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Das Unwetter, das herrschte

Laut ORF-Meldung vom 19. Dezember 2015 ereignete sich in Longyearbyen auf der Inselgruppe Spitzbergen (norwegisch Svalbard) ein Lawinenunglück mt einem Toten und mehreren Verletzten, mehrere Holzhäuser wurde am Samstagvormittag von einer Lawine mitgerissen, laut der Zeitung „Svalbardposten“.

Außerdem deckte der Sturm das Dach einer Schule im Ort ab und verfrachtete es auf ein Fußballfeld. (Quelle)

Als Ursache etwas schwammig formulierte der ORF:

“ In der Nacht vor dem Unglück herrschte der Zeitung zufolge das schwerste Unwetter seit 30 Jahren.“

Nennen wir doch die Butter bei den Fischen! So weit im Norden Europas kann es sich nur um einen veritablen Schneesturm gehandelt haben. Aber ist das nicht normal für diese Region? Was war so besonders an diesem Ereignis?

Schauen wir uns die Bedingungen am Vortag bis zum Zeitpunkt des Unglücks anhand der Flughafenbeobachtungen von Longyearbyen an:

Im Laufe des Donnerstagabends setzte leichter Schneefall bei zunehmend stürmischem Ostwind ein, besonders am Freitagabend schneite es über Stunden hinweg stark, dazu wehte ein stürmischer Ostwind mit orkanartigen Böen, z.B. um 16.50 MEZ:

ENSB 181550Z 09031G46KT 0500 R10/0800V1200 +SN VV010 M03/M04 Q0983 RMK WIND 1400FT 09046G62KT

Quelle: http://www.navlost.eu/aero/metar/

Der starke Schneefall dauerte bis Samstagmorgen, 8.50 MEZ an, Windspitzen wurden zwar keine mehr gemeldet, der Wind jedoch weiterhin als „remarkable“ (RMK) angegeben.

Die Lawine ging ca. 2 Std. später ab. (Quelle)

Zeit für einen Blick auf die Weltkarte:

Spitzbergen liegt im Arktischen Ozean weit im Norden Europas.

spitzbergen-groß

Der Ort Longyearbyen befindet sich an der Küste des Isfjord im Adventdalen:

spitzbergen-zoom

Quelle: www.maps-for-free.com

Das Adventdalen ist nach Südosten orientiert und erklärt zugleich die häufig gemeldeten Südostwinde (140 Grad) im METAR. Longyearbyen selbst liegt eingeschnitten in einem engen Trogtal, dem Longyeardalen:

spitzbergenklein

Quelle: http://www.researchinsvalbard.no/project/7494

Zum Zeitpunkt des Schneesturms jedoch wurde die Windsituation nochmals verschärft:

Am Freitagabend und in der Nacht zum Samstag saß ein Sturmtief knapp südlich von Spitzbergen. Seine okkludierende Warmfront überzog Spitzbergen mit anhaltendem Starkschneefall. Bemerkenswert ist jedoch die enorme Drängung der Isobaren genau über dem südlichen Spitzbergen!

2015121818_5

Dies schlägt sich auch in den vom Modell analysierten Spitzenböen nieder, die im Bereich des Lawinenunglücks bis zu 129 km/h anzeigen, also vollen Orkan!

2015121818_45

Quelle: www.wetter3.de

Während der Küstenort bei Westwinden durch den Fjord vergleichsweise geschützt ist, wird ein stürmischer Ostwind durch das Tal kanalisiert, föhnartige Effekte verstärken hier die Spitzenböen zusätzlich. Für das Trogtal selbst bedeutet das ebenfalls heftige „Downslope“-Winde und enorme Schneeverfrachtungen.

In anderen Medien ist auch der genaue Ort bekannt:

„large avalanche at Mount Sukkertoppen“ (Quelle)

sukkertoppen

Das löst das Rätsel, denn hier kamen beide Effekte zusammen: Der Sukkertoppen liegt genau am Ausgang des Longyeardalen ins Adventdalen, wo Drängungseffekte für eine weitere Beschleunigung sorgen. Hinzu kommt dann die Überströmung des Berges aus Osten, was Lawinen am Westhang begünstigt.

Zusammenfassung:

Longyearbyen liegt einerseits in einem engen Trogtal, andererseits an der Mündung dessen in ein breites Südost-Nordwest-ausgerichtetes Tal. Die vorherrschende Windrichtung vor und während dem Unglück war Südost bis Ost. Damit wurde der starke Wind im Bereich des Sturmtiefs im Haupttal beschleunigt, was speziell am Sukkertoppen zu einem Leitplankeneffekt führte (Drängung der Stromlinien und weitere Windbeschleunigung). Die Überströmung des Berges begünstigte abgewehten Schnee auf den Westhang und in weiterer Folge den Abgang der Lawine.

Möglicherweise ungewöhnlich war die Stärke des Sturms (siehe Isobarendrängung) in Kombination mit der Windrichtung.

screenshot-www windfinder com 2015-12-19 22-44-29

Quelle: http://www.windfinder.com/windstatistics/longyearbyen_spitsbergen

Die Jahresverteilung der Windrichtung für Longyearbyen zeigt jedenfalls Südostwind infolge katabatischer Winde von den Gletschern und den über weite Strecken schneebedeckten Ausläufern des Adventtals.

Mehr zum Lokalwind in Longyearbyen in dieser Arbeit.

Weiterführende Infos: Eine Studie zur Lawinenanfälligkeit am Westhang des Gruvefjellet, in Nybyen (im südlichsten Longyearbyen).

Jahrhundertblizzard: Der Selbstläufer eines Hypes

Tagelang, und schon im voraus, wurde heftig wegen eines möglichen Jahrhundertblizzards an der US-Ostküste getrommelt, 90 cm Schnee und Böen über 90 km/h wurden für New York City angekündigt. Während syrische Flüchtlinge im Libanon tatsächlich unter dem Kälteeinbruch leiden und vom Tod bedroht sind, fielen in New York nur 15-25 cm und die Auswirkungen hielten sich dank umfangreicher Vorsichtsmaßnahmen stark in Grenzen.

Die Analysekarte vom Dienstag, 27. Januar 2015, 13 MEZ (07 Uhr Lokalzeit), zeigt den Luftdruck am Boden sowie die Luftmassen in 1500 m Seehöhe anhand der äquivalentpotentiellen Temperatur, die auch die Feuchte beinhaltet.

Die nördliche US-Ostküste ist für heftige Regenfälle, Tropenstürme (vgl. SANDY 2012) und Blizzards wie geschaffen, aus mehreren Gründen:

1. ziehen Tiefdruckgebiete über den Atlantik nordostwärts. Über dem Festland würden sie sich aufgrund der Bodenreibung rascher abschwächen, außerdem stellt das warme Ozeanwasser tageszeitunabhängig Energie zur Verfügung, während sich der Kontinent in der Nacht rascher abkühlt.

2. befindet sich über Kanada bis Grönland im Winter ein massiver Kaltluftkörper in Polarkreisnähe. Die geringere Wärmekapazität des Festlands sorgt für beständige Kälte, und im Gegensatz Madrid in Spanien, das auf dem gleichen Breitengrad liegt, kann die Kaltluft nicht eine längere Strecke über das frostfreie Meerwasser zurücklegen, und sich entsprechend kaum erwärmen.

3. befindet sich die Frontalzone häufig genau im Grenzbereich zwischen milden Atlantik und kaltem Festland. Entsprechend ziehen die Tiefdruckgebiete (unter Verstärkung) entlang der US-Ostküste.

Die vorliegende Analysekarte zeigt, dass der Sturm etwas östlicher zog als die Wettermodelle ursprünglich zeigten. Damit befand sich der Niederschlagsschwerpunkt östlich von New York City. Die starke Isobarendrängung an der Westflanke des Tiefs (schwarzer Kasten) deutet auf stürmische Nordwinde hin, welche rasch frostige Polarluft einströmen lässt.

  • Wäre das Tief etwas westlicher gezogen, hätten sich der intensive Niederschlagsbereich und der starke Wind genau überlappt.
  • Bei einer noch westlicheren Zugbahn wäre NYC auf die Vorderseite des Tiefs gekommen, d.h. in eine südöstliche Bodenströmung mit wärmeren Luftmassen (Regen).
  • Bei einer noch östlicheren Zugbahn hätte NYC zwar stürmischen Nordwestwind und eisige Kaltluft erhalten, dafür kaum noch Schneefall.

Wenige dutzend Kilometer entscheiden also über ein völlig anderes Wetter – zwischen worst case (Jahrhundertblizzard) und starkem Regen, aber kaum Wind.

Manche Meteorologen oder Journalisten ließen sich dazu hinreißen, auf Twitter genaue Mengen vorherzusagen bzw. gar hochaufgelöste Lokalmodelle zu posten. Hochaufgelöst bedeutet aber nicht exakte Prognose! Die hohe Auflösung ist nur dann eine Stärke, wenn das Muttermodell, mit dem das Lokalmodell gefüttert wird (= Rand- und Anfangsbedingungen) das Tief korrekt erfasst. Kleinere Abweichungen, und das Lokalmodell rechnet die 50 cm Neuschnee am falschen Ort.

Quelle: NWS

Quelle: NWS

Die 24-Stunden Summenkarte in Inch (1 inch = 2,5 mm)  bis 28.01.2015, 09:06 Lokalzeit, zeigt verbreitet 20-30 cm, an einzelnen Stellen nördlich von New York City auch über 50 cm. In Boston fielen zum Beispiel 60 cm Neuschnee.

Laut Weather Channel auf Twitter

30.8″ of snow in Blue Hill, MA making it their 2nd biggest snowstorm on record & 4th biggest for Portland, ME w/ 23.8″

fielen teils sogar knapp 80 cm Neuschnee.

Für die Regionen außerhalb New York handelte es sich also tatsächlich um einen veritablen Schneesturm, allerdings konzentrierte sich der Hype natürlich vorwiegend auf die Millionenmetropole.

Das Problem für die Meteorologen ist einerseits medial bedingt, andererseits kann man sich selbst dem Hype nicht immer entziehen und entwickelt ebenfalls eine hohe Erwartungshaltung an das potentiell historische Unwetterereignis. Das lässt die Meteorologen dann mitziehen, statt zu bremsen, selbst wenn die neuesten Modelle entweder eine Abschwächung zeigen oder größere Unsicherheiten vorhanden sind.

Der Hype entwickelt sich zum Selbstläufer wie ein perpetuum mobile, und wenn sich unmittelbar vorher dann abzeichnet, dass die Modelle die östlichere Zugbahn wählen oder das Tief schwächer ausgeprägt ist als erwartet, ist es bereits zu spät.

Katastrophenankündigungen verkaufen sich nunmal besser als Relativierungen.

Als Fazit ist zu ziehen: 

Die Meteorologen können sich nur auf die Annahmen der Wettermodelle stützen. Liegen diese falsch, geht die Prognose daneben. Der ideale Weg ist daher ein Mittelweg, nicht den worst case nach außen zu tragen, sondern den wahrscheinlichsten Fall – und Wahrscheinlichkeiten kommuniziert man über Prozentangaben (das Ereignis ist zu 80 % sicher) oder über Bandbreiten (für die worst case Zugbahn werden 30 % Vorhersagesicherheit erwartet, die wahrscheinlichste Zugbahn ist aber …). Das MetOffice löst dieses Dilemma etwa bei Zugbahnen von Sturmtiefs über Großbritannien mit Hilfe von Grafiken, die die wahrscheinlichste Zugbahn und strichliert bzw. anders markiert, unwahrscheinlichere (worst-case oder no-case) Zugbahnen zeigen, und welche Auswirkungen dies für die Bevölkerung hat.

Wissenschaftsjournalisten wissen um diese Unsicherheiten und gehen nicht mit dem worst case an die Öffentlichkeit. Das klingt einfacher als es ist. Am besten verkäuflich sind – wie bereits erwähnt – dramatische Wetterereignisse, und keine Zeitung oder Medienportal möchte die Gelegenheit verpassen, auf ein solches hinzuweisen, wenn das alle tun.

Der Konsument der Berichterstattung sollte das im Hinterkopf behalten, und der Meteorologe im Dienst muss versuchen, sich dem Hype zu entziehen, und statt einem top-down-approach – nur Modelle heranziehen, die das Unwetterereignis zeigen – den bottom-up-approach hernehmen, d.h., anhand der verfügbaren Datenlage interpretieren, was am wahrscheinlichsten ist.