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Medienversagen: Die Hitze macht ‚erstmals‘ Pause

abgerufen am 21. Juli 2026 auf orf.at

In der Desinformationsforschung gibt es für solche Überschriften eine passende Beschreibung: „Verschiebung von Torpfosten“ (siehe PLURV-Plakat).

Blicken wir kurz zurück – auf ganz Österreich, denn hier ist ja explizit nicht von Wien die Rede.

Die Hitzewelle begann am Mittwoch, 17. Juni, als erstmals 30 Grad und mehr in Österreich erreicht wurden, konkret in Vorarlberg, in der südlichen Steiermark und im östlichen Flachland. Der vorläufige Höhepunkt war am Sonntag, 28. Juni, mit 40,0°C in Wien. Doch selbst am Tag nach der markanten Kaltfront vom Mittwoch, 1. Juli, wurden am zweiten Juli im östlichen Flachland erneut 30-31°C gemessen. In den Folgetagen konzentrierte sich die Hitze auf die Alpensüdseite. Am Montag, 6. Juli, waren es genau 30,0°C in Bludenz, am 7. Juli wieder verbreitet über 30°C, am 8. Juli 30,0 in Hermagor, seit dem 10. Juli erneut flächenhaft über 30°C. Der 20. Juli markierte den ersten Tag ohne einen einzigen 30er in Österreich. Eine Serie von 33 Tagen mit gleich oder mehr als 30,0°C irgendwo in Österreich ging zu Ende. Das gab es seit Beginn der Wetteraufzeichnungen noch nicht in Österreich. Macht die Hitze also weiter Pause? Nein, sie macht erstmals Pause.

Wenn man die Tiefstwerte betrachtet, gab es am 18. Juni erstmals eine Tropennacht (>= 20°C Tiefstwert) im östlichen Flachland. Am 2. Juli gab es nur am Neusiedler See (Podersdorf) eine Tropennacht mit 20,0°C Tiefstwert, dann nochmals am 3. Juli, sowie erneut ab 6. bis 9. Juli, am 11. und 12. Juli in Wien-Innere Stadt, ab 13. bis 19. Juli wieder vermehrt in Österreich. Tropennächte sind wesentlicher Bestandteil einer Hitzewelle, die sich mit gesundheitlichen Folgen, körperlich und psychisch auf die Bevölkerung niederschlägt. Machte die Hitze also nach den Extremwerten von Ende Juni Pause? Nicht überall und nicht einmal in der Nacht. Hinzu kommt die von den Gebäuden (Wänden) gespeicherte Wärme. Jeder in einer unklimatisierten Wohnung kennt das Problem derzeit: Solange man lüftet, ist es angenehm, aber sobald die Fenster zu sind, steigt das Innenthermometer rasch um 1-2°C an. Bis auch die Außenwände wieder abkühlen, wird einige Zeit dauern.

Der viel dramatischere Bestandteil der diesjährigen Hitzewelle ist die begleitende Trockenheit, die im Artikel gar nicht angesprochen wird. Für Deutschland gibt es dafür diesen instruktiven Dürremonitor. Für Österreich den Dürre-Index (berücksichtigt Niederschlagsmengen, Temperatur und Verdunstung).

Dürre-Index gültig für 14. Juli 2026, Quelle: @wetterblogAT (Bluesky)

Am 15. Juli hat es vor allem im westlichen und südwestlichen Bergland ergiebig geregnet, an den Folgetagen gab es punktuellen Starkregen durch lokale Gewitter, wie am Samstag, 18. Juli, in den westlichen Wiener Stadtbezirken (Hohe Warte: 48mm). Die Kaltfront brachte dafür am Sonntag nur entlang der Bayrischen Kalkalpen bis Innviertel nennenswerten Niederschlag, sonst nur punktuellen Gewitterregen, der aufgrund der Intensität häufig an der Oberfläche abrinnt.

Verdorrte Biermeierwiese bei Kaltenleutgeben, 19. Juli

Die Verklärung der aktuellen Hitze und Dürre in Österreich bzw. in ganz Europa in den Medien nimmt ebenso historische Ausmaße an: „muss mit Schauern gerechnet werden„, „ist es zum Glück am Abend wieder trocken„, „herrscht perfektes Badewetter“ sind Formulierungen, die in der aktuellen Zeit der beschleunigten Klimaerwärmung nurmehr deplatziert wirken. Ich könnte inzwischen ein Dutzend ORF-Bundeslandmeldungen zitieren, die über die gravierenden Folgen der extremen Trockenheit für Ökosysteme und Landwirtschaft berichten. Doch wann endet die scheinbare „Feel-Good“-Direktive für die österreichischen Radiosender und Nachrichtenmeldungen, die den Bürgern nicht den Spiegel vor Augen hält, was Anti-Klimaschutz-Politik über Jahrzehnte hinweg angerichtet hat? Ob wir einen Sinneswandel jemals erleben werden?

„Es kann auch Hagel und Sturmböen geben“

hagelViele Gewitterprognosen im Radio, Fernsehen und auf diversen Nachrichtenportalen benutzen immer wieder die gleichen Phrasen, um auf eine erhöhte Unwettergefahr hinzuweisen. Dabei können Hagel und Sturmböen bei fast JEDEM Gewitter auftreten. Es handelt sich also um nichts anderes als um eine Verharmlosung einer potentiellen Unwetterlage. Je nach vorhandenen Hinweisen in den Wettermodellen lässt sich das Wording sehr wohl und begründet verschärfen:

„Es sind großer Hagel und schwere Sturmböen möglich“

„Es sind großer Hagel über 3cm und Böen über 100 km/h möglich“

„Es sind großer Hagel und Orkanböen möglich“

„Die Gewitter bleiben ortsfest und können enorme Regenmengen bringen mit der Gefahr von Überflutungen, Vermurungen und Erdrutschen.“

In der Flugmeteorologie ist ohnehin bekannt, dass JEDES Gewitter Hagel beinhaltet. In Gewittern befindet sich viel unterkühltes Wasser und oberhalb der Nullgradgrenze entstehen Hagelkörner, die dann beim Fallen teilweise oder vollständig abschmelzen. Ein guter Hinweis am Boden liefern große, kalte Regentropfen. Hagel um 1-2 cm Größe ist zwar für die Landschaft problematisch, insbesondere wenn massenhaft davon vom Himmel kommt und Pflanzen erdrückt und Kanalrohre verstopft (Überflutungen!), aber verursacht direkt in der Regel keine Sachschäden. Erst ab 3cm Größe gibt es substantielle Schäden und man sollte darüber nachdenken, sein Auto abzudecken oder unterzustellen. Einen Hinweis auf die Hagelgröße ist also durchaus sinnvoll.  Großer Hagel ist dann wahrscheinlich, wenn viel unterkühltes Flüssigwasser zur Verfügung steht (Modellparameter: PWAT, Mischungsverhältnisse, Taupunkte), viel Energie im Bereich der Hagelwachstumsschicht (Modellparameter: CAPE, lapse rate) und Windzunahme mit der Höhe (Modellparameter: Höhenwind in 3-8 km).

Genauso gibt es bei vielen Gewittern starke Böen, doch begünstigen manche Konstellationen insbesondere Sturmböen, sei es durch starken Höhenwind, durch sehr trockene Luftschichten in Bodennähe (Verdunstungskälte), durch starken Hagelschlag, durch Gewitter, die schnell ziehen und große horizontale Temperaturunterschiede ausgleichen. Wie man gestern in Oberösterreich mit verbreiteten Böen von 90 bis 110 km/h gesehen hat, müssen die Gewitter nicht zwingend linienförmig angeordnet sein. Am späten Nachmittag hatten sich dort große Temperaturunterschiede (32 zu 17) auf kurzer Distanz (< 150 km) aufgebaut. Das bewirkt große Druckunterschiede, die der stürmische Wind ausgleichen möchte. Gewitter mit heftigen Böen entstehen aber nicht nur an solchen Frontlinien, sondern auch vorlaufend zu diesen oder überhaupt isoliert.