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Gewitter am Heiligen Morgen

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RGB-Satellitenbild von EUMETSAT am 25.12.2018, 04 Uhr MEZ

So mancher Bewohner am Alpennordrand wurde am Morgen des Heiligen Abends unsanft aus dem Schlaf gerissen. Ich hatte das Fenster offen und reagierte eher geistesgegenwärtig, als ich es draußen klappern hörte und sofort hellwach war. Plötzlich tat es einen Knall, ein greller Blitz und lautes Donnergrollen. Dazu schwere Sturmböen und Starkregen wie bei einem sommerlichen Gewitter. Das Gewitter dauerte etwa zwanzig Minuten, der Sturm war nach wenigen Minuten vorbei.  Gegen Ende mischten sich Schneeflocken zum Regen hinzu. Nach Tief VAIA (29/30.10.18) und Sturmtief FABIENNE (23.9.18) war die Kaltfront von Sturmtief TETE das eindrucksvollste Wettereignis der letzten drei Monate. Entlang der Nordalpen führten die Bäche und kleineren Flüsse aufgrund von Starkregen und Schneeschmelze verbreitet ein 1-5jähriges Hochwasser, zudem kam es zu Murenabgängen (Vorarlberg, Allgäu). Weiterlesen →

Abschwächung von Sturm FABIENNE über Österreich – Ursachensuche

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RGB-Satellitenbildanalyse von „FABIENNE“ um 19 Uhr Lokalzeit

Bis etwa 20 Uhr Lokalzeit lief am Sonntag, 23. September 2018, alles programmgemäß. Es bildete sich eine zeitweise über 800 km lange Gewitterlinie von Ostfrankreich über Süddeutschland bis Tschechien und die Südwestgrenze Polens aus. Es entstanden die bogenförmigen Ausbuchtungen an der Linie, lokal fegten Tornados hinweg. Die 159km/h vom Weinbiet klingen zwar spektakulär, ich war dort aber schon oben und die Station steht an einer sehr exponierten Kuppe, ideale Überströmung, und daher nicht ungewöhnlich. Anders die 137 km/h in Würzburg und die 148km/h in Konstanz (alter Rekord von Orkan Vivian am 27.2.1990 von 122 km/h pulverisiert).

In Österreich fiel der Sturm deutlich schwächer aus als erwartet: Reichenau a.d. Rax 121km/h und Reutte 112 km/h noch mit erwarteter Stärke. Sonst aber nirgends höher. In Ramsau/Dachstein 109 km/h, Wiener Neustadt 102 km/h und Irdning/Ennstal 100 km/h.

Irdning steht ebenfalls exponiert, Wiener Neustadt bekam Wienerwaldföhn und Ramsau hatte die Spitze kurz vor 3 Uhr, ebenfalls mit durchgreifendem Nordföhn.

Die Erklärung im ORF (abgerufen am 24.09.18, 11.25 – vmtl. APA-Meldung, weil in etlichen Zeitungen falsch) ist jedenfalls völlig falsch:

Laut Meteorologen haben starke Gewitter in Bayern die angekündigten, orkanartigen Böen erheblich abgeschwächt, teilte Franz Resperger vom Landesfeuerwehrkommando am Montag in den frühen Morgenstunden mit.

Über Bayern sind gerade mit den Gewittern Orkanböen aufgetreten. Und was haben Gewitter in Bayern mit den Windverhältnissen in Österreich zu tun? Weiterlesen →

„Es kann auch Hagel und Sturmböen geben“

hagelViele Gewitterprognosen im Radio, Fernsehen und auf diversen Nachrichtenportalen benutzen immer wieder die gleichen Phrasen, um auf eine erhöhte Unwettergefahr hinzuweisen. Dabei können Hagel und Sturmböen bei fast JEDEM Gewitter auftreten. Es handelt sich also um nichts anderes als um eine Verharmlosung einer potentiellen Unwetterlage. Je nach vorhandenen Hinweisen in den Wettermodellen lässt sich das Wording sehr wohl und begründet verschärfen:

„Es sind großer Hagel und schwere Sturmböen möglich“

„Es sind großer Hagel über 3cm und Böen über 100 km/h möglich“

„Es sind großer Hagel und Orkanböen möglich“

„Die Gewitter bleiben ortsfest und können enorme Regenmengen bringen mit der Gefahr von Überflutungen, Vermurungen und Erdrutschen.“

In der Flugmeteorologie ist ohnehin bekannt, dass JEDES Gewitter Hagel beinhaltet. In Gewittern befindet sich viel unterkühltes Wasser und oberhalb der Nullgradgrenze entstehen Hagelkörner, die dann beim Fallen teilweise oder vollständig abschmelzen. Ein guter Hinweis am Boden liefern große, kalte Regentropfen. Hagel um 1-2 cm Größe ist zwar für die Landschaft problematisch, insbesondere wenn massenhaft davon vom Himmel kommt und Pflanzen erdrückt und Kanalrohre verstopft (Überflutungen!), aber verursacht direkt in der Regel keine Sachschäden. Erst ab 3cm Größe gibt es substantielle Schäden und man sollte darüber nachdenken, sein Auto abzudecken oder unterzustellen. Einen Hinweis auf die Hagelgröße ist also durchaus sinnvoll.  Großer Hagel ist dann wahrscheinlich, wenn viel unterkühltes Flüssigwasser zur Verfügung steht (Modellparameter: PWAT, Mischungsverhältnisse, Taupunkte), viel Energie im Bereich der Hagelwachstumsschicht (Modellparameter: CAPE, lapse rate) und Windzunahme mit der Höhe (Modellparameter: Höhenwind in 3-8 km).

Genauso gibt es bei vielen Gewittern starke Böen, doch begünstigen manche Konstellationen insbesondere Sturmböen, sei es durch starken Höhenwind, durch sehr trockene Luftschichten in Bodennähe (Verdunstungskälte), durch starken Hagelschlag, durch Gewitter, die schnell ziehen und große horizontale Temperaturunterschiede ausgleichen. Wie man gestern in Oberösterreich mit verbreiteten Böen von 90 bis 110 km/h gesehen hat, müssen die Gewitter nicht zwingend linienförmig angeordnet sein. Am späten Nachmittag hatten sich dort große Temperaturunterschiede (32 zu 17) auf kurzer Distanz (< 150 km) aufgebaut. Das bewirkt große Druckunterschiede, die der stürmische Wind ausgleichen möchte. Gewitter mit heftigen Böen entstehen aber nicht nur an solchen Frontlinien, sondern auch vorlaufend zu diesen oder überhaupt isoliert.

Sturmtief sorgt für irreführende Schlagzeilen

Sturm fegte mit 160 km/h über das Land

Mit Böen von über 160 km/h ist in der Nacht auf Montag ein Sturm über Österreich hinweggebraust. Der Orkan sorgte vor allem im Süden Niederösterreichs teilweise für Dauereinsätze der Feuerwehr.

161,6 km/h wurden von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) auf dem Feuerkogel gemessen, dennoch mussten die Feuerwehren in Oberösterreich nur 20-mal ausrücken. Ganz anders die Situation in Niederösterreich, wo am Montag 56 Feuerwehren mit 700 Mann ausrückten.

[…] Ob die Höchstwerte der vergangenen Nacht erreicht oder übertroffen werden, sei nicht vorherzusagen, da lokale Verwirbelungen einen durchaus starken Effekt haben könnten.[…]

Quelle: http://noe.orf.at/news/stories/2744942/

Der Bericht vermengt Sturmtief, Spitzenböen, geographische Besonderheiten und Windspitzen im Flach- und Bergland.

1. wurden die 160 km/h nur am Feuerkogel gemessen, eine besonders exponierte Bergstation auf 1618 m, die vom Leitplankeneffekt profitiert. Sie befindet sich am Alpennordrand und hat den Hausruck gegenüber, wodurch zusätzlich eine gewisse Kanalisierung eintritt.

2. Sturm(tief) ist korrekt, von einem Orkantief spricht man erst, wenn auch in 10 m Höhe im Flachland im Mittel Orkanstärke erreicht wird.

3. handelte es sich um einen sogenannten Warmsektorsturm, d.h., die Kaltfront hat Österreich zum Zeitpunkt der stärksten Windböen nicht überquert. Ober- und Niederösterreich verblieben in der warmen, stabil geschichteten Luftmasse.

Für Oberösterreich bedeutete das, dass die starken Mittelwinde in rund 1500 m (70 Knoten, ca. 125 km/h) nicht vollständig zum Boden herabgemischt wurden, da kein abwärts gerichteter Impuls vorhanden war (z.B. Föhn, Schauer/Gewitter). Entsprechend blieben die Windspitzen im oberösterreichischen Flachland meist zwischen 70 und 90 km/h.

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Feuerwehreinsätze am 30.11.2015, ab Mitternacht; grün: Sturmeinsätze

Die meisten Schäden traten unmittelbar am Alpennordrand auf.

Quelle: http://intranet.ooelfv.at/

In Niederösterreich beschränkten sich die stärksten Böen auf eine eng begrenzte Region unmittelbar am Alpenostrand:

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Quelle: http://www.maps-for-free.com, von mir beschriftet

Die Feuerwehreinsätze Niederösterreichs konzentrieren sich ebenfalls auf die Region vom Schwarzatal an der Rax über die Hohe Wand und das Steinfeld bis nach Wien. Im Gegensatz zu Oberösterreich hielten sich die Spitzenböen entlang der Voralpen in Grenzen.

Warum so große Unterschiede? Hier spielen Schneeberg, Hohe Wand und Wienerwald eine wesentliche Rolle!

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Die Skizze zeigt die Strömungsverhältnisse am 30.11.2015 am Alpenostrand; blau: bodennaher Kaltluftsee

 

Infolge der Gebirgsüberströmung sinkt die Luft im Lee rapide ab und zieht die kräftigen Höhenwinde bis zum Boden hinab. Die Spitzenböen in Wiener Neustadt und im Süden von Wiens sowieso wohl verbreitet (abseits gemessener Werte) unmittelbar am Alpenostrand entsprechen fast 1:1 dem Mittelwind in 1000 bis 1500 m Höhe.

Stromaufwärts, d.h., westlich des Wienerwalds, war die Luftschichtung zu stabil, um die heftigen Höhenwinde herabzumischen.

Ursache für die räumliche Konzentration der Sturmschäden war also Westföhn!

4. Lokale Verwirbelungen treten immer auf, wenn ein starker Höhenwind über ein Gebirge streift. Für kommende Nacht werden ähnlich hohe Mittelwinde in 1500 m Höhe vorhergesagt wie in der vorherigen Nacht. Einzig die durch den starken Regen angefeuchtete bodennahe Luftschicht spricht eventuell gegen vergleichbare Spitzen, denn Leewellen breiten sich in feuchter Luft weniger gut aus als in trockener Luft.

Mexiko: Der „abgesagte“ Monstersturm

Hurrikan PATRICIA war der stärkste Tropensturm im Ostpazifik seit Aufzeichnungsbeginn. Mit 879 hPa Kerndruck lag er aber immer noch 10 hPa über dem stärksten Tropensturm überhaupt (Taifun TIP hatte 870 hPa).

Dabei verstärkte sich „Patricia“ innerhalb von nur 24 Stunden von einem Tropischen Sturm zu einem Hurrikan der Kategorie 5. Dies wurde bisher erst einmal beobachtet, nämlich beim Hurrikan „Linda“ 1997.

Quelle: http://www.saevert.de/ostpazifik/2015/2patricia.htm

Unmittelbar vor Annäherung an die mexikanische Küste hatte der Hurrikan Kategorie 5 und Windspitzen bis 400 km/h, was nach der alten Fujita-Skala einem ausgewachsenen F4-Tornado entspräche. Zudem herrschte mit 325 km/h der stärkste bekannte Mittelwind eines Tropensturms. Der bevorstehende Landfall wurde in den möglichen Auswirkungen bereits mit Taifun HAIYAN auf den Philippinen verglichen, der 6000 Tote forderte.

Plötzlich verbreitete sich die Meldung, der Monster-Hurrikan sei „abgesagt“, so wie eine Veranstaltung abgesagt wird. Aber hat er sich wirklich von einer Presseagenturmeldung auf die andere aufgelöst oder was geschah wirklich?

Weil der Hurrikan eine sehr eng begrenzte und darum so rasch rotierende Augenwand besaß, betrafen die Zerstörungen nur ein relativ kleines Gebiet und zudem eine verhältnismäßig gering bevölkerte Region. Der Landfall fand am frühen Freitagabend, 23.10.15, bei Cuixmala statt, einem Luxus-Rückzugsort. Die Windgeschwindigkeiten betrugen dabei rund 260 km/h. Allerdings dehnen sich die absoluten Windspitzen nicht weiter als 25 km um das Auge herum aus. Die nächste Großstadt mit mehr als 100 000 Einwohnern, Manzanillo, befand sich gut 50 km entfernt.

Wie zerstörerisch sich ein Hurrikan auswirkt, hängt weniger von seiner schieren Größe als von den Umgebungsbedingungen ab. Beispielsweise hatte sich der verheerende Hurrikan KATRINA beim Landfall über New Orleans schon auf Kategorie 1-2 abgeschwächt. Doch sorgten die beständig starken Winde für eine starke Sturmflut, nachfolgend kam der intensive Regen hinzu, dessen Fluten nicht so schnell ablaufen konnten. Auch Hurrikan SANDY bei New York war nicht von extremer Stärke, aber die Windrichtung passte genau, um eine Sturmflut zu erzeugen.

In den betroffenen Regionen verursachte PATRICIA sehr wohl für massive Zerstörungen, wie rund 3500 zerstörte Häuser, Erdrutsche, Überflutungen und Stromausfälle, die über 230 000 Bewohner betrafen, nur eben nicht in den dicht bevölkerten Regionen.

Mexikos Behörden bereiteten sich zudem vorbildlich und umfassend auf den Landfall vor, sodass vorbeugende Maßnahmen hier weitere Opfer verhindert haben. Auch die Küstentopographie hat eine markante Sturmflut verhindert, da hier große Gebiete an seichten Gewässern fehlen.

Der gewichtigste, aber auch schon lange vorher absehbare Grund für eine rasche Auflösung ist aber das breite, hochreichende Gebirge, das die innere Zirkulation des Hurrikans rasch zerstört hat. Die Kombination aus heftigem Wind gegen die Berge und starker Feuchtezufuhr bringt bei längerem Aufenthalt dann den gefürchteten, unwetterartigen Stauregen. Eingelagerte Gewitter können strichweise für enorme Regenmengen sorgen. Allerdings zog der Hurrikan recht zügig landeinwärts mit rund 30-35 km/h, weshalb sich die akkumulierten Mengen insgesamt in Grenzen hielten.

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Quelle: http://www.smythweather.net/precipitation-map/precip-totals-map.php

Insgesamt sogar mehr Niederschlag zeichnet sich derzeit für Texas ab, wo stellenweise bereits bis zu 20 inch (rund 500 mm) gefallen sind, also etwa jene Mengen, die ursprünglich für die mexikanische Westküste vorhergesagt waren. regenmengen_usa

Quelle: http://water.weather.gov/precip/

Der wetterbestimmende Rest von PATRICIA zieht jetzt allerdings nach Osten ab, dann folgt eine kurze Verschnaufpause, ehe am Wochenende das nächste, allerdings außertropische Tiefdruckgebiet neuerlich für heftige Regenfälle in Texas und angrenzende Regionen sorgt.

Zusammenfassung:

Hurrikan PATRICIA hat ein paar Rekorde für den Ostpazifik aufgestellt, wie niedrigster Kerndruck und höchster registrierter Mittelwind. Ebenso war es die zweitschnellste Intensivierung seit Aufzeichnungsbeginn. Es ist dem verhältnismäßig schmalen Starkwindband, der raschen Zuggeschwindigkeit und der geringen Bevölkerungsdichte im Gebiet des Landfalls, aber auch den gut organisierten Vorbereitungsmaßnahmen der Behörden zu verdanken, dass sich eine Katastrophe wie auf den Philippinen nicht wiederholt hat. Starke Schäden hat es dennoch gegeben, und „abgesagt“ ist daher eine unzutreffende Zuschreibung.

Quellen: