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Erstaunliche Folgen von Physik?

Der erste Wintermonat flippt aus, und die Journalisten brauen sich ihre Sensationsstories zusammen.

So berichtet der SPIEGEL heute von einem Orkantief im Nordatlantik.

Irgendwie gingen sachliche Bezeichnungen, die in Mitteleuropa seit offizieller Verwendung der Beaufortskala (Anfang 20. Jahrhundert) üblich sind, verloren. Das im Artikel beschriebene Orkantief erhält folgende Umschreibungen
  • extremer Sturm
  • extremer Tiefdruckwirbel
  • extremes Tiefdruckgebiet
  • starker Sturm
  • riesige Tiefdruckgebiete
  • kräftiger Sturm

Der Luftdruck werde dort in den kommenden Stunden auf rund 920 Millibar absacken, berichten Wetterdienste – ein Extremwert, Durchschnitt sind etwa tausend.

Extremwert ist richtig, der Allzeitrekord liegt bei 914 hPa über dem Nordatlantik (10.01.1993, Braer-Storm). Vom Durchschnittswert darf man aber nicht ausgehen, denn im Winter tummeln sich unzählige Sturm- und Orkantiefs mit Kerndrücken unter 970 hPa in der Region.

Zwei benachbarte riesige Tiefdruckgebiete dürften den Windvorhersagen zufolge auf Hunderten Kilometern Breite auf Hurrikanstärke beschleunigen.

Zwei Mal Vorsicht!

  1. zeigt die Modellkarte im Beitrag die mittlere Windgeschwindigkeit in 850 hPa Höhe, das entspricht zum berechneten Zeitpunkt rund 1200 bis 1400 m Seehöhe, nach Süden hin zunehmend.
  2. befindet sich das langgestreckte Starkwindband im Warmsektor des Tiefdruckgebiets (siehe Vorhersagekarte von GFS darunter)
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Quelle: http://www.wetter3.de – gültig für 30.12.2015, 07 MEZ

Die stärkste Isobarendrängung wird im Warmsektor des Orkantiefs bei Island (hier: 926 hPa) bzw. des Randtiefs bei Irland (hier: 975 hPa) erreicht. Warme Luft ist weitgehend stabil geschichtet, d.h., die in der EZMWF-Karte gezeigte mittlere Windgeschwindigkeit von 35 bis 40 m/s (126-144 km/h, im weißen Bereich  > 150 km/h) wird über weite Strecken nicht 1:1 zum Boden durchgemischt. Die Spitzenböen nahe der Meeresoberfläche betragen dann „nur“ 100 bis 120 km/h.

Höhere Windspitzen sind bei Island verbreiteter anzutreffen, weil sich starke Höhenwinde und instabil geschichtete Kaltluft überlappen, und orographische Effekte hinzukommen (Föhn, Kanalisierung).

Und den Begriff Hurrikanstärke sollte man für tropische Wirbelstürme vorbehalten. Hierzulande spricht man von Orkanstärke (> 117 km/h). Punkt.

…erstaunliche Folgen …schaufelt …milde Luft aus Süden …nach Norden

Nein, Physik.

Am Nordpol gibt es am Mittwoch demnach ähnliche Temperaturen wie derzeit im Süden Kaliforniens oder in Deutschland. Die Eisdecke im Nordmeer dürfte oberflächlich tauen.
Aber höchstens kurzzeitig, denn 24 Std. später ist der Warmluftvorstoß Geschichte. Grund: Das Orkantief bleibt kleinräumig und entwickelt kein umfangreiches Tiefdrucksystem, das über mehrere Tage hinweg Warmluft bis zum Nordpol schaufeln kann, vgl. die Temperaturkarten von GFS für Mittwochfrüh und Donnerstagfrüh:
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Die Warmluft ist zwar weiterhin über Mitteleuropa bis zum Nordmeer erkennbar, allerdings unter Hochdruckeinfluss und bleibt damit großteils durch eine Temperaturinversion (Sperrschicht) vom Boden entkoppelt, mit Ausnahme der Föhnregionen (norwegisches Küstengebirge).

An Deutschland geht das Naturereignis vorbei. Die Wetterdienste sagen für die nächsten Tage ruhiges Winterwetter voraus – bei Temperaturen meist knapp über dem Gefrierpunkt.

Was soll sich bei uns auch ändern, wenn das Förderband von Süden nach Norden reicht und damit das Hochdruckgebiet bei uns bzw. über Skandinavien weiter stützt?

Key facts:

  • Das extreme Tief ist ein Orkantief (Kerndruck unter 955 hPa).
  • Der mutmaßliche Höhepunkt bei 920 hPa ist ein Extremwert, aber kein Rekord.
  • Sturmtiefs mit unter 970 hPa sind im Nordatlantik um diese Jahreszeit normal.
  • Die markante Warmluftzufuhr bis zum Polarkreis ist nur von kurzer Dauer (< 24 Std.) und Tauvorgänge sollten sich entsprechend in Grenzen halten.
  • Der stärkste Höhenwind (siehe gezeigte Modellkarte im Artikel) findet auf der warmen, stabilen Vorderseite der Tiefdruckgebiete statt, und schlägt damit nur stellenweise bis zum Boden durch (z.B. im Lee von Gebirgen, Erhebungen).
  • In Deutschland ist das Naturereignis verantwortlich für ruhiges Winterwetter, denn die herangeführte Warmluft stützt das Skandinavienhoch und hält weitere Tiefdruckgebiete vom Atlantik her vorerst vom Leib.
  • Strenggenommen kommt der aktuelle Warmluftvorstoß (Dienstagfrüh) viel weiter nach Norden als der durch das nachfolgende Tief:
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Polar Vortex und die Kältewelle in den USA

Hoffen auf Tauwetter

Der „Polar Vortex“ (Polarwirbel), der sonst über dem Nordpol strömt, war im Zuge eines unüblichen Klimaphänomens in Richtung Süden gekippt und damit nach Nordamerika abgelenkt worden. Nur langsam schiebt sich der Polarwirbel über den Kontinent hinweg, aber in den kommenden Tagen soll es wieder wärmer werden. Die zweite Hälfte der Woche soll in den meisten Teilen des Landes Tauwetter bringen. […]

Quelle: http://orf.at/stories/2213122/2213123

So titulierte heute der ORF und führte anschließend aus, was ihrer Meinung nach für die Kältewelle verantwortlich war.

1. Ein Wirbel strömt nicht. Ein Fluss strömt, ein Wirbel verlagert sich unter ständiger Veränderung seiner Form. Der Meteorologe sagt „propagieren“ (engl.: propagating) dazu.

2. Ein Klimaphänomen beschreibt einen langfristigen Prozess, über mehrere Jahrzehnte oder – im Fall von El Nino oder La Nina über wenige Jahre. Die Kältewelle in den USA hingegen begann am Sonntag, 5.1., und ist am Freitag, 10.1., bereits wieder vorbei.

3. Zur Unüblichkeit gibt es von der NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration)

eine lehrreiche und unmissverständliche Graphik:

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Hier ist unmissverständlich erklärt, dass es kein unübliches Klimaphänomen ist, sondern gerade in Nordamerika mehrfach im Jahr vorkommt. Es geschah bereits Tage davor und wird auch in weiterer Folge passieren. Ungewöhnlich ist einzig die Ausdehnung und Intensität des Wirbels, was flächig Kaltluftzufuhr zur Folge hatte.

Weiter im Programm:

In Hawaii, wo die Jänner-Tiefstwerte bei durchschnittlich 18,7 Grad Celsius liegen, wurden Minusgrade gemessen, auf dem Berg Mouna Kea sogar minus acht Grad Celsius.

Der Mouna Kea ist ein 4200 m hoher Berg, das kann man kaum mit der Temperatur auf Meereshöhe vergleichen.