Archiv der Kategorie: Information

Die Hochwasserkatastrophe war ein Produkt der globalen Erderwärmung

Vb-Zugbahnen und die Zugbahn des Tiefs hier (skizziert von mir)

Auch wenn das in den Medien anders kommuniziert wird: Es handelte sich um KEINE klassische Vb-Lage! Das Tief entstand durch den Kaltlufteinbruch im Golf von Genua und zog zum Balkan, wurde dort stationär und zog am Ende retrograd mit der Ostströmung nach Frankreich ab. Über dem Balkan entstanden zudem mehrere Teiltiefs, weil sich dort das breite Höhentief festgesetzt hatte.

Für ein Ereignis wie die aktuellen Unwetter müsse das Mittelmeer gar nicht unbedingt sehr stark überwärmt sein – es könne aber „der entscheidende Faktor“ sein. Um das detailliert zu sagen, sei es im Moment allerdings noch zu früh.

Klimaforscher Marc Olefs, GeoSphere Austria (ORF-Interview)

Ich würde noch einen Schritt weiter gehen: Für diese Hochwasserkatastrophe waren gleich mehrere Faktoren verantwortlich, die durch die bereits akuten Folgen der raschen Erderwärmung erheblich verstärkt worden sind. Es ist nicht trivial, die ganzen Aspekte dieser Wetterlage zu erfassen und in den Zusammenhang zu setzen. Ich werde das hier versuchen und bitte nachzusehen, wenn ich zum Teil in der Fachsprache bleiben muss.

Leider wird hier vieles verbreitet, was nicht stimmt. Was wir gerade erleben, hat mit dem östlichen Mittelmeer überhaupt nichts zu tun. Es handelt sich um ein Tiefdruckgebiet, das direkt bei uns entsteht. Das Niederschlagsband erstreckt sich weiter nach Norden über Tschechien bis Polen hinauf. Es ist eine falsche Vorstellung, dass die Feuchtigkeit so weit transportiert wird. Das kurze Stück, das das Tiefdruckgebiet über die Nordadria zieht, reicht auch nicht aus, um so viel Feuchtigkeit in die Atmosphäre zu transportieren. Diese Niederschläge basieren auf komplexen physikalischen Prozessen und werden insbesondere hier vor Ort gebildet.

Clemens Biermair, DerStandard, 13. September 2024

Die Aussage, dass das Mittelmeer nichts mit der Intensität des Tiefdruckgebiets zu tun hätte, lässt sich jedenfalls klar widerlegen und ist auch allgemeiner Konsens unter den Meteorologen. Wie soll eine „Vor-Ort“-Niederschlagsbildung diese extremen Regenmengen erklären, ohne die zuvor herangeführte Luftmasse?

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Eine Strich-Kaltfront leitet die Unwetterlage ein.

Radarbild am 11. September 2024, 07.30 MESZ (Euradcom)

Um die Schönheit der Boden-Kaltfront in voller Länge zeigen zu können, muss ich ausnahmsweise einmal auf nichtöffentliche Produkte zurückgreifen. In das breite Regengebiet von Frankreich bis zur Ostsee ist eine schmale linienhafte Echostruktur eingebettet, die über 1000km lang ist. Dort springt der Wind von Südwest auf Nordwest, die Temperatur geht aber nur wenige Grade zurück. Das vertikale Windprofil im Bereich der Linie zeigt geradlinige Winde in Sturmstärke und gesättigte Luftschichten. Mein Schuss ins Blaue ist, dass es etwas mit Conditional Symmetric Instability (CSI) zu tun hat, aber erklären kann ich es nicht.

Mehr zur Hochwasserlage selbst weiter unten.

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„Herr Ober, da ist eine Delle in meinem Keil!“

Ein nur in der Höhe ausgeprägter Tiefdruckwirbel über Mitteleuropa, umgeben von wolkenlosem Himmel unter Hochdruckeinfluss. Über Unterkärnten sorgte das Tief für ein Morgenwitter, Satellitenbildquelle: kachelmannwetter.com

Ein meteorologisches Phänomen, mit dem wir in der Vorhersage öfter zu tun haben, ist der sogenannte Fritzl’sche Dellenkeil (Der Begriff kam von einem Kollegen namens Fritzl). Wenn sich ein Hochdruckgebiet etabliert, dann betrachten wir Meteorologen nicht nur die Wetterentwicklung am Boden, sondern auch in der Höhe, wo die Wetterküche wesentlich stattfindet.

Für stabiles Hochdruckwetter braucht es hohes Geopotential mit warmen, trockenen Luftmassen. Die Atmosphäre wird dann eher hochreichend trocken geschichtet sein, und die Absinkinversion sorgt dann trotz labiler Schichtung für einen gewitterfreien Tag.

Der auf den ersten, oberflächlichen Blick stabile Höhenrücken ist aber häufig mit gewissen Makeln behaftet, in diesem Fall ein trojanischer Trog, der den Keil an der Rückseite (westlich der Keilachse), in der Keilachse oder an der Vorderseite (östlich der Keilachse) eindellt.

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Der Waldviertelexpress: eine sichere Bank für Überraschungen

Extrem eng begrenzter Regenschauer auf wenige hundert Meter Breite am Flughafen Wien, 24. Juli 2024

Der gestrige Tag brachte im Osten von Österreich typisches Rückseitenwetter in der „Kaltluft“ – bei sommerlichen 25-27°C. Ein Regenschauer nach dem anderen zog vom Waldviertel über das Mostviertel bis ins östliche Flachland hinweg. Manchmal auch kurze Gewitter. Es bildeten sich regelrechte Schauerstraßen, wie an einer Perlenkette aufgereiht. Gebietskenner nennen dieses Wetterphänomen „Waldviertelexpress“.

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Hochwasserkatastrophe in Südwestdeutschland: Wetterlagen, die sich wiederholen

Sichtbares Satellitenbild, 17. Mai 2024 (10 UTC), Radarbild vom 17. Mai, 05.15 UTC, 48-Stunden-Radarsummen bis Samstag, 18. Mai, 08.50 UTC, Hochwassersituation am 18. Mai, 10.18 UTC und Schwerpunkte in der Topographie (plus östliche Anströmung), Kartenquellen: kachelmannwetter.com

Die Flutkatastrophe in der Eifel und in den angrenzenden Regionen durch die Starkregenlage am 14 und 15. Juli 2021 ist noch nicht lange genug her, um vergessen zu werden, da entwickelte sich vom 16. bis 18. Mai 2024 eine weitere Unwetterlage mit großen Regenmengen und Rekordwasserständen im Südwesten von Deutschland. Über mehrere Stunden hinweg blieb das Regengebiet ortsfest zwischen Schwarzwald, Pfälzer Wald, Vogesen und Hunsrück liegen. Von Osten her zogen die Niederschlagsechos bei gleichzeitig bodennah starker Nordwestströmung gegen die Mittelgebirge, bis die durchnässten Böden kein Wasser mehr aufnehmen konnten. Mehrere Flusspegel erreichten die höchste Meldestufe 4, an einzelnen Pegeln wurde ein 100-jährliches Hochwasser registriert. In den Hochwassergebieten fielen verbreitet 80 bis 120 Liter pro Quadratmeter innerhalb von 48 Stunden, stellenweise laut Radar sogar rund 150 Liter. Das sind vergleichbare Mengen mit dem Juli 2021-Ereignis, wenn auch über einen längeren Zeitraum gefallen dieses Mal, da nicht so stark konvektiv durchsetzt.

Die letzte überregionale Hochwasserlage in Mitteleuropa fand in der ersten Juniwoche von 2023 statt. Seitdem gab es mehrere regionale Starkregenereignisse wie Juli 2021, August 2023 oder jetzt Mai 2024, die durch kleinräumige Tiefdruckgebiete verursacht wurden. Ist das ein weiterer Beleg für die Klimaerwärmung oder liegt es noch in der langjährigen Variabilität für Starkniederschläge? Die Auswirkungen scheren sich jedenfalls nicht um Jährlichkeiten, wenn 100 oder 300 Jahre später aufgrund des Bevölkerungswachstums wesentlich mehr Menschen betroffen sind als ein vergleichbarer Wassserstand etwa vor der industriellen Wende.

Abweichungen der Meeresoberflächentemperatur am 17. Mai 2024 (NOAA)

Die Luftmasse kam im Südwesten von Deutschland mit der bodennahen Nordwestströmung direkt von der südlichen Nordsee, die derzeit deutlich zu warm ist. Damit gilt auch für dieses Starkregenereignis die physikalische Grundlage:

Pro 1 Grad Erwärmung 7% Wasserdampf extra (Clausius-Clapeyron-Gleichung).

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