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Hamburg: Eine typische Tornadolage?

In Bezug auf den Tornado in Hamburg am 7. Juni 2016 rief der geschätzte Spektrum-Redakteur Lars Fischer einen gut recherchierten Artikel über die Tornado-Alley in Europa in Erinnerung. Inhaltlich hervorragend passen die geschilderten Zutaten für (starke) Tornados jedoch nicht auf den gestrigen Fall.

Nachfolgend ein paar Beispiel-Wetterlagen von berüchtigten Tornadolagen in den letzten Jahren in Deutschland. Zu sehen ist die 500 hPa Geopotential + Bodendruck + Relative Topographie. Quelle für die Archivkarten ist wetter3.de, bestätigte Tornados und verdächtigte Fälle aus www.tornadoliste.de

10. Juni 2003: F3-T6-Tornado in Acht, Eifel.

acht

05. Mai 2015, F3-T6-Tornado in Bützow bei Rostock, 5 weitere bestätigt, 8 Verdachtsfälle

buetzlow

25. August 2012 – F2-T5/F3-Tornado in Ellmau, Kitzbüheler Alpen

ellmau

27. März 2006, F2-Tornado in Hamburg-Harburg (2 Tote), 7 weitere bestätigte Tornados und 6 zahlreiche Verdachtsfälle in Norddeutschland

harburg

3. August 2008, F4-T8-Tornado in Hautmont, Nordfrankreich (3 Tote)

hautmont

23. Juni 2004, F3-T7-Tornado in Micheln, Sachsen-Anhalt, 2 weitere bestätigt, 7 Verdachtsfälle

micheln

13. Mai 2015, 2 F3-Tornados, ein weiterer bestätigt, 2 Verdachtsfälle (Süddeutschland)

sueddeutschland

14. Juli 2012, 3 Tornados, davon 2 F3-T6 Tornados in Polen

polen

Video von einem der beiden F3-Tornados:

In allen Fällen waren die im Spektrum-Artikel aufgeführten Zutaten vorhanden. Entweder eine markante Luftmassengrenze und präfrontal stattfindende Gewittertätigkeit und/oder in energiereichen Luftmassen markante Windzunahme mit der Höhe und entsprechend starke Windscherungen. Wohlgemerkt habe ich hier nur eindeutige Fälle aufgezählt mit schweren Tornados und besonders starken Höhenwinden. Jedenfalls sieht man hier deutlich die straffen Höhenströmungen, meist Südwest und West, und den Durchgang ausgeprägter Kaltfronten mit Luftmassenwechseln.

Für den (mutmaßlich F1) Tornado in Hamburg am 7. Juni zeigt sich jedoch ein gänzlich anderes Bild:

hamburg

Hier liegen die Isohypsen (Linien gleicher Druckfäche in 500 hPa) sehr weit auseinander über Hamburg, ergo herrschte eine schwache Höhenströmung. Das Bodentief über Lübeck ist eingequetscht zwischen zwei Hochdruckgebieten über der Irischen See und der Ukraine. Die Zutaten für starke Windzunahme mit der Höhe waren also nicht vorhanden. Bevor ich weiter analysiere, sollte man sich unbedingt die vergangenen 7-10 Tage in Erinnerung rufe:

In Mitteleuropa fand ein regelrechter Outbreak an Tornados und Trichterwolken-Sichtungen statt, mit rund einem dutzend bestätigter Tornados und dutzenden Verdachtsfällen seit 26. Mai 2016! Ursache war eine festgefahrene Wetterlage mit fast stationärem Höhentief über Mitteleuropa, sehr feuchten Luftmassen am Boden und in mittleren Höhen, sehr warmen Luftmassen mit energiereicher Luft und überwiegend geringen Winden in allen Höhen.

Auch im Fall von Hamburg zeigen die Radiosondenaufstiege vom Boden bis zur Tropopause kaum mehr als 15 Knoten Westwind in der Höhe. Zu wenig für organisierte Gewitter mit Superzellentornados, worauf sich die beschriebene Tornado-Alley bezieht. Die Begleitumstände lassen natürlich aufhorchen, immerhin wurde während dem Tornado in Hamburg auch großer Hagel beobachtet, was typisch für Superzellentornados und eher selten bei Nichtsuperzellentornados ist.

Jedoch erzählt die Entwicklung der tornadischen Gewitterzelle anhand des frei verfügbaren Radars von Kachelmann eine andere Geschichte:

Um 17.20 MESZ befanden sich zwei starke Zellen nördlich von Hamburg, weitere Zellen im Südwesten. Gegen 17.50 MESZ entstanden im Norden Hamburgs neue Zellen, zum Zeitpunkt des Tornados (18.15 MESZ) hatte sie sich rapide verstärkt, aber bewegte sich nur langsam ostwärts. Erst um 19.45 MESZ hat sie die Landesgrenze Hamburgs nach Nordosten verlassen und sich dabei deutlich aufgelöst.

Das Bodenwindfeld um 17.00 MESZ zeigt über Norddeutschland eine stark konvergente Windströmung über Hamburg, wo West- und Ostwinde zusammenprallen, sie bleibt auch um 18.00 MESZ wenige Minuten vor der Tornadobildung erhalten. Um 19.00 hält sich die Bodenkonvergenz, um 20.00 MESZ hat sich schließlich Nordwestwind durchgesetzt.

Die für rund zwei Stunden stationäre Konvergenz der Bodenwinde ist die wahrscheinlichste Ursache für den Tornado. Das zeigt das folgende Schaubild von Wakimoto und Wilson (1989):

2_6

Quelle: http://www.estofex.org/guide/2_3_2.html

Sogenannte nichtsuperzellige bzw. nichtmesozyklonale Tornados (auch Typ-II-Tornado genannt) entstehen, wenn an einer Bodenkonvergenz lokale Wirbel um eine senkrechte Achse entstehen. Entwickeln sich dann Quellwolken, die mächtiger werden, steigen Aufwinde direkt über diesen Wirbeln auf. Der Aufwind streckt den Wirbel bis zur Wolkenuntergrenze. Infolge der Wirbelstreckung verringert sich der Durchmesser des Wirbels. Jetzt gilt aber die Massenerhaltung und folglich beschleunigt die Rotation, um die Luft nach oben zu pressen, vergleichbar mit einem Eisläufer, der bei einer Pirouette die Arme anlegt. Ein Tornado wurde geboren!

Das großräumige Windfeld zeigt, dass die Konvergenzlinie schon Stunden vorher existierte. Jedoch entwickelt nicht jeder Schauer oder Gewitter an dieser Linie einen Tornado! Diese Wirbel müssen eine gewisse Stärke erreichen. Und da kann eine Rolle gespielt haben, dass unmittelbar vor der Entstehung des kräftigen Gewitters weitere nördlich und südlich umherzogen. Die kalten Abwinde eines Gewitters strömen seitwärts aus und treffen auf die Abwinde anderer Gewitter bzw. auf die vorherrschenden Windströmungen. So können sich sehr lokal horizontale Windscherungen verstärken und die notwendigen starken Wirbel bilden.

Derartige Konstellationen gab es seit Beginn der windschwachen Wetterlage reichlich, aber in den meisten Fällen geschieht es eben am Land oder näher zur Küste hin (auch ein Land-Seewind-System produziert günstige Bedingungen für diese Konvergenzlinien), dieses Mal traf es eine Großstadt. Es hätte aber genauso ein paar hundert Kilometer weiter südlich passieren können (und weiter Verdachtsfälle wurden gemeldet).

Schlussfolgerungen:

Zusammengefasst wurde der Begriff Tornado-Alley erfunden, um häufiges Tornadoauftreten zu beschreiben, das meist an dynamische Wetterlagen gebunden ist, also in Zusammenhang mit (schnellziehenden) Kaltfronten, Sturmtiefs, markanten Luftmassenwechseln, oft im Sommer. Auch die europäische Tornado-Alley bezieht sich auf starke Windscherungen und straffe Westwinde in der Höhe. Im Hamburger Fall vom 7. Juni 2016 handelt es sich jedoch um eine windschwache Wetterlage. Zwar zog am Boden eine schwache Okklusion nach Südosten … jedoch zeigen sich in den Temperaturkarten für 850 hPa (= 1500 m) keine Andeutungen eines Luftmassenwechsels (gekommen ist deutlich trockenere Luft):

2016060718_3okk

Die sehr schmale, aber energiereiche Zunge feuchtwarmer Luft bewirkte jedoch eine markante Konvergenz der Bodenwinde über längere Zeit. Das Zusammenspiel mit Abwinden/Ausfließen kalter Luft aus anderen Gewitterzellen kann die Entstehung des kräftigen Gewitters samt großem Hagel im Nordosten Hamburgs begünstigt haben. Nachdem sich das Gewitter aber über nahezu zwei Stunden hinweg kaum verlagerte, ist eine Superzelle als Ursache eher unwahrscheinlich. Ein nichtsuperzelliger Tornado (Typ II-Tornado, engl. landspout) würde ich derzeit als am wahrscheinlichsten ansehen.

Kräftiger Dauerregen im Isar-Inn-Hügelland?

Berichte aus den Katastrophengebieten:

„Allein in Pfarrkirchen bei Triftern sind binnen sechs Stunden 32 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen. „Das ist schon ein kräftiger Dauerregen“, …

Quelle: APA, diverse Zeitungen

Beim ORF etwas präziser:

In dem nahe dem überschwemmten Triftern gelegenen Pfarrkirchen in Niederbayern sind laut Deutschem Wetterdienst (DWD) seit gestern Abend etwa 45 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen. Allein an diesem Tag zwischen 8.00 und 14.00 Uhr seien es 32 Liter gewesen, sagte Meteorologe Volker Wünsche. „Das ist schon ein kräftiger Dauerregen.“ Pfarrkirchen liegt etwa sechs Kilometer nördlich von Triftern.

In 6 Stunden 32 mm macht pro Stunde etwas mehr als 5 mm. Das löst keine Sturzfluten wie beobachtet auf. Die Messung ist zwar nicht falsch, aber es sind eben die 6 Kilometer Unterschied, die hier den Braten fett machen, wenn man sich die aufsummierten Regenmengen aus dem Wetterradar anschaut:

http://kachelmannwetter.com/de/regensummen/rottal-inn/niederschlagssumme-24std/20160601-1850z.html

In der nachfolgenden topographischen Karte habe ich die Informationen nochmals gebündelt:

Die strichlierte weiße Linie zeigt die Grenze im 24 Std.-Niederschlag zwischen weniger und mehr als 50 Liter pro Quadratmeter knapp südöstlich von Pfarrkirchen. Laut Wetterradar fielen im Einzugsgebiet der am stärksten betroffenen Orten 80 bis 170 Liter pro Quadratmeter. Tann lag an der Grenze, hier hat der östliche Einzugsbereich gut das Doppelte vom westlichen erhalten. Spitzenreiter war aber Simbach am Inn, wo das Radar extreme Mengen bis über 170 Liter pro Quadratmeter zeigt. In den feiner aufgelösten Zeitschritten fielen hier bereits in 3 Stunden gut 60 Liter. Eine im Ostteil des Starkregengebiets liegende Messstation vom Hochwassernachrichtendienst Bayern (HND Bayern), Rottal-Münster, hat 90 Liter im gleichen Zeitraum registriert, was recht genau zu den Radarsummen passt.

Schlussfolgerung 1:

Die in den Medien zitierte Wetterstation lag am Nordrand des Starkregengebiets und ist daher für keinen der betroffenen Orte repräsentativ!

analyselocation

Weiters liegen alle Ort im Isar-Inn-Hügelland mit meist zwar nur mäßigem Gefälle, jedoch ist die Landschaft überwiegend landwirtschaftlich genutzt mit vielen Feldern und zudem stark zergliedert mit mehreren Seitentälern und entsprechend zahlreichen Nebenbächen. Die Verteilung der Regenmengen deutet darauf hin, dass das gesamte Einzugsgebiet vom Starkregen erfasst wurde und somit vollständig zu den Ortskernen hin entwässert wurde.

  • In Triftern betrug der Abfluss nur HQ 20, der Wasserstand stellte jedoch ein Rekord dar (350cm, normal sind 60 cm).
  • In Simbach am Inn sind keine Jährlichkeiten bekannt, der Wasserstand wurde hier bereits als ein Jahrtausendhochwasser eingestuft (Spitze bei 500 cm, normal sind 20 cm).
  • In Birnbach an der Rott (talabwärts von Pfarrkirchen) betrug der höchste Pegelstand 430 cm, normal sind 110 cm. Es handelte sich um den höchsten Stand seit 1954.

Schlussfolgerung 2:

Flächiger Starkregen über dem gesamten Einzugsgebiet hat ein rapides Ansteigen der Wasserstände bzw. Sturzfluten von den landwirtschaftlich genutzten Feldern her begünstigt.

Warum hat es gerade dort so viel geregnet?

http://kachelmannwetter.com/de/regensummen/deutschland/niederschlagssumme-24std/20160601-1850z.html

Die 24-Std.-Regenradarsummen über ganz Deutschland zeigen kleinräumige Schauer- und Gewitterstraßen auch im Norden und Nordwesten, das Maximum über Niederbayern und dem Westen von Oberösterreich sticht klar heraus, hier waren zudem andauernde Gewitter beteiligt.

http://kachelmannwetter.com/de/sat/mitteleuropa/satellit-color-5min/20160601-1000z.html

Das Satellitenbild von Europa zeigt mehrere ausgedehnte Fronten über West- und Mitteleuropa, sowie einen recht konvektiv durchsetzten Batzen über Südostbayern und den Nordwesten von Österreich.

500 hPa  Geopotential und Temperatur, gültig for 1. Juni 2016, 08 MESZ:

Österreich und der Südosten von Deutschland liegen unter einem Höhentief mit Höhenkaltluft um -20°C in 500 hPa. Bei ungefähr ähnlichen Luftmassen am Boden würde man also über Österreich und den Grenzregionen die labilste Luft erwarten:

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850 hPa pseudopotentielle Temperatur und Bodendruck, gültig für 1.Juni 16, 08 MESZ:

Die Luftmassenverteilung zeigt zwei ausgeprägte Okklusionsfronten über Frankreich und Deutschland bzw. Polen. Im Höhentiefkern ist die Luft etwas kühler (auch im 850 hPa Temperaturfeld), aber dennoch labil genug geschichtet und vor allem bodennah feucht genug, um Schauer und Gewitter auszulösen. Förderlich als Hebungsantrieb war die bodennahe Konvergenzzone aus Südwestwind über dem Flachgau und Innviertel und West- bis Nordwestwind über Niederbayern. Aufgrund der nur langsamen Westwärtsverlagerung  des Bodentiefs haben sich auch die Bodenwinde über Stunden hinweg kaum verändert und die Konvergenzzone (= Zusammenströmen der Luft und Aufsteigen, Wolkenbildung) blieb relativ ortsfest.

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Ein weiterer Faktor jedoch, der die extremen Regenmengen gerade dort und nirgends anders erklärt, stellt ein Phänomen der höheren Troposphäre dar: die Tropopausenfalte.

Im Wasserdampfbild zum gleichen Zeitpunkt deuten die blaugrünen Einfärbungen auf relativ trockene (und daher wärmere) Luft als die okkerfarbenen Gebiete hin, wo Wolkenbildung für kältere Wolkenobergrenzentemperaturen sorgt. Eine lange Zunge mit trockener Luft deckt sich recht gut mit dem Gradienten der Isentropen Potentiellen Vorticity (IPV, Abbildung Karte rechts). Dort fällt die Tropopause recht markant zum Kern des Höhentiefs ab, daher Tropopausenfalte. Derartige Gebiete sind mit starker Turbulenz und massivem Hebungsantrieb verbunden.

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Quelle: wetter3.de und nrlmry.navy.mil

Schlussfolgerung 3:

Im Überflutungsgebiet herrschte bodennah eine beständige Konvergenz von Südwest- und Nordwestwinden über Stunden hinweg. Zudem war die Luft bodennah sehr feucht, während in der Höhe von Nordosten trockenere Luft heranströmte (Produktion von potentieller Instabilität, förderlich für Gewitter), förderlich auch die Nähe zum Höhentiefkern mit der kältesten Luft. Massive Hebung und entsprechendes Aufsteigen verursachte eine Tropopausenfalte, die auch im Wasserdampfbild erkennbar ist. Die Spitze der trockenen herumgeführten Zunge deutet direkt auf den Nordrand der stärksten Regenfälle. Mitunter wirkt die Falte hier auch frontogenetisch, weshalb es zu großflächiger Bewölkung bis in den Südwesten Österreichs kommt. 

Die Großwetterlage ist insofern ungewöhnlich, als dass anders zu den berüchtigten Hochwässern von 2013 und 2005 keine großflächigen Fronten für Dauerregen und Hochwasser gesorgt haben, sondern zahlreiche Okklusionsfronten, die in der Höhentiefzirkulation westwärts zogen und sich über viele Stunden hinweg einkringelten. Entsprechend regnet es zwar stellenweise extrem, aber nicht großflächig intensiv, sodass überregionale Hochwässer ausbleiben (abgesehen von der französischen Seine).

Was sind „Luftfronten“?

Der Zwischenfall werde untersucht, sagte Mardjono Siswosuwarno, ein Ermittler der Transportsicherheitsbehörde. Vermutlich seien zwei Luftfronten mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten aufeinander getroffen – das könne plötzliche Turbulenzen auslösen, meinte er.

Quelle: Spiegel Online, abgerufen am 05.05.16, 13.58 MESZ

Als ich den Begriff Luftfronten las, dacht ich sofort an eine schlechte Übersetzung aus dem Englischen …

In einem Bericht der Gulf Times lautet der Absatz so:

Mardjono Siswosuwarno, an investigator with the Indonesian Transport Safety Committee, said the incident was being investigated but that the turbulence was likely caused by a meeting of two bodies of air moving at different speeds, rather than a visible storm.

„It looked like clear-air turbulence so it was unexpected,“ he said.

Richtig übersetzt lautet die Aussage:

Die Turbulenz wurde wahrscheinlich durch das Zusammentreffen zweier Luftmassen, die sich mit unterschiedlichen Strömungsgeschwindigkeiten bewegen, verursacht, nicht durch ein sichtbares Unwetter. Es sah nach clear-air-turbulence aus, war also unerwartet.

Der entscheidende Zusatz ist der Hinweis auf clear-air-Turbulence!

„Clear-air-turbulence“ (zu deutsch: Klarsicht-Turbulenz) ist eine gefährliche Eigenschaft von Jetstreams (Strahlströme) in großen Höhen, die in der Mitte sehr hohe Windgeschwindigkeiten aufweisen, die zu den Ränden hin stark abnehmen und stark verwirbeln können (sogenannte Windscherung). Das Tückische daran ist, dass sie auch bei wolkenlosen Bedingungen vorkommt und daher nicht immer erkennbar ist (dazu diese Abbildungen ).

Was ist also der Unterschied zwischen Original und Übersetzung?

Hier prallen keine Fronten aufeinander wie bei einem Frontalzusammenstoß, sondern es kommt zu einer raschen Abnahme der Windgeschwindigkeit, was gefährliche Verwirbelungen auslöst. Für meteorologisch nicht versierte Journalisten irreführend war die Verwendung des Wortes „meeting“, wenngleich Zusammentreffen hier weniger frontale Begegnung als „Vorhandensein“ bedeutet. Herr Siswosuwarno hätte auch sagen können „the presence of two bodies of air moving at different speeds“.

Die irreführende Übersetzung zeigt zweierlei: Journalisten sollten sich ggf. durch einen deutschsprachigen Experten rückversichern, wie eine Aussage gemeint ist. Der Experte wiederum muss ggf. bei seiner Wortwahl darauf achten, sich unmissverständlich auszudrücken.

Warum der „Blutregen“ nicht eintraf.

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Quelle: NOAA/CHMI, 08.04.2016, 14:15 MESZ

Seit fast einer Woche hält uns der Saharastaub in Mittel- und Südosteuropa fest im Griff, er manifestiert sich vor allem durch ausgeprägte hohe Wolken, die zeitweise dichter sind als die Wettermodelle sie rechnen und entsprechend Abzüge beim Temperaturmaximum bringen, aber auch gebietsweise eine verringerte Schauer- oder Gewitterwahrscheinlichkeit. Für die Vorhersage problematisch ist dabei, dass Saharastaub die Atmosphäre durch verschiedene Prozesse stabilisiert, wie ich in einem Beitrag vom 4. April 2014 erläutert habe.  Weiterlesen →

Windkanal zwischen Leopoldsberg und Bisamberg?

In der Falter-Ausgabe 10/16, Rubrik 7 Sachen, erläutern die Autoren die Windverhältnisse in Wien.

Auf die Frage, warum in Wien so oft der Wind geht, antworten sie:

„Das hat insbesondere mit dem Bisamberg und dem Leopoldsberg zu tun. Die schleusen die Luft wie ein natürlicher Windkanal durch die Stadt.“

Schauen wir uns doch einmal die topographische Lage von Wien an:

lage-stationen

Abbildung 1: Lage der Berge und Stationen, Quelle: maps-for-free.com

Beschriftung: 1 = Leopoldsberg, 2 = Bisamberg, 3 = Wetterstation Innere Stadt, 4 = Hohe Warte, 5 = Mariabrunn, 6 = Unterlaa

Zuerst sollten die Größenverhältnisse auffallen, der Wienerwald, der einen breiten Gürtel um den Westen Wiens herum bildet, der winzige Bisamberg, der durch die Donau abgeschnitten wurde. Die Unterbrechung zwischen Leopoldsberg und Bisamberg wird Wiener Pforte genannt.

windrichtung

Abbildung 2: Mittlere Windrichtung an den Stationen Mariabrunn, Hohe Warte, Innere Stadt und Unterlaa, Quelle: ZAMG Klimadaten

Aufgetragen habe ich hier die Windrosen (Durchschnittswerte der Windrichtung von 1971-2000) für die obigen Wetterstationen. Für die Hohe Warte dominiert der Westwind noch vor dem Nordwestwind, ebenso für Mariabrunn. In der Inneren Stadt sind West und Nordwest zu gleichen Teilen vorhanden, nur im äußersten Süden von Wien regiert im Schnitt reiner Nordwestwind.

Wenn es tatsächlich zu einem Düseneffekt durch die Wiener Pforte kommen würde, sollten speziell Hohe Warte und Innere Stadt doch deutlich mehr Nordwest bzw. Nordkomponente enthalten?

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Abbildung 3: Schematische Darstellung eines Windkanals („gap flow“) – Quelle

Für den Fall einer Nordwestanströmung würde sich das etwa so auswirken:

gap flow

Abbildung 4: Strömungspfeile und Abgrenzung des vom Düseneffekt beeinflussten Gebiets

Bei Nordwestwind würde der Hauptteil der Strömung der Donau entlang ziehen und vor allem den 21. und 22. Bezirk beeinflussen. Ein kleiner Teil würde nach Süden bzw. Südwesten abgelenkt werden, dann jedoch als Nordwind. Weite Teile der Innenbereiche sowie nahezu der gesamte Westen und Südwesten von Wien blieben unbeeinflusst.

Speziell die mittlere Windrichtung der Hohen Warte spiegelt diesen Effekt jedoch nicht wider, d.h., hier kommt ein anderer Effekt zum Tragen, der sich auch im Westen und Südwesten auswirkt: Gebirgsüberströmung!

Die wesentlichen Faktoren für Westföhn habe ich bereits in einem früheren Beitrag vom 17.3.2014 erläutert. Bei Nordwestanströmung ist folglich nur ein kleiner Teil des Düseneffekts in Wien einflussreich, das betrifft vor allem Floridsdorf und die Donauplatte, wo die auch im FALTER angesprochenen Fallwinde von den Hochhäusern zusätzlich den Wind beschleunigen. Der Löwenanteil Wiens wird jedoch von der Überströmung des Wienerwalds beeinflusst, speziell in Mariabrunn und den angrenzenden östlichen Bezirksteilen wirkt sich hier hier ein Düseneffekt durchs Wiental aus, wodurch der Wind mehrheitlich aus West kommt.

Sonst findet die Überströmung sowohl bei Nordwest als auch bei West statt, wobei bei Westanströmung die Wiener Pforte kaum noch eine Rolle spielt. Westföhn sorgt außerdem für stärkere Windspitzen als Nordwestföhn, was vor allem an der Stabilität der beteiligten Wetterlagen liegt. Bei ausgeprägtem Westföhn handelt es sich vor allem um Warmfront bzw. Warmsektorlagen (stabil geschichtete Atmosphäre), während Nordwestwind mit Rückenseitenwetter (hinter der Kaltfront) einhergeht (labil geschichtete Atmosphäre). Je stabiler die Schichtung, desto stärker der Föhn.

Die südlichsten und südöstlichsten Teile von Wien liegen schon vergleichsweise weit vom Wienerwald bzw. der Wiener Pforte entfernt, hier überwiegt meist der synoptische Wind (d.h. die vorherrschende Hintergrundströmung Nordwest). Die freien, flachen Kuppen von Laaerberg und Wienerberg sorgen hier für erhöhte Windgeschwindigkeiten.

Eine Windrichtung haben wir jetzt unterschlagen: Südost!

Speziell im Sommerhalbjahr, aber auch im Herbst, wenn Hochnebellagen häufiger werden, werden lange Südostwindphasen höchstens kurzzeitig von West- bzw. Nordwestwind unterbrochen (Frontdurchgang, Gewitterlinien). In den östlichen und südlichen Bezirken findet der Südostwind kein Hindernis, hier weht er meist besonders lebhaft. In Wienerwaldnähe wird der Südostwind hingegen durch den Anstieg der Topographie abgebremst. Speziell in der Nacht kann bei schwachen Druckverhältnissen auch eine flache Talwindzirkulation in Gang kommen, d.h., der Wienerwald kühlt sich stärker ab als die verbauten Stadtgebiete und bildet ein kleinräumiges Hochdruckgebiet aus, dann weht schwacher Westwind, wie etwa im Wiental.

Fazit:

Vom Windkanal der Wiener Pforte wird nur ein kleiner Teil der Bewohner Wiens etwas mitbekommen, vor allem der 19. Bezirk, der 20. sowie der westliche 21. Bezirk liegen im direkten Einflussbereich. Aber: Auch hier nur bei deutlicher Nordwest bis Nordnordwestanströmung, die im Klimamittel jedoch seltener auftritt als West bis Westnordwest. Im Sommerhalbjahr überwiegen überhaupt die Südostwinde, die bei Föhntendenz im Alpenraum lebhaft bis stark werden können (der Gewitterkiller).

Ein Sonderfall stellen Donauplatte und Wienerberg dar, wo die Hochhäuseransammlungen für zusätzliche Fallwinde sorgen. Die Donauplatte bekommt noch etwas Düseneffekt mit, während der Wienerberg als flache Kuppe Überströmungseffekte zeigt.

Eine letzte Abbildung noch zur großräumigen Anströmung und den Einfluss der Topographie in ganz Niederösterreich.

konvergenz

Abbildung 5: Schematische Darstellung bei Westanströmung (a) und Nordwestanströmung (b)

Bei reiner, oft strammer Westanströmung  (a) findet bereits ein Düseneffekt entlang des Alpennordrandes statt. Dieser wird durch das verjüngende Donautal zwischen Böhmischer Masse (Waldviertel) und Voralpen (Mostviertel) nochmals beschleunigt (ebenfalls ein „gap flow“), was insbesondere für Orte wie Melk, St. Pölten und die Buchbergwarte im westlichen Wienerwald sowie am Jauerling (Wachau) und auf der Jubiläumswarte (Wien) für erste Windspitzen sorgt.

Bei Nordwestanströmung findet jedoch teilweise eine Ablenkung des Winde statt. Ein Teil gelangt als Nordwestwind vom Waldviertel über das Tullner Feld, die Wiener Pforte bis zum Marchfeld, der andere wird durch das Donautal zwischen Amstetten und Mölk als Westwind abgelenkt. Typisch für diese Konstellation ist die Ausbildung einer Bodenkonvergenzlinie (Konvergenz = Zusammenströmen des Windes), die sich vom Waldviertel zum Wienerwald und etwas darüber hinausgehend erstreckt. Entlang dieser Konvergenzlinie steigt die Luft auf und bildet bei ausreichend labiler Schichtung Schauer oder Gewitter. Im meteorologischen Jargon nennt man diese auch Waldviertelexpress.

Auch aus dieser Abbildung wird ersichtlich, dass selbst im Fall einer Nordwestanströmung die westlichen Wiener Bezirke tendenziell eher eine Westkomponente erhalten, während die östlichen Bezirken tendenziell auf Nordwest bleiben.

Nachtrag:  In der FALTER-Ausgabe 11/16 wurde der Sachverhalt richtiggestellt. Vielen Dank!

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