Schlagwort-Archive: Tropensturm

Ist Zyklon JUNE ein schwerer Sturm?

Der Online-Standard übernahm heute folgende APA-Meldung:

Wirbelsturm trifft voraussichtlich am Sonntag auf Norfolk-Insel

Wellington – Meteorologen haben vor einem schweren Wirbelsturm in der Pazifikregion gewarnt. Es sei damit zu rechnen, dass der Zyklon „June“ am Sonntag auf die Norfolk-Insel zwischen Neukaledonien und Neuseeland stoße, teilte die australische Wetterbehörde am Samstag mit. Für den Schiffsverkehr in der Region wurde eine Warnmeldung herausgegeben.

„June“ werde voraussichtlich als Zyklon der Kategorie zwei mit Windgeschwindigkeiten von 75 Stundenkilometern und Böen von bis zu 100 Stundenkilometern über die Insel hinwegfegen, warnten die Wetterexperten. Außerdem sei mit schweren Regenfällen zu rechnen.

[…] (APA, 18.1.2014)

Aktuelle Prognose des Joint Typhoon Warning Centers und Satellitenbild:

Zyklon JUNE

Im Satellitenbild von heute mittag, 14.32 MEZ (unserer Zeit) sieht man JUNE bereits südlich von Neu-Kaledonien auf die Norfolkinsel zusteuern.

1. Kritikpunkt: Kategorie 2

Die Legende und die derzeit gemeldeten Mittelwinde von 40 Knoten (umgerechnet 74 km/h) klassifizieren JUNE  als Zyklon der Kategorie 1  ein. (Quelle: Hurrikan FAQ von Thomas Sävert).

Das in der Pressemeldung zitierte BOM (Bureau of Meteorology, Australia) geht sogar von einem Verlust der tropischen Eigenschaften des Sturms vor dem Auftreffen auf die Insel aus.  Die Auswirkungen entsprechen dann dennoch jenen eines Kategorie-1-Sturms, mit Mittelwinden über 80 km/h und Böen bis 120 km/h.

TROPICAL CYCLONE JUNE, CATEGORY 1, is expected to continue moving in a south southeast direction over the next couple of days and pass close to the west of Norfolk Island during the early hours of Monday. Tropical Cyclone June will lose its tropical cyclone structure before its approach to Norfolk Island, though the remaining intense low will still have impacts similar to a Category 1 tropical cyclone.

Damaging winds averaging above 80 kilometres per hour, with gusts to 120 kilometres per hour, will develop about Norfolk Island during Sunday morning and persist into Monday morning.

Heavy rainfall, which may lead to localised flooding, is expected to develop during Sunday morning before decreasing during Sunday night.

Quelle: http://www.bom.gov.au/products/IDQ65253.shtml

2. Kritikpunkt: Historie von Zyklon IAN

DerStandard schreibt weiter:

Über den kleinen Inselstaat Tonga im Pazifik war in der vergangenen Woche der bisher schwerste Zyklon in der Geschichte des Landes hinweggefegt. „Ian“ stürmte mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 200 Stundenkilometern über die bei Touristen beliebten Inseln hinweg und zerstörte ganze Dörfer.

Windspitzen bis 200 km/h entsprechen jedoch nur einem Zyklon der Kategorie 3, also der dritthöchsten Stufe. DAS soll der schwerste Sturm in der Geschichte sein?

Das Wall Street Journal hat diesbezüglich genauere Quellen:

Packing wind gusts of up to 145 knots, or around 270 kilometers per hour at its center, Ian was downgraded to a category-4 storm as it made landfall—one level below Typhoon Haiyan, which killed more than 6,000 people and caused extensive devastation in the Philippines in November.

Da wird es schon plausibler, denn hier ist von einem Zyklon der Kategorie 4 die Rede, mit 270 km/h zudem nur knapp unter der höchsten Kategorie 5, und damit nur wenig schwächer als Super-Taifun HAIYAN im November. Mehr Infos zu IAN bei der NASA.

3. Kritikpunkt: Schwerer Wirbelsturm

Kategorisiert werden Wirbelstürme nur anhand der Windgeschwindigkeiten, demzufolge es sich hier im Hinblick auf die fünfteilige Skala als Kategorie-1-Sturm um keinen schweren Wirbelsturm mehr handelt.

Einschränkend sei gesagt:

Nicht nur der Wind entscheidet über die Schwere eines Sturms, sondern auch die Niederschläge, die gerade bei langsam ziehenden Tropenstürmen weitaus größere Schäden durch Erdrutsche, Schlammlawinen und Überflutungen (und nachfolgende Seuchen) verursachen als durch den Sturm selbst.

Laut JWTC wird JUNE mit etwa 25 km/h über die Norfolkinsel vorbei nach Südosten ziehen. Da sich die Regenbänder schubweise um das Auge des Sturms bewegen, regnet es wiederholt mit hoher Intensität in denselben Gebieten. Je langsamer sich der Sturm bewegt, desto länger die Verweilzeit der hohen Niederschlagsintensitäten und damit können in Summe auf oft eng begrenztem Raum enorme Regenmengen zusammenkommen.

Auf Neukaledonien sind beim Durchzug von JUNE keine dramatischen Regenmengen gefallen (meist unter 100 Liter pro Quadratmeter in 24 Stunden).

Die Mengen auf Norfolk Island wird man später hier ablesen können.

4. Kritikpunkt: Relationen

relationen

Quelle: map-for-free.com

Wenn man sich die Fläche der Insel mit nicht einmal 3 000 Einwohnern betrachtet, dann fragt man sich schon, warum dies eine Presseagenturmeldung bedarf. Wenn ein Sturmtief über der Nordsee Helgoland mit 100 km/h beeinflusst, ist uns das schließlich auch keine extra Presseaussendung Wert.

Nachtrag, 20.1.2014

Laut Wetterstation auf Norfolk Island sind mit Durchzug des Sturms knapp 40 Liter pro Quadratmeter in 24 Std. gefallen, die Spitzenböe betrug 98 km/h.

Wenn Tropenstürme für Orkanböen in Kroatien sorgen

Am 11. November tituliert DerStandard:

Heftige Tropenstürme nehmen weltweit zu

darunter ist dann aber folgender Absatz zu lesen:

Ein Blick in die Nachrichtenagenturen am Montag stützt die These, dass
die Stürme insgesamt stärker werden: Im Nordosten Somalias werden nach
einem Sturm am Montag mindestens hundert Todesopfer befürchtet, in
Kroatien fegten etwa zur gleichen Zeit orkanartige Stürme über das Land,
entwurzelten Bäume und rissen Dächer von den Häusern.

Quelle: http://derstandard.at/

Zuerst wird Unschärfe in den Artikel gebracht, denn Stürme ist nun sehr allgemein formuliert, im Kontext des Titels vermutet man aber, dass immer noch von Tropenstürmen die Rede ist.

Dann wird als Beispiel der Tropensturm 03A in Somalia genannt, der kein außergewöhnlich starker Tropensturm war und nicht einmal Kategorie 1 von 5 erreichte. Zum Verhängnis wurde im Gegenteil sogar die Schwäche des Sturms, der sich dadurch nur langsam verlagerte und so über viele Stunden hinweg heftigen Regen ablassen konnte, sodass bei diesem Ereignis der durchschnittliche Jahresniederschlag auf die trockene Erde prasselte.

Cyclone3B_tmo_2013315_lrg

Quelle: http://earthobservatory.nasa.gov/

Pro Jahr bilden sich etwa ein bis zwei Tropenstürme über dem Arabische Meer, aber pro Jahrzehnt begeht etwa nur einer Landfall. Der letzte traf Somalia im Jahr 2012.

Nachdem Stürme aber nach ihrer Windgeschwindigkeit eingestuft werden, nicht nach den Regenmengen, handelt es sich in Somalia nicht um einen besonders heftigen Tropensturm.

Ein völlig anderes Wetterphänomen war in Kroatien für Windspitzen über 200 km/h verantwortlich, wie etwa auf einer Brücke bei Krk 237 km/h am 11.11.13.

sturmtiefluis

Quelle:  http://eumetrain.org/

Der Wind entstand durch ein Tief über Mittelitalien und rasch steigendem Luftdruck durch Kaltluftzufuhr über dem Kontinent. Dargestellt sind hier außerdem die Winde in 10 m Höhe laut Modell. Das Wetterphänomen nennt sich Bora und ist das kalten Pendant zum Föhn in den Alpen. Sie zählt zu den stärksten Gebirgswinden der Welt, da hier kalte Luft in Richtung milde Adria über die Dinariden stürzt. Mit Tropenstürmen oder Klimawandel hat das überhaupt nichts zu tun.