feuchter und wird daher als unangenehm drückend empfunden. Wenn man jetzt lüftet, wird es zwar noch wärmer, dafür trockener, da die trockenere Außenluft hereinströmt und die absolute und relative Feuchte zurückgeht. Dadurch ist das Schwitzen effektiver.
Wichtig ist das Lüften auch, um zu hohe Kohlendioxidwerte zu vermeiden, die unabhängig von der subjektiv empfundenen Schwüle für Kopfschmerzen und Konzentrationsschwächen sorgen.
Geräte, die die relative Feuchte im Innenraum nicht erhöhen, sind Ventilatoren. Die produzierte Eigenwärme ist meist vernachlässigbar, durch die Luftbewegung im Raum kann das Schwitzen aber effektiver sein (Verdunstungskälte direkt auf der Haut). Man kann sie auch in der Nacht auf niedriger Stufe (leise) laufen lassen, sollte aber genügend Abstand haben, um sich keine Verspannungen zu holen bzw. Reizungen der Schleimhäute zu vermeiden. So lassen sich die Nächte gut aushalten.
Langfristig hilft nur der Einbau einer fix verbauten Klimaanlage bzw. der Umzug in eine Wohnung mit Klimaanlage. Wer keinen Balkon hat, um seine Wäsche zu trocknen, kann, sofern es die Textilien erlauben, die Schleuderzahl erhöhen, damit die Wäsche weniger Feuchtigkeit in den Raum abgibt. Oder einen Luftentfeuchter in den Raum stellen. Wenn die Hitzewelle ein Ablaufdatum hat, könnte man einmalig seine Wäsche in die Wäscherei bringen und dort auch trocknen lassen.
Viele allgemeinen Tipps sind leider wenig zielführend und kommen offenbar von Personen, die sich nicht vorstellen können, wie sich eine Großstadt am Alpenostrand im Sommer aufheizen kann. Viele Mietwohnungen in Wien haben nur Innenjalousien. Sie tagsüber geschlossen halten verhindert die sukzessive Aufheizung der Innenräume kaum. Nachts lüften funktioniert am besten, wenn Wind geht – aber die Hitzewellen der letzten zwanzig Jahre zeichnen sich vermehrt durch Windstille aus – vorbei mit dem lebhaften Südostwind. Zudem: Wenn es um Mitternacht noch 27-30°C hat und erst in der Früh spürbar abkühlt, wo man schon wieder zur Arbeit gehen muss, wann soll man da lüften? Fürs Lüften früher aufzustehen, führt doch alles ad absurdum – man ist ohnehin froh um jede Minute zusammenhängenden Schlaf. Eigentlich wäre es Aufgabe der Politik, da systematisch gegenzusteuern und den Gesundheitsschutz bei Hitzewellen nicht auf den Einzelnen abzuwälzen. Es wird nicht reichen, Außenjalousien finanziell zu fördern oder Klimaanlagen zum Standard in Neubauten einzurichten. Es braucht auch eine Umgestaltung der Bodenverhältnisse, um das Stadtklima erträglicher zu machen. Mehr Grün und Beschattung statt Beton und Asphalt.
