Wie in der Pandemie erleben wir auch bei der globalen Erwärmung verbreitetes Leugnen der schwerwiegenden Folgen des Nichteingreifens. Mitunter verwunderlich ist, wenn leidenschaftliche Befürworter einer Pandemieeindämmung dann die Klimaerwärmung verharmlosen. Mittlerweile wird die Erwärmung selbst kaum noch geleugnet, aber die Konsequenzen für die Weltbevölkerung heruntergespielt.
Zuletzt fiel die Aussage, dass durch den Klimawandel auch „mehr Land urbar und besiedelbar“ gemacht würde. Nicht nur ich, sondern viele Klimawissenschaftler fragen sich, wo dieses urbare Land denn liegen soll.
In Zusammenhang mit den Protesten von Fridays4Future, Letzte Generation oder Extinction Rebells reagieren demokratische Staaten immer öfter mit autoritären Maßnahmen, etwa Hausdurchsuchungen, hohen Strafen, Verfassungsschutz oder Mitglieder der Regierungen vergleichen die Protestaktionen mit jenen von Rechtsextremisten. Der Botschafter wird zum Sündenbock gemacht für die eigene Untätigkeit. Statt zu hinterfragen, warum vor allem junge Menschen zu drastischeren Protestaktionen wie „an die Straße kleben“ greifen, werden deren Motive diskreditiert und die Folgen der Klimaerwärmung verharmlost.
Ich möchte nachfolgend ein paar Grafiken von diesem Jahr vorstellen, die belegen, dass die Erderwärmung in einem Ausmaß voranschreitet, das zutiefst beängstigend ist und sofortiges Handeln aller Staaten – und vor allem der Industrienationen – erfordert. Wir reden nicht von temporären Schwankungen im Weltklima, sondern von tiefgreifenden, irreversiblen Veränderungen, die sich durch nichtlineare Rückkopplungseffekte potenzieren.
Freitag, 04. August 2023, 20 Uhr MESZ – ein klassisches Genuatief sorgt für Starkniederschläge an der Alpensüdseite. In der Höhenkaltluft über Mitteleuropa entstehen gleichzeitig kräftige Gewitter mit intensivem Hagelschlag über der Schwäbischen Alb (Quelle Satbild)
Das Niederschlagsereignis in Kärnten, der Steiermark und in Slowenien hat mehrere Rekorde gebrochen:
48-Std.-Mengen (Donnerstag, 12 Uhr bis Samstag, 12 Uhr):
Ferlach: 213mm (alter Rekord 154mm im September 1965)
Bad Eisenkappel: 203mm (alter Rekord 156mm im Oktober 1980)
Loibl 266mm über dem alten Sommerrekord von 178mm im Juli 2002
Am Loiblpass sind kumuliert über den Sommer 2023 schon 845mm gefallen, die durchschnittliche Summe 1991-2020 beträgt 367mm. In Slowenien ist der Spitzenreiter der Berg Vogel (1922m) südlich vom Triglav in den Julischen Alpen mit 223mm in nur 24 Stunden.
Stand 05. August 2023, 20 Uhr MESZ – 72-Std-Summe (Datenquelle)
Schon am Freitag sind 24-Stunden-Rekorde gefallen, wie 184,6mm am Loibl, die höchste Regenmenge in einem Sommermonat (alter Rekord: 123,6mm), manche Seen wie Ossiacher See und Wörthersee sind so hoch wie seit Messbeginn 1991 im Sommer nicht mehr. In Ferlach gab es mit 133mm in 24h (alter Rekord: 86mm, Juli 1958) ebenso einen neuen Rekord wie in Eisenkappel mit 135mm (alt: 96mm im August 2010) für einen Sommermonat.
Slowenien – 12 Std. Mengen von Donnerstag, 03.08, 20 Uhr auf Freitag, 04.08. 08 Uhr:
Lesce (515m): 128mm
Ljubljana-Brnik (364m): 199mm (bis Samstagfrüh weitere 57mm)
Der intensive Starkregen hat zu verheerenden Überflutungen entlang der Julischen Alpen und Steiner Alpen in Slowenien, sowie in Unterkärnten im Lavanttal sowie in der südlichen Steiermark besonders entlang der Weinstraße geführt. Es gibt bereits mehrere Todesopfer, Straßenverbindungen und Zugstrecken ins Nachbarland sind unterbrochen. Etliche Straßen sind unterspült und müssen saniert werden.
Gleichzeitig, noch am Freitagnachmittag gegen 16.20 Uhr, gab es in Reutlingen auf der Schwäbischen Alb ein schweres Hagelunwetter mit 30-40cm hohen Hagelmassen. Was ist auf die anthropogen verursachte Erwärmung der Erdatmosphäre zurückzuführen und was sind erwartbare Unwetter im klimatologischen Durchschnitt?
LP-Superzelle über dem Wiener Becken am 24. Juni 2021
Es besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass die rapide zunehmende Erhitzung der Erde für gigantische Hagelschloßen verantwortlich ist. Erst am 19. Juli 2023 wurde in Carmignano di Brenta mit 16cm ein neuer Rekord aufgestellt. Der alte stammte vom 20. Juni 2016 in Sânandrei, Rumänen, mit 15cm Durchmesser. Weltrekord hält noch das Hagelkorn vom 23. Juli 2010 in Vivian, South Dakota, mit 20,3cm Durchmesser. Wie schon bei den Extremwerten der Lufttemperatur in den vergangenen Jahren, die vielerorts nicht um wenige Zehntel, sondern gleich um mehrere Grad überboten werden, sind auch die 19cm von Azzano Decimo am 24. Juli 2023 ein Ereignis von enormer Tragweite für die beunruhigende Veränderung des Erdklimas.
Die beobachteten Extremwerte bei den Meeresoberflächentemperaturen (bis zu sechs Standardabweichungen vom Durchschnitt im Nordatlantik) mit 5 Grad zu warmen Mittelmeer und teilweise über 10 Grad an der kanadischen Ostküste, aber auch das extrem hohe 500 hPa Geopotential über dem Mittelmeerraum und teilweise im Bereich der Azoren fallen in diesen Tagen ins Auge. Ob das schon die Auswirkungen des Zusammenbruchs der AMOC (Atlantic Meridional Overturning Circulation) sind? Dazu ein frischer lesenswerter und gut verständlicher Beitrag von Stefan Rahmstorf, der sich auf eine kürzliche Studie bezieht, die am 25. Juli 2023 veröffentlicht wurde.
Dennoch sollten wir tunlichst vermeiden, Wetter und Klima miteinander zu verwechseln, wenn wir schon den radikalkonservativen Gegner bloßstellen wollen, denn der hat keine tragfähigen Pläne für eine lebenswerte Zukunft (exzellenter Thread). Handwerkliche Fehler in der Argumentation liefern Tür und Tor für den Gegenangriff.
MCC über Mitteleuropa am Dienstag, 11. Juli 2023, 22 Uhr MESZ (Quelle: Kachelmannwetter), je kälter, desto hochreichender die Gewitterwolken und desto stärker die Aufwinde (großer Hagel, Starkregen, Sturmböen)
Die Unwetterlage am späten Abend des 11. Juli bis in die Nacht auf den 12. Juli 2023 führte zur seltenen Kombination zweier seltener Ereignisse in Europa. Derechos – langlebige Böenlinien, die auf großer Fläche mindestens schwere Sturmböen bringen- sind im Alpenraum sehr selten. MCCs (Mesoscale Convective Complexe), also großflächige Gewittercluster, sind noch viel seltener in Europa, in Osteuropa etwas häufiger mit 5-10 pro Jahr, in Westeuropa viel seltener, in Frankreich alle 10-15 Jahre, in Deutschland etwa alle 30 Jahre – häufiger sind sie noch in den USA bzw. als Easterly Waves die Keimzellen im Bereich des subtropischen Atlantiks für Hurrikane. Der MCC wandelte sich dann in der Nacht in ein MCV (Mesoscale Convective Vortex) um – ein kleines Bodentief mit Auswirkungen bis in die mittlere Troposphäre, wo es mitten im Höhenrücken einen kleinen Trog erzeugt hat, der das Höhenwindfeld deformierte. Rückseitig des Niederschlagsfelds vom MCC bildete sich außerdem ein sogenanntes wake low, ein kleinräumiges Tief, das kurz nach dem starken Druckanstieg mit der Böenlinie für erneuten Druckfall sorgte. Es ging mit lokalen „heat bursts“ (rapide Erwärmung am Boden am späten Abend) und erneuten Sturmböen einher. Auch dieses Phänomen beobachtet man wesentlich häufiger in den USA.
Alle Jahre wieder die gleiche Debatte. Tornados hat es schon immer in Österreich gegeben. Jährlich treten rund 10 Tornados auf, der stärkste wurde 1916 in Wiener Neustadt registriert, ein F4-Tornado, der über 30 Tote und hunderte Verletzte gefordert hat. Mehr Infos bei Skywarn Austria.
Tornados werden in zwei Arten kategorisiert – Typ I in Verbindung mit langlebigen rotierenden Schwergewittern (Superzellen) und Typ II entlang einer Bodenkonvergenz (zusammenströmende Winde) in Verbindung mit Regenschauern oder Gewittern, unabhängig von deren Intensität.
Der Wetterballonaufstieg von Wien, 29.04.23, 14 Uhr Lokalzeit zeigt eine hochreichend labile Schichtung bis 8km Höhe. Bodennah Südostwind, darüber einheitlich Westwind, ab 5km Höhe signifikant zunehmend. Die Bedingungen für Superzellengewitter waren gegeben, Quelle: KachelmannwetterDas Bodenwindfeld wenige Stunden nach der Tornadosichtung zeigt bei Horn eine Bodenkonvergenz mit östlichen Winden. Es ist also plausibel anzunehmen, dass die Richtungs- und Geschwindigkeitsscherung zum Zeitpunkt des Tornados noch bestanden hat. Quelle: VERA-Analyse
Ob Typ I oder Typ II, es gibt für beide Kategorien Argumente. Die Scherung würde auch eine kurzlebige Mesozyklone erlauben, die Konvergenz alleine würde für Streckung der Vorticity ausreichen. Nachdem mehrere Zellen im Umfeld danach sowie über Tschechien deutlich ausgeschert sind, spricht es für mich eher für einen Typ-I-Tornado. Allerdings kann die Interaktion mit dem Windfeld aus den anderen Zellen auch einen Typ II Tornado erklären.
Tornado in Ziersdorf, Bezirk Hollabrunn, 06. Mai 2023
Radaranalyse vom 06.05.23, 14.45 MESZ – Es sind drei kräftige Gewitterzellen entlang einer Linie zwischen Krems und Hollabrunn zu sehen. Die östlichste der drei Zellen hat den Tornado verursacht (Quelle).
Die drei Gewitterzellen um 14.30 Uhr, gesehen vom Flugsicherungstower Schwechat Richtung Nordwesten. Die nördlichste Zelle (ganz rechts) hat den Tornado eine Viertelstunde später verursacht. Rein optisch sah es zudem nach einer Böenwalze (Cumulonimbus arcus) aus – allerdings gab es nur stellenweise stärkere Böen als 25-30kt. Das Vertikalprofil der Hohen Warte für 06. Mai 2023, 14 Uhr Lokalzeit, schaut recht ähnlich zum Fall bei Horn aus – einheitliches Westwindprofil, am Boden schwach umlaufende, bzw. rückdrehende Winde. Hochreichend labil bis 9km Höhe, starker Auftrieb vor allem bis 4,5km Höhe (Quelle).Das Bodenwindfeld zeigt auch hier eine markante Konvergenz im Bereich des Tornados.
Entgegen meiner Erstvermutung ist auch der Tornado bei Ziersdorf wahrscheinlich als Typ-I-Tornado und damit in Verbindung mit einer (kurzlebigen) Superzelle einzustufen. Dafür sprechen zumindest die vertikale Windscherung und das bodennahe Rückdrehen des Windes.
Dagegen spricht die schwache Low-Level-Scherung in den untersten 3km.
Fazit: Tornados waren beide, von der Genese her jeweils ein Grenzfall, ob Superzellen beteiligt waren oder nicht.
Mit der Klimakrise hat das wie gesagt nichts zu tun. Bei Tornados müssen alle Zutaten passen: Bodennah das ideale Windprofil, dazu genügend vertikale Windscherung und bodennah starker Auftrieb. Im Frühjahr passen die Bedingungen häufig am Besten – die Sonne steht schon so hoch am Himmel, dass sich der Boden kräftig aufheizen kann, gleichzeitig ist die Höhenströmung noch so stark, dass es für Superzellengewitter reicht (Typ-I-Tornados).
Aber auch für die meist schwächeren Typ-II-Tornados sind die Bedingungen im Mai und Juni öfter günstig: Bei schwacher vertikaler Windscherung reicht schon eine Bodenkonvergenz aus und entlang derer kräftiger Auftrieb durch die Sonneneinstrahlung.
Klimakrise und Gewitter kann nämlich auch heißen: Anhaltender Hochdruckeinfluss und ausbleibende Gewitter! Größere Quellwolken sind nämlich Voraussetzung für Tornadobildung generell. Da kann die Scherung dann noch so stark sein, aber wenn die Luftmasse stabil geschichtet ist, passiert nichts.
Das Auftreten von Tornados, selbst der starke Tornado in Tschechien im Juni 2021, ist also kein Beleg für die Folgen der schnell fortschreitenden Erderhitzung. Da kann man andere Auswirkungen heranziehen, etwa die Hagelgröße, Starkregen mit Überschwemmungen, aber auch zunehmende Dürren in Süd- und Mitteleuropa durch den sich nach Norden verschiebenden Subtropengürtel wie die letzten Jahre.