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Hochwasser und Italientiefs: Fundierte Erklärungen fehlen

Venedig

Der Pegelstand lag mit 187cm nur 7cm unter dem Stand vom 4.11.1966. Insgesamt sind seit Bau des Markusdoms in Venedig nur fünf Hochwässer bekannt, die höher waren, die dritte Flut erreichte vergangenen Freitag nochmals 154cm. Für Acqua Alta muss eine kräftige Südostströmung das Wasser in die Bucht hineindrücken. Der Meeresspiegel steigt vor allem wegen der schmelzenden Polkappen und weil die Ozeane generell wärmer werden. Wärmeres Wasser dehnt sich stärker aus, auch dadurch steigt der Meeresspiegel an. Für den Fall, dass eine kräftige Südostströmung (Scirocco) vorherrscht, fällt das Hochwasser also tendenziell infolge der Klimaerwärmung stärker aus als früher. Nun gibt es aber auch kritische Stimmen, die sagen, dass das Rekordhochwasser in Venedig hausgemacht sei, etwa Petra Reski. Die Lagune wurde für Öltanker und Kreuzfahrtschaffe ausgebaggert, seitdem dringt das Wasser schneller und stärker in Venedig ein. Zudem sinkt Venedig sukzessive ab, weil das Grundwasser abgepumpt wird. Die Hochwasserschleuse MOSE wird seit 13 Jahren gebaut und ist noch nicht fertig, die Schleusentore sind bereits verrottet.

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Ungewöhnlich oder ganz normal?

Ganz im Stil der Falter-Kolumne „7 Sachen, die Sie über Wetterphänomene in Österreich nicht wussten …“

1 Gewitter im Winter? Dafür ist es doch viel zu kalt?

Der populärwissenschaftliche Ansatz, Gewitter in Front- und Wärmegewitter zu unterteilen, ist mitverantwortlich dafür, dass Gewitter während der Wintermonate als ungewöhnlich wahrgenommen werden. Wärmegewitter suggeriert, dass es für Gewitter unbedingt sehr warm oder heiß sein muss. Wenn es also (subjektiv) kühl oder kalt ist, kann es keine Gewitter geben.

Fallbeispiel vom 27. August 2011, Ostalpenraum

Ein markanter Höhentrog liegt über Westeuropa, vorderseitig wird über den Osten Österreichs und am Balkan sehr heiße Luft herangeführt, von Frankreich, Benelux und der Schweiz her strömt deutlich kältere Luft nach. An der Luftmassengrenze entstehen heftige Gewitter über der Alpensüdseite (in der Warmluft), Entladungen werden aber auch im Nordalpenraum, etwa im Wipptal, beobachtet – bei 8 bis 12°C Lufttemperatur. Obwohl die Bewölkung dort eher einen herbstlichen Charakter annimmt, kompakt und tiefbasig, blitzt es bei teilweise einstelligen Temperaturwerten. Am Nachmittag verschärften sich die Temperaturgegensätze – am Arlberg schneit es bis Passhöhe (1750m) herab, im Osten liegt die Schneefallgrenze noch bei 4500m. 27-08-11-12Es gibt also selbst im Sommer nicht zwingend immer nur bei Hitze Gewitter.  In Wien geschieht es recht häufig, dass die eigentliche Kaltfront von Westen her trocken durchgeht. Der Wind frischt aus Westen auf, die Nacht verläuft relativ mild, aber nicht mehr schwül. Tagsüber steigen die Temperaturen kaum an, dafür ziehen die Gewitter nun von Süden heran wie an jenem Augusttag 2011. Kühler Bodenwind aus Nordwest, darüber mit straffer Südströmung Gewitter, eine typische Gegenstromlage am Alpenostrand.

Im Winterhalbjahr entstehen Gewitter genauso wie im Sommer. Der einzige Unterschied ist der, dass der Input der Sonne häufig geringer oder vernachlässigbar ist. Dass was von unten als Heizung fehlt, macht die Höhenkaltluft wieder wett. Im Winterhalb kühlt es in den oberen Atmosphärenschichten stärker ab. Der treibende Motor von Gewitter sind neben feuchten Luftmassen und Vertikalbewegungen Temperaturdifferenzen zwischen Boden und Höhe. Die Absoluttemperatur spielt bei der Gewitterentstehung eine geringere Rolle! Sehr hohe absolute Werte begünstigen natürlich hohe absolute Feuchte und damit verbunden Starkregen und Großhagel, während bei sehr niedrigen Werten im Winter eher Graupel oder ausschließlich Schnee mit von der Partie sind. Mit anderen Worten: Die Temperatur, die ich am Erdboden empfinde, ist irrelevant für die Gewitterbildung. Wie kalt es in der Höhe ist, kann ich dadurch nicht abschätzen. Der Meteorologe kann das anhand des Wolkenbildes, wie hochreichend die Schauerbewölkung aussieht.

Die meisten Wintergewitter entstehen in Zusammenhang mit einem Kaltfrontdurchgang. Im Spätwinter auch zunehmend rückseitig einer Kaltfront mit der Höhenkaltluft („Aprilwetter“). Dann beginnt die Sonneneinstrahlung auch wieder vermehrt, die vertikalen Temperaturgegensätze zu verschärfen. Der letzte prominente Gewittertag im Winter war der Heilige Morgen (24.12.2018), vgl. dazu meine Fallstudie. Weitere berühmte Fälle sind die Kaltfront in Zusammenhang mit Orkan Kyrill (18.-19.01.2007) und Orkan Emma (01.03.2008). Auch bei Sturmtief BURGLIND am 03.01.2018 sind Gewitter aufgetreten.

Zusammengefasst: Gewittern ist die Tageszeit und Jahreszeit ebenso egal wie die Temperatur am Erdboden. Wichtig sind genügend Feuchte in den unteren und mittleren Luftschichten, genügend Aufwärtsbewegung (Hebung) und große Temperaturgegensätze zwischen unteren und mittleren/oberen Luftschichten.

2 Heute ist so ein trüber Tag, kaum vorstellbar, dass oben auf dem Berg die Sonne scheint.

Im Zeitalter von Webcams verwundert mich immer wieder, wie überrascht viele Wanderer sind, wenn sie durch den Nebel fahren/schweben/wandern und plötzlich die Sonne herauskommt.

Das Zauberwort heißt Inversion, von lat. inversio = Umkehrung.

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Blick vom Gaisberg (1287m) über den Mühlstein (1059m) zu den Hohen Tauern, links das Tennengebirge, rechts das Hagengebirge – 21.November 2018

Oben ist eine klassische Inversionswetterlage bei einem spätherbstlichen Hochdruckgebiet skizziert: Die Hochnebelschicht im Salzachtal reichte bis etwas über 1000m Höhe. Darüber war die Luft sehr trocken mit ausgezeichneter Fernsicht bis zum Ankogel (84km entfernt). Mit der südlichen Höhenströmung hat sich eine schwache Föhnmauer über den Hohen Tauern gebildet. Die Grenze zwischen feuchter und trockener Luft ist nicht nur an der Wolkendecke, sondern auch der scharf abgegrenzten Dunstschichten darüber gut erkennbar. Auch unterhalb der Hochnebeldecke herrscht leidlich gute Sicht, dort liegen Temperatur und Taupunkt etwas weiter auseinander als in der Hochnebelschicht (Temperatur = Taupunkt = 100% relative Luftfeuchte).

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Watzmann und Hochkalter, 21.11.2018

Wann immer oben die Sonne scheint und unten eine Nebel- oder Hochnebeldecke liegt, hat man es mit einer Inversionslage zu tun. Je nachdem, wie kräftig das Bodenhoch ist, liegt die Inversion in unterschiedlicher Höhe. Man spricht auch von Absinkinversion, weil die Inversion durch absinkende Luftbewegungen unter Hochdruckeinfluss zustande kommen.

3 Oben ist es viel wärmer als unten!

Die kleine Schwester der Absinkinversion ist die Bodeninversion. Wie der Name schon sagt, findet die Temperaturzunahme mit der Höhe unmittelbar über dem Boden statt. Sie entsteht durch die kräftige nächtliche Auskühlung, begünstigt durch eine klare windstille Nacht mit schneebedecktem Boden.

 

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Webcambild von Zell-am-See (Quelle: foto-webcam.eu) vom 17. Februar 2019, 07.00 MEZ, mit Blick von Osten auf den Zeller See

Die noch dünne Eisdecke auf dem See schirmte vom wärmeren Tiefenwasser ab. Dadurch konnte die Talfurche vom Saalacher Becken bis ins Salzachtal auf ganzer Länge kräftig auskühlen bis zum Erreichen des Taupunkts (–> Bodennebel). Zum Zeitpunkt des Webcambildes wurden in Zell am See (750m) -9°C, auf der Webcam-Standort-Höhe in 1000m -2°C und auf 1800m +3°C. Am stärksten ist die Temperaturzunahme auf den untersten Metern über der Seeoberfläche.

Am selben Tag zeigte ein Wetterballonaufstieg in München-Oberpfaffenhofen um 01.00 nachts einen Temperatursprung von -1,1°C in 492m auf +11,2°C in 612m, das macht 12 Grad Differenz auf nur 120 Metern Höhenunterschied!

Wie die Absinkinversion setzt auch die Bodeninversion stabile Wetterverhältnisse voraus. Bodeninversionen sind jedoch oft kurzlebiger und können ab dem Spätwinter von der Sonneneinstrahlung weggeheizt werden. Ganztägig groß bleiben die Unterschiede nur im Früh- und Hochwinter bei gleichzeitig kurzer Sonnenscheindauer und wenig Windeinfluss. Im Laufe einer längeren Hochdruckphase mit hohem absoluten Luftdruck kann die Absinkinversion bis auf Bodeninversionshöhe absinken, wie Mitte Februar 2019 und in der Hochdruckphase (Prognose) ab 23. Februar 2019:

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Wetterballonaufstieg vom Montag, 18. Februar 2019, 01.00 MEZ, München-Oberschleißheim, Quelle: Wyoming Soundings

Wie im skizzierten Wetterballonaufstieg vom Gaisberg sieht man hier sehr trockene Luftmassen in der Höhe, jedoch keine feuchte Schicht in Bodennähe. Die trockene Absinkluft hat sich fast bis zum Boden durchgesetzt. In windgeschützteren Alpentälern sind zwar weiterhin flache Nebelschwaden möglich, aber in der Mächtigkeit und Langlebigkeit schon deutlich begrenzt auf die sehr niedrige Inversionshöhe.

4 Warum schmilzt der Schnee bei deutlichen Plusgraden kaum?

Im letzten Beitrag habe ich dieses vermeintliche Paradoxon schon erläutert. Die Kurzfassung: Bei sehr niedrigen relativen Feuchten unter 30 % und gleichzeitigen Plusgraden bis etwa 10°C sublimiert der Schnee großteils, weil Taupunkt und Feuchttemperatur negativ sind, d.h., der Schnee geht von der festen direkt in die gasförmige Phase über. Dieser Prozess ist sehr energieaufwändig und die Schneedecke nimmt dadurch kaum ab. Wenn der Taupunkt negativ bleibt, die Feuchttemperatur aber über Null Grad steigt, geht der Schnee durch Schmelzen sowohl in die flüssige, als auch in die gasförmige Phase über. Der Übergang in die flüssige Phase lässt die Bindungen zwischen den Eiskristallen aufbrechen und die Masse der Schneedecke nimmt schneller ab. Steigt schließlich auch der Taupunkt in den Plusbereich, geht der Schnee ausschließlich von der festen in die flüssige Phase über – er taut.

5 Südföhn im Süden, Nordföhn im Norden?

In Österreich ist vor allem der Südföhn bekannt, er weht in den sogenannten prädestinierten Föhnschneisen, wie wir Meteorologen es auszudrücken pflegen. Bevorzugt sind hier vor allem Alpenpässe und Täler queer zum Alpenhauptkamm, wie Rheintal, Reschenpass, Wipptal und Gasteiner Tal, Pyhrnpass, in weiterer Folge auch das Inntal und Salzachtal und bei starkem Südföhn etliche Täler nördlich des Alpenhauptkamms.

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Südföhnregionen an der Alpensüdseite (rot), Nordföhnregionen an der Alpennordseite (blau), maps-for-free.com

Weniger bekannt ist, dass es natürlich auch Südföhn südlich des Hauptkamms gibt, wie im südlichen Lungau über den Katschberg oder generell der Jauk in Unterkärnten und in der südlichen Steiermark, über die Karawanken, Steiner Alpen und Bachergebirge.

Umgekehrt kommt Nordföhn nicht nur im Süden vor, sondern auch entlang der großen Quertäler der Nordalpen, wie im Oberinntal zwischen Landeck und Innsbruck sowie vor allem rund um Aigen. Essentiell für den Föhn ist ein ausreichend mächtiges Gebirge, auf dessen wind abgewandter Seite die Strömung bis ins Tal absteigen können. So ist das Inntal weder für Süd- noch für Nordföhn geeignet (Innsbruck ausgenommen), sondern erfährt die schönsten Föhnwolken und die kräftigste Erwärmung bei Westföhn, wie etwa am 18. März 2007, Frühtemperatur +0,2°C am Flughafen Innsbruck, Höchstwert +22,0°C. In der Nacht mit Kaltfrontdurchgang wieder 0,6°C an der Uni.

Auch am Alpenostrand gibt es Westföhn, er sorgt auch über Wien oft für die schönsten Föhnfische und hohe Tageshöchstwerte bei stürmischem Westwind.

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Westföhn über dem Wiener Becken, Februar 2011

Hand in Hand mit Nord- und Südstau gehen auch die tiefe Bewölkung und Niederschlag auf der einen Alpenseite und die sonnigen Auflockerungen mit wärmer Luft auf der anderen. Wenngleich die oft in Schulbüchern gezeigte thermodynamische Föhntheorie veraltet ist, nach der die Erwärmung durch das Abregnen im Luv kommt und der Abtrocknung im Lee. Tatsächlich wird bei Föhn leeseitig die potentiell wärmere Luft in über Kammniveau zum Boden transportiert, unabhängig davon, was im Luv passiert. Ausnahme sind nur die Alpenpässe, wo die luvseitig kältere Luft hindurch zu strömen vermag.

6 Tornados im Alpenraum? Das muss der Klimawandel sein!

Vor einigen Jahren war ich noch skeptisch, ob Häufigkeit und Intensität von Tropenstürmen tatsächlich unter Einfluss des Klimawandels zunehmen. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass zwar die Anzahl der Stürme und Hurrikane variabel bleibt, aber Hurrikane sich rascher intensivieren und intensiveren Starkregen hervorbringen. Das hängt direkt mit dem wärmeren Ozean zusammen, der Motor für die Intensität der Tropenstürme. Die hohe Variabilität der Häufigkeitsverteilung liegt jedoch an den Meeresströmungen (El Nino versus La Nina) und diversen Zirkulationen (MJO, Walker-Zirkulation, etc.), ebenso wie an großräumigen Windströmungen in der Höhe. Je schwächer der Höhenwind, desto besser kann sich ein Tropensturm entwickeln, der aus einem unteren und oberen Wirbel besteht. Bei starken Höhenwinden reißt es beide Wirbel regelrecht auseinander. Das ist also gar nicht so trivial, was die Vorhersage deutlich erschwert.

Bei Tornados spielen Wärme und Höhenwind ebenfalls eine wichtige Rolle, aber noch viel, viel kleinräumiger als bei Tropenstürmen, obwohl es sich bei beiden Phänomenen um Wirbel um eine senkrechte Achse handelt. Signifikante Tornados in Mitteleuropa benötigen kräftige Schauer (nicht zwingend Gewitter), damit verbunden kräftige Aufwinde und starken Wind in der bodennahen Schicht, verbunden mit einer Winddrehung mit der Höhe. Günstig sind außerdem eine hohe Bodenfeuchte, weil dann die Wolkenuntergrenze niedrig ist und die Distanz, die der Wirbel zum Boden überwinden muss, kurz ist. Ideal sind also Wetterlagen mit großen vertikalen Temperaturdifferenzen (vgl. Punkt 1 – Gewitter im Winter), entweder durch sommerliche Wärme oder winterliche Höhenkaltluft verursacht, und eine straffe Höhenströmung mit kräftigem Wind außerdem zwischen Boden und ca. 2km Höhe. Dazu reichen auch schon ein Sturmtief und eine markante Kaltfront aus.

Tornados gab es in Mitteleuropa schon immer, einer von beiden F5-Tornados ereignete sich im Jahr 1764 in Woldegk, Mecklenburg-Vorpommern. Am 23. April 1800 gab es einen weiteren F5-Tornado in Hainichen, Sachsen. Aus der jüngeren Vergangenheit werden immer wieder Pforzheim 1968 (F4-Tornado) und Hautmont, Frankreich 2008 (F4-Tornado) genannt.

In Österreich erinnere ich mich noch gut an den F2-T4-Tornado am 25. August 2012 in Ellmau, Tirol. Seit dem Jahr 1570 sind 180 Tornadoereignisse in Österreich durch die Europaische Unwetterdatendank (ESWD) verifiziert. Der letzte bekannte Tornado fand am 15. Juli 2017 am Schwechater Flughafen (!) statt (Video), der letzte starke am 21. Juli 2016 in Karlstein, Waldviertel (F2-T4).

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Regionale Verteilung der 180 Tornados des ESWD in Österreich

Die Häufung der Tornados in größeren Städten hängt zwangsläufig den höheren Chancen für eine Sichtung zusammen, aber nicht nur. Speziell im Südosten Österreichs und am Alpenostrand sind auch die klimatischen Bedingungen günstig, eine Kombination aus schwülwarmer Luft von der Adria und der Interaktion der Windströmungen mit dem Berg- und Hügelland. Inneralpin wurden bisher nur sehr wenige Tornados beobachtet.

Der mit Abstand stärkste Tornado in Österreich fand bereits am 10.Juli 1916 in Wiener Neustadt statt. Die Intensität wurde mit F4-T8 eingestuft, wobei einzelne Hinweise in den Schäden auch F5 in den Raum stellen. 328 Menschen wurden verletzt, 34 starben. Über 150 Häuser wurden beschädigt (Abschlussbericht des ESWD-Forschungsprojekts 2013)

Die Frage sollte damit beantwortet sein – Tornados gab es schon immer. Im Gegensatz zu Hurrikanen ist trotz der enorm verbesserten Beobachtungstechnik (Webcams, Smartphones, Kameras) und Sensibilisierung der Bevölkerung und Fachleute (Wissenschaftliche Projekte, Berichterstattung) keine Zunahme an Tornadoereignissen feststellbar. Im Gegenteil – in den letzten Jahren nahm die Anzahl in Mitteleuropa sogar eher ab. Das liegt am Rückgang schadensträchtiger Gewitterlagen, genauer gesagt haben in den vergangenen Sommern die gradientschwachen Lagen (wenig Wind in allen Höhen) zugenommen, wodurch starke Tornados generell unwahrscheinlicher werden. Das passt zur allgemeinen Tendenz der sich abschwächenden Jetstreams in den gemäßigten Breiten (Temperaturgegensätze zwischen Nordpol und Tropen schwächen sich ab). Im Winterhalbjahr treten weiterhin punktuell (starke) Tornadoereignisse in Zusammenhang mit Sturmtief-Kaltfronten auf, wie z.b. am 23.September 2018 mit FABIENNE (meine Analyse).  Stürme wie XAVIER (05.10.2017) oder FRIEDERIKE (18.01.2018) liefern jedoch keine günstigen Bedingungen für Tornados, weil die Kaltfronten oft unterentwickelt sind und keine kräftige Konvektion beobachtet wird. In Summe ist also keineswegs in trockenen Tüchern, dass im Zuge des Klimawandels Tornados häufiger werden.

7 Industrieschnee: Das weiße Gold unter Hochdruckeinfluss

Industrieschneefall entsteht bei länger anhaltendem Hochdruckeinfluss mit Dauerfrost am Boden und milder Luft in der Höhe. Weitere Voraussetzungen:

  • Temperatur zwischen -5 und -8°C in 200 m Höhe (empirischer Wert)
  • genügend Feuchte in Bodennähe (dichter Nebel)
  • Künstliche Kondensationskeime (Rußpartikel) + Wasserdampf durch Industrieanlagen

Die künstlichen Aerosole fungieren als Ersatz für die fehlende Eiswolken in höheren Luftschichten. Die unterkühlten Wolkentröpfchen treffen nun auf die Rußpartikel und bilden Schneekristalle, die wegen der kurzen Fallstrecke nicht verdunsten und zu Boden fallen. Zudem sorgt die kurze Fallzeit für feinen, nadeligen Schneefall, der lokal begrenzt – nahe Industrieanlagen – auftritt, und somit von gewöhnlichem Schneefall eindeutig unterscheidbar ist.

industrieschnee

MODIS Satellitenbild vom 22.Dezember 2007, Sondenaufstieg De Bilt vom 20. Dezember, 13 MEZ

Zwei Tage vor der gezeigten Aufnahme von TERRA vom 22.12.2007 gab es flächendeckend eine Stratusdecke, die für den notwendigen Wasserdampf sorgte. Die hellen Flecken zeigen teils beträchtliche Mengen an Industrieschnee (10 cm und mehr, örtlich sogar über 20 cm) in der Nähe von Städten und Industrieanlagen. Im Extremfall wurden auch schon rund 30cm Industrieschnee beobachtet.

Selbst habe ich geringere Mengen Industrieschneefall schon im Süden Wiens beobachtet (Silvester 2010), auch in Miltenberg am Main wurde er schon unweit der Papierfabrik gesichtet.

Sublimation, Schmelzen und Tauen

Gleitschneelawinen

Südflanken des Faistenauer Schafbergs (1559m), auf den Wiesen sind mächtige Anrisse zu erkennen, die bei fortschreitender Erwärmung in der Sonne zu mächtigen Nass-Schneelawinen führen können.

„eine geringe Luftfeuchtigkeit lässt in den Bergen den Schnee auch bei Plusgraden nur langsam schmelzen“

(Ö1-Mittagjournal Wetter, gehört am 16.02.2019)

Natürlich ist das mit der relativen Luftfeuchte sehr anschaulich, aber strenggenommen ist es die Erklärung so nur halbrichtig. Denn es macht einen großen Unterschied für die Art der Schneedeckenreduktion, wie hoch die Plusgrade dabei sind. In der Meteorologie unterscheidet man dabei zwischen tauen, schmelzen und sublimieren. Weiterlesen →

Was man über Schnee wissen sollte

In der Ausgabe Nr.3 des Jahres 2014 bringt die Wiener Wochenzeitung Falter auf Seite 33 die beliebten „7 Sachen, die Sie über Schnee wissen sollten“. Große Teile des Texts stammen nahezu wortwörtlich aus Wikipedia.

Schnee entsteht, wenn sich in Wolken feinste Tröpfchen unterkühlten Wassers an sogenannten Kristallisationskeimen (etwa Staubteilchen) anlagern und dort gefrieren.

[…]

Der beschriebene Prozess setzt erst bei Temperaturen unter minus zwölf Grad Celsius ein.

[…]

Auf der Erde kann es bei trockener Luft sogar bis zu plus fünf Grad Celcius haben.

1. In der Atmosphärenphysik spricht man jedoch weniger von Kristallisationskeimen, sondern von Kondensationskernen.

Dazu ein Zitat aus einem Klassiker meteorologischer Fachliteratur:

Die Kondensationskerne werden teils durch Kondensation und Sublimation gasförmiger Verbrennungsprodukte von natürlichen Bränden (Waldbränden) oder künstlichem Feuer gebildet, teils dadurch, daß Teilchen mechanisch zerkleinert werden und dann der Atmosphäre zugeführt werden, wie z.B. Salzpartikeln aus dem Meer oder Staub.

Quelle: Liljequist & Cehak, Allgemeine Meteorologie, 3. Auflage, 1983, Vieweg Verlag, S. 118, 10. Die Kondensationsprozesse in der Atmosphäre

2. Was Wikipedia sträflicherweise vernachlässigt, ist die Quellenangabe der -12 Grad.

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Quelle: http://apollo.lsc.vsc.edu/classes/met130/notes/chapter7/esdiff.html

Sie bezieht sich vermutlich auf die Temperatur, bei welcher die Sättigungsdampfdruckdifferenz zwischen Wasser und Eis am größten ist. Bei dieser Temperatur wird der größte Effekt des Wegener-Bergeron-Findeisen-Prozesses erwartet, gemäß dem die Eiskristalle auf Kosten der verdunstenden Wassertröpfchen wachsen.

Allerdings handelt es sich eher um eine Temperaturspanne, wie sie etwa mit -8 bis -16 Grad angegeben wird, beispielsweise im Stull, Meteorology for Scientists and Engineers, 2000, S. 169.

Schneekristalle bilden sich dann, wenn sich unterkühlte Wolkentröpfchen an einen Kondensationskern anlagern und gefrieren. Durch den Unterschied in der Sättigungsdampfdruckdifferenz zwischen Eis und Wasser wachsen die Eiskristalle durch den Zustrom von Wasserdampf zum Kristall.

Hier ein Beispiel, wie das Vertikalprofil bei gewöhnlichem Schneefall ausschaut:

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An jenem Tag kam es in Graz zu starkem Schneefall mit 10 cm Neuschnee. Dargestellt ist der Verlauf der Temperatur- (rechts) und Taupunktskurve. 100 % Luftfeuchte herrscht dort, wo beide Temperaturkurven aufeinander verlaufen. Oberhalb der -20-Grad-Marke fallen Eiskristalle aus, die in eine vollkommen gesättigte Luftschicht zwischen 3000 m Höhe und Erdboden eintauchen. Dabei lagert sich das unterkühlte Flüssigwasser aus der Wolkenschicht an die Eiskristalle an, und bildet Schneekristalle, bzw. als Konglomerat große Schneeflocken.

3. Die +5 Grad entstammen aus einer Messreihe in Wajima, Japan (Matsuo and Sasyo 1981). Nun ist ein Küstenort im Norden Japans aber nicht sonderlich repräsentativ für ein Binnenland wie Österreich oder den Alpenraum generell.  Denn für Schnee an der Pazifikküste Japans muss die Luftströmung von Nordwesten bzw. Norden kommen, legt dabei aber eine relativ lange Strecke über der Wasseroberfläche zurück.  Sie nimmt dabei relativ viel Feuchte auf und sank laut Graphik auch in einer dreijährigen Messperiode (1975-1978) nicht unter 55 %.

Ich kann einen weitaus extremeren Fall präsentieren, der in engem Zusammenhang mit den verheerenden Windgeschwindigkeiten am 27.01.2008 durch Sturmtief PAULA steht:

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Gleiche Graphik wie oben (Quelle in beiden Fällen: Wyoming Soundings)

Im Gegensatz zu ersterem Fall hat es am Boden jedoch +10 Grad (!), bei einem Taupunkt von -12 Grad. Die relative Luftfeuchte betrug damit am Erdboden nur 20 %, in 1300 m Höhe sogar nur 10 %. An jenem Tag wurden in Bad Tölz am Bayerischen Alpenrand bei +10 Grad Schneeflocken beobachtet.

Über dem Süden Österreich fiel der Niederschlag später in noch trockenere Luft. Die Verdunstung entzog der umgebenden Luftschicht Wärme, viel Wärme in diesem Fall, und kühlte sie markant ab. Da kalte Luft schwerer ist als warme wurde die Luft nach unten beschleunigt und kam als heftiger Fallwind am Boden an. Dies produzierte Windböen in Orkanstärke in weiten Teilen Unterkärntens und der südlichen Steiermark, großflächiger Windwurf war die Folge.

Folglich sind in Mitteleuropa, speziell in Regionen, die weit genug vom Meer bzw. größeren Seen entfernt sind, auch bei zweistelligen Plusgraden noch Schneeflocken möglich.

Zusammenfassung:

Schneefall entsteht, wenn Eiskristalle auf Kosten von Wasserdampf wachsen. Dieser Prozess ist erst einmal unabhängig von der Temperatur am Erdboden.  Die Bodentemperatur entscheidet in Kombination mit der relativen Feuchte lediglich, ob der Schneefall in fester oder flüssiger Form ankommt. Bei allgemein sehr niedrigen Temperaturen ist der absolute Feuchtegehalt ebenfalls gering, der Schnee fällt in Pulverform, dann aber nicht sehr ergiebig aus. Am meisten Schneefall ist also bei einer Warmfront zu erwarten, deren absolute Feuchte relativ hoch ist.

Die -12 Grad (besser: -8 bis -16 Grad) sagen allerdings nur etwas über die Niederschlagseffizienz bei ruhenden Bedingungen aus, d.h., bei klassischem Nord- oder Südstaulagen kann es auch bei höheren Temperaturen in der Atmosphäre schneien, siehe Graz im Dezember 2010, wo die -8 bis -16 Grad bis auf eine dünne Schicht um 2 km herum erst in ca. 6 km Höhe dauerhaft unterschritten werden. Kräftige Hebung der gesamten Luftsäule (durch Tiefdruckeinfluss oder Anströmung an ein Gebirge) bewirkte hier einen stetigen Nachschub an Eiskristallen und unterkühltem Wasser.

Die +5 Grad gelten eher in Küstennähe, während im Binnenland auch bei +10 Grad noch Schneefall möglich ist.

Mein Rat: Wikipedia als Quelle immer hinterfragen, ebenso die Quellen, die in Wikipedia aufgelistet sind. Gerade bei meteorologischen Themen gibt es noch viele, schlecht recherchierte Artikel auf der Wikipediaseite.

Graupeln und Schneegriesel

Wieder nichts mit weißen Weihnachten: Laut einer Prognose der ZAMG
dürfte am 24. Dezember in keiner Landeshauptstadt Schnee liegen. Für
Wien und anderen Städten in Beckenlage bleibt zumindest die Hoffnung,
dass durch Graupeln eine Illusion von Schnee geschaffen wird.[…]

[…]

Aus dem dichten Nebel kann es leicht nieseln, Graupeln können liegen
bleiben und so zumindest einen Anschein von Schnee vermitteln.

[…]

Quelle: http://orf.at/stories/2211028/

Für die Schlagzeile „Keine weiße Weihnachten“ möchte der ORF erklären, dass aus einer Hochnebeldecke Schneegriesel fallen und damit für eine hauchdünne Schneedecke sorgen kann. Allerdings entsteht hier eine Begriffsverwirrung zwischen Schnee, Graupel, Niesel und Schneegriesel – und dem nicht einmal erwähnten Industrieschnee, der Landeshauptstädte wie Klagenfurt, Graz und Wien in der vergangenen Woche häufiger beehrt hat.

Kurze Übersicht:

  • Schneefall setzt eine nahezu durchgehende Schicht aus Temperaturen unter Null Grad voraus, mit Ausnahme sehr trockener Luft, wodurch der Luft durch Verdunstungskälte genügend abgekühlt wird, damit der Niederschlag als Schnee fällt. Es handelt sich hierbei um unterkühltes Wolkenwasser, das sich an Kristallationskeime (z.B. Staubteilchen) anlagert und Eiskristalle bildet. Beim Fallen lagert sich unterkühlter Wasserdampf bzw. weiteres Wolkenwasser an und bildet die charakteristischen Kristalle.
  • Graupel besteht aus Schneekristallen, an die sich unterkühltes Wolkenwasser anlagert. Im Unterschied zu Niesel und Schneegriesel ist Graupelniederschlag eine typische Begleiterscheinung von Schauern und Gewittern und entsteht ausschließlich im Winterhalbjahr, da hierfür in der niederschlagsbildenden Schicht durchwegs negative Temperaturen herrschen müssen. Graupel wird je nach Umgebungstemperatur in Reifgraupel (unterkühlte Tröpfchen gefrieren sofort am Eiskorn, wodurch die Körner styroporartig aussehen) und Frostgraupel (unterkühlte Tröpfchen umfließen Eiskorn und bilden festere Körner) unterteilt.
  • Schneegriesel ist der kleine Bruder vom Graupel. Auch er benötigt feine Kristalle, an die sich unterkühlte Wolkentröpfchen anlagern. Er entsteht jedoch nur bei stabilen Wetterverhältnissen aus einer Schichtwolke (Stratus bzw. Hochnebel). Aufgrund der verhältnismäßig geringen Mächtigkeit der Schichtwolke sind die Vertikalbewegungen und die unterkühlten Tröpfchen so klein, dass der Schneegriesel kaum einen Durchmesser über 1 mm erreicht.
  • Niesel (in Deutschland auch: Sprühregen) ist der warme Bruder vom Schneegriesel. Das Vertikalprofil der Temperatur und der Feuchte schaut identisch zu dem des Schneegriesels aus, nur ist die Luftschichtung dabei wärmer als beim Schneegriesel. Bei Wolkentemperaturen zwischen -10 und 0 Grad ist jedoch auch gefrierendes Nieseln möglich, was lokal Glätte produzieren kann. Niesel entsteht durch die Kollision von Wassertröpfchen in einer Stratuswolke.
  • Industrieschnee war für die strecken- und gebietsweise vorhandenen Schneedecken in den Ballungsräumen verantwortlich. Es war sicherlich kein Zufall, nennenswerten Schneefall um Wochenmitte in den südöstlichen Bezirken Wiens über Transdanubien bis teils zum Stephansplatz anzutreffen, und in den westlichen Bezirken, wo man aufgrund des Südostwinds und verbundener Aufwärtsbewegung am Wienerwaldhang eigentlich mit Niederschlag rechnet, kaum einen solchen angetroffen hat. Industrieschnee benötigt dichten Nebel, eine markante Temperaturinversion bei Frost zwischen -5 und -8 Grad (empirischer Wert) und künstliche Kondensationskeime, die etwa durch Industrieabgase bereitgestellt werden.

Während Schneegriesel kaum nennenswerte Mengen akkumuliert, kann Industrieschnee für beträchtlichen Neuschnee sorgen, am 20. Dezember 2007 fielen so 10-20 cm, gebietsweise sogar mehr, Schnee in den Niederlanden und in Nordwestdeutschland.

Ausblick: 

Für die Weihnachtsfeiertage ist es jedoch aus heutiger Sicht unwahrscheinlich, dass sich noch einmal eine Neuschneeauflage durch Schneegriesel oder Industrieschnee ergibt, Reif- oder Frostgraupel ist ohnehin mangels einer instabilen Luftschichtung ausgeschlossen:

An Heilig Abend und am ersten Weihnachtsfeiertag stellt sich eine intensive Südföhnlage ein, die vielerorts auch bodennahe für eine signifikante Erwärmung sorgt. Der in Bodennähe lebhaft auffrischende Südwind hebt die Hochnebeluntergrenze deutlich an, womit die Voraussetzung für Industrieschnee wegfällt und auch der vom ORF erwähnte dichte Nebel großteils kein Thema mehr sein wird. Für den zweiten Weihnachtsfeiertag zeichnet sich ohnehin gewöhnlicher Niederschlag durch ein Italientief ab, das aber im Flachland meist für Regen und nur im Berg- und Hügelland für etwas Neuschnee gegen Niederschlagsende verantwortlich ist.