
Im Kontext der ausgeprägten Dürre in Mitteleuropa ist immer wieder vom sogenannten Landregen die Rede, der benötigt wird, um das Grundwasser wieder aufzufüllen. Es wird dann ausgeführt, dass der Regen tagelang andauern müsste. Mit ein paar Stunden starkem Regen sei es nicht getan, denn das Wasser fließe überwiegend oberflächlich ab und kommt gar nicht erst im Grundwasser an. Doch wie entsteht Landregen überhaupt? Welche Wetterlagen sind im Alpenraum dafür notwendig und wie realistisch ist dieser in der nächsten Zeit?
Inzwischen liest man die Hoffnung auf anhaltenden Landregen nahezu täglich in den Zeitungsberichten über die Trockenheit, etwa am 5. Oktober in den Vorarlberger Nachrichten:

Wetter ist allerdings kein Wunschkonzert und selbst in einem durchschnittlichen Jahr regnet es nicht zwei Wochen am Stück. Wenn es einmal genug regnet, ist die Wahrscheinlichkeit mittlerweile sehr hoch, dass es dabei zu Überschwemmungen kommt, so wie im September 2024. Es ist meteorologisch nahezu ausgeschlossen, dass wir das Niederschlagsdefizit ohne Unwetterkatastrophen aufholen können.
Definition Landregen: „Dauerniederschlag in flüssiger Form, verursacht durch das Aufgleiten von warmer auf kalter Luft. Tritt häufig an einer Warmfront auf.“ (Quelle: Deutscher Wetterdienst)
Im Sommer wird das aufgrund der vorhandenen, häufig instabil geschichteten Warmluft schwierig mit dem Aufgleiten – weil sich schlicht kein Kaltluftsee ausbilden kann, auf dem die Warmluft aufgleitet. Darum sehen wir im Sommer überwiegend konvektive Niederschläge in Form von Regenschauern und Gewittern, die kleinräumig von unterschiedlicher Intensität und meist recht kurzlebig auftreten. Nur bei gradientschwachen Wetterlagen mit allgemein geringer Luftbewegung können ortsfeste Cumulonimbuswolken größere Regenmengen hervorbringen, aber erneut sehr kleinräumig. Die einzige Ausnahme für Aufgleiten im Sommer sind die gefürchteten ….
1. Vb-Wetterlagen („Adriatief“)

Bei Vb-Lagen tropft ein Höhentrog über Norditalien ab und bildet dort ein Bodentief über der Oberen Adria. Dieses zieht am Alpenostrand nordostwärts über Tschechien weiter nach Polen. Vorderseitig des Tiefs wird feuchtwarme und labil geschichtete Luft herangeführt, rückseitig gleichzeitig kühle und stabil geschichtete Luftmassen von Norden. Die Warmluft gleitet auf der Kaltluft auf – häufig mit eingelagerten Starkregenschauern oder sogar Gewittern. Dies geschieht in Gestalt der sogenannten Okklusionsfront.

Im Satellitenbild zeigen sich häufig gekrümmte Wolkenbänder, wie hier von Vorarlberg über Tschechien bis Südpolen und der Südwestukraine. Das ist der Verlauf einer Okklusionsfront. Eine weitere Okklusionsfront entsteht hier gerade über dem Balkan bzw. Westrumänien:

Dabei weht je nach Intensität des Bodentiefs kräftiger Nordwestwind mit Stauniederschlägen im Nordalpenbereich und am Erzgebirge. Innerhalb weniger Stunden können dabei enorme Regenmengen fallen. Diese Wetterlage ist der Hauptgrund für die schweren Hochwasserlagen an Donau, Elbe und Oder, etwa im August 2002, August 2005, August 2010 und im Juni 2013, ebenso das Pfingsthochwasser 1999.
Zynisch gesagt bringen diese Vb-Lagen ausreichend Niederschlag auch im Hochsommer, sodass die Grundwasserspiegel hochbleiben. Im Winterhalbjahr erzeugen sie üblicherweise viel Neuschnee im Südalpenbereich. Abweichende Zugbahnen bringen auch im Nordstau hohe Niederschlagsmengen, etwa im September 2024, als im Nordweststau über dem Mostviertel bis zu 430mm in 6 Tagen zusammenkamen. Bis ins Salzkammergut fielen über 300mm im Nordstau, oberhalb 1200-1500m vielfach als Schnee – zeitweise lag die Schneefallgrenze selbst im Salzkammergut in den Niederungen, weshalb die Hochwasserkatastrophe dort ausblieb.
2. Genuatief
Der kleine Bruder der Vb-Wetterlage ist das Bodentief über dem Golf von Genua. Das Genuatief verlagert sich tendenziell eher auf Vc-Zugbahn weiter über die Obere Adria nach Kroatien. Vorderseitig des Genuatiefs wird ebenfalls feuchtwarme und labile Luft vom Mittelmeer nach Nordosten in den Südalpenbereich transportiert. Je nach Zugbahn strömt zuvor kalte Luft in den Alpenraum, sodass das Aufgleiten der Warmluft für ergiebige Neuschneemengen sorgt. Im Sommer entstehen häufig größere Gewittercluster auf der Vorderseite des Bodentiefs (östlich vom Tiefkern), die speziell im Südalpenbereich anhaltenden gewittrigen Starkregen bringen können. Früher zogen diese Gewittercluster öfter mal auch um den Alpenbogen herum bis ins östliche Flachland (z.B. 4./5. August 2010, woran ich mich deswegen erinnern kann, weil ich da von Innsbruck nach Wien übersiedelte).
3. Gewittercluster allgemein
Klassischerweise bildeten sich über der Schweiz und zogen dann unter Verstärkung über das westliche Bergland weiter bis Ober- und Niederösterreich. Ebenso mit großräumig südwestlicher Anströmung über die Alpen hinweg. Im Gegensatz zu den klassischen Einzelzellengewittern brachten die Gewittercluster großflächig signifikante Niederschläge.
4. Warmfront aus Nordwest


Warmfronten aus Nordwesten bringen den klassischen Landregen, aber eben nicht im Sommerhalbjahr, sondern am ehesten im Winter, wenn sich nach längerem Hochdruckeinfluss ein ausgeprägter Kaltluftsee entwickeln konnte. In den letzten Jahren mangelte es immer wieder an mehreren „Zutaten“, um effektive Warmfrontniederschläge zu erzeugen:
- keine Kaltluft, das heißt gut belüftete Grundschicht durch Westlagen
- andauernder Tiefdruckeinfluss, dadurch ständig tiefe Bewölkung und mangelnde Ausstrahlung
- massive Warmluftzufuhr in der Höhe, dadurch eher gefrierender Regen als Schnee
- allgemein eher Nordostlagen mit geringem Wassergehalt der Luftmasse, dadurch geringe Niederschlagseffizienz
- Frontalzone allgemein schwach ausgeprägt (keine Westwetterlagen)
Szenarien für 2026/2027
Da wird jetzt bereits extrem niedrige Pegelstände bei Flüssen und Grundwasser haben, viele Bäche weiterhin ausgetrocknet sind, steuern wir auf extreme Verhältnisse bis zum nächsten Frühjahr zu. Mit sinkender Nullgradgrenze wird fallender Niederschlag in Form von Schnee erstmal gebunden und kommt nicht in die Flüsse. Bei einem Winter wie im Vorjahr mit anhaltenden Frostperioden, aber nur geringen Niederschlägen stünden wir also im Februar, März vor neuen Extremwerten.
Wir bräuchten aber einen milden Westwetterlagen-Winter, um das Niederschlagsdefizit wieder aufzuholen. Es müsste jedes Monat das Doppelte vom Durchschnitt fallen, idealerweise ab den mittleren Lagen als Schnee, damit ein Wasserreservoir für das Frühjahr zur Verfügung steht. Darunter in flüssiger Form, um das Grundwasser und kleinere Bäche sofort wieder ansteigen zu lassen.
Ein kalter, schneereicher Winter würde die Wassersituation erstmal verschärfen, aber dann mit dem Tauwetter ab Spätwinter für nachhaltige Entspannung sorgen – ausgenommen die östlichen Regionen, wo abseits vom Winter 2018/2019 schon länger keine ergiebigen Neuschneemengen mehr gefallen sind.
Ein viertes Szenario wäre eine Fortsetzung der hohen Temperaturen durch föhnige Winde aus Süd bis West, aber unverändert Hochdruckeinfluss und keine nennenswerten Niederschläge. Auch dann steuern wir auf kritische Verhältnisse in der Trink- und Nutzwasserversorgung zu. Die Rhein-Bewohner werden mit Argusaugen darauf schauen, was im Einzugsgebiet, vor allem in der Schweiz, passiert. Westwetterlagen wären dort ebenfalls notwendig, um den Pegel des Rheins und des Bodensees wieder nachhaltig zu heben.
Doch wie realistisch ist ein Winterszenario mit Westwetterlagen wie es früher einmal war? Leider… äußerst unrealistisch. Die letzte intensive Westwetterlagenphase war meiner Erinnerung nach im Spätwinter 2020 kurz vor Pandemiebeginn – mit immerhin vier Sturmtiefs alleine im Februar.

Seit längerer Zeit dominieren ausgeprägte Hochdrucklagen und seit letztem Winter eigentlich durchgehend mit nurmehr kurzen Unterbrechungen, vorwiegend dann, wenn ich in Österreich einen Wanderurlaub unternehme. Doch eben fast ausschließlich konvektive und nicht stratiforme Niederschläge, und damit keinen Flächenniederschlag.
Warum sollte sich das drehen? Erstmals seit Beginn der Satellitenmessungen gibt es keinen Hurrikan im Atlantik. Damit auch kein Phänomen, das in der Fachliteratur als Recurvature bekannt ist, also Tropenstürme, die mit den Passatwinden nach Westen driften, bis sie von der Frontalzone (kräftige Westströmung) eingefangen werden und mit scharfem Rechtsknick nach Europa gelangen können. Selbst wenn sie das nicht tun, wirbeln sie die Druckmuster über Europa gehörig durcheinander, können Hochdruckgebiete durch den tropischen Warmluftberg natürlich auch verstärken, genauso aber festgefahrene Omegalagen aufbrechen. Da herrschte diesen Spätsommer und Frühherbst absolute Fehlanzeige und es sieht auch nicht danach aus, dass sich das nochmal ändern würde.
Vermutlich wird es also weitergehen wie bisher. Hochdruckeinfluss mit kurzen Tiefdruckphasen, aber ohne ergiebige Niederschläge. Ich wünschte, ich würde mich irren.
