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„Split-front-Charakter“ bei Sturmtief BURGLIND

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Bei Sturmtief Burglind handelte es sich um ein vollentwickeltes Sturmtief. Im Gegensatz etwa zu Sturmtief HERWART oder auch KYRILL (2007), EMMA (2008) oder LOTHAR (1999) traten die Sturm- und Orkanböen jedoch ausschließlich an der Kaltfront sowie rückseitig im Höhentrog auf.

Ausgewählte Stationen entlang der Kaltfront mit Spitzenböen:

  • Metz-Nancy (264m): 135 km/h (07 Uhr)
  • Karlsruhe-Siemens (116m): 113km/h (08 Uhr)
  • Waibstadt (237m): 126 km/h (09 Uhr)
  • Basel-Flughafen (270m): 119 km/h (10 Uhr) und 128 km/h (11 Uhr)
  • alle 12 Uhr:
  • Freudenstadt (796m): 139 km/h
  • Luzern (454m): 124 km/h
  • Goldau-Tierpark (578m, 30m hoher Aussichtsturm): 226 km/h! (Orkan Lothar hat hier 1999 80% des Waldbestands zerstört)

Zahlreiche Schweizer Stationen meldeten Orkanböen über 150km/h, einzelne nahe 200 km/h, alles keine 4000er, sondern zwischen 500 und 1500m! Weiterlesen →

Hurrikan Harvey – Mythos und Fakten

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Hurrikan Harvey am 25. August 2017 um 17:18:25 UTC, Cat 4 Stadium,

Quelle: http://weather.cod.edu/satrad/exper/?parms=meso1-13-24-0

 

In der ersten ORF-Meldung zu Harvey ist von zu erwartetem Extremniederschlag keine Rede, sondern es wird sich auf den Sturm fixiert.

Darum wieder einmal eine Klarstellung zu Hurrikan-Gefahren!

Ohne Zweifel sind Spitzenböen bis 200 km/h und mehr sehr gefährlich, decken Häuser ab und lassen die typisch amerikanischen Leichtbausiedlungen wie Kartenhäuser in sich zusammenfallen.  Viel gefährlicher sind jedoch die begleitenden Regenbänder, die schauerartig und gewittrig extrem verstärkt werden. Sie beziehen ihren extremen Wassergehalt vom warmen Golfwasser, dessen Temperaturwerte im übrigen vor der Entstehung des Hurrikans und auch kurz vor der Cat-4-Phase zwar leicht über dem Durchschnitt lagen, aber nicht extrem über dem Durchschnitt lagen!

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Oberflächenwassertemperaturen (Abweichungen vom Durchschnitt) am 21. und 24. August 2017 in der Karibik

Quelle: http://www.ospo.noaa.gov/Products/ocean/sst/anomaly/

Im neuesten Wetterballonaufstieg von Lake Charles, etwa mittig zwischen Houston und New Orleans gelegen, sind die Ursachen für die hohen Regenmengen erkennbar:

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Radiosondenaufstieg vom 27. August 2017, 12 UTC

Bis rund 6000m Höhe überwiegt ein starker Südostwind, somit kommt weiterhin feuchte und – naturgemäß in der Hurrikan-Zirkulation sehr labil geschichtete Luft – direkt vom Golf von Mexiko. Der Wassergehalt beträgt 62 Liter pro Quadratmeter, wenn man die gesamte Luftsäule ausfällen würde. Und das passiert derzeit zeitweise stündlich!

Am 27. August, 16.56 UTC meldeten 20 Flusspegel ein schweres Hochwasser:

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Pegelmeldungen am 27. August 2017, 18.56 MESZ

Quelle: http://water.weather.gov/ahps2/index.php?wfo=hgx

Die Ähnlichkeiten zu Hurrikan Katrina sind frappierend. Auch hier wurden die verheerendsten Schäden durch das nachfolgende Hochwasser verursacht. Ein schnellziehender Hurrikan verursacht zwar starke Sturmschäden, aber die Verweildauer der Niederschlagsgegebiete ist gering. Viel gefährlicher sind langsam ziehende oder gar ortsfeste Systeme mit geringem Sturmpotential, aber langer Verweildauer der Niederschlagsgebiete! Das betrifft Gebiete, die so viel Regen in kurzer Zeit nicht gewöhnt sind oder wo sowohl landschaftlich als auch baulich kaum Überschwemmungsgebiete vorhanden sind, stärker als andere Gebiete, wo das regelmäßiger passiert und die Bewohner entsprechend vorbereitet sind, wenn sie nicht in Ländern mit geringer Infrastruktur leben (Indien, Bangladesch, Südostafrika).

Verursacht wurde die rasche Intensivierung und nun lange Verweildauer durch geringe Höhenwinde, ausreichend warmes Oberflächenwasser im Golf von Mexiko mit 28-30°C kurz vor der  Cat-4-Phase (Quelle: http://www.aoml.noaa.gov/cgi-bin/trinanes/searchmaps2.cgi?month=8&day=24&year=2017

Ist Harvey ein Produkt des Klimawandels?

Ich weiß, es juckt jeden von uns in den Fingern, dem Klimawandelleugner Trump eins reinzudrücken. Meine Meinung als Wissenschaftler ist dazu jedoch gespalten, ich halte Tornados und Hurrikane als kurzlebige, hochgradig nichtlineare Wetterphänomene nicht für geeignet, um damit den Klimawandel zu argumentieren.

Wer erwartet, dass ich die Beteiligung des Klimawandels hier ausschließen kann, wird enttäuscht werden. Das kann ich nicht, aber ich kann ein paar Gründe nennen, weshalb die Entwicklung und die Auswirkungen von Harvey nicht sooo ungewöhnlich sind:

Es ist erst der siebte Hurrikan dieser Intensität seit Aufzeichnungsbeginn 1851, der an Land geht. Der letzte Cat-4-Hurrikan, der Texas traf, war am 11. September 1961 Hurrikan Carla. Der letzte Hurrikan ähnlicher Intensität, der im Golf von Mexiko Landfall beging, war Hurrikan Katrina als Cat 5 Ende August 2005. Spricht nicht zwingend für eine Häufung intensiver Hurrikane!

Landfall-Hurrikane sind statistisch übrigens wesentlich zuverlässiger dokumentiert, weil erst seit 1964 ausreichend und flächendeckende Satellitenmessungen vorhanden sind.

Die beeindruckend hohen, noch nie dagewesenen Regenmengen könnte man von der leicht erhöhten Oberflächenwassertemperatur ableiten (etwa 0,5 bis 1°C über dem Schnitt), aber – in meinen Augen bedeutender – von der Ortsfestigkeit des Tropensturms! Er bewegt sich nur sehr langsam landeinwärts, was an hohem Luftdruck über dem Westen der USA liegt. Dieses blockiert regelrecht die Vorwärtsbewegung. Die potentielle Verweildauer ist enorm. Durch die sehr labilen Luftmassen bilden sich immer wieder langsam ziehende, aber intensive Regenbänder mit extremen Niederschlagsraten.

Bis heute ist nicht vollständig verstanden, warum sich Hurrikane innerhalb kürzester Zeit extrem vertiefen können (Beispiel: Hurrikan Andrew im August 1992: 72 hPa Druckfall in 24 Stunden).

In den vergangenen Jahrzehnten stieg die Oberflächenwassertemperatur in den Tropen um 0,25 bis 0,5°C an (Messbefund). Es gibt keine direkte Korrelation zwischen Oberflächenwassertemperatur und Intensität eines Tropensturms.

Weitere Gegenargumente:

  • Datenverlässlichkeit ist inkonsistent: Mittelwind und Kerndruck werden operationell bestimmt. Je nach Methode (Dvorak 1967, Koba 1969) gibt es Intensitätssprünge (höhere oder niedrigere Kategorien).
  • Erfassung ist inkonsistent, da sich die Technik verbessert (seit 1948 Aufzeichnungen), dadurch werden stärkere Stürme besser erfasst
  • Große Dunkelziffer an „fish storms“: vor der Satellitenbeobachtung ab 1964 wurden nur Landgänge erfasst, ca. ein Drittel aller Stürme erreicht nie das Land.
  • Windscherung ist eine viel fundamentalere Größe, was die Tropensturmentstehung betrifft (KLOTZBACH 2006^1).
  • 60 Jahre Daten sind statistisch nicht signifikant, da es möglicherweise lange periodische Schwankungen gibt, die sowohl ozeanische als auch atmosphärische Ursachen haben (z.B. El Niño) können.
  • Je nach Region ist die Zahl der Tropenstürme hochvariabel

 

^1: Klotzbach, P. J. (2006), Trends in global tropical cyclone activity over the past twenty
years (1986–2005), Geophys. Res. Lett., 33, L10805, doi:10.1029/2006GL025881.

Was spricht dafür? Durch die globale Erwärmung nimmt die absolute Feuchte zu, wodurch theoretisch mehr Energie zur Verfügung steht. Praktisch ist aber der Einfluss der Höhenwinde wichtig, der darüber bestimmt, ob ein Tropensturm zum Hurrikan wird und wie langlebig er wird, ebenso wie langsam oder schnell er zieht.

 

In Summe ist Hurrikan Harvey also kein gutes Beispiel, um den Klimawandel aufzuzeigen. Dafür gibt es dutzend andere gute Beispiele. The American People may look at the widespread wildfires in Canada, the heavy ice melting processes in the Arctic regions as well as retreating glaciers in the alpine Region. There is plenty of evidence given, you don’t need tropical storms to argue for that. You may see Harvey, however, as a possible glance into the future how the unavoidable increase of sea levels may affect coastal areas. Storm surges will be much more powerful than before. I could argue nonscientific and say, ok, take the storm as a sign for climate change. Obviously, you need catastrophic weather events to be convinced that climate change is actually happening right now! And completely irrespective of climate change, the world’s inhabitants do not treat their home very well! Pollution, densely-built-up areas, concrete channels and burning gas and oil will not help. Earth’s  ressources are not endless.

06. Juni 2017: Verflixte Druckwelle

Schon im vergangenen Jahr habe ich den Ablauf einer Druckwelle anhand einer Fallstudie erläutert. Für heute hatten die Wettermodelle ebenfalls die Möglichkeit einer markanten Druckwelle an der Alpennordseite gezeigt. Ich möchte fair bleiben und keinen Wetterdienst bzw. kein explizites Modell an den Pranger stellen. Deshalb mögen es mir die betreffenden Erbauer verzeihen, dass ich die Modelle hier nicht beim Namen nenne.

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Exemplarisch die Rechnungen eines Globalmodells (links) mit Böen bis 70-80 km/h am Alpenostrand, und 50-60 km/h in Oberösterreich. Eine Extremvariante eines Lokalmodells (rechts) zeigte über 150 km/h im Donauraum. Mit näherrückendem Ereignis wurde diese Variante zwar abgeschwächt, doch es blieb bei Böen von verbreitet deutlich über 100 km/h. Weiterlesen →

Europa sucht den Supercomputer!

Extreme Wetterereignisse wie Stürme, Starkregen oder Hitzewellen langfristig vorhersagen, das soll durch Supercomputer und neue Satelliten in den nächsten zehn Jahren möglich werden. Europas oberste Meteorologin war dieser Tage zu Besuch in Wien, um die neue Strategie zu präsentieren, mit der auch Prognosen für Österreich noch genauer werden sollen.

So lautet der heutige Teaser für den Kurzbeitrag im Ö1-Mittagjournal (gehört am 27. Oktober 2016, 12.00).

Sturmtiefs sollen künftig zehn Tage im Voraus bekannt sein. Hochwasserlagen eine Woche im Voraus. Artikel dazu im Kurier (abgerufen am 27.10.16, 12.45)

Dazu soll die Gitterweite des Vorhersagesystems von derzeit 18 auf fünf Kilometer verkleinert werden

schreibt DerStandard (abgerufen am 27.10.16, 12.49), was unrichtig ist, denn aktuell beträgt die Gitterweite bereits 9 km (davor 16).

Wenn man andere Quellen hinzuzieht, zeigt sich, dass die Pressemitteilung nicht richtig gelesen wurde, denn soll nicht das Vorhersagesystem eine bessere Auflösung erhalten, sondern das Ensemble-Vorhersage-System.

Die weltweite so genannte Ensemble-Prognosen-Auflösung soll dafür um mehr als das Dreifache steigen, mit einer Rastergrößen-Verringerung von derzeit 18 auf 5 km

Denn:

„Derzeit haben wir zwei Mal am Tag 52 verschiedene Vorhersagen, und das gibt uns eine größere Zahl an Wahrscheinlichkeiten, wie sich das Wetter entwickeln wird.“ (DerStandard)

Diese 52 Prognosen entstehen, wenn die Ist-Zustände, die ins Modell einfließen („initial conditions“) geringfügig verändert werden. Bisher wurden sie auch mit einer geringeren Gitterpunktsweite gerechnet, das spart Rechenzeit. Immerhin erscheinen diese Ensemble-Prognosen mit Verzögerung nach dem Erscheinen des Hauptlaufs (ohne Veränderung, aber mit der vollen Modellauflösung), und diese Verzögerung kann im operationellen Betrieb hinderlich sein (Vorhersage-Deadlines, kurzfristige Extrementwicklungen).

Früher galten Modelle mit 12 km Gitterweite als Lokalmodelle, EZMWF fungiert also jetzt bereits als Lokalmodell. Das britische Globalmodell UKMO hatte etwa ein Lokalmodell mit 12 km Gitterweite (NAE), das auf 4 km heruntergeschraubt wurde (Euro4).  Das amerikanische GFS-Modell hat zuvor seine Auflösung von 27 auf 13 km verbessert.

Neben den staatlich entwickelten Wettermodellen, von denen es eine Fülle gibt, sind GFS (vor allem in den USA) und EZWMF (vor allem in Europa) derzeit die führenden Wettermodelle („model guidance“). Im Unterschied zu EZMWF sind die Daten von GFS frei zugänglich und daher für private Wetterdienste mit wenig finanziellem Spielraum lukrativ.

EZMWF hat gegenüber GFS einige Vorteile, wobei die höheren Modellauflösung nicht zwingend dazu gehört. Denn es ist keineswegs so, dass sich die Gitterpunktsweite beliebig verringern lässt, immerhin steigt damit auch die erforderliche Rechenkapazität – und was nützt eine perfekte Vorhersage, wenn sie erst zwei Tage nach dem Eintreten des Ist-Zustands verfügbar ist?

Ob es Grenzen der Vorhersagbarkeit des Wetters gebe, „wissen wir nicht“, sagte Rabier. „Je weiter wir in die Zukunft schauen, desto größere Systeme können wir vorhersagen, vielleicht sogar bis zu einem Jahr“

Interpretation

Was derzeit in den Medien kursiert, ist keine Hexerei! Lokalmodelle und Analysemodelle (wie z.B. VERA oder INCA), die speziell für schwierig prognostizierbares Gelände (Alpen) entwickelt wurden, gibt es schon länger. Die Auflösung der Wettermodelle wird weiter verbessert, von allen Wettermodellen.

Ein paar wichtige Einschränkungen, die auch in den Artikeln durchklingen:

  • Eine Verbesserung der Prognose soll vor allem bei großräumigen Phänomenen wie Hitzewellen, El-Nino oder Hochwasserlagen (wie 2002, 2005, 2013) erreicht werden. Je größer die Systeme, desto leichter sind langfristige Prognosen. Wobei etwa das Alpenhochwasser 2005 damals von GFS von den Regenmengen bereits relativ nahe an der Realität weiter im Voraus erfasst wurde. Seit jeher haben die Modelle jedoch größere Probleme mit sogenannten Vb-Zugbahnen („Adriatief“).
  • Die kleinräumig maximierten Extremniederschläge von Ende Mai bis Mitte Juni 2016 sind dagegen auf ein stationäres Höhentief mit vielen kleinen Nebenwirbeln zurückzuführen, die selbst 1-2 Tage im voraus nur schwer in Intensität und Örtlichkeit vorhergesagt werden können. Weder hier noch bei Gewitterzugbahnen oder gar lokalen Wirbeln wie Tornados sollte man sich große Sprünge in den nächsten Jahren erwarten. Auch lokale Sturzfluten lassen sich höchstens wenige Stunden vorher abschätzen. Im gebirgigen Terrain bleibt dies immer schwieriger als im Flachland.
  • Großräumige Sturmtiefs wie Kyrill (18.1.2007) oder Emma (1.3.2008) waren damals bereits eine Woche im Voraus in Intensität und Zugbahn sehr gut erfasst. In den vergangenen Jahren ist die Frontalzone etwas nach Süden gewandert, wodurch es häufiger zu Shapiro-Keyser-Zyklonen gekommen ist (oben genannte Sturmtiefs sind klassische Norwegerzyklonen). Shapiro-Keyser-Stürme entwickeln manchmal sehr kleinräumige und hochgradig schadensträchtigte Starkwindbänder ohne Niederschlag, sting jets genannt. Spitzenböen bis 190 km/h bei Orkan Christian (28.10.2013) gingen auf einen solchen sting jet zurück. Diese sind wesentlich schwieriger vorherzusagen als die maximalen Windböen bei Norwegerzyklonen, die fast immer in Zusammenhang mit heftigen Schauern oder Gewitterlinien auftreten (ausgenommen Höhenlagen im Warmsektorbereich).
  • Die Automatisierung der Wetterbeobachtung schreitet voran, besonders kritische Übergänge von Regen in Schnee bzw. Regen zu gefrierendem Regen drohen dabei leichter übersehen zu werden, wenn keine händische Überprüfung mehr stattfindet. So hat der Deutsche Wetterdienst in den vergangenen Jahren zahlreiche Wetterbeobachtungen durch Vollautomatische Wetterstationen ersetzt bzw. wurden langjährige Messreihen ganz aufgelassen. (Quelle). Die Güte eines Modells lässt sich aber nur dann nachvollziehen, wenn man ein dichtes Messnetz hat. Interpolation aus verfügbaren Daten, Radarwerten und Berücksichtigung der Topographie können Extremwerte nicht erfassen, sondern höchstens annähern. Es sind aber ebenjene Extremwerte, die zu Schäden führen können.

Was ist realistisch?

Im operationellen Betrieb ist es weder vom Personal noch vom Zeitaufwand her möglich, sich alles anzuschauen, was für eine Vorhersage verfügbar ist. Die Grenzen der Wettervorhersage setzen nicht nur die Wettermodelle, sondern auch die Menge an Wetterdaten, die ein Meteorologe bei der Vorhersageerstellung noch verarbeiten kann. Hochaufgelöste Wettermodelle liefern manchmal hervorragende Trefferquoten, was kleinräumige Ereignisse betrifft, sagen sie an anderen Tagen in der richtigen Stärke an völlig falschen Orten vor oder sagen überhaupt etwas vorher, was nirgends eintrifft. Eine Vollautomatisierung der Wetterprognose (wie z.B. durch Wetter-Apps) ist also nicht möglich – sie mag ausreichend bei Schönwetter sein oder bei durchschnittlichen Wetterereignissen ohne Schadenspotential.

Sobald wir uns jedoch in Größenordnungen bewegen, wo vor allem kleinräumige Ereignisse große Schäden anrichten können, wird die Erfahrung des Meteorologen bedeutsam, der bewerten muss, wie realistisch etwas ist. Hier können vor allem Ensemble-Prognosen, die für kürzere Zeiträume (also 24-48h) gerechnet werden, hilfreich sein.

Selbst wenn es uns künftig gelänge, großräumige Unwetterphänomene wie 2013er Hochwasserlagen oder Kyrill-Stürme noch weiter im Voraus vorherzusagen, wissen wir nicht, ob mit dem Klimawandel nicht die kleinräumigen und damit unberechenbareren Ereignisse noch häufiger werden. Gewisse Schäden sind auch unvermeidlich, denn es lassen sich Ortschaften in Hochwasserrisikogebieten nicht verlegen und auch den Wald kann man nicht mit einer Betonhülle schützen, wenn eine Gewitterlinie mit 200 km/h alles plattmacht.

Ich behaupte vorsichtig, mit 14 Jahre Modelle schauen und 6 Jahre Berufserfahrung, dass sich in der Arbeit des Meteorologen relativ wenig ändern wird. Es wird gut prognostizierbare Stürme und Hochwasser geben, aber weiter auch die kleinräumigen Phänomene mit unvermeidbar kurzen Vorwarnzeiten.Gerade die letzten Jahre haben meiner Ansicht nach gezeigt, dass trotz verbesserter Modellleistungen Extremereignisse gleich schwer prognostizierbar bleiben, siehe auch einen früheren Beitrag von mir.

Wenn man sich die jüngste Performance der Wettermodelle bei Hurrikan MATTHEW anschaut, dann war diese nicht schlecht (Zugbahn gut erfasst, Intensität gut angedeutet). Die USA kamen weit glimpflicher davon als Haiti. Auch eine dreiwöchige Im-Voraus-Prognose hätte aus Elendshäusern in Haiti keine stabilen Villen gemacht. Bei Hurrikan NICOLE hingegen und auch dem möglichen Wechselspiel mit MATTHEW durch den Fujiwhara-Effekt waren die Modelle weniger gut. Die Bermuda-Inseln kamen glimpflich davon, ansonsten blieb NICOLE ein Fischsturm.

Rechtzeitige Wetterprognosen nützen nur dann etwas, wenn ein solides Vorsorgemanagement existiert, das ist sowohl eine finanzielle Frage bei armen Ländern als auch eine Bewusstseinsfrage, wie man sich richtig verhält. Ältere Menschen trinken zu wenig und sind bei Hitzewellen anfälliger für Dehydrierung. Ebenso sollte man nicht unbedingt in potentiellen Überschwemmungsregionen sein Haus bauen. Gegen lokale Sturzflutereignisse wie z.B. in Afritz nützt auch die beste Vorsorge nichts, wenn es Orte trifft, die noch nie etwas Vergleichbares erlebt haben. Die Vorwarnzeit hat hier jedoch Grenzen, die sich auch in den kommenden 10 Jahren wahrscheinlich nur wenig verbessern  werden.

Überschwemmungen in Louisiana: cm, mm, l/m² ?

Der ORF berichtet über die Überschwemmungen in Louisiana (abgerufen am 15.8.16, 13.25)

Innerhalb von 24 Stunden fielen in der besonders stark betroffenen Stadt Baton Rouge fast 29 Zentimeter Regen. Eine Wetterstation maß sogar einen Niederschlag von mehr als 43 Zentimeter.

Die Beschreibung in Zentimetern irritiert mich ein wenig. In Europa benutzen wir in der Regel mm oder l/m², wobei für Laien l/m² anschaulicher sind. Im Klartext, Baton Rouge erhielt 290 Liter pro Quadratmeter in 24 Stunden, eine Wetterstation sogar über 430 Liter pro Quadratmeter im gleichen Zeitraum. Das sind gewaltige Summen. Zum Vergleich, beim verheerenden Jahrtausendhochwasser in Sachsen im August 2002 fielen in Zinnwald im Erzgebirge 312 Liter pro Quadratmeter. Beim ebenso verheerenden Hochwasser in Bayern Anfang Juni 2013 fielen in Aschau-Stein am Bayrischen Alpenrand 406 Liter pro Quadratmeter, jedoch innerhalb 4 Tagen!

In den USA benutzt man immer noch Inch (Zoll) als Maßeinheit für den Niederschlag. 1 Inch sind dabei 2,54 cm. Ich schätze, die Redakteure haben einfach die in Inch gefundenen Mengen in Zentimeter umrechnen lassen und darauf vergessen, dass es unüblich ist, hierzulande Regenmengen in Zentimeter anzugeben.

Der Regen in der Region sollte noch anhalten. Der Sturm bewegt sich langsam in Richtung Westen.

Das wiederum klingt nach einem klassischen Übersetzungsfehler. In den USA wird nämlich alles „storm“ genannt, was von normalen Wettererscheinungen abweicht, z.B. rainstorm (für heftige Regenfälle), hailstorm (für massiven Hagelschlag) oder windstorm (für ein masssives Sturmereignis).

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Regenmengen, teils gemessen, teils abgeleitet aus dem Wetterradar, vom 8.-15. August 2016 (Quelle: http://water.weather.gov/precip/

Die tagelangen Regenfälle wurden jedoch nicht durch einen tropischen Sturm oder sogar einen Hurrikan verursacht wie damals Katrina 2005, sondern durch ein stationäres Höhentief. Über Tage hinweg sah das Druckfeld am Boden und in der Höhe nämlich eher so aus:

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500 hPa Geopotential und Bodendruck, gültig für Mittwoch, 10. August 2016, 14 MESZ, Quelle: http://www.wetter3.de

Genau über der Südküste am Golf von Mexiko liegt ein Höhentief, bodennah sehr flache Druckverhältnisse mit einer Tiefdruckrinne. Nach den Prognosen befindet sich auch in den kommenden Tagen weiterhin ein schwacher Höhentrog über der Region, bodennah bleibt der geringe Luftdruck bestehen. Im Vertikalprofil drücken sich tropische Luftmassen und schwacher Tiefdruckeinfluss folgendermaßen aus:

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Radiosondenaufstieg von Lake Charles, Louisiana, am 12. August 2016, 00 UTC

Sowohl bodennah als auch in der Höhe extrem feucht, was 67 l/qm Niederschlag ergibt, wenn die gesamte Luftsäule ausgefällt würde. Dazu enorm labil mit über 3600 J/kg und praktisch keine Sperrschicht, die ein ungehindertes Aufsteigen verhindern könnte. Der Wind weht in allen Höhenlagen schwach und verhindert ein rasches Abziehen des Gewitters. Die Nullgradgrenze ist mit rund 4 km sehr weit oben, womit besonders viel Flüssigwasser zur Verfügung steht (geringe Großhagelwahrscheinlichkeit).

Bei diesen Bedingungen braucht es kein großräumiges Gewitterereignis wie durch einen Hurrikan. Da reichen einzelne Gewitter, die sich zu größeren Clustern zusammenballen und sich über Stunden nicht vom Fleck rühren. Es handelt sich also folglich nicht um einen Sturm, sondern um ein Tiefdruckgebiet bzw. eine Tiefdruckrinne. Wind spielt hier so gut wie keine Rolle bzw. eher im Gegenteil, denn der fehlende Wind verhindert eine rasche Entspannung der Lage.

Millionen Bewohner im Osten der USA leiden unterdessen unter extremer Hitze. In den Städten New York, Philadelphia und Washington galten Hitzewarnungen, weil durch die Kombination von Wärme und Feuchtigkeit gefühlte Temperaturen von 43 Grad Celsius herrschten.

Hierbei handelt es sich um den sogenannten Heat Index. 43°C erreicht man z.B. bei 35 Grad und 55 % Luftfeuchte (entspricht 25°C Taupunkt), oder bei 32°C und 80 % (entspricht 28°C  Taupunkt). Stationsdaten zeigen, dass verbreitet um 35°C bei 25°C Taupunkt gemessen wurden. Das sind durchaus tropische Verhältnisse (New York liegt auf demselben Breitengrad wie Rom). In mitteleuropäischen Sommern kommt der Heat Index selten über 35°C hinaus (entspricht 30°C bei 22°C Taupunkt).