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Blitze erklären (zu) leicht gemacht

Als Abonnent der Wiener Wochenzeitung FALTER lese ich immer wieder gerne und kritisch die Rubrik 7 Sachen, in der Ausgabe 31/15 (erschienen am 29. Juli 2015 in der Print-Ausgabe) wird auf Seite 33 über 7 Sachen geschrieben, „die Sie über BLITZE eventuell nicht wussten“.

Nr.2 dreht sich um die Frage, wie Blitze entstehen:

Durch starke Winde entsteht in Gewitterwolken Reibung. Deshalb bilden sich zwei entgegengesetzte Pole, die sich immer stärker aufladen. Wird die Spannung zu groß, blitzt es.

Hier fehlt ein entscheidendes Element, nämlich: Was wird aufgeladen?

Die Luft? Regentropfen? Der Erdboden? Wolkentröpfchen?

Zutreffend bemerkt handelt es sich – na no na net – um Gewitterwolken, also Cumulonimbuswolken, die vertikal so mächtig sind, dass überhaupt eine Ladungstrennung stattfinden kann.

In einer späteren Gewitterwolke steigt warme Luft nach oben, kühlt sich ab, kondensiert und bildet Regentropfen bzw. Wassertröpfchen. Sind die Aufwinde stark genug, dann gelangt feuchte Luft bis in große Höhen und bildet Eiskristalle. Hält der Nachschub an Wassertröpfchen an, dann lagern sich diese an den Eiskristallen an und verklumpen diese: Es bildet sich Graupel. Wenn die Graupelkörner zu groß bzw. zu schwer für den Aufwind werden, fallen sie nach unten. Dabei reiben sie sich gegen kleinere, positiv geladene Eiskristalle und werden negativ aufgeladen (Ladungstrennung), aber nur wenn die Umgebungstemperatur zwischen -10°C und -20°C liegt. Bei wärmerer Luft (d.h. in tieferen Schichten) werden die Graupelkörner positiv aufgeladen.

Die Ladungstrennung (Spannung) entsteht, weil sich im mittleren Teil der Gewitterwolke ein negativ geladener Bereich entwickelt, und die leichteren Eiskristalle an der Wolkenoberseite eine positive Ladung erzeugen.

Im Anfangsstadium des Gewitters entlädt sich die Spannung zwischen der Schicht mit der größten negativen Ladung und der positiven Zone weiter oben. Im Reife- und Auflösungsstadium findet der Ladungsausgleich zwischen negativer Ladung in der Wolke und positiv geladenem Erdboden statt.

Quellen:

http://www.metoffice.gov.uk/learning/learn-about-the-weather/thunder-and-lightning

Robert Houze Jr., Cloud dynamics, 1993, Academic Press, Kapitel 8.1. Small Cumulonimbus Clouds, S. 271-273

Ein wenig seltener, aber oftmals charakteristisch für das Ende des Gewitters treten die gefürchteten positiven Blitze auf, wenn der Boden nach dem Regen negativ(er) geladen ist, aber von der positiv geladenen Wolkenoberseite ein Blitz einen weiten Weg zum Erdboden zurückgelegt. Entsprechend wird eine besonders große Ladungsdifferenz erreicht und besonders stromstarke Blitze. Diese sind in der Lage, Zerstörungen an Gebäuden, an der Vegetation anzurichten, und können sogar ganze Felsblöcke heraussprengen.

Entsprechend ist die Chance, einen positiven Blitz zu überleben noch geringer als einen negativen Blitz:

Am 8. August 2011 wurde ein deutsches Paar bei einem heftigen Gewitter in Südtirol im Bereich der Wilden Kreuzspitze vom Blitz getötet. Durch die Wucht des Einschlags wurden sie 20 m in die Tiefe geschleudert, es riss dabei auch einen Felsblock heraus. Einem Wanderer wurde sogar der Arm abgerissen.

Zudem schlagen positive Blitze mitunter schon deutlich vom Niederschlagsbereich entfernt ein, manchmal kann es sogar der sprichwörtliche „Blitz aus heiterem Himmel“ sein, 10-20 km vom eigentlichen Gewitter entfernt! In den USA ist die Hälfte der Todesopfer auf einen Einschlag nach Abzug des Gewitters zurückzuführen.

Zurück zur obigen knappen Erklärung im FALTER: Hier sind nicht starke Horizontalwinde gemeint, denn Blitze gibt es auch bei ortsfesten Gewitterwolken, sondern starke Vertikalwinde. Bevor hier aber etwas aneinander reiben kann, müssen erst unterkühlte Wassertröpfchen an den Eiskristallen festfrieren, der entstehende Graupel zu Boden fallen, und sich DANN dabei an den verbleibenden Eiskristallen reiben. Strenggenommen ist also die Schwerkraft für die Reibung verantwortlich, und nicht der Wind.

Und Nr. 4?

Ist man im Freien, sollte man versuchen, nicht der höchste Punkt des Geländes zu sein. Der Blitz schlägt immer in den höchsten Gegenstand der Umgebung ein. Schon in die Hocke gehen, kann da helfen.

Zwar schlägt der Blitz in der Mehrzahl der Fälle in exponierte Stellen oder Objekte ein, weil diese die Distanz zwischen Wolke und Boden verringern, doch trifft dies nicht immer zu. Dazu gibt es auf einer amerikanischen Stormchaser-Seite ein paar nette Beispiele, wo ersichtlich wird, dass Blitze keineswegs nur in den höchsten Punkt einschlagen.

Der Grund dafür ist, dass der absteigende Blitz bis knapp vor dem Einschlag (rund 15-30 m oberhalb) „blind“ für die Objekte ist. Es ist also keineswegs so, dass der Blitz weiß, wo sich die exponierten Stellen befinden. Deswegen sollte man sich nicht automatisch in Sicherheit wähnen, wenn sich in der Umgebung höhere Objekte oder Geländepunkte befinden!

In die Hocke gehen klingt sinnvoll, wenn man sich auf einer Wiese befindet. Bestenfalls handelt es sich um eine Mulde oder einen Graben. Dabei sollte man aber mindestens zwei Dinge beachten:

  • 1. Beine eng beisammen, um die Schrittspannung zu reduzieren!
  • 2. Möglichst keinen wassergefüllten Graben bzw. eine Lacke aufsuchen. Denn bei einem entsprechenden Einschlag leitet das Wasser den Strom dann durch den Körper, und bei einem direkten Treffer wird man zum Blitzableiter.

Weitere Verhaltensregeln 

Graupeln und Schneegriesel

Wieder nichts mit weißen Weihnachten: Laut einer Prognose der ZAMG
dürfte am 24. Dezember in keiner Landeshauptstadt Schnee liegen. Für
Wien und anderen Städten in Beckenlage bleibt zumindest die Hoffnung,
dass durch Graupeln eine Illusion von Schnee geschaffen wird.[…]

[…]

Aus dem dichten Nebel kann es leicht nieseln, Graupeln können liegen
bleiben und so zumindest einen Anschein von Schnee vermitteln.

[…]

Quelle: http://orf.at/stories/2211028/

Für die Schlagzeile „Keine weiße Weihnachten“ möchte der ORF erklären, dass aus einer Hochnebeldecke Schneegriesel fallen und damit für eine hauchdünne Schneedecke sorgen kann. Allerdings entsteht hier eine Begriffsverwirrung zwischen Schnee, Graupel, Niesel und Schneegriesel – und dem nicht einmal erwähnten Industrieschnee, der Landeshauptstädte wie Klagenfurt, Graz und Wien in der vergangenen Woche häufiger beehrt hat.

Kurze Übersicht:

  • Schneefall setzt eine nahezu durchgehende Schicht aus Temperaturen unter Null Grad voraus, mit Ausnahme sehr trockener Luft, wodurch der Luft durch Verdunstungskälte genügend abgekühlt wird, damit der Niederschlag als Schnee fällt. Es handelt sich hierbei um unterkühltes Wolkenwasser, das sich an Kristallationskeime (z.B. Staubteilchen) anlagert und Eiskristalle bildet. Beim Fallen lagert sich unterkühlter Wasserdampf bzw. weiteres Wolkenwasser an und bildet die charakteristischen Kristalle.
  • Graupel besteht aus Schneekristallen, an die sich unterkühltes Wolkenwasser anlagert. Im Unterschied zu Niesel und Schneegriesel ist Graupelniederschlag eine typische Begleiterscheinung von Schauern und Gewittern und entsteht ausschließlich im Winterhalbjahr, da hierfür in der niederschlagsbildenden Schicht durchwegs negative Temperaturen herrschen müssen. Graupel wird je nach Umgebungstemperatur in Reifgraupel (unterkühlte Tröpfchen gefrieren sofort am Eiskorn, wodurch die Körner styroporartig aussehen) und Frostgraupel (unterkühlte Tröpfchen umfließen Eiskorn und bilden festere Körner) unterteilt.
  • Schneegriesel ist der kleine Bruder vom Graupel. Auch er benötigt feine Kristalle, an die sich unterkühlte Wolkentröpfchen anlagern. Er entsteht jedoch nur bei stabilen Wetterverhältnissen aus einer Schichtwolke (Stratus bzw. Hochnebel). Aufgrund der verhältnismäßig geringen Mächtigkeit der Schichtwolke sind die Vertikalbewegungen und die unterkühlten Tröpfchen so klein, dass der Schneegriesel kaum einen Durchmesser über 1 mm erreicht.
  • Niesel (in Deutschland auch: Sprühregen) ist der warme Bruder vom Schneegriesel. Das Vertikalprofil der Temperatur und der Feuchte schaut identisch zu dem des Schneegriesels aus, nur ist die Luftschichtung dabei wärmer als beim Schneegriesel. Bei Wolkentemperaturen zwischen -10 und 0 Grad ist jedoch auch gefrierendes Nieseln möglich, was lokal Glätte produzieren kann. Niesel entsteht durch die Kollision von Wassertröpfchen in einer Stratuswolke.
  • Industrieschnee war für die strecken- und gebietsweise vorhandenen Schneedecken in den Ballungsräumen verantwortlich. Es war sicherlich kein Zufall, nennenswerten Schneefall um Wochenmitte in den südöstlichen Bezirken Wiens über Transdanubien bis teils zum Stephansplatz anzutreffen, und in den westlichen Bezirken, wo man aufgrund des Südostwinds und verbundener Aufwärtsbewegung am Wienerwaldhang eigentlich mit Niederschlag rechnet, kaum einen solchen angetroffen hat. Industrieschnee benötigt dichten Nebel, eine markante Temperaturinversion bei Frost zwischen -5 und -8 Grad (empirischer Wert) und künstliche Kondensationskeime, die etwa durch Industrieabgase bereitgestellt werden.

Während Schneegriesel kaum nennenswerte Mengen akkumuliert, kann Industrieschnee für beträchtlichen Neuschnee sorgen, am 20. Dezember 2007 fielen so 10-20 cm, gebietsweise sogar mehr, Schnee in den Niederlanden und in Nordwestdeutschland.

Ausblick: 

Für die Weihnachtsfeiertage ist es jedoch aus heutiger Sicht unwahrscheinlich, dass sich noch einmal eine Neuschneeauflage durch Schneegriesel oder Industrieschnee ergibt, Reif- oder Frostgraupel ist ohnehin mangels einer instabilen Luftschichtung ausgeschlossen:

An Heilig Abend und am ersten Weihnachtsfeiertag stellt sich eine intensive Südföhnlage ein, die vielerorts auch bodennahe für eine signifikante Erwärmung sorgt. Der in Bodennähe lebhaft auffrischende Südwind hebt die Hochnebeluntergrenze deutlich an, womit die Voraussetzung für Industrieschnee wegfällt und auch der vom ORF erwähnte dichte Nebel großteils kein Thema mehr sein wird. Für den zweiten Weihnachtsfeiertag zeichnet sich ohnehin gewöhnlicher Niederschlag durch ein Italientief ab, das aber im Flachland meist für Regen und nur im Berg- und Hügelland für etwas Neuschnee gegen Niederschlagsende verantwortlich ist.

Hagel und Schneefall in Istanbul?

Für Dienstag, 10. Dezember 2013, überschlugen sich am Abend die Meldungen, nachdem das CL-Fußballspiel zwischen Galatasaray Istanbul und Juventus Turin aufgrund der schlechten Platzverhältnisse witterungsbedingt abgebrochen werden musste.

Unklarheit bestand jedoch bald über die Konsistenz dessen, was da massenhaft vom Himmel fiel.

Schnee und Hagel: Aufstiegskrimi Galatasaray – Juve wird heute fertig gespielt

…

titulierte beispielsweise die Tiroler Tageszeitung am Mittwoch, 11. Dezember 2013 (08:39).

Und weiter …

Istanbul – Die nach starkem Hagel und Schneefall abgebrochene
Champions-League-Partie zwischen Galatasaray Istanbul und Juventus Turin
soll am heute Mittwoch zu Ende gespielt werden. […]

So oder so ähnlich lauten zahlreiche Zeitungsmeldungen seit gestern abend

Hagel oder Graupel?

Problematisch dabei ist jedoch die Verquickung von Schneefall und Hagel, die unterschiedliche physikalische Bedingungen verlangen. Hagel ist eine typische Erscheinung von Sommergewittern bei deutlichen Plusgraden in den untersten 2-3 km der Atmosphäre und viel unterkühltem Flüssigwasser, das sich an ein Graupelkorn („Hagelembryo“) anlagert.

Folgende Vertikalprofile aus Istanbul vom Dienstag, 10. Dezember, 13.00 MEZ und Mittwoch, 11. Dezember, 01 MEZ, zeigen die Bedingungen vor und nach dem Fußballspiel:

hagelgraupel

Quelle: Wyoming Soundings

Rot markiert ist jeweils die Null-Grad-Isotherme und dunkelblau die Obergrenze der Schauerbewölkung. In beiden Fällen erstreckte sich die Schauerbewölkung nur etwa drei Kilometer hinauf, wodurch die Aufwindstärke innerhalb der Schauerwolke begrenzt war. Knappe Plusgrade wurden lediglich am Erdboden und wenige Meter darüber erreicht – die Schauerwolke befand sich folglich durchwegs im Frostbereich.

Dann aber ist die Atmosphäre mehrheitlich mit Eis- und Schneekristallen angereichert, was die Bildung von Graupelkörnern provoziert. Diese sind wesentlich kleiner als Hagelkörner, weicher und ähneln von der Konsistenz her Styropor (porös, leicht und springen auf)

Wie das Video der Twitter-Userin @enchantrez zeigt, handelt es sich um typische Graupelkörner.

Lake-Effekt 

Bleibt zu klären, warum es an der türkischen Schwarzmeerküste zu derartig heftigen Schneeschauern gekommen ist. Die Ursache hierfür ist das verhältnismäßig warme Meerwasser mit durchschnittlich 9 bis 12 Grad. Wenn Luftpakete über die Wasseroberfläche streichen, tanken sie Feuchtigkeit und die bodennahe Schicht über dem Wasser wird zudem labilisiert. Das begünstigt Schauercharakter und erhöht die Niederschlagseffizienz. Je wärmer das Wasser und massiver die Kaltluftzufuhr in der Höhe, desto stärker der „Lake-Effekt“, der punktuell für große Neuschneemengen innerhalb kurzer Zeit sorgen kann.

Prominente Beispiele für Lake-Effekte weltweit:

lakeeffekt

Quelle: Map-for-free.com – Pfeile deuten Richtung der Kaltluftzufuhr an

Der Begriff Lake-Effekt stammt von den Superior Lakes im Norden der USA an der Grenze zu Kanada, wo besonders bei Nordwestströmung heftige Schneeschauer an den Südküsten auftreten können. In Deutschland ist die Ostseeküste bei Rügen und Usedom für den Lake-Effekt berühmt, am Bodensee beobachtet man im Bregenzer Raum enorme Niederschlagsverstärkung sogar das ganze Jahr über. Am Schwarzen Meer ist vor allem die Süd- und Ostküste beim Lake-Effekt begünstigt.

Entscheidend ist die Richtung der Kaltluftzufuhr. Je länger der Weg übers Wassers (engl. „fetch“), desto länger kann sich die Luft mit Feuchtigkeit anreichern.

blacksee

Visuelles Satellitenbild des Schwarzmeers vom 11.12.13

Wie das Satellitenbild von Earthdata NASA  zeigt, strömt die Kaltluft im Westen des Schwarzen Meeres aus Nordosten heran, im Osten aus Nordwest bis Nordost. Für Istanbul wirkt also eine besonders lange Wegstrecke über dem warmen Wasser und generiert entsprechend eindrucksvolle Schauerstraßen.

Bei ihrem weiteren Weg ins östliche Mittelmeer sorgte die hochreichende Kaltluft für weitere heftige Schnee- und Graupelschauer sowie Sturmböen.