Ausgeprägte Wolkenkante im Süden des Wiener Beckens Richtung Semmering und Wechsel, mit Altostratus mammatus (Bildmitte) und tiefen Rotorwolken (Cumuli), 15. April 2025 (15 Uhr MESZ)
Eine Serie denkwürdiger Sommertage hat begonnen. Am Dienstag, 15. April entwickelte sich zudem eine ausgeprägte hochreichende Gebirgswelle über dem östlichen Flachland mit kompakter mittelhoher Bewölkung, aus der es teilweise mäßig regnete. Dazu wehte starker Südwind. In dieser Kombination hab ich das in Zusammenhang mit einer Föhnlage persönlich noch nicht in Wien erlebt. Meist sorgt die Leewellenbewölkung nur für Fallstreifen, aber ohne nennenswerten Niederschlag am Boden.
Eine genauere Analyse der Wetterlage zeigt jedoch, dass es zwei Niederschlagsphasen gab: Die mit der Leewelle und schwächeren Niederschlag (meist As virgae) und später den Durchgang der Okklusion von Südwesten und messbaren Niederschlag aus konvektiv geprägter Bewölkung.
Heute ist der 17. Jahrestag von Orkan PAULA, der für schwere Sturmschäden in Teilen von Niederösterreich, der Steiermark und Kärnten sorgte. Ursache für die verbreiteten Orkanböen war eine Warmfront aus Nordwest, deren Niederschläge in extrem trockene Luft unter vorherigem Hochdruckeinfluss fielen (= Verdunstungskälte). Eine Fallstudie zum Ereignis ist am 11. Jahrestag auf meinem Blog erschienen.
Was könnte da würdiger sein als ein okkludierter Sturmwirbel über den Britischen Inseln, mit kleinräumigen Randtief über der Nordsee, wie im Satellitenbild oben am frühen Nachmittag zu sehen. Hochreichend konvektive Bewölkung erstreckt sich von der Biskaya über Frankreich bis Norddeutschland. Der Alpenraum liegt in frühlingshafter Luftmasse, mit Föhneinfluss werden bis zu 18°C gemessen.
Die interessanten Wellenphänomene gibt es aufgrund der südwestlichen Höhenströmung dieses Mal vor allem im Südosten der Alpen:
Sichtbarer Kanal, neue Wettersatellitengeneration, 14 Uhr Lokalzeit (Kachelmannwetter)
Dabei treten sowohl Leewellen unterhalb einer Inversion in rund 7000ft amsl (2100m) auf, die die typischen Bänke bilden, als auch hochreichende Gebirgswellen im Lee der Dinariden bzw. der Fortsetzung zum slowenischen Bergland.
Besonders ausgeprägt ist hier die Koralpenwelle, die sich hochreichend fortsetzt.
Koralpe-Leewelle um 14.40 Uhr Lokalzeit
Die Cloud Top Minimum Temperature beträgt hier -47°C – das entspricht etwa 9km Höhe! (Cirrus-Niveau).
Wiener Lokalphänomen: „Vortex Vindobonensis“
Windspitzen (in Kt) um 13.30 Uhr Lokalzeit
Mit der südwestlichen Strömung über den Alpenostrand bilden sich gerne lokale Leetiefs, die zu einer gegenläufigen Bodenströmung führen. Hier lag ein Bodentief östlich von Wien mit Winden gegen den Uhrzeugersinn. Dazu herrscht die charakteristische Luftmassenverteilung mit milden 10-14°C bei südlichen Winden und 5-9°C bei nordwestlichen Winden. Eine ausführliche Erklärung gibt es von Meteorologe Georg Pistotnik (GeoSphere).
Am Montag, 16. Dezember 2024 – übrigens der Jahrestag von Sturmtief Joachim vor 13 Jahren, querte ein mächtiger Warmsektor das östliche Mitteleuropa mit Niederschlägen. Entgegen den Vermutungen zeigte sich der Niederschlag ausgesprochen konvektiv mit bänderförmigen bzw. zellförmig abgegrenzten Radarechos. Woher kommt die Labilität?
RGB – Luftmassenbild vom 16. Dezember 2024, 04.45 UTC, mit 700 hPa Temperatur (strichlierte Isolinien) und CERAD-Radarbild
Im RGB sieht man die zu doppelten Tiefdruckkernen neigende Struktur über Skandinavien, mit eingeringelter Okklusion über dem Finnischen Meerbusen, einen ausgeprägten Warm Conveyor Belt über Weißrussland und Westukraine und die Niederschläge im Warmsektor auf der warmen Seite des Jetstreams.
Die Ursache für die konvektive Natur der Niederschläge liegt in dem thermischen Trog begründet, der sich hier als „cold air axis“ von Tschechien bis Tirol erstreckt. Hier bilden die 700er Temperaturen ein relatives Minimum.
Der Mitternachtsaufstieg der Hohen Warte zeigt zwischen 750 und 500hPa eine feuchtneutrale Schichtung, erst darüber die Inversion, also elevated instability, die zum Schauerniederschlag beiträgt.
Tempo von Prostejov, Tschechien, 16.12.24, 00 UTC
Im Osten von Tschechien ist die Labilitätskurve kaum ausgeprägt, dafür sieht man eine elevated mixed layer zwischen 700 und 550hPa, darunter gesättigte Luftschichten, also potentiell instabil (unten feuchtmild, darüber trocken-kälter). Außerdem sieht man eine zarte Rückdrehung des Höhenwinds, was auf Kaltluftadvektion in der Höhe hindeutet.
Auf Details kommt es eben manchmal an, um aus einem öden Warmsektor spannende Konvektionsbänder zu machen.
Schauer und Gewitter am Donnerstag, 19. September 2024, 04 Uhr Lokalzeit (slowakisches Radar)
Nachdem ich nun tagelang über die Vorhersagen und Warnungen von anderen Wetterdiensten und Behörden geschrieben habe, komm ich nicht umhin, meine eigene Fehlprognose hervorzuheben, die mir auf eindrucksvolle Weise am Donnerstag in der Früh bewusst wurde, als ich Punkt 04 Uhr durch einen lauten Donner geweckt wurde.
In Wien war das nicht weiter tragisch, aber die Schauer- und Gewitter zogen genau übers Tullnerfeld westwärts, also über die am schwersten betroffenen Hochwassergebiete. Keine angenehme Überraschung für die Anrainer, so sie überhaupt Schlaf gefunden haben, von Starkregen und Donner geweckt zu werden.
Der Rückstau vom Wienfluss beschädigte am Sonntagnachmittag das Ufer vom Donaukanal Höhe Schwedenplatz (eigene Aufnahme) – der Wienfluss erreichte Höchststände eines 1000-jährlichen Ereignisses
Ich fühlte mich in den letzten Tagen an die Pandemie erinnert und wie bis heute mit SARS-CoV2, das übrigens nicht verschwunden ist, umgegangen wird. In den ersten Interviews nach der Flut sprach Frau Landeshauptmann Mikl-Leitner davon, dass sie „bestens vorbereitet“ gewesen seien. Bezirkshauptleute sprachen von einem „nie dagewesenen Extremereignis“ und dass sie von den dramatischen Entwicklungen überrascht worden wären. Im ORF habe man frühzeitig und regelmäßig über die potentielle Hochwasserlage berichtet, verteidigten die Frontmänner des ORF den Sender. Das Magazin Dossierberichtete kürzlich über die Einflussnahme der ÖVP auf das ORF-Landesstudio in Niederösterreich.
Der FALTER berichtete in seiner letzten Ausgabe über den chronologischen Ablauf von den ersten dramatischen Modellrechnungen am 6. September bis zum Eintreten des Worst-Case-Szenarios. Scheinbar waren alle informiert, nur der finale Informationsfluss von den Bezirkshauptleuten zu den Gemeinden und letztendlich zum Anwohner ist fraglich – ebenso die Deutlichkeit, mit der man über rechtzeitige Evakuierungen hätte sprechen müssen. Der Präsident der Universitätenkonferenz, Oliver Vitouch, kritisiert die Politik sehr deutlich, sie sei scheinheilig und doppelzüngig.
Wie nach dem kolossalen Versagen bei der Schließung des „Kitzlochs“ und der chaotischen Evakuierung von Ischgl in der Anfangsphase der Pandemie, mit der sich das Virus unkontrolliert in ganz Europa ausgebreitet hatte, gilt offenbar auch hier: Alles richtig gemacht.
Leider fehlt mir jetzt die Zeit, sonst würde ich diesen Beitrag noch einmal teilen in Modellperformance und strategische Prävention im Kurz- und Langfristbereich. Es ist jedenfalls mal alles dokumentiert und bevor man am 29. September sein Kreuzerl setzt, sollte man genau überlegen, wer sich für Hochwasser- und Klimaschutz einsetzt, wer im Zweifelsfall entschädigen wird. Von einem automatischen Versicherungsschutz halte ich nichts, denn es soll sich nicht lohnen, in Überschwemmungsgebiete zu bauen. Vielmehr müssen Gemeinden in die Pflicht genommen werden, die Bautätigkeit künftig besser zu kontrollieren.