Vom Blitz erschlagene Bergsteiger: Pech oder vermeidbares Unglück?

Stanzer Tal im Tiroler Oberland. Die Mittagspitze liegt südwestlich von Flirsch. Das Gewitter kam aus Südwesten. Der Unglücksort lag an der Nordostflanke auf 2268m.

Am Sonntag, 15. Juni 2025, wurden 3 Bergsteiger beim Abstieg von der Mittagspitze (2635m, Verwallgruppe) vom Blitz erschlagen. Laut Zeitungsberichten sind sie mit dem Auto bis zur Ganatschalpe gefahren (1854m, ca. 8km Fahrtstrecke). Gegen 12.30 bis 12.45 Uhr waren sie am Gipfel. Dort informierten sie ihre Angehörigen über den Abstieg, nachdem sich ein Wetterumschwung abzeichnete. Um 13.27 Uhr MESZ schlug laut Blitzortungssystem ALDIS an der Unglücksstelle ein negativer Blitz mit 9 Kiloampere ein. Vom Notarzthubschrauber wurden sie in flacherem Gelände auf 2268m Seehöhe gefunden.

Die als erfahren geltenden Alpinisten aus dem Stanzer- und Paznauntal, darunter ein Bergretter, sind den Angaben zufolge wahrscheinlich gegen 10 Uhr aufgestiegen, wenn man annimmt, dass sie für die knapp 800 Höhenmeter nicht übermäßig flott unterwegs waren.

„In Oberösterreich führte ein plötzlicher Wetterumschwung in den Bergen zuletzt im Juli 2024 zu einem tödlichen Unfall. Aufgrund eines Blitzschlags löste ein Bergsteiger am Klettersteig am Donnerkogel die Sicherung und stürzte ab.“ (OÖ ORF, 17.06.25)

Das Unglück in der Verwallgruppe hat Parallelen zum an den Todesfall am Dachstein-Klettersteig im vergangenen Jahr (siehe meine Analyse): eher später Aufbruch zur Tour, Gewitter vorhersagt und Abstieg mit dem Rücken zur aufziehenden Gewitterfront. Auch bei den Toten am Alpinweg beim Dürrenstein (Ybbstaler Alpen) am 18. August 2022 wurde die Zugrichtung des Gewitters bei zu spätem Aufbruch zum Verhängnis (Analyse).

Vorab: Mir geht es bei solchen Analysen nicht um Schuldzuweisungen. Ich möchte verstehen, wie tragische Ereignisse in Zusammenhang mit Wetter zustande kommen und ob man daraus Lehren ziehen kann. Manchmal komme ich auch zum Schluss, dass es als Laie kaum eine realistische Chance gegeben hat, der Katastrophe vorzubeugen (wie etwa im August 2022 in St. Andrä im Lavanttal).

Update, 18.06.25 – 09.52 Uhr – Erläuterungen zum Radiosondenaufstieg und zum Wasserdampfbild ergänzt.

10.23 Uhr: Zusammenfassung flüssiger geschrieben

Update, 23.06.25, 12.25 Uhr – Ergänzung Wetterberichte

Vorwort

Todesfälle durch Blitzschläge am Berg sind statistisch gesehen zwar selten, aber darauf ankommen lassen möchte man es lieber nicht, wenn man sich in exponiertem Gelände bewegt – zumal die Blitzhäufigkeit in den vergangenen 40 Jahren stetig angestiegen ist, weil die hochalpinen Regionen früher ausapern und gleichzeitig energiereichere Luft herangeführt wird (klimatologisch belegter Taupunkt-Anstieg und Zunahme des PWAT, niederschlagbares Wasser).

Bei einem Unglück dieser Art stellen sich mehrere Fragen: Hätte eine umsichtige Tourenplanung die akute Lebensgefährdung verhindert? Kam das Gewitter überraschend? Wie gut haben die Wettermodelle das Ereignis vorhergesagt? Wie präzise waren Wetterberichte bzw. Wetter-Apps?

Die Aufarbeitung nützt den Betroffenen nichts mehr, doch im Lichte dessen, dass der Bergtourismus weiter zunimmt und etwa viele Berghütten im Sommer schon seit Monaten ausgebucht sind, bedeutet das auch, dass immer mehr Menschen Risiken auf sich nehmen, um ihre Planung durchzuziehen. Ich bin schon öfter vor dem nahenden Gewitter abgestiegen, während mir unbefangene Wanderer entgegenkamen. Wenn ich sie ansprach, hieß es meist „das bisschen Regen macht doch nichts“, und sie stiegen weiter auf. Die durchaus späte Frühstückszeit auf manchen Hütten, vor allem aber in Talquartieren trägt ebenso dazu bei, sich ins Risiko zu begeben, selbst, wenn man es gar nicht will.

Die durchaus selbstkritische Frage an Meteorologen (aber noch mehr an die Medienhäuser, die (zu wenig) Zeit und Platz für Wettervorhersagen vorgeben) stellt sich, ob man den Lesern deutlicher machen sollte, dass es sich nicht um vereinzelte „Wärmegewitter“ am späten Nachmittag oder Abend handelt, wenn eine organisierte Störungszone (Trog/Front) schon von der Früh weg heranzieht.

Wetterentwicklung

In den vergangenen Tagen vor dem Unglück war es im Westen von Österreich hochsommerlich warm. Am 13. Juni gab es in St. Anton am Arlberg einen neuen Extremwert mit +30,0°C. Das gab es in der Messgeschichte für die erste Junihälfte in Lagen oberhalb von 1300m noch nie. Auch andere Orte in Mittelgebirgslagen im Westen stellten neue Extremwerte auf.

Im breiten Hochdruckrücken waren von Beginn an Dellen eingelagert, also kleine Seitentröge mit kleinräumigen Hebungszonen, die bei einer energiereichen Luftmasse bereits ausreichen, um Konvektion auszulösen. Am besagten Sonntag näherte sich von Frankreich her aber ein ausgeprägterer Höhentrog:

300 hPa Stromlinien, GFS-Vorhersage 12z für Sonntag, 15.6.25, 17 Uhr.

Die Schweiz lag auf der hebungsfördernden Trogvorderseite, gleichzeitig war die Strömung auch diffluent (auffächernde Stromlinien), das bedeutet ebenfalls hebungsförderliche Strömungsverhältnisse.

GFS 12z für 15z, 500hPa Geopotential + Bodendruck + 500hPa Temperatur

Im Alpenraum dominierte hohes Geopotential bei flacher Bodendruckverteilung. Das bedeutet: Grundsätzlich Hochdruckeinfluss, aber hochlabil und es genügt nur ein kleiner Auslöser, damit sich Gewitter entwickeln. Auch in der 500hPa Druckfläche (ca. 5,5km Höhe) ist der Trog gut erkennbar (schwarze Linie).

Die Luftmasse war kurz vor dem Gewitter bereits recht energiereich, bei knapp 30 Grad C in Bludenz (kachelmannwetter.com)

Hohe Taupunkte über der Zentralschweiz bis zum Rheintal deuten ebenfalls auf eine energiereiche Luftmasse hin.

Wetterballonaufstieg Innsbruck von 04.15 Uhr MESZ:

Radiosondenaufstiege zeigen ein gemessenes Vertikalprofil am jeweiligen Ort. Auf der X-Achse die Temperatur, auf der Y-Achse die Höhe (hier Angabe in Fuß und hPa). Rechts das Windprofil mit Windfiedern (lange Fiedern: 10kt, kurze Fiedern: 5kt). Das Aufstiegsprofil selbst zeigt links den Taupunkt und rechts die Temperatur. Die grüne Hebungskurve deutet die aufsteigende Luft an, sobald sie das Hebungskondensationsniveau erreicht. Je größer die Fläche (also der integrierte Bereich zwischen schwarzer Temperaturkurve und grüner Hebungskurve), desto höher die Labilitätsenergie, desto schneller kann die Luft aufsteigen und damit intensive Niederschlagsprozesse in Gang setzen, die von Starkregen über Großhagel bis Orkanböen reichen. Die Differenz zwischen Temperatur- und Taupunktskurve korreliert mit der relativen Feuchte: Je enger zusammen, desto feuchter die Luft in diesem Höhenbereich: Hier relativ trocken unterhalb 700hPa (3km Höhe), das entspricht in etwa der Talatmosphäre des Inntals. Darüber recht feucht (viel mittelhohe Bewölkung).

Radiosondenaufstieg von Innsbruck, 15. Juni 2025, 04.15 Uhr MESZ (Quelle: ACG)

Wenn man den Aufstieg von 04.15 MESZ nun mit den aktuellen Werten um 11 Uhr anpasst (rot bzw. grün), dann spricht man von einer „durchgeheizten“ Talatmosphäre, das heißt die kleine Bodeninversion in der Früh und auch die annähernd gleich (isotherm) verlaufende Schicht über dem Boden wurde so stark erwärmt, dass die Luft nun ungehindert aufsteigen kann. Der Taupunkt blieb ähnlich hoch und die Hebungskurve reichte wahrscheinlich bis zur Tropopause (ca. 13km) hinauf. Das ist die Temperaturinversion, die die Troposphäre von der Stratosphäre trennt. Die Obergrenze der Hebungskurve ist gleichzeitig vereinfacht gesagt auch die Obergrenze der Gewitterwolke – da sind 13km schon recht hochsommerlich und deuten erhöhtes Schwergewitterpotential an. Bei hohen Taupunkten und feuchter Höhenluft steigt zugleich auch die Blitzaktivität bei Gewittern an. Es ist nämlich keineswegs so, dass jedes Gewitter gleich intensiv blitzen muss – das hängt von der Verteilung von feuchten und trockenen Schichten, sowie Inversionen ab. Der Westsüdwind war hier nur schwach in den Höhen, weshalb sich die Gewitter relativ langsam verlagerten. Wenn starker Niederschlag aber in diese trocken-heiße Talatmosphäre fällt, ist Verdunstungskälte die Folge und dadurch entstehen starke Böen.

Vorgeschichte: Schon am 14. Juni 2025 gegen Mittag gewittrig in Westösterreich

Das folgende Bild ist ein Satellitenbild, das den Wasserdampf in der Atmosphäre zeigt. Dunkle Bereiche sind sehr trocken, helle Bereiche sehr feucht. Glatt weiß deutet auf hochreichende Gewitterwolken (Cumulonimbus) hin, während das strukturierte Weiß auf hohe/mittelhohe Bewölkung hinweist. Überlagert ist das Wasserdampfbild von einer Modellprognose des europäischen EZWMF-Modells, hier in 500hPa Druckfläche (ca. 5,5km Höhe). Die Höhe der Druckfläche (Einheit: gpdm, geopotentielle Dekameter) ist als Isolinie bzw. Isohyspe dargestellt. Durch diese Kombination erkennt man sowohl Tröge (grob: Tiefdruckeinfluss) als auch Keile (grob: Hochdruckeinfluss). Man sieht aber auch Wasserdampfgradienten bzw. dunkle Bereiche, die in den Keil hineinreichen. Diese sind oft der „Nährboden“ für konvektive Prozesse.

500hPa Geopotential (falsch beschriftet in der Grafik)

Der vermeintlich so stabile Höhenkeil war an der Rückseite über den Westalpen sichtlich eingedellt (blau: Seitentrog). Ein Alarmzeichen ist zudem, wenn die Isohypsen im Keil weit auseinander liegen, wie hier zwischen Oberitalien und Bayern. Wenn man andere Druckflächen (z.B. 300hPa, 400hPa) verwendet, sieht man auch da Dellen. Eindeutig ist zumindest eine Luftmassengrenze durch den Wasserdampfgradient, der von hell auf dunkel wechselt (schwarze Linie). In der Unglücksregion vom Folgetag entstanden am 14. Juni bereits gegen 12.30 Uhr MESZ erste kleinräumige Schauer im Stanzertal.

Anzeichen für spätere Gewitterbildung:

Aus berufsmeteorologischer Sicht war die Gewitterlage am Folgetag, Sonntag, bereits seit Tagen abgesichert – sowohl die räumliche Ausdehnung, die Intensität als auch der Beginn in der früheren Tageszeit. Ob sie medienmeteorologisch so kommuniziert wurde, kann ich nicht nicht beurteilen. Im Ö3 war noch am Mittwoch für die Folgetage von „Wärmegewittern“ die Rede.

Cloud Phase RGB vom Sonntag, 10 Uhr MESZ

Das Wolkenphasen-Satellitenbild vom Vormittag zeigt ein breites Wolkenband von Westdeutschland, Benelux über Frankreich, Schweiz bis zu den Pyrenäen. Dieser Eindruck genügt einem Meteorologen schon um zu wissen, dass man es nicht mit isolierten „Hitzegewittern“ zu tun haben wird, sondern mit einer breiten Gewitterzone, die an einen Trog geknüpft ist und sich tageszeitunabhängig bemerkbar macht.

Im Satellitenbild sah man um 09 Uhr Lokalzeit eine vorlaufende Zone mit vor allem mittelhoher Bewölkung (Altocumulus). Die Gewitterzone war noch über Frankreich bzw. Zentralschweiz. Ein schmales sonniges Fenster zwischen Arlberg und Ostschweiz.

In der Foto-Webcam von St.-Anton Richtung Norden sah man um 08.10 Uhr eine Altocumulus castellanus-Bank mit markanten Quellungen:

Quelle: foto-webcam.eu

Das war das vermutlich deutlichste Anzeichen für eine bereits in der Früh hochlabile Luftmasse und die Anwesenheit eines Höhentrogs, der diese aktiviert hat.

Webcam Galzig-Ost – Stanzertal bis Mittagspitze und Hoher Riffler (rechts):

Um 08.30 Uhr tauchte ein länglicher Altocumulus im Norden auf und außerdem flache Quellwolken. Um 09.10 Uhr Altocumulus castellanus mit zinnenförmigen Auswüchsen. Um 10.20 Uhr – mutmaßlich um den Start der Tour herum – herrschte weitgehend ungetrübter Sonnenschein im Stanzertal. Das mittelhohe Wolkenfeld befand sich bereits deutlich östlich. Hinterm Riffler tauchten dagegen schon die ersten Quellwolken auf. Dennoch – aus Laiensicht vermeintlich ein beruhigender Anblick, wenn der Himmel nahezu blank ist.

Um 11 und 12 Uhr zogen zeitweise größere Quellwolken durch, die auch eng begrenzt leichte Regengüsse brachten.

Um 11.10 Uhr MESZ zog in der Samnaungruppe, etwa 17km südlich, ein erster kurzer Regenschauer durch. Um 11.20 Uhr MESZ entwickelte sich aber auch rund 6km östlich eine kurze Schauerzelle. Diese sollte beim Aufstieg bereits ersichtlich gewesen sein.

Um 12 Uhr erfasste laut Wetterradar eine schmale Schauerlinie das Rheintal. Vorlaufend zur Schauerlinie entstehen einzelne, stärkere konvektive Zellen über den Plessur- und Albulaalpen. Diese hatten einen Kurs Nordost und zogen damit genau auf das Stanzertal zu.

Radarbild der Austro Control

Um 12.45 Uhr, als die Gruppe beschließt, aufgrund des Wetterumschwungs abzusteigen, haben die Schauer- bzw. beginnenden Gewitterzellen die Silvrettagruppe erfasst. Die Gewitter werden sich später mit der Schauerlinie im Rheintal verbinden und in weiterer Folge das Inntal queren.

Wolkenbild um 12.50 Uhr MESZ (Quelle: kachelmannwetter.com)

Für die Gruppe am Gipfel dürfte das eindeutig gewesen sein, als der Eisschirm der Gewitterwolke über der Silvretta bereits knapp das Stanzertal erfasste. Der türkise Bereich südlich von Galtür deutet auf kleine Eisteilchen in der Höhe und starke Aufwinde hin, also weitere Intensivierung.

Alpenvereinsaktiv gibt für die Abstiegsstrecke bis zum Unglücksort 25 Minuten, je nach Gelände (zuerst exponierter Grat) durchaus realistisch für 326 Höhenmeter.

Dann ging es schnell:

15. Juni 2025, 13.20, 13.30 und 13.40 MESZ

Innerhalb von zwanzig Minuten brach das Gewitter herein. Als sie den Grat abgestiegen sind, war ihnen vermutlich schon klar, dass es sich nicht mehr ausgehen würde.

Zwei Minuten vor dem tragischen Blitzschlag befand sich der Kern des Gewitters genau über den Bergsteigern. Eine knappe halbe Stunde später war bereits alles vorbei. Dann war etwa drei Stunden Pause, bevor die nächsten Schauer durchzogen.

Prognosesicherheit

Abendläufe von verschiedenen Wettermodellen vom Freitag, 13. Juni 2025, 1-Stunden-Niederschlag gültig für Sonntag, 15. Juni 12-13 Uhr (Quelle: kachelmannwetter.com)

Die Niederschlagsprognosen der Wettermodelle bestätigen meine Erinnerung der Vortage: Die Gewitterlage war frühzeitig prognostiziert worden, ebenso der frühe Beginn am Vormittag. Das deutsche Globalmodell (unten rechts) hat die Lage sogar eher überschätzt, während das europäische Modell (Grundlage ORF/GeoSphere/Bergfex) die Lage gut im Griff hatte. Das amerikanische GFS rechnete in der gröberen Auflösung ebenfalls Niederschlagssignale, das deutsche Lokalmodell D2 zeigte knapp östlich punktuelle Niederschläge, wobei es insgesamt eher schlecht performt hat (auch in den Folgeläufen).

Wetterberichte

Die entscheidende Frage ist daher, ob und wie diese Gewitterlage an die Bevölkerung kommuniziert wurde, aber auch, welche Informationen die Alpinisten heranzogen, um sich auf die Tour vorzubereiten.

Ich habe in der ORF-Mediathek nachgeschaut. In den Regionalsendungen für Vorarlberg und Tirol vom Vortag (Nachmittag) wurde von Gewittern „am Nachmittag“ gesprochen. Ebenso in den beiden ZiBs vom Nachmittag/Abend.

Die Gratis-Zeitung HEUTE schrieb online am Donnerstag, 12. Juni:

Am Sonntag scheint anfangs verbreitet die Sonne, von Westen her ziehen aber bald Wolkenfelder und erste Schauer auf. Ab Mittag breiten sich teils kräftige Schauer und Gewitter auf die gesamte Westhälfte aus. (Quelle: Privater Wetterdienst Ubimet)

Die Bezirksblatt-Nachrichten vom Freitag, 13. Juni:

Am Sonntag bleibt es zunächst überall sonnig. Im Westen ziehen allerdings bereits ab dem Vormittag Wolken auf, die am Nachmittag vor allem vom Bregenzerwald bis ins Tote Gebirge gewittrige Schauer bringen können. (Quelle: Geosphere)

Flugsicherung Austro Control (frei verfügbares Pilotenwetter, siehe auch Telext 613, 1-4):

Donnerstag, 12. Juni für Sonntag:

In der ersten Tageshälfte meist noch uneingeschränkte
Sichtflugbedingungen. Ab Mittag zunächst im äußersten Westen erste
Überentwicklungen
, welche sich bis zum späteren Nachmittag bis auf
eine Linie Salzburg-Lienz ausbreiten und häufiger werden.

Freitag, 13. Juni, und Samstag, 14. Juni, Nachmittags-Ausgabe für Sonntag:

Am Vormittag verbreitet gute VMC. Ab Mittag treten erste Gewitter in
Vorarlberg, Süd- Osttirol und Oberkärnten auf […]

Wer sich auf Geosphere/ORF verlassen hat für dieses Wochenende, unterlag dem Eindruck, die Gewitter würden auch in Westösterreich erst am Nachmittag kommen. Nur wer von den frei verfügbaren Flugwetterberichten bzw. jenen Zeitungsmeldungen gefolgt ist, die die Presseaussendung der Ubimet (Wochenendwetter) veröffentlicht haben, wusste, dass die Gewitter früher kommen. Das kann man natürlich nicht voraussetzen.

Laut einem Beitrag im deutschen „Alpinforum“ hatte der Lawinenwarndienst Bayern, der im Sommer Bergwetterberichte mit Fokus Bayrische Alpen veröffentlicht, schon am Vortag klargemacht, dass es sich um eine Gewitterfront handeln würde, die schon am Vormittag hereinzieht.

MeteoError Pet Peeves

Derzeit erscheinen zahlreiche Artikel zum richtigen Verhalten bei Gewittern, ein paar Anmerkungen dazu:

ÖAV

Der Österreichische Alpenverein rät in einer Mitteilung zur umsichtigen Tourenplanung.

Das beigehängte Bild zeigt aber keine ambossförmige Gewitterwolke, sondern einen Cumulus congestus (Vorstufe zur Gewitterwolke).

Eine ambossförmige Gewitterwolke sieht so aus:

Gewitterwolke mit Amboss (Cumulonimbus incus), Eisenaueralm am Schafberg (9. Juli 2013)

Tiroler Tageszeitung

Screenshot aus einem TT-Bericht vom 16.06.25

Naja, mittlerweile sind die Wetterprognosen schon sehr gut geworden und können das Potential für Gewitter meist präzise erfassen. Wo sie exakt auftreten, ist zwar schon besser geworden, aber noch lange nicht perfekt. Das muss aber auch nicht sein, wenn man seine Tourenplanung entsprechend anpasst. Von einer Sekunde auf die andere ändert sich das Wetter nicht – meist gibt es Anzeichen (s.o.). Sehr gut der Hinweis mit der Rückseite eines Berges, den ich in der Einleitung bereits gebracht habe.

ORF Tirol – bitte nicht nachmachen:

ORF Tirol, 16. Juni 2025

Richtig ist zwar die Kauerstellung, aber sich dabei an ein Metallseil anzuhängen würde ich nicht empfehlen – sondern möglichst alle Metallgegenstände weit weg vom Körper!

Solche Unwetter würden nicht zuletzt durch den Klimawandel in Zukunft wahrscheinlicher, warnen die Fachleute.

schreibt der ORF Salzburg, 17.06.25

vs.

Alexander Radlherr von der GeoSphere Austria in Innsbruck sagt, von der Blitzaktivität sei das Gewitter am Sonntag nichts Außergewöhnliches gewesen.

schreibt der ORF Tirol, 16.06.25

Korrekt ist zweiteres: Es handelte sich um eine normale Gewitterzelle. Die Stromstärke des negativ geladenen Blitzes war mit 9kA nicht einmal besonders stark. Zum Vergleich: Dem gewaltige Donnergrollen in Wien am 03. Mai 2025 gingen über 300kA starke Blitzentladungen voraus.

Wenn das Gewitter bereits entstanden ist, kann man nicht mehr viel tun als die Verhaltensregeln zu befolgen, die es zahlreich gibt. Meine Aufgabe als Meteorologe sehe ich darin, einen möglichst präzisen Wetterbericht zu erstellen, damit man erst gar nicht in eine Notlage kommt. Im vorliegenden Fall gab es am Vortag schon Schauer und Gewitter um die Mittagszeit – das sollte zumindest sensibilisieren, dass Gewitter auch zu einer früheren Tageszeit möglich sind.

Zusammenfassung

Hinweise auf frühe Gewitterbildung gab es bereits vom Vortag, als gegen Mittag Schauer durchgezogen sind. Am Sonntagvormittag zogen erste Quellwolken in mittleren Schichten (Altocumulus castellanus) durch, klassische Gewittervorboten. In dem Zeitfenster, wo die Alpinisten zur Alm hinaufgefahren sind, war es wieder recht sonnig und vermittelte womöglich einen trügerischen Eindruck, dass das Wetter noch länger aushalten würde (Menschen neigen dazu, von jetzt auf später zu schließen). Die Länge der Tour abzukürzen, indem man erst ab der Alm startet, war grundsätzlich richtig und vernünftig, aber sie waren zu spät dran. Die Quellwolkenentwicklung setzte während dem Aufstieg ein. Es gab wenige Kilometer östlich bereits einen kurzen Schauer mit sichtbaren Fallstreifen (laut Webcam Galzig). Da hätte man bereits abbrechen müssen. Was die Alpinisten ohne Wetterradar/Satellitenbild bzw. Kenntnisse zur Interpretation nicht wissen konnten, waren die entstandenen Schauerzellen über der Schweiz, die sich langsam in ihre Richtung bewegten. Vom Aufstiegshang war nicht zu sehen, was südwestlich von ihnen geschah.

Als die den Gipfel erreicht haben, schob sich der Amboss der entstehenden Gewitterzelle über sie. Wahrscheinlich frischte zugleich der Wind stark auf, weshalb sie den Angehörigen Bescheid gaben, dass das Wetter umschlug und sie nun abstiegen. Laut Medienberichten sind sie gegen 12.45 aufgebrochen und gerieten um 13.27 in den Blitzschlag. Sie haben also für eine Strecke, für die man laut AV-Routenplaner 25 Minuten braucht, rund 42 Minuten gebraucht. Das kann am Gelände vom exponierten Grat gelegen haben (das ich nicht kenne), oder auch am bereits einsetzenden Niederschlag, der den Abstieg erschwert hat. Oder sie sind noch etwas später aufgebrochen. Jedenfalls blieb die Gruppe eng zusammen, sonst hätte der an sich nicht extrem stromstarke Blitz nicht alle drei gleichzeitig erwischt. Das kann man ihnen aber nicht zum Vorwurf machen. Nasse Kleidung erhöht zudem den Stromfluss. Zwar haben sie es noch vom exponierten Grat geschafft, doch lag das Zentrum des Gewitters zum Zeitpunkt des Blitzschlags genau über ihnen – dann ist das Gelände egal, in einem flachen Gelände ohne Bäume bilden Menschen einen relativ höheren Punkt. Blitze schlagen außerdem nicht immer in den höchsten Punkt ein. Deswegen teile ich den Ratschlag, Bäume grundsätzlich zu meiden, so nicht ganz. Wenn man die Wahl zwischen einem flachen Almboden und einem Wäldchen hat, würde ich mich im Wald niederkauern – außer man erkennt klare Dolinen im flachen Gelände, wo man sich hineinkauern kann.

Die Wettermodelle haben die Gewitterlage schon Tage im voraus sehr gut erfasst. Für die Zukunft bleibt daher die Frage, wie man Alpinisten noch besser und gezielter erreichen kann, um die Tourenplanung entsprechend anzupassen. Ein früherer Aufbruch hätte das Unglück verhindert – oder eine Region zu wählen, wo die Gewitter später eintreffen, bzw. Schutzhütten, Unterstellmöglichkeiten, Schutzhöhlen, etc. am Weg einzuplanen. Es bleibt die Erkenntnis, dass Gewitter am Berg jeden treffen können, auch erfahrene Alpinisten, die sonst andere in ähnlichen Notlagen retten. Ich kam selbst mehrfach ins Gewitter, obwohl ich es als Meteorologe hätte besser wissen müssen. So statistisch selten (tödliche) Blitzschläge sind, so riesig ist doch mein Respekt vor Gewitter am Berg. Denn unter einer Gewitterwolke gehend oder stehend, überlasse ich es dem Schicksal, dem „Würfeln“, ob ich getroffen werde oder nicht. Diese Fremdbestimmtheit („Passagier“) versuche ich zu vermeiden und teile gerne meine Erkenntnisse mit anderen Berg- und Wetterenthusiasten (z.B. halte ich seit ein paar Jahren regelmäßige Vorträge zu diesem Thema beim Alpenverein).

Zuletzt der Hinweis an meine Kolleginnen und Kollegen, so sie es nicht schon tun, auf die Begrifflichkeiten und Formulierungen zu achten:

Von Wärmegewittern zu sprechen verfehlt die Entstehungsursache, aber auch die Tageszeit der Gewitter. Die ersten Schauer entstanden schon am Vormittag, die Gewitter dann vorlaufend zu einer ersten Konvergenzlinie. Wenn man keine komplizierten Begriffe verwenden will, sollte man zumindest unspezifisch z.B. von einer „Störungszone“ sprechen, oder von einem Frontensystem. Dann ist klar, dass die Sonneneinstrahlung nicht unabdingbar ist für die Gewitterbildung ist, sodass man sensibilisiert ist, keine exponierten, längeren Touren zu planen. Entscheidend ist, den Unterschied herauszustellen, zwischen isolierten, eher kurzlebigen Gewittern und Gewittern oder Gewitterfronten, die zu jeder Tageszeit auftreten können.

4 Gedanken zu „Vom Blitz erschlagene Bergsteiger: Pech oder vermeidbares Unglück?

  1. Avatar von FreddySchenkFreddySchenk

    Habe als Kind die Faustregel für die Berge gelernt, dass man unten bleibt, wenn man am Vormittag bereits Altocumulus castellanus Wolken sieht. Gilt das noch?

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  2. Avatar von Claudia HinzClaudia Hinz

    Ich möchte noch ergänzen, dass es gerade in den Bergen sehr oft selbst bis 20 km vom Gewitter entfernt zu einzelnen Entladungen (meist Positivblitze) kommen kann. Wenn Eisen anfängt zu surren, liegt Spannung an, selbst wenn man vielleicht vom Gewitter selbst noch nichts sieht (da hinter dem Berg).

    Antwort

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