Archiv der Kategorie: Information

Spannendes Vorweihnachtswetter

Sturmtief Zoltan über Skandinavien mit Frontensystem über Mitteleuropa und nachrückender Welle am Atlantik, Donnerstag, 21. Dezember 2023, 11.45 MEZ (Quelle)

Für Meteorologen bahnt sich eine tagelang spannende, für die Bevölkerung durchaus gefährliche Wetterlage an, bzw. erleben wir heute den Auftakt. Ein kräftiges Sturmtief über Skandinavien, im Luftmassen-RGB-Satellitenbild klar als cold conveyor belt Zyklogenese erkennbar, hat mit seinem okkludierten Frontensystem Mitteleuropa fest im Griff. In Deutschland regnet es zum Zeitpunkt der Analyse (11.30 MEZ) verbreitet leicht bis mäßig. Im Binnenland hält sich der Sturm noch in Grenzen, meist sind es Böen zwischen 50 und 70 km/h, nur auf exponierten Gipfeln gibt es bereits Orkanböen. Das verläuft plangemäß, denn es ist noch viel Warmluft im Spiel, die stabilisierend auf die untere Luftschichtung wirkt und gemeinsam mit dem Niederschlag gehen sich keine trockenadiatischen Temperaturraten aus, die es für eine volle Herabmischung des Höhenwinds zum Boden bräuchte. Anders ist es an der Nordseeküste, dort sickert bereits die Höhenkaltluft ein. In Verbindung mit einem Komma (konvektive Linie) gehen die Spitzen bereits Richtung 80-100 km/h.

Bis heute Abend schreitet die Kaltfront weiter voran und okkludiert über Österreich. Mit dem kaltaktiven Teil könnte es in der Nacht auf Freitag durchaus einzelne Wintergewitter geben, mit Graupel und schweren Sturmböen. Das spielt sich dann im Zeitraum 21 bis 03 Uhr MEZ ab. In den Hochlagen bleibt der Orkan erhalten. Bis Freitagfrüh zeichnet sich intensiver Nordstau ab, wobei Teile des Inntals aufgrund Nordföhn leer ausgehen, aber oberhalb von 800-1000m wird es tiefwinterlich mit erheblichen Schneeverwehungen. Die Lawinengefahr steigt an, mindestens auf Stufe 3, teilweise 4, durch die Triebschneeverwehungen. Naturgemäß sind Verkehrsbehinderungen zu erwarten, aufgrund umgestürzter Bäume, besonders im Morgenverkehr dann. Für Innsbruck sind das Lagen, wo der Nordföhn in Spitzen durchaus mal 120 bis 140 km/h erreichen kann.

Windspitzen von Donnerstagnachmittag bis Freitagfrüh, Quelle: Manuel Oberhuber, Twitter

Bis morgen früh also ein kräftiges Sturmereignis, aber noch im Rahmen der jahreszeitlichen Erwartungen.

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„Wärmegewitter“: Eine Entzauberung

Gewitter am 22. August 2012 nahe Wien

Ich hab das sicherlich schon an einer anderen Stelle thematisiert, aber es gibt selten so gute Beispiele wie heute, um aufzuzeigen was ich meinte. Es geht um den vor allem im Funk- und Fernsehen so beliebten Begriff des „Wärmegewitters“ bzw. „Hitzegewitters“. Dieser soll signalisieren, dass die Gewitter sich an einem heißen Sommertag scheinbar zufällig irgendwo materialisieren und entsprechend unberechenbar sind. Sie führen zu den „vom Gewitter überraschten“ Bergsteigern, aber auch bisweilen überraschten Vorhersagern, die sich nicht erklären können, warum es heute am Ort A gewittert hat und nicht in B. Man bezeichnet sie auch gerne als „Luftmassengewitter“, um zu signalisieren, dass sie in einer homogenen Luftmasse entstehen, wohingegen Frontgewitter an eine Luftmassengrenze gebunden sind. Von der US-amerikanischen Gewitter- und Tornadokoryphäe Chuck Doswell habe ich schon vor bald 20 Jahren gelernt, dass diese Gewitter-Einteilung künstlich ist, weil es immer einen äußeren Antrieb für Gewitter gibt. Sie entstehen niemals zufällig. Es gibt immer eine Art Gradient oder Front oder Trog als Antrieb. Wenn man sich Gewitter nicht erklären kann, hat man nicht genau genug nach den Ursachen gesucht.

„An old idea is that thunderstorms are either of the „frontal“ sort, or the „air mass“ sort. This terminology seeks to distinguish between thunderstorms along fronts (zones of strong thermal gradients) from other sorts of thunderstorms. The idea is that fronts provide a lifting mechanism to develop convection, whereas other thunderstorms develop within broad areas of more or less homogeneous characteristics (air masses). It also is often taken to imply that the thunderstorms develop more or less randomly in the „air mass,“ as opposed to the organization provided by the front. I believe that many thunderstorms develop outside of surface frontal zones (i.e., synoptic-scale fronts). Moreover, the development of thunderstorms is never random … they develop in particular places at particular times for reasons that we may not be able to observe and/or understand, but it is absurd to think that thunderstorms develop, in effect, for no reason!“

Chuck Doswell, Pet Peeves (2002), (Seite leider nicht mehr aufrufbar, Zitat aber rechtzeitig gespeichert)

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Manchmal kommt es anders, als man denkt

Das Lokalmodell AROME vom Montag, 24.07.23, 00z-Lauf: Windböen gültig für 17 Uhr MESZ

Gestern Abend waren sich die meisten Lokalmodelle einzig, dass in der Früh eine Gewitterlinie über die Schweiz und Vorarlberg zieht, gegen Mittag Salzburg und Linz erreicht und am Nachmittag Wien. Dabei waren verbreitet Spitzen von 100-130km/h gerechnet worden, im östlichen Flachland sogar 160 km/h. Sogar das Ensemble von ICOND2 hatte im 18er Lauf noch unisono eine schwere Böenlinie für Wien vorhergesagt, im 00z-Lauf war davon nichts mehr übrig. Das Lokalmodell von Kachelmann („Super HD“) hat zwar noch eine Gewitterlinie im Osten, aber nicht mehr zusammenhängend und vor allem nach Norden hin deutlich schwächer als in den Vorläufen:

Windböen um 17 Uhr über Niederösterreich (Quelle)
Auch das Schweizer Lokalmodell hat die Linie deutlich abgeschwächt von der Intensität her (Quelle)
Unverändert stark das EZWMF-betriebene Lokalmodell mit Orkanböen für Wien (Quelle)
Auch das holländische Lokalmodell hat noch Orkanböen im Osten (Quelle), hier ausgehend von Bayern und Oberösterreich die Donau entlang rasend

Was davon wird jetzt eintreffen?

Fakt ist: Es hat heute Vormittag keine Gewitterlinie über Westösterreich gegeben, der Cluster zog südlich des Alpenhauptkamms durch, der Nordteil schwächte sich ab. Ohne existierendes System muss man die gestrigen Lösungen alle in die Tonne hauen.

Aktuell … ist im Radarloop von Deutschland am ehesten über dem Schwarzwald eine bogenförmige Gewitterlinie auszumachen.

Satellitenbild, sichtbarer Kanal, 11.45 MESZ – Quelle: CHMI

Im Satellitenbild sollte man den gelb eingekastelten Bereich die kommenden Stunden im Auge behalten, der Cluster über dem Oberrheintal wird am ehesten über Süddeutschland ostwärts ziehen und kann sich linienförmig entwickeln. Im roten Bereich befinden sich derzeit zahlreiche Superzellen, die eher alpensüdseitig bleiben und dort sehr großen Hagel, lokale Orkanböen und auch Tornados verursachen können. Vorlaufend zum gelben Cluster können aber auch im Norden bzw. Nordalpenbereich jederzeit größere Gewitterzellen entstehen, ebenso mit Großhagelgefahr.

Ob das Timing von 17-18 Uhr in Wien hält, ist damit momentan noch ungewiss, tendenziell wirds eher etwas später jetzt. Es blebt spannend.

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Rückblick, 25.07.23:

Die Kehrtwende der Modelle war korrekt – es hat kein einziges System „lebend“ bis zum Alpenostrand geschafft. Nördlich der Alpen sind alle Cluster nach Osten hin eingegangen.

12z-Aufstieg von Wien, Quelle: Kachelmannwetter.com

Hochlabil, leicht gedeckelt, eher trockene Grenzschicht, stark geschert. Warum reicht das nicht? Ich hab so ein paar Vermutungen:

12z-Aufstieg aus Oberbayern

München schaute ähnlich aus, Absinkbewegungen oberhalb etwa 600 hPa, stark geschert mit über 50kt oberhalb von 600 hPa, aber dadurch auch viel Cirrusgewölk. Die Ambosswolken breiteten sich in Verlagerungsrichtung aus und killten damit ihre eigenen Aufwinde (fehlende Einstrahlung). Am längsten halten starke Aufwindbereiche durch, wenn der Zellkern am Südrand der Gewitterwolke in den wolkenfreien, erhitzten Bereich läuft, und die Ambosswolke etwa im 90-Grad-Winkel abgelenkt ist – so wie seit Tagen in Norditalien und am Balkan.

Es gab gestern den ganzen Tag über keine nennenswerten Druckanstiege mit den Gewitterclustern über dem nördlichen Alpenraum und Süddeutschland. So konnte sich auch nicht wie vor zwei Wochen ein isallobarisches Druckgefälle aufbauen, sodass sich eine Eigendynamik aus vorderseitiger Erhitzung und rückseitigem Cold Pool hätte entwickeln können.

Die Lokalmodell-Rechnungen einer Gewitterlinie waren jedenfalls ab dem Zeitpunkt schon Käse, wo über der Schweiz keine Ostwärtsverlagerung des Systems erkennbar war, sondern dieses nach Nordosten Richtung Baden-Württemberg abgezogen ist. Gewitterlinien beginnen immer zuerst als Gewittercluster, deren Starkniederschläge irgendwann so viel Kaltluft erzeugen, dass sich diese mit dem Rear Inflow Jet bogenförmig/linienhaft ausbreitet. Alternativ kann sich eine Superzelle in ein Bogenecho umwandeln, allerdings dann auf viel kleinerer Skala als die Lokalmodelle es für den Alpenostrand gerechnet haben.

Infrarot-Satellitenbild mit Wolkenobergrenzentemperaturen in Kelvin, 25.07.23, 10.15 MESZ (Quelle)

Der Gewitterbann in Wien wurde heute Vormittag dann gebrochen, weil sich die schweren Superzellen/Multizellencluster über der Alpensüdseite mit der Südwestströmung soweit nach Nordosten ausgedehnt haben, dass sie auf der bodennah einströmenden Kaltluft aufgleiten.

Ljublijana, 25.07.23, 08 Uhr MESZ

Die Alpensüdseite ist heute früh immer noch hochlabil und enorm geschert mit sehr tiefen Untergrenzen: Alle Arten von Unwettern sind möglich, inklusive Tornados.

Mitternachtsaufstieg Wien, 25.07.00 UTC

Wien ist bis 800 hPa (ca. 2km) Höhe stabil geschichtet mit einströmender Kaltluft (Westwinde), darüber noch sehr labil und stark geschert. Daher reicht es auch heute Vormittag noch für einzelne Blitzentladungen im Osten.

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Tornados in Österreich sind nicht neu!

Das ist mir noch ein Anliegen, daher bau ich das jetzt noch ein: In Social Media häufen sich schon wieder Aussagen wie „Jetzt gibt es auch noch Tornados in Österreich, ein weiterer Beleg für die Klimaerwärmung!“

Die Unwetterdatenbank (eswd.org) des ESSL in Wiener Neustadt mit den zwischen den Jahren 2000 und 2012 aufgetretenen Tornadofällen und jeweiligen Intensitäten (F5-Tornado ist in dem Zeitraum keiner aufgetreten), Quelle: European Commission (2013)

In Österreich treten pro Jahr 6-8 Tornados auf:

Tornadoereignisse in Österreich seit dem Jahr 1900, Quelle: Skywarn Austria

Der stärkste dokumentierte Tornado in Österreich trat 1916 in Wiener Neustadt auf, ein starker F4-Tornado mit 34 Toten und über 300 Verletzten. Inneralpin sind Tornados deutlich seltener und meistens schwächer, es gab aber auch in Ellmau im Tiroler Unterland am 25. August 2012 einen F2-T5-Tornado.

Tornados hat es also schon immer gegeben. Starke Tornados gibt es mit Ausnahme von Winterstürmen nur mit rotierenden Gewitterwolken. Die Bedingungen für Gewitter sind Feuchte, Labilität und Hebung, für rotierende Gewitterwolken braucht es zusätzlich starke Richtungs- und Geschwindigkeitsänderungen mit der Höhe – für starke Tornados braucht es zusätzlich starke Winde in Bodennähe. Und diese Wetterkonstellationen sind weiterhin sehr selten, in der Poebene rein statistisch noch häufiger als im Alpenraum.

Bei Starkregen, Häufigkeit von Großhagel, Hitzewellen, Dürren müssen wir gar nicht diskutieren – der Zusammenhang zur Erderhitzung ist klar. Bei Tornados gibt es noch keinen klaren Trend. Es wird aber jährlich zum Trend gemacht, weil das Langzeitgedächtnis vieler Menschen schlecht ist und über das, was klimatisch bei uns möglich ist, nicht angemessen aufgeklärt wird. Wie bei der Pandemie ist auch Prävention in Österreich unterrepräsentiert. Bei Unwetterwarnungen wird das Fernseh- und Radioprogramm nicht oder selten unterbrochen. Zivilschutzalarm fehlt, die Online-Medien, allen voran der ORF, müssten breite Banner mit Unwetterwarnungen haben, in den 20-120 Sekunden Wetterbericht schafft man kaum vernünftige Informationen, die auch erzieherischen Effekt haben – sprich: erklären, warum und wie etwas entsteht, welche Auswirkungen es hat und wie man sich schützen kann, aber auch, wie man etwas interpretieren muss – gerade im Hinblick auf die Wetterapps (mehr dazu hier).

PS: Zu guter Letzt: Wettervorhersagen kritisieren will gelernt sein.

Orkan POLY verwüstet Teile der Niederlande

Sturmtief POLY über der Nordsee, 05. Juli 2023, 14 Uhr MESZ (Quelle)

Am Dienstag, 5. Juli 2023 entwickelte sich über dem warmen Nordseewasser ein ausgewachsenes Sturmtief namens POLY, dessen Tiefkern unter großer Isobarendrängung den Norden der Niederlande überquerte und dabei in einem schmalen Bereich für Orkanböen bis 150 km/h sorgte. Aufgrund der belaubten Bäume gab es verbreitet schwere Schäden durch umstürzende Bäume. Es wehte aber auch ganze LKWs um und in Rotterdam entgleiste eine Straßenbahn. Für die Niederlande war es der schwerste Sommersturm seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Erderhitzung hat diesen Sturm wahrscheinlicher gemacht:

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Klima-Notstand: Wissenschaftskommunikation muss besser werden.

Der Sommer 1976 war ungewöhnlich heiß und lang. Zum Vergleich der heiße Sommer 2022, keine regionale Anomalie mehr, sondern global markante positive Abweichungen

Die Bilder der Folgen von Wetter- und Klimaextremen wie Dürreperioden, dramatische Gletscherschmelze und massiven Überflutungen gehen zwar um die Welt, trotzdem fehlt für viele Menschen der Kontext zur globalen Erwärmung um 1,5°C oder mehr. Defizite im mathematisch-physikalisch-statistischen Verständnis sind nicht neu, sehen wir derzeit in der Pandemie, dass absolute und relative Risiken, Inzidenzen und Mortalitätsraten nicht verstanden werden. Eine globale Erwärmung um 2 bis 3 Grad Celsius klingt in der Wahrnehmung der Mehrheitsbevölkerung lächerlich wenig. Statt 18 eben 20 Grad. Statt 8 eben 10°C. Cool, muss ich weniger heizen, längere Badesaison im Sommer. Wetterberichte und vor allem Wetter-Apps liefern nur das „Endprodukt“ „Temperatur und Wetter am punktgenauen Ort. So wie man sich im Gasthaus ein Fleischgericht bestellt und in der Regel nicht nachfragt, wer es geliefert hat und wie hoch der CO2-Fußabdruck davon ist. Die Temperatur- und Niederschlagsprognose in der App ist nichts anderes als das fertige Schnitzerl am Teller. In der vereinfachten Vorstellung der Mehrheitsbevölkerung wären die 35°C Höchsttemperatur ohne Klimaerwärmungszuschlag eben 33°C gewesen.

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