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25.6.16: Erst kam der Wind, dann die Gewitter

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Ankunft der Gewitterfront in Ostbayern

Die Nacht vom 25. auf den 26. Juni 2016 hatte eine kuriose Gewitterentwicklung im Osten von Österreich zu bieten. Die Meteorologen einschließlich mir rechneten im wesentlichen mit zwei Szenarien: Entweder ziehen Gewitter in Verbindung mit stark auffrischendem Westwind von Westen über die Bundeshauptstadt oder es greift nur der Westwind in Gestalt einer Druckwelle – ohne Niederschlag – durch und beendet damit die kurze Hitzewelle.

Exkurs: Was ist eine Druckwelle?

Eine Druckwelle entsteht durch einen starken bodennahen Anstieg des Luftdrucks infolge gebietsweise kräftiger, meist konvektiver Niederschläge. Die Verdunstungskälte sorgt für eine starke Abkühlung relativ zur Umgebung. Bei größeren zusammenhängenden Gewittergebieten („Gewittercluster“ oder „Gewitterlinien“) steigt der Luftdruck im Bereich des stärksten Niederschlags rasch an, während er stromabwärts (in Richtung der Zugbahn) weiter fällt oder stagniert. Das Druckgefälle bringt den Ausgleichswind hervor, der sich speziell im Donauraum und am Alpenostrand mit stürmischen Böen aus West bis Nordwest bemerkbar machen kann. Die Vorderkante dieses Kaltluftbergs wird auch Outflow Boundary genannt. Weiterlesen →

Windkanal zwischen Leopoldsberg und Bisamberg?

In der Falter-Ausgabe 10/16, Rubrik 7 Sachen, erläutern die Autoren die Windverhältnisse in Wien.

Auf die Frage, warum in Wien so oft der Wind geht, antworten sie:

„Das hat insbesondere mit dem Bisamberg und dem Leopoldsberg zu tun. Die schleusen die Luft wie ein natürlicher Windkanal durch die Stadt.“

Schauen wir uns doch einmal die topographische Lage von Wien an:

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Abbildung 1: Lage der Berge und Stationen, Quelle: maps-for-free.com

Beschriftung: 1 = Leopoldsberg, 2 = Bisamberg, 3 = Wetterstation Innere Stadt, 4 = Hohe Warte, 5 = Mariabrunn, 6 = Unterlaa

Zuerst sollten die Größenverhältnisse auffallen, der Wienerwald, der einen breiten Gürtel um den Westen Wiens herum bildet, der winzige Bisamberg, der durch die Donau abgeschnitten wurde. Die Unterbrechung zwischen Leopoldsberg und Bisamberg wird Wiener Pforte genannt.

windrichtung

Abbildung 2: Mittlere Windrichtung an den Stationen Mariabrunn, Hohe Warte, Innere Stadt und Unterlaa, Quelle: ZAMG Klimadaten

Aufgetragen habe ich hier die Windrosen (Durchschnittswerte der Windrichtung von 1971-2000) für die obigen Wetterstationen. Für die Hohe Warte dominiert der Westwind noch vor dem Nordwestwind, ebenso für Mariabrunn. In der Inneren Stadt sind West und Nordwest zu gleichen Teilen vorhanden, nur im äußersten Süden von Wien regiert im Schnitt reiner Nordwestwind.

Wenn es tatsächlich zu einem Düseneffekt durch die Wiener Pforte kommen würde, sollten speziell Hohe Warte und Innere Stadt doch deutlich mehr Nordwest bzw. Nordkomponente enthalten?

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Abbildung 3: Schematische Darstellung eines Windkanals („gap flow“) – Quelle

Für den Fall einer Nordwestanströmung würde sich das etwa so auswirken:

gap flow

Abbildung 4: Strömungspfeile und Abgrenzung des vom Düseneffekt beeinflussten Gebiets

Bei Nordwestwind würde der Hauptteil der Strömung der Donau entlang ziehen und vor allem den 21. und 22. Bezirk beeinflussen. Ein kleiner Teil würde nach Süden bzw. Südwesten abgelenkt werden, dann jedoch als Nordwind. Weite Teile der Innenbereiche sowie nahezu der gesamte Westen und Südwesten von Wien blieben unbeeinflusst.

Speziell die mittlere Windrichtung der Hohen Warte spiegelt diesen Effekt jedoch nicht wider, d.h., hier kommt ein anderer Effekt zum Tragen, der sich auch im Westen und Südwesten auswirkt: Gebirgsüberströmung!

Die wesentlichen Faktoren für Westföhn habe ich bereits in einem früheren Beitrag vom 17.3.2014 erläutert. Bei Nordwestanströmung ist folglich nur ein kleiner Teil des Düseneffekts in Wien einflussreich, das betrifft vor allem Floridsdorf und die Donauplatte, wo die auch im FALTER angesprochenen Fallwinde von den Hochhäusern zusätzlich den Wind beschleunigen. Der Löwenanteil Wiens wird jedoch von der Überströmung des Wienerwalds beeinflusst, speziell in Mariabrunn und den angrenzenden östlichen Bezirksteilen wirkt sich hier hier ein Düseneffekt durchs Wiental aus, wodurch der Wind mehrheitlich aus West kommt.

Sonst findet die Überströmung sowohl bei Nordwest als auch bei West statt, wobei bei Westanströmung die Wiener Pforte kaum noch eine Rolle spielt. Westföhn sorgt außerdem für stärkere Windspitzen als Nordwestföhn, was vor allem an der Stabilität der beteiligten Wetterlagen liegt. Bei ausgeprägtem Westföhn handelt es sich vor allem um Warmfront bzw. Warmsektorlagen (stabil geschichtete Atmosphäre), während Nordwestwind mit Rückenseitenwetter (hinter der Kaltfront) einhergeht (labil geschichtete Atmosphäre). Je stabiler die Schichtung, desto stärker der Föhn.

Die südlichsten und südöstlichsten Teile von Wien liegen schon vergleichsweise weit vom Wienerwald bzw. der Wiener Pforte entfernt, hier überwiegt meist der synoptische Wind (d.h. die vorherrschende Hintergrundströmung Nordwest). Die freien, flachen Kuppen von Laaerberg und Wienerberg sorgen hier für erhöhte Windgeschwindigkeiten.

Eine Windrichtung haben wir jetzt unterschlagen: Südost!

Speziell im Sommerhalbjahr, aber auch im Herbst, wenn Hochnebellagen häufiger werden, werden lange Südostwindphasen höchstens kurzzeitig von West- bzw. Nordwestwind unterbrochen (Frontdurchgang, Gewitterlinien). In den östlichen und südlichen Bezirken findet der Südostwind kein Hindernis, hier weht er meist besonders lebhaft. In Wienerwaldnähe wird der Südostwind hingegen durch den Anstieg der Topographie abgebremst. Speziell in der Nacht kann bei schwachen Druckverhältnissen auch eine flache Talwindzirkulation in Gang kommen, d.h., der Wienerwald kühlt sich stärker ab als die verbauten Stadtgebiete und bildet ein kleinräumiges Hochdruckgebiet aus, dann weht schwacher Westwind, wie etwa im Wiental.

Fazit:

Vom Windkanal der Wiener Pforte wird nur ein kleiner Teil der Bewohner Wiens etwas mitbekommen, vor allem der 19. Bezirk, der 20. sowie der westliche 21. Bezirk liegen im direkten Einflussbereich. Aber: Auch hier nur bei deutlicher Nordwest bis Nordnordwestanströmung, die im Klimamittel jedoch seltener auftritt als West bis Westnordwest. Im Sommerhalbjahr überwiegen überhaupt die Südostwinde, die bei Föhntendenz im Alpenraum lebhaft bis stark werden können (der Gewitterkiller).

Ein Sonderfall stellen Donauplatte und Wienerberg dar, wo die Hochhäuseransammlungen für zusätzliche Fallwinde sorgen. Die Donauplatte bekommt noch etwas Düseneffekt mit, während der Wienerberg als flache Kuppe Überströmungseffekte zeigt.

Eine letzte Abbildung noch zur großräumigen Anströmung und den Einfluss der Topographie in ganz Niederösterreich.

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Abbildung 5: Schematische Darstellung bei Westanströmung (a) und Nordwestanströmung (b)

Bei reiner, oft strammer Westanströmung  (a) findet bereits ein Düseneffekt entlang des Alpennordrandes statt. Dieser wird durch das verjüngende Donautal zwischen Böhmischer Masse (Waldviertel) und Voralpen (Mostviertel) nochmals beschleunigt (ebenfalls ein „gap flow“), was insbesondere für Orte wie Melk, St. Pölten und die Buchbergwarte im westlichen Wienerwald sowie am Jauerling (Wachau) und auf der Jubiläumswarte (Wien) für erste Windspitzen sorgt.

Bei Nordwestanströmung findet jedoch teilweise eine Ablenkung des Winde statt. Ein Teil gelangt als Nordwestwind vom Waldviertel über das Tullner Feld, die Wiener Pforte bis zum Marchfeld, der andere wird durch das Donautal zwischen Amstetten und Mölk als Westwind abgelenkt. Typisch für diese Konstellation ist die Ausbildung einer Bodenkonvergenzlinie (Konvergenz = Zusammenströmen des Windes), die sich vom Waldviertel zum Wienerwald und etwas darüber hinausgehend erstreckt. Entlang dieser Konvergenzlinie steigt die Luft auf und bildet bei ausreichend labiler Schichtung Schauer oder Gewitter. Im meteorologischen Jargon nennt man diese auch Waldviertelexpress.

Auch aus dieser Abbildung wird ersichtlich, dass selbst im Fall einer Nordwestanströmung die westlichen Wiener Bezirke tendenziell eher eine Westkomponente erhalten, während die östlichen Bezirken tendenziell auf Nordwest bleiben.

Nachtrag:  In der FALTER-Ausgabe 11/16 wurde der Sachverhalt richtiggestellt. Vielen Dank!

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Entmystifizierung der Ufowolke

Im Spiegel-Online wird sensationsheischend folgende Schlagzeile tituliert:

Vulkan Teide auf Teneriffa: Wolken-Ufos über der Mondlandschaft

Die Gruppe einigt sich schnell auf die Bezeichnung Ufowolke. Das schneeweiße Oval am blauen Himmel scheint vollkommen glatt zu sein, keine wolkentypischen Aufbauschungen, die Ränder sind zart verwischt. Als habe jemand ein Loch in den Himmel geschnitten – oder eben als schwebe da ein Ufo.

Karvaly gefällt der Begriff. Über Naturphänomene spricht sie wie über Menschen. Die glatte Wolke bringe schlechtes Wetter mit, erklärt sie. „Wenn sie sich auf die Spitze des Teide setzt, ist innerhalb von wenigen Stunden alles bewölkt, und es gibt ein Unwetter.“

Zum Glück ist in der Wetterkunde immer alles so einfach.

Bei Ufo-Wolken handelt es sich um Föhnwolken, Meteorologen sagen umgangssprachlich Föhnfische dazu, der lateinische Fachbegriff lautet Altocumulus lenticularis.

Sie entstehen bei der Überströmung von Bergen bzw. Gebirgen. Dabei kühlt die Luft mit 0,65 Grad pro 100 m ab und kondensiert zu Wolken. Auf der windabgewandten Seite sinkt die Luft mit 1 Grad Erwärmung pro 100 m ab, die Wolke löst sich auf. Beim Überströmen werden die Stromlinien gedrängt, weshalb die Wolkenoberseite glatt erscheint. Eine typische Wolke existiert so nicht, für Föhnwolken sind eben glatte Oberseiten typisch.

Beispiele für Föhnwolken:

Altocumulus lenticularis

Abb.1: Föhnwolke in den Türnitzer Alpen (vom Tiroler Kogel fotografiert)

Altocumulus lenticularis

Abb.2: Tiefe Föhnwolke (mitunter schon Stratocumulus) bei Südföhn im Wipptal, hier mit Serles (2717m) im Vordergrund

Altocumulus lenticularis

Abb.3: Föhnwolke bei Nordföhn in Innsbruck, über dem Südhang der Nordkette hängt tiefe Staubewölkung (Schneeschauer)

Altocumulus lenticularis vesperalis

Abb.4: Föhnwolken in der Abendsonne, bei Nordföhn über die Raxalpe vom Payerbach-Reichenauer Bahnhof aufgenommen

Wolkenschlange

Abb.5: Wolkenwalze im Lee des Schneebergs, Niederösterreich (Südföhn)

Steigungswolken

Abb.6: Tiefe Wolken beim Überströmen der Schneealpe (Westföhn)

Cumulus pileus

Abb.7: Sonderform einer Föhnwolke: Wenn Aufwinde Gewitterwolken erzeugen, bildet sich manchmal ein Hauberl aus.

Während vom Gebirge versetzte (d.h. im Lee der Gebirgskette) Föhnwolken bei überwiegend trockenen Luftschichten entstehen (Abb. 1-4), bildet sich die Steigungswolken, die sich als Haube (Abb. 5-6) über den Gipfelbereich legen, nur bei genügend Feuchte in den bodennahen Schichten (< 2000 m). Es handelt sich dann aber nicht zwingend um Schlechtwetterboten. In Abb.6 ist die Front bereits durchgezogen, die Restfeuchte überströmt die Ostalpen, bildet aber keine Schauerwolken mehr aus.  Im Sommerhalbjahr verhält sich die Lage oft anders, dann können die Gipfelhauben in der Tat Gewittervorboten darstellen.

So friedlich eine einzelne Föhnwolke aussieht, steht sie doch für zwei von vier Zutaten für Schwergewitter:

  • Feuchte (Existenz einer Wolke)
  • starker Wind in der Höhe (glatte Form, Föhneffekte)

Ist die Luftschichtung zudem instabil und nähert sich eine Kaltfront bzw. ein Tief (in höheren Luftschichten), können sich Gewitterwolken bilden, die langlebig und mit unwetterartigen Begleiterscheinungen (Sturzregen, großer Hagel, Sturmböen) ausfallen.

Das gilt übrigens nicht nur für die Kanarischen Inseln, sondern ist auch im Alpenraum anwendbar.

Wenn eigene Fehlprognosen ärgern

In einem kritischen Watchblog wie diesem, der vor allem die Fehler der anderen beleuchtet, schadet auch etwas Selbstkritik nicht. Der gestrige Tag bietet dazu einen guten Anlass, da ich mich in der Prognose der Höchstwerte für Österreich gründlich getäuscht hatte und gebietsweise bis zu 8 Grad hohe Abweichungen zugeben muss.

Besonders ärgerlich sind Fehlprognosen dann, wenn man hinterher feststellt, dass es eindeutig war und man nur etwas studierten Hausverstand hätte einsetzen müssen.

Großwetterlage

Eine ausgedehnte Tiefdruckrinne reicht von Island über die Britischen Inseln bis in den westlichen Mittelmeerraum. Der Alpenraum liegt an der Vorderseite der Trogachse und damit wiederholt unter Zufuhr warmer Luftmassen aus Süd.

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Selbstkritikpunkt 1:

Abbildung 1: Unüblich zu sonstigen Südföhnlagen ist es in der Höhe (hier 500 hPa = ca. 5,5 km) recht kalt mit Temperaturen um -25 Grad. Das hat Auswirkungen auf die Stabilität der Atmosphäre.

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Abbildung 2: Da von Süden immer wärmere Luft zugeführt wird, können sich – luftmassenbedingt – keine großen Temperaturgegensätze zwischen Alpensüdseite und Alpennordseite aufbauen. Diese Lage ist häufig typisch für den Dimmerföhn, also viel hohe/mittelhohe Bewölkung durch die Warmluftzufuhr in der Höhe. Der fehlende Kaltluftsee im Süden reduziert außerdem das Druckgefälle über die Pässe hinweg nach Norden, was die treibende Kraft für kräftige Föhnwinde ist.

850 mb Temperatur

Selbstkritikpunkt 2:

Die Fehleinschätzung rührte jedoch von der Unterschätzung des vertikalen Temperaturunterschieds zwischen mittleren Lagen (hier: 850 hPa = 1500 m) und höheren Lagen (5,5 km) her.

Abbildung 3: Denn dieser beträgt bei -25 Grad in 5500 m und +5 Grad in 1500 m genau 30 Grad. Lässt man den Aspekt Temperaturinversionen weg, handelt es sich bei 30 Grad um eine instabile Luftschichtung!

Blitze

Abbildung 4: Über der nördlichen Adria bis nach Mittelkärnten und Slowenien entstanden in der labilen Luftmasse Gewitter mit Starkregen.  Dies potenzierte die Folgefehler meiner Prognose, was ich nachfolgend mit der Situation entlang der Karnischen Alpen skizziert habe:

Abbildung 5:

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a) Bei einer stabil geschichteten Luftmasse mit Kaltluftsee an der Alpensüdseite regnen sich die Stauwolken oft schon am Karnischen Hauptkamm ab, in Osttirol und Oberkärnten scheint dann die Sonne oder es bleibt bewölkt, aber meist trocken mit höchstens schwachem Niederschlag.

b) Bei einer instabil geschichteten Luftmasse wie am Sonntag, 19.1.2014, existiert kein Kaltluftsee südlich der Karnischen Alpen. Entsprechend sind dort Gewitter unterwegs, die bis über den Gebirgskamm nach Kärnten ausgreifen. Meist handelt es sich in Kärnten dann um Ambosswolken, die schauerartig und gewittrig verstärkten Starkregen (oder ergiebigen Schneefall!) bringen. Je labiler die Luftschichtung, desto weiter greifen die Schauer und Gewitter bis zum Alpenhauptkamm aus. Durch die Verdunstungskälte wird die Luftmasse an der Alpensüdseite deutlich abgekühlt, entsprechend schneite es in Osttirol und Oberkärnten je nach Intensität bis in die Niederungen.

Und voilà – wir haben trotz Zufuhr warmer Luftmassen und synoptisch-skalig geringem Druckgradienten dank des Starkniederschlags einen markanten horizontalen Temperaturunterschied am Alpenhauptkamm, was in einem verstärkten Druckgefälle nach Norden hin resultiert!

Selbstkritikpunkt 3:

Ich ging bei der Erstellung der Prognose jedoch davon aus, dass die Föhnströmung zu schwach sei und die Warmluftzufuhr in Pass- und Kammniveau zu stark ist, und damit die Tallagen an der Alpennordseite vom Südföhn entkoppelt sind, d.h. im Kaltluftsee baden, der sich – auch aufgrund der erwarteten dichten Bewölkung – nicht so stark erwärmen kann.

Zum Zeitpunkt der Höchstwerte an der Alpennordseite, gegen 15.00 MEZ, wurden folgende Temperaturen gemessen:

Unmittelbar südlich des Alpenhauptkamms 0 bis +4 Grad in den Niederungen, in den Föhnregionen verbreitet 10 bis 16 Grad, am Patscherkofel (2200m) -2 Grad, auf der Zugspitze (3000m) -5 Grad, auf der Schmittenhöhe (2000m) +3 Grad. Diese Bergstationen liegen jedoch bereits im Lee des Alpenhauptkamms, unterliegen also bereits einer (geringen) Erwärmung, während es unmittelbar am Alpenhauptkamm noch wenige Gräder kälter war.

Vereinfacht gesagt herrscht dann Föhn, wenn die Luftmasse vollständig durchmischt wurde, d.h., vom Berg ins Tal die Temperatur mit 1 Grad pro 100 m zunimmt.  Dies führt zu erstaunlichen Resultaten:

  • Zugspitze: -5 Grad, Garmisch-Partenkirchen: +16 Grad. Höhenunterschied: 2300 m, Temperaturunterschied: 21 Grad.
  • Patscherkofel: -2 Grad, Innsbruck: +13 Grad. Höhenunterschied: 1600 m, Temperaturunterschied: 15 Grad.
  • Sonnblick: -6 Grad, Salzburg: +16 Grad. Höhenunterschied: 2700 m, Temperaturunterschied: 22 Grad.

in allen Fällen betrug der Temperaturunterschied mehr als  0,8 Grad pro 100 m, die etwas höhere Diskrepanz in Salzburg erklärt sich dadurch, dass die Luft erstens einen weiteren Weg vom Hauptkamm bis ins nördliche Salzachtal zurücklegen muss (und von den Seitentälern Kaltluft nachströmt) und zweitens wohl aus etwas niedrigeren Höhen stammt.

Ergebnis: Die Föhnluft stammte aus großen Höhen, es wurde also sehr wohl die warme Luft in der Höhe bis ins Tal gebracht. Kaltluftseen hatten keine Chance, sich beständig zu halten.

Selbstkritikpunkt 4:

Abbildung 6: Turbulenzballen-Theorie:

turbulenzballen

a) Bei einer typischen Föhnlage im Winter sind die Täler bedingt durch geringer Bewölkung und Schneebedeckung stark ausgekühlt. Lange Nächte begünstigen die Auskühlung. Der Kaltluftsee ist dann mehrere hundert Meter dick. Wirbel mit horizontaler Achse (Turbulenzballen) müssen so groß wie die Kaltluftschicht sein, um diese zu erodieren und schließlich zu entfernen. Es wird also eine starke Strömung benötigt, oder eine labile Luftschichtung!

Abbildung 7: Beispiel: München (Alpenvorland), 19.1.2014, 13.00 MEZ

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München liegt weit abseits der Alpen, zu weit entfernt, als dass Föhnwinde sich hier bemerkbar machen könnten. Die Kaltluftschicht war zwar seicht, aber sehr stabil, mit über 10 Grad Temperaturanstieg auf wenigen hundert Metern. Darüber nahm die Temperatur bis fast 4000 m trockenadiabatisch (1 Grad pro 100 m) ab, erst darüber befand sich eine ewas stabilere Luftschichtung. Die instabile Luftschichtung war also fast 3000 m dick!

b) Ist der Kaltluftsee hingegen sehr seicht, weil etwa die Schneebedeckung fehlt (am 19. Jänner recht verbreitet in den Nordalpen bis über 1500 m hinauf gegeben!) oder Wolken die nächtliche Auskühlung verhindern, dann reichen sehr kleine Wirbel bereits aus, um den Kaltluftsee zu entfernen. Am 19. Jänner war der Föhn am Nachmittag bereits am Abschwächen als der Föhn verbreitet durchbrach. Die instabile Luftschichtung war dafür verantwortlich, dass trotz schwachen Föhnwinden vielererorts der Kaltluftsee ausgeräumt wurde.

Abbildung 8: Beispiel Innsbruck (Alpennordseite), 19.1.2014, 04 MEZ

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Am Innsbrucker Flughafen wurden um 04 MEZ nur 2 Grad gemessen, an der nur 2 km östlich gelegenen Universität waren es bereits +8,5 Grad. Die Kaltluft war nur wenige Dekameter bis wenige hundert Meter dick, darüber herrschte bis etwa 2900 m eine relativ instabile Luftschichtung, ebenso oberhalb von 4000 m. So einen Temperaturverlauf mit der Höhe sieht man eher im Frühsommer, tagsüber sind dann mitunter Schauer oder Gewitter die Folge.

Selbstkritikpunkt 5:

Die instabile Luftschichtung verhinderte außerdem die Entstehung kompakter Schichtwolken, welche die Sonneneinstrahlung und Tageserwärmung vermindert hätten.

Wenn warme Luft nordafrikanischen Ursprungs im Spiel ist, muss man immer die Möglichkeit von Saharastaub in Betracht ziehen, der über Nordafrika aufgewirbelt und mit der lebhaften Südströmung nach Mitteleuropa verfrachtet wird.

Saharastaub

Abbildung 9: Exemplarisch dafür die Analyse von Montag, 20.1., um Mitternacht. Staub wurde großflächig über den zentralen Mittelmeerraum bis in den Alpenraum und zum Balkan verfrachtet. Staubteilchen dienen jedoch als Kondensationskerne, an die sich bei ausreichender Luftfeuchte unterkühlter Wasserdampf anlagert. Dies beschleunigt die Wolkenbildung in höheren und mittleren Schichten. Ein milchiger Schleierwolkenhimmel ist das Resultat.

Sichtbares Satellitenbild

Abbildung 10: Wenn man sich das Satellitenbild vom 19.1.2014 um 14.38 MEZ anschaut, erkennt man sehr schön die Auswirkungen des Saharastaubs in der Wolkenbildung. Hohe Wolken sind in Blau- und Weißtönen dargestellt, okker hingegen tiefe Wolken.

Von Kroatien, Bosnien, Serbien bis nach Ungarn und Rumänien wirkt die hohe Bewölkung kompakt, aber sehr körnig, grieselig. Dies ist ein typisches Merkmal von Saharastaub! Abgeschwächt finden sich diese Eigenschaften auch in der Leebewölkung nördlich der Alpen. Die Wolkenkante der Leewolke ist dabei nördlich des Alpenhauptkamms und nicht am Alpenhauptkamm selbst anzutreffen, so ist das Inntal etwa teilweise gering bewölkt.

Gewitterwolken zeigen sich hingegen über der Poebene sowie über Südostfrankreich, wo diedamit verbundenen stundenlang anhaltende Regenfälle teilweise für Überflutungen und Erdrutsche sorgen.

Zusammenfassung:

Die Unterschätzung der instabilen Luftschichtung im Alpenraum wirkte sich gleich mehrfach in der Fehlprognose aus:

1. In Osttirol und Oberkärnten regnete es schauerartig, teils sogar gewittrig verstärkt, was lokal die Schneefallgrenze bis in Tallagen drückte ( Höchstwerte und Schneefallgrenze überschätzt), auch in Unterkärnten dämpfte Regen und dichte Bewölkung die Erwärmung (Höchstwerte überschätzt).

2. In abgeschwächter Form sorgten Schauerwolken und der Streifschuss mit dem Saharastaub (unterschätzt) auch in der Südoststeiermark aus, wo der Jauk nahezu ausblieb und die Höchstwerte unter den Erwartungen blieben (Höchstwerte überschätzt).

3. Niederschlag und Verdunstungskälte bildeten an der Alpensüdseite einen Kaltluftsee aus, wodurch die Temperaturunterschiede über den Alpenhauptkamm hinweg größer als erwartet wurden. Das hat den Südföhn hydrostatisch stärker gemacht, obwohl synoptisch-skalig die Föhnströmung im westlichen Bergland bereits hätte abnehmen müssen. (Föhn unterschätzt)

4. Der Kaltluftsee war an der Alpennordseite vielerorts mangels Schneebedeckung und starker nächtlicher Auskühlung seicht oder schon in der Früh kaum noch vorhanden. Entsprechend hatte der Föhn bzw. die warme Luft- unterstützt durch die ohnehin schon instabile Luftschichtung – leichtes Spiel, sich bis in Tallagen durchzusetzen, auch inneralpin, wo sich bei früheren Föhnereignissen noch öfters die Kaltluft gehalten hatte (Höchstwerte deutlich unterschätzt).

Die Lehre, die ich aus dieser Fehlprognose ziehe, ist eindeutig: Unterschätze niemals die Stabilität der Atmosphäre. Sie ist die treibende Kraft des Föhns, weniger die großräumigen Druckverhältnisse durch die Lage von Hoch und Tief.

Quelle der verwendeten Abbildungen:

Abbildung 1-3: http://www.wetter3.de/Archiv/

Abbildung 4: http://www.lightningmaps.org

Abbildung 5-6: selbst skizziert

Abbildung 7-8: http://weather.uwyo.edu/upperair/europe.html

Abbildung 9: http://forecast.uoa.gr/dustindx.php

Abbildung 10: http://portal.chmi.cz/files/portal/docs/meteo/sat/data_jsavhrrview.html