Radarbild am 11. September 2024, 07.30 MESZ (Euradcom)
Um die Schönheit der Boden-Kaltfront in voller Länge zeigen zu können, muss ich ausnahmsweise einmal auf nichtöffentliche Produkte zurückgreifen. In das breite Regengebiet von Frankreich bis zur Ostsee ist eine schmale linienhafte Echostruktur eingebettet, die über 1000km lang ist. Dort springt der Wind von Südwest auf Nordwest, die Temperatur geht aber nur wenige Grade zurück. Das vertikale Windprofil im Bereich der Linie zeigt geradlinige Winde in Sturmstärke und gesättigte Luftschichten. Mein Schuss ins Blaue ist, dass es etwas mit Conditional Symmetric Instability (CSI) zu tun hat, aber erklären kann ich es nicht.
Ein nur in der Höhe ausgeprägter Tiefdruckwirbel über Mitteleuropa, umgeben von wolkenlosem Himmel unter Hochdruckeinfluss. Über Unterkärnten sorgte das Tief für ein Morgenwitter, Satellitenbildquelle: kachelmannwetter.com
Ein meteorologisches Phänomen, mit dem wir in der Vorhersage öfter zu tun haben, ist der sogenannte Fritzl’sche Dellenkeil (Der Begriff kam von einem Kollegen namens Fritzl). Wenn sich ein Hochdruckgebiet etabliert, dann betrachten wir Meteorologen nicht nur die Wetterentwicklung am Boden, sondern auch in der Höhe, wo die Wetterküche wesentlich stattfindet.
Für stabiles Hochdruckwetter braucht es hohes Geopotential mit warmen, trockenen Luftmassen. Die Atmosphäre wird dann eher hochreichend trocken geschichtet sein, und die Absinkinversion sorgt dann trotz labiler Schichtung für einen gewitterfreien Tag.
Der auf den ersten, oberflächlichen Blick stabile Höhenrücken ist aber häufig mit gewissen Makeln behaftet, in diesem Fall ein trojanischer Trog, der den Keil an der Rückseite (westlich der Keilachse), in der Keilachse oder an der Vorderseite (östlich der Keilachse) eindellt.
Dieser Absatz steht schon seit längerem (Jahren?) unter jedem Extremwettereignis, aber ist es wirklich so? Hat der alte Leitsatz „Wetter ist nicht gleich Klima“ ausgedient? Etwa, wenn Temperaturrekorde regelrecht pulverisiert werden um fünf Grad, oder an mehreren Tagen in Folge, wenn es Waldbrände in nie gekanntem Ausmaß gibt, wenn es so früh wie noch nie so heiß ist, wie in Südasien oder in China oder auch in Spanien, wenn zwei Drittel des Waldbestands von Deutschland vom Absterben bedroht sind nach fünf Dürrejahren in Folge, wenn das Ozeanwasser so hohe Temperaturabweichungen wie noch nie zeigt. Wenn die Stationsrekorde beim Wind verbreitet pulverisiert werden?
Seit Anfang der 2000er Jahre gibt es ein neues Forschungsfeld, die sogenannte Attributionsforschung: Lassen sich einzelne Extremwetterereignisse auf die Klimaerwärmung zurückführen?
Ein Drittel aller Studien beschäftigt sich mit Hitze, ein Viertel mit Niederschlägen oder Überflütungen.
In 80% der Studien hat sich die Wahrscheinlichkeit von Extremwetterereignissen durch die globale Erwärmung erhöht. Eine kurze deutschsprachige Zusammenfassung zur Attributionsforschung gibt es beim Deutschen Wetterdienst.
Im Übrigen wäre es der Vollständigkeit halber angemessen, auch immer darauf zu verweisen, dass die globale Erderhitzung vom Menschen verursacht wird und genauso vom Menschen eingedämmt werden könnte, wenn es dafür politischen Willen geben würde.
Am 04. Mai 2022 gab es im Bezirk Tulln im Bereich Ottenthal/Ruppersthal bei Kirchberg am Wagram gegen 16 Uhr eine Tornadosichtung. Ein Feuerwehrkommandant zweifelt die Sichtung an und spricht von einer Windhose (Spoiler: Zwischen Windhose und Tornado besteht kein Unterschied), meinte damit aber einen Staubteufel.
„Tornados sind ein eher seltenes Phänomen in Österreich und außergewöhnlich zu dieser Jahreszeit. Pro Jahr werden etwa vier bis zehn solcher Wirbelstürme gesichtet. Mit hoher Wahrscheinlichkeit gehörte der Tornado vom Mittwoch – wie die meisten in Österreich – zu den am wenigsten gefährlichen der Kategorie F0 in der Fujita-Skala. Diese Skala klassifiziert Tornados anhand der entstandenen Schäden, da eine Windmessung in den Wirbelstürmen in der Regel nicht stattfindet.“
Die Zweifel des Feuerwehrmanns lassen sich rasch zerstreuen: Kleintromben über Land wie Staub-, Heu- und Sandteufel benötigen eine Überhitzung des Bodens, wie sie nur durch die Sonnenenstrahlung zustande kommen kann, typischerweise an einem hochsommerlich heißen und sonnigen Tag.
Zum Zeitpunkt der Tornadosichtung (16 Uhr) herrschten kühle 16-17°C rund um Tulln. Auch das Satellitenbild zeigt im sichtbaren Kanal kompakte hohe Bewölkung (Eisschirme) von Gewitterwolken in der Umgebung. Schon lange vor der Tornadosichtung gab es keinen Sonnenschein.
Im Video ist auch ersichtlich, dass der Himmel stark bewölkt war. Einen gewöhnlichen Staubteufel kann man also ausschließen.
Auch Stormchaser, ESSL- und ESTOFEX-Mitglied Georg Pistotnik spricht von einem zweifelsfreien Tornado im Interview mit Puls24.
Der vergangene Samstag, 03. Oktober 2020, ging in die Geschichtsbücher ein. An mehreren Bergstationen wurden neue Oktober-Windrekorde aufgestellt, in den Niederungen von Österreich war es noch nie so warm, weder tags noch in der Vornacht. Im Piemont ergossen sich enorme Regenmengen, die zu apokalyptischen Verhältnissen in vielen Tälern mit mehreren Todesopfern führten. Über 100 Häuser haben die Wassermassen zerstört. Auch in den Seealpen gab es Regenmengen von fast 600 l/qm in nur 12 Stunden, das entspricht dem Jahresdurchschnitt von Wien. Trotz der katastrophalen Auswirkungen war das Regen- und Sturmereignis sehr gut vorhergesagt. Schon eine knappe Woche im Voraus hat sich ein außergewöhnliches Sturmereignis abgezeichnet. In Höhen um 1500m wurde am Alpenostrand beständig ein Mittelwind um 60kt (ca. 110 km/h) gerechnet. In Göstling an der Ybbs in Niederösterreich gab es dennoch ein tragisches Unglück, als ein vierjähriges Kind im Mendlingtal von einem umstürzenden Baum erschlagen wurde. Kam der Wind überraschend? Das möchte ich nachfolgend beleuchten.