Prognosekarte für die mittlere Troposphäre (500 hPa, ca. 5,5km Höhe) für Dienstagabend, 18. Juli 2023 mit Darstellung der Höhendruckgebiete (500 hPa) und Bodendruckgebiete (Isobaren) – Um die Nordhalbkugel verlaufen mächtige Höhenrücken mit über 584gpdm, über dem westlichen Mittelmeer bis knapp 600gpdm (oberer Rand der Skala), die Tiefdruckgebiete sind dazu vergleichsweise schwach ausgeprägt. Im Bereich der Höhenrücken kommt es seit Tagen (Wochen) zu Hitzerekorden und überwärmtes Oberflächenwasser der Ozeane.
Die Tagesschau titelte auf ihrer Webseite vor wenigen Tagen folgende Schlagzeile:
„Seit einigen Tagen herrschen im Süden Europas extrem hohe Temperaturen. Heute gab es eine kleine Verschnaufpause, doch die währt wohl nur kurz: Denn Meteorologen haben schon die nächsten Hochdruckgebiete ausgemacht.„
Ich könnte jetzt einen weiten Bogen schlagen von mangelnder wissenschaftlicher Bildung über jahrzehntelange Versäumnisse in der „Weather Literacy“ (analog zur Health Literacy) bis hin zur journalistischen Verknappung von Aspekten der Meteorologie, die aber für das weitreichende Verständnis der tiefgreifenden Klimaveränderung notwendig sind.
Dieser Absatz steht schon seit längerem (Jahren?) unter jedem Extremwettereignis, aber ist es wirklich so? Hat der alte Leitsatz „Wetter ist nicht gleich Klima“ ausgedient? Etwa, wenn Temperaturrekorde regelrecht pulverisiert werden um fünf Grad, oder an mehreren Tagen in Folge, wenn es Waldbrände in nie gekanntem Ausmaß gibt, wenn es so früh wie noch nie so heiß ist, wie in Südasien oder in China oder auch in Spanien, wenn zwei Drittel des Waldbestands von Deutschland vom Absterben bedroht sind nach fünf Dürrejahren in Folge, wenn das Ozeanwasser so hohe Temperaturabweichungen wie noch nie zeigt. Wenn die Stationsrekorde beim Wind verbreitet pulverisiert werden?
Seit Anfang der 2000er Jahre gibt es ein neues Forschungsfeld, die sogenannte Attributionsforschung: Lassen sich einzelne Extremwetterereignisse auf die Klimaerwärmung zurückführen?
Ein Drittel aller Studien beschäftigt sich mit Hitze, ein Viertel mit Niederschlägen oder Überflütungen.
In 80% der Studien hat sich die Wahrscheinlichkeit von Extremwetterereignissen durch die globale Erwärmung erhöht. Eine kurze deutschsprachige Zusammenfassung zur Attributionsforschung gibt es beim Deutschen Wetterdienst.
Im Übrigen wäre es der Vollständigkeit halber angemessen, auch immer darauf zu verweisen, dass die globale Erderhitzung vom Menschen verursacht wird und genauso vom Menschen eingedämmt werden könnte, wenn es dafür politischen Willen geben würde.
Sturmtief POLY über der Nordsee, 05. Juli 2023, 14 Uhr MESZ (Quelle)
Am Dienstag, 5. Juli 2023 entwickelte sich über dem warmen Nordseewasser ein ausgewachsenes Sturmtief namens POLY, dessen Tiefkern unter großer Isobarendrängung den Norden der Niederlande überquerte und dabei in einem schmalen Bereich für Orkanböen bis 150 km/h sorgte. Aufgrund der belaubten Bäume gab es verbreitet schwere Schäden durch umstürzende Bäume. Es wehte aber auch ganze LKWs um und in Rotterdam entgleiste eine Straßenbahn. Für die Niederlande war es der schwerste Sommersturm seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Erderhitzung hat diesen Sturm wahrscheinlicher gemacht:
Der Sommer 1976 war ungewöhnlich heiß und lang. Zum Vergleich der heiße Sommer 2022, keine regionale Anomalie mehr, sondern global markante positive Abweichungen
Die Bilder der Folgen von Wetter- und Klimaextremen wie Dürreperioden, dramatische Gletscherschmelze und massiven Überflutungen gehen zwar um die Welt, trotzdem fehlt für viele Menschen der Kontext zur globalen Erwärmung um 1,5°C oder mehr. Defizite im mathematisch-physikalisch-statistischen Verständnis sind nicht neu, sehen wir derzeit in der Pandemie, dass absolute und relative Risiken, Inzidenzen und Mortalitätsraten nicht verstanden werden. Eine globale Erwärmung um 2 bis 3 Grad Celsius klingt in der Wahrnehmung der Mehrheitsbevölkerung lächerlich wenig. Statt 18 eben 20 Grad. Statt 8 eben 10°C. Cool, muss ich weniger heizen, längere Badesaison im Sommer. Wetterberichte und vor allem Wetter-Apps liefern nur das „Endprodukt“ „Temperatur und Wetter am punktgenauen Ort. So wie man sich im Gasthaus ein Fleischgericht bestellt und in der Regel nicht nachfragt, wer es geliefert hat und wie hoch der CO2-Fußabdruck davon ist. Die Temperatur- und Niederschlagsprognose in der App ist nichts anderes als das fertige Schnitzerl am Teller. In der vereinfachten Vorstellung der Mehrheitsbevölkerung wären die 35°C Höchsttemperatur ohne Klimaerwärmungszuschlag eben 33°C gewesen.
Sichtbarer Satellitenbildkanal am 18. August 2022, 08.30 MESZ über Italien, mit einem linienförmigen Gewittercluster über dem Golf von Genua, zu dem Zeitpunkt gab es im Norden von Korsika verbreitet Spitzenböen über 200 km/h, Quelle: Kachelmannwetter
Ein Dürrejahr mit wochenlang ausbleibendem Niederschlag kann auch bedeuten: Wenn sich dann wieder eine schwere Gewitterlage abzeichnet, fehlt das Risikobewusstsein – und das ist wohl in Teilen mitverantwortlich für die dramatischen Folgen der Unwetterfront, die am 18. August 2022 über den Süden und Osten von Österreich – mit mindestens fünf Toten – zwei Kinder starben am St. Andräer See im Bezirk Wolfsberg, drei Wanderer kamen im Abstieg vom Dürrenstein/Herrenalm im Bezirk Scheibbs ums Leben. Mehrere Stationsrekorde wurden aufgestellt, etwa in Neumarkt (139 km/h), Mooslandl (124 km/h), Leoben (117 km/h), Köflach (113 km/h), Kapfenberg (112 km/h). In der Steiermark wurden reihenweise Strommasten umgeknickt, hunderte Bäume entwurzelt und Dächer abgedeckt. In weiten Teilen Kärntens und der Steiermark fiel der Strom aus, der Bahnverkehr musste eingestellt werden.
In den Nachrichtenmeldungen ist quer durch die Bank etwas zu lesen von „kam überraschend“, „war unerwartet“, „noch nie erlebt“, aber auch gleichzeitig „auf die Klimakatastrophe zurückzuführen“. Es ist ähnlich wie in der Pandemie – was wir nicht verstehen oder ignoriert haben, bricht über uns herein wie eine Naturgewalt. Dagegen können wir nichts machen, heißt es dann – die Verantwortung von sich schieben. Eigenverantwortung ist derzeit in aller Munde, doch hätte man was machen können?